fcbatiriicr Sagblatt
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Uo. 158. Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Donnerstag, den 2. April.
Bezirks-Fernsprecher N». 52.
1896.
Abend"Ausgabe.
Erziehung zur Arbeit.
Man spricht und schreibt in unseren Tagen viel von der Last der Arbeit, von Ucberbürdung in der Schule wie im Leben. Bei vorurtheilsloser Betrachtung läßt sich auch nicht leugnen, daß thaisSchlich von einzelnen Menschen, ja ganzen Berufsklassen zu viel verlangt wird, daß thatsüchlich zwischen Arbeitsleistung und Lohn durchaus nicht überall das richtige Berhältniß besteht. Allein es ist nicht selten auch da von Ueberanstrengung und ähnlichem die Rede, wo solches in Wirklichkeit nicht vorliegt. Denn arbeiten mußte der Mensch immer und überall, mögen wir uns in frühere Zeiten versetzen oder einen Blick auf andere Länder und andere Völker werfen. Nur durch anstrengende Arbeit kommen wir zur Entfaltung unserer Anlagen und Kräfte, zu einer menschenwürdigen Bildung, zur Humanität im höchsten Sinne des Wortes. Nur aus der Riesensumme von Arbeit aller Zeiten und Völker konnte die heutige Kultur erwachsen. Wenn es auch wohl richtig ist, daß heutzutage an die meisten höhere Anforderungen gestellt werden, als jemals früher geschehen, so ist dabei zu berücksichtigen, daß uns anderseits das Leben wie das Arbeiten im Allgemeinen erheblich leichter gemacht wird.
Nachdem das Alles vorausgeschickt ist, soll man sich aber auch einmal ernstlich zu Gemüthe führen, daß jeder Beruf, gleichgültig welcher Art er ist, nicht bloß Arbeit und nicht zunächst Last sein sollte, die getragen werden muß, um den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern vielmehr — Freude. Und daran muß unter allen Umständen festgehalten werden. Damit das im vollen Maße eintreten kann, muß die Berufsarbeit glücklich gewählt, möglichst den Anlagen und Neigungen angepaßt sein. Denn nur an solcher Arbeit wird solches Interesse genommen, daß man zeitweise förmlich in derselben aufgeht. Der Beschäftigungen giebt es ja so unendlich verschiedenartige, daß jede Natur, möge sie nun mehr zu geistiger oder zu körperlicher, zu einer mehr selbständigen oder mehr mechanischen Arbeit angelegt sein, etwas Geeignetes findet. Wer allerdings überhaupt nicht arbeiten will, dem ist schwer zu Helsen. Der vermag sich aber am ehesten noch dadurch nach und nach an die Arbeit zu gewöhnen, daß er derselben irgend welches Interesse abzugewiimen sucht. Ebensowenig werden selbstverständlich Diejenigen befriedigt, welche ihre Arbeit bloß zur Noch erfüllen für das, was unumgänglich »othwendig scheint. Für solche ist freilich jede Stunde Arbeit eine Last. Wie lange wird da der Tag, die Woche, bis wieder Feierabend, ein Sonn- oder Feiertag kommt?
Wir müssen danach trachten, unsere Vorgesetzten wie uns selbst mit unseren Leistungen zufrieden zu stellen. Hält uns oas Bewußtsein, unsere Pflicht, unser Möglichstes gethan zu haben, nicht sogar aufrecht, wenn uns die Anerkennung Anderer stellenweise zum Theil oder ganz fehlt? Wenn wir aber durch Anwendung und Ausbildung unserer Kräfte und Fähigkeiten, durch Fleiß und Ausdauer in den Stand gesetzt werden, unsere Arbeit initiier mehr zu vereinfachen, zu vervollkommnen, dadurch unser Einkommen, unsere gesellschaftliche
Stellung, die ganzen Verhältnisse unserer Familie zu verbessern, ist das nicht eine innerliche und äußerliche Genug- thuung für alle Mühen und Sorgen, ein Reiz und Sporn für die Zukunft, wie sie nicht besser gedacht werden können? Diesen Eifer dürfen wir nicht erkalten lassen. Wesentlich können und müssen auch im eigenen Interesse die Vorgesetzten, die Arbeitgeber dazu beitragen, indem sie dieses Streben und gute Arbeit in Wort und That anerkennen. Denn daß es überall auf die Qualität derArbeit mindestens ebenso ankommt als auf die Quantität, kann nicht oft genug betont werden.
In höherem oder niederem Grade gilt das Gesagte für alle Arten von menschlicher Thätigkeit. Wer oder wo könnte einer auf solchem Wege nicht, wenigstens langsam, vorwärts kommen? Man braucht nur hinzuweisen auf die zahlreichen Beispiele aus der Geschichte wie aus unserem eigenen Leben, von Männern, die sich aus den ärmlichsten Verhältnissen durch Klugheit, Thatkrast und Glück zu großem Reichthum, zu den höchsten Ehrenstellen „heraufgearbeitet" haben. Natürlich, wenn einer die Hände in den Schooß legt oder nur mechanisch zur Noth sein Handwerk oder, was es immer sein mag, in der alten Weise fortbetreibt, bringt ers zu nichts, verliert er unter ungünstigen Umstünden das bereits Besessene, in unserer Zeit, wo Ueberfüllung in allen Berufszweigen den lebhaftesten Wettstreit bedingt.
Jede ehrliche Arbeit, die ihren Zweck erfüllt, ist ihres Lohnes werth und gereicht zur Ehre. „Ritter der Arbeit" ist in diesem Sinne in der That ein schöner und bezeichnender Ausdruck. Die Arbeit adelt und veredelt; sie wirkt im höchsten Grade sittlich fördernd auf den einzelnen Menschen wie die gesammte Menschheit. Und je höher die Kultur ist, desto ehrenvoller, sagt der bekannte Nationalökonom Roscher, ist die Arbeit. Das möge sich jeder Arbeiter sagen, wie jeder der sogenannten feinen Herren, die gar nichts leisten, die aber auf den Mann im groben Arbeitskittel geringschätzig herabschauen zu dürfen meinen, während sie sonst vielleicht die „Unterthänigsten spieleu". Daß aber die Arbeit womöglich einen direkten Zweck und Erfolg, jedenfalls eine gewisse Aussicht auf Erfolg hat, ist unumgänglich noth- wendig; sonst übt sie unter keinen Umständen all die wohl- thütigen Wirkungen aus. Nach Erledigung solcher erfolgreicher Arbeit tragen wir ein Selbstgefühl der eigenen Befriedigung, des innersten Glückes in uns, dem überhaupt kein zweites an die Seite gestellt werden kann.
„Nach der Arbeit ist gut ruhen", sagt ein schöner alter Spruch. Jede Erholung, das kleinste Vergnügen, das bescheidenste Mahl schmeckt doppelt süß, das wir uns also ehrlich selbst verdient. Da kann nicht jene Unzufriedenheit aufkommen, die, wie ein Wurm an unserem Lebensmark nagend, nicht leicht etwas nützt, wohl aber Alles zu verderben vermag. Geeignete Erholung dürfen wir, ja müssen wir uns gönnen! Denn wenn wir dasArbeilen übertreiben, dann geht es uns früher ober später wie bei dem Bogen, der immer gespannt geblieben; dann werden wir schlaff, vorzeitig alt und schwach. Denn der Mensch ist eben keine Maschine, welche übrigens bei allzustarkem Gebrauch bekannter Maßen auch leidet. Da ist der Verlust ein weit größerer als der Gewinn. Wie ost haben wir nicht schon den tiefsten Schmerz, den grimmigsten
Aerger über der Arbeit zum Theil vergessen, durch diese uns wenigstens beruhigt? Ja, die Arbeit ist auch ein Heilmittel für so manche Schmerzen, die uns das Leben leider zur Genüge bringt, und schützt sicher vor all den Uebeln, welche die Langeweile erzeugt — und das sind zahllose. Entsprechende Arbeit erhält und fördert unsere Gesundheit. Oder wie? können wir nicht tagtäglich die Erfahrung machen, daß die Leute, welche richtig arbeiten, wenn es nicht eine direkt gesundheitsschädliche ober übermäßige Thätigkeit ist, im Allgemeinen viel weniger jammern und zum Arzte laufen, als Diejenigen, welche nichts oder dach nicht viel zu thun haben?
Nach einem derartigen arbeit- und erfolgreichen Leben können wir uns schließlich auch sagen, daß es für uns selbst, unsere Angehörigen und die Mitmenschen kein nutzloses gewesen — ein Trost auf dem Sterbebett, den wir uns auf diese Weise nur selbst schaffen können, wie es einen schöneren aber sicherlich nicht giebt. Darin beruht eben der besondere Segen der Arbeit,daß sich die Wirkung des darauf verwendeten Fleißes im Allgemeinen nicht einfach äußert, sondern daß vielmehr der Lohn in vielfach gesteigertem Maße wiederkehrt.
Unsere Betrachtung ist keine Beschönigung der Sache; wohl aber vermag sie Jedem, der sie ernstlich und wiederholt anstellt, thatsüchlich zu nützen, besonders wenn wir zu ermatten drohen, oder der Lohn länger auf sich warten läßt. Und dazu sollen die vorliegenden Zeilen anregen. Etwas anderes können sie nicht bezwecken. Die thatsächlich vielfach schwierigen und mißlichen, ja traurigen Verhältnisse, welche zum Theil auf anderem Wege beseitigt werden müssen, zum Theil jedoch nie aus der Welt geschafft werden können, werden durch eine solche Betrachtung ebenso wenig aufgehoben als das sachlich Schwere so mancher Arbeit. Einen freieren und höheren Standpunkt aber können wir uns auf diesem Wege erringen. Daß damit viel gewonnen, wer möchte daö in Abrede stellen, damit wir nicht geistig und körperlich ganz Maschine werden.
So kommen wir von selbst zu der Schlußfolgerung, zu dem Satze, den wir an die Spitze des Aufsatzes gestellt haben: die Arbeit ist nicht bloß Mittel zum Zweck, sondern auch Selbstzweck. Die Arbeit ist mit dem Begriff Mensch direkt verwachsen. Wer daher Mensch im vollen Sinne des Wortes sein will, muß arbeiten. Ohne Arbeit, ohne Freude an der Arbeit vermag Überhaupt keiner auf die Dauer sich wirklich glücklich zu fühlen. Darum muß auch der von Geburt aus oder sonst besser Bemittelte arbeiten, wenn er sich nicht um die innere Befriedigung, das allerhöchste Glück, betrügen will. Und Arbeit, wohlihütige Arbeit, im allgemeinen Interesse findet sich überall. Das fei das kostbarste Privilegium des Reichen, daß er eigentlich allein sich ganz solchen gemeinnützigen Sachen hingeben kann, während die Meisten zunächst um ihr tägliches Brod zu arbeiten haben! Das Beste, was wir daher unseren Kindern mit in die Wett geben können, das Wichtigste und Höchste bei aller Jugend und Volkserziehung ist und wird immer bleiben, daß wir Freude an der Arbeit schaffen und die Fähigkeit, dieselbe wirklich nutzbringend zu bethütigen. Darin liegt das Heil und das Interesse des einzelnen Menschen, der einzelnen Völker und der Menschheit im Ganzen, die wahre Kultur. er.
(Nachdruck verboten.)
Gin fürstlicher Kuhnen-Reformator.
Zur 70. Geburtstagsfeier des Herzogs Georg II. von Meiningen am 2. April.
Vor Adalbert v. Hanstein.
In der Geschichte des deutschen Geisteslebens spielen die sächsischen Herzöge seit alten Zeiten eine bedeutende Rolle. In der Wartburg mahnt uns jeder Schritt an eine andere Epoche unseres Kulturlebens: die Minnesänger und Lurhrr haben die Erinnerung an zwei der verschiedenartigsten Jahrhunderte unserer Geschichte darin zurückgelassen. In Weimar mahnen uns das Schiller- und das Goethe-Haus au den kunstsiunigen Karl August; im Kobttrgischen Bereich treffen mir Gustav Freytags Einsiedelei, und Meiningen ist für die Geschichte des modernsten Theaterlebens einer seiner bedeutsamsten Orte geworden. Herzog Georg II., dessen siebzigster Geburtstag soeben in feinem Reiche gefeiert wird, hat sich selber ein dauerndes Denkmal gesetzt, indem er der modernen Bühnenkunst den Anstoß gab zu ihrer ganz neuen Entwickelung.
Herzog Georg war von Jugend auf ein Freund der Wissenschaft und der Künste. Zunächst freilich war ihm, dem am 2. April 1826 zu Meiningen geborenen Prinzen, oer Lebensweg durch das Herkommen vorgezeichnet. Er genoß die übliche, wesentlich militärische Erziehung der Höfe und nach einer kurzen Studienzeit in Bonn trat er in das preußische Garde-Kürassier-Regiment ein, kehrte jedoch als Major nach seiner Verheirathung in die väterliche Residenz zurück und versenkte sich wieder in die Kunststudien, so weit es seine Zeit gestattete. Bekannt war schon damals in dem ihm näher stehenden Kreise sein ausgesprochenes Talent für Malerei. Er besaß wie Wenige den Künstlerblick, den keine Studien der Welt erwerben können, den aber der Eingeweihte von früher Jugend auf besitzt. Er hat sich zweifellos schon früh mit dem Gedanken getragen, die Bühnenbilder
in das Gebiet des Künstlerischen zu erheben. Vierzigjährig wurde er in dem ereignißrcichen Jahre 1866 der Nachfolger seines abdankenden Vaters auf dem Thron. Die kriegerischen Zeiten nahmen jetzt auch seine militärische Thätigkeit zunächst wieder in Anspruch. Zwei Jahre nach seinem Regierungsantritt wurde er in der preußischen Armee zum General der Infanterie befördert und theilte im siebziger Krieg das Schicksal des 32. Regiments, dessen Chef er ist, in allen blutigen Schlachten. Die endliche Einigung des Deutschen Reichs führte dann jenes friedliche Zeitalter herauf, in welchem Kunst und Wissenschaft wieder mächtig empor- zublühen begannen. Die nun völlig durchgeftihrte Verfassung gab auch den Theatern die lang ersehnte Freiheit, und es fehlte nicht an Stimmen, die die besondere Bedeutung der Bühnen für das Geistesleben im neuen Reiche betonten.
Längst sprach man in weiteren Kreisen schon von dem Meininger Hofihcater, das sich unter der regen Theilnahme des Prinzen und späteren Herzogs zu einer kleinen Muster- bühne zu entwickeln strebte. Man hörte davon, daß Adolf Wilbrandts Bühnenbearbeitungen klassischer Werke dort gegeben wurden, daß man dort auf die Thätigkeit der Statisten auffällig großen Werth lege, daß man die Dekorationen mit einer noch nicht dagewesencii Sorgfalt anfertigen lasse, und hier und da reifte schon ein Theaterfreund zu der sächsischen Residenzstadt hinüber, um sich durch den Augenschein davon zu überzeugen, daß hier etwas ganz Eigenartiges und Neues geschaffen wurde. Die volle Bedeutung dieser neuen Schöpfung ließ sich aber noch nicht erkennen.
Herzog Georg hatte schon in den Jahren vorher langsam seine Ideen ausreifen lassen, er bereinigte von jeher drei Eigenschaften in sich, die ihn zu einem Bühnen-Reformator bestimmten. Erstens liebte er von Jugend auf chromatische Dichtungen hohen Stils in allen ihren Schattirungeu. Zweitens — und das war das Verdienst feiner Studien — besaß er ein wirklich tiefes Verständniß für diese Dichtungen und vereinigte damit ausgedehnte geschichtliche Kenntnisse.
Ihm mar der Shakespeare kein beliebiger Poet von irgend wo her — nein, er kannte seine Zeit, und er kannte auch die Zeit und die Länder, in denen Shakespearesche Stücke spielen, er kannte sie zum Theil aus eigener Anschauung. Schon im Jahre 1869 hatte er gelegentlich einer Romreise mit Visconti, dem Konservator der Allerthünier Roms, sich darüber unterhalten, wie eine wahrheitsgetreue Jnscenirung von Shakespeares „Julius Cäsar" zu gestalten sei. Visconti entwarf einen Plan von dem römischen Forum, wie cs aller Wahrscheinlichkeit nach zu Cäsars Zeiten ausgesehen haben muß. Es entstand daraus die Skizze, die der später so berühml gewordenen Meininger zu Grunde liegt. Dieselbe Sorgfalt ließ der Herzog sodann aus das Kostüm verwenden. Das konventionelle hemdartige Kleidungsstück, das man bisher als römische „Toga" verwandt halte, wich den wirklich echten Römerkleidern, und bis auf die Spange, die Cäsars Mantel zusammenhielt, war Alles echt in der Nachahmung des alten Kostüms. Immerhin aber waren das Alles noch Aeußer- lichkeiten, Dinge, die mehr in das Gebiet der antiken Forschung, als in das der Kunst gehören. Nun aber bemächtigte sich der künstlerisch schaffende Geist des Herzogs dieses Materials und — man kann es kaum anders nennen — dichtete zu den Worten Shakespeares eine ununterbrochene Reihe lebendiger Bühnenbilder.
Bekanntlich liefert der Dramatiker im Gegensatz zum epischen Dichter nur die eine Seite seines Kunstwerks selbst: den Dialog. Aus dem Zwiegespräch seiner Personen aber wird, auch ohne die bis ins Einzelne gehende Angabe moderner Poeten, je genialer der Dichter war, um so deutlicher auch das äußere Bühnenbild, die scenischen Vorgänge, die Stimmung der Bühnenlandschaft und der äußeren Umgebung klar werden. Ein Blick in Schillers „Fiesko" läßt uns den ganzen Pomp im Palast der Dorias und des Grafen v. Lavagna errathen, jenes Hirtengespräch in seinem „Wilhelm Teil" läßt vor unseren Augen die Schweiz mit ihren Schneehäuptern, Gletschern und Lawinen aufsteigen, und ebenso ist der Shakespearesche
