LS. März L8SS. Teile 8
Wiesbadener Tagblatt <Abend-AnSgabe). Verlag: rkanggaffe 27
No. 128 44. Jahrgang
We heutige Abend-Ansgabe «mfatzt 1V Seite»
- Kleine Chronik.
Ernst Götze, der Angestellte des Hauses Bleichröder in Berlin, welcher 105.000 Mk. unterschlagen hat, ist in Philadelphia ver- hastet worden.
Ans Kaiserslautern, 15. März, wird gemeldet: In der ver- gan gcnen Nalln machten zwei Sträflinge, die al« krank in das Zuchthans- hospita! ausgenommen worden waren, einen Ausbruchsversuch, der aber nicht gelang. Vorher hatte einer der Ausbrecher, um ungestört arbeiten zu können, einen, im Nebenzimmer liegenden Schwer- kranke-'. erdrosselt.
Ein Riese von 2.23 m Höhe mit einem Brustumfang von 109 auf 118 cm und 246 Psd. Körpergewicht, wurde am Samstag in Kissiiigen iur tauglich befunden und dem Jnfauterie-Leibregiment in München überwiesen. Er stammt aus Großweukheim.
Die „Loss.Ztg." meldet aus Budapest: In einem sehr vornehmen adligen Klub beschuldigten mehrere junge Herren ein Mitglied, den Sohn einer vornehmen, reichen Familie und Verwandten eines Ministers, des Falschspieler. Die Folge hiervon war ein Ehrengericht, das mit einer Stimme Mehrheit — nämlich der Stimme des Vorsitzenden — den 'Angeklagten schuldig sprach, ob-
Wassrr-Nachrichten.
A Mainz, 16. März. Fahrpegel: Vormittags 4 m 95 cm gegen 5 m 42 cm am gestrigen Vormittag.
Gerichlssrml.
— Wiesbaden, 16. März. Die diesjährige erste Schwnr- gerffchtstagung ist heute Vormittag nm 10 Uhr eröffnet worden. Vorsitzender: Herr Landgerichtsrath Haas. — Die erste Verhandlung richtet sich gegen den des Mordversuchs angeklagteu Branergesellen Anton Pagani vouKötztina, einen kräftigen, gut gekleideten Burschen, welcher aus der Untersuchungshaft vor- gesührt wird. Zn der Verhandlung sind 11 Zeugen geladen. Die Anklage wird durch Herrn Ersten Staatsanwalt M eher vertreten. Die Vertheidigtmg des Angeklaqten führt Herr Rechtsanwalt Bojanowski. Der Angeklagte ist am 4. April 1871 in Kotztmg geboren, Reservist, er war znletzt auf der Brauerei „Walkmühle' hier beschäftigt. Der Angeklagte erklärt über die fraglichen Vorfälle, iinmentlid) aber über seine Beziehungen zu dem Braumeister Schnurer, Folgendes: Im Märzv.J. habe der Braumeister«chaurer in Mainz zwei Burschen engagirt, die aber, als sie gehört, daß Dch. die Leute schlecht behandle, nicht hierher gegangen wären. Da er „fremd ' gewesen, sei er ans der „Walkmühle" in Arbeit getreten. Zu Pfingsten hätte der Braumeister die Bursche» chikauirt, indem er die Arbeit so einrichtete, daß sie bis 12 Uhr hätten arbeiten müssen. Ans ihre Beschwerde bei Herrn Esch habe dieser sie vertröstet, er werde die «ache regeln, auch dafür sorgen, daß künftig die Entlassung nicht mehr ohne sein Wissen geschehe. Von dieser Zeit an hätte Schaurer ihn nicht mehr leiden können. Im August kam es zwischen Pagany und dem Braumeister zu einem Wortwechsel, wie der Braumeister sagt, deshalb, weil P. betrugen znr Arbeit gekommen ist. Der Angeklagte wurde damals von dem Braumeister sofort entlassen, worauf ihn P. anfaßte mit der Drohung, er wolle ihn in einen in der Nähe befindlichen Bottich mit heißem Wasser werfen. Damals hätte er nach Hamburg fahren wollen, wäre aber auf Zureden seiner Kollegen "dageblieben. Der Angeklagte behauptet, daß ihn Schaurer in allen hiesigen Brauereien angeschwärzt habe und er dadurch ansgesperrt" worden wäre. Am Abend des 9. November befand sich der Angeklagte Pagany im Vereinslokal des „Bayern- Verein«" wo es Freibier gab. Da er nur noch wenig Geld gehabt, auch ausgeliehenes Geld nicht hätte bekommen können, so sei er sehr ärgerlich gewesen und hätte sich betrunken. Von dem dann folgenden Attentat aus den Braumeister wisse et deshalb nichts mehr. Den Revolver bade er zu seiner eigenen Sicherheit bet sich gehabt, denn drei junge Burschen hätten ihm wegen eines Mädchens manchmal aufgelauert. Er wisse nicht utehr, wie er in -dieser Nacht an die Brauerei gekommen. In der Voruntersuchung hat Pagany wiederholt erklärt, er habe nur die Abstchl gehabt, den Braumeister zu erschrecken, und ohne zu zielen in das Zimmer geschoßen. Der Braumeister ist durch das Schießen wach geworden, hat Feuer gesehen und 4 bis 5 Schüsse gehört. Er hätte sich in das Bett gedruckt, sonst wäre er heute nicht mehr am Leben. In dem Zimmer sind drei Kugeln gefunden worden, die anderen sind über dem Bett in die Wand gedrungen. Pagany ist damals nicht gesehen worden, doch hat seine Tabakspfeife, die er am Thatorte verloren, alsbald auf die Spur des Attentäters geführt. Er iit noch an demselben Tage festgeiionimen worden. Von den Zeugen wird P. aUgemeiu als ein ordentlicher, ruhiger und vertraglicher Mensch bezeichnet. Der Sachverständige, Hofbüchsenmacher B a r tels, hält es für möglich, daß man mit dem von P. gebrauchten Revolver auf die vorliegende Entfernung einen Menschen tobten könne.
Kehle Nachrichten.
«°ni!>ieiliaI-T eIe»rL!>!>in. lompagni«.
Krrlin, 16. März. Die „Deutsche Warte" meldet aus Wien: Der deutsche Schulde- ein erläßt einen Aufruf mit bet Bitte um Unterstützung, da die Rechnungen eine Mindereinnahme von 35,000 Gulden aufweisen.
Nom, 16. März. (Stefani-Meldung.) „L'Jtalie" meldet: Den Befehl, Friedensunterhandlungen anzuknüpfen, habe General Baldissera nach der Niederlage bei Adua vom Ministerium Crispi erhalten. Das citirte Blatt bezeichnet ferner das Gerücht, wonach der Negus Menelik einen Brief des Königs Humbert zwecks Einleitung der Friedensunterhandlungen verlangte, als Erfindung; vielmehr erbat General Baldissera vom Ministerium ein in solchem Falle herkömmliches, vom König unterzeichnetes Beglaubigungsschreiben, um eventuell ermächtigt zu fein, die Verhandlungen zum Zweck des Friedens unterzeichnen zu können.
Rom, 16. März. Der sozialistische Deputirte Bosco, dessen Parteigenosse Vcrro mit 6 anderen Sozialisten, die durch die Amnestie zur Freiheit gelangt sind, trafen gestern Abend hier ein. Die gleichfalls sreigelasseuen Deputirten de Felice und Barbato find hier angekommen. Letzterer wird heute in Mailand eintreffen. — Die „Ageuzia Stefani" meldet aus Mass aua vom 15. d. M.: Die Lage int Süden ist unverändert. Das Heer des Negus hat sich bisher unbeweglich verhalten. Adigrat kann länger als einen Monat Widerstand leisten. Es treffen noch immer versprengte Verwundete aus der Schlacht bei Adua ein. Die Hauptmacht der Derwische hat sich gegen Kassala gewendet, wo die große Karawane der Italiener heute Nacht eintreffen wird.
Madrid, 16. März. Nach einer Meldung ans Havana hat Oberst Galois Maximo Gomez vollständig geschlagen. Letzterer verlor 50 Mann. Maceo ist ans der Provinz Pinar bei Rio vertrieben worben.
Barcelona, 16. März. Die Gendarmerie zerstreute eine zahlreiche Menge, welche eine feindliche Kundgebung gegen das amerikauische Konsnlat versuchte. Mehrere Personen wurden verhaftet.
Depeschenbüreau Herold.
Krrliu, 16. März. Wie ein hiesiges Blatt erfährt, beruht bte Nachricht, daß unter den Anklage-Punkten gegen den Freiherrr v. Hammer st ein keine schwere, sondern nur leichte Urkundenfälschungen vorkämen, auf einem Jrrthum. Die Anklage sei erhoben auf schwere Fälschung von Privaturkunden, ein Vergehen, auf daS nicht nur auf Gefängniß, sondern Zuchthaus bis zu 5 Jahren erkannt werden kann, also noch vor dies Strafkammer kommt. Eine Anklage wegen schwerer Fälschung öffentlicher Urkunden konnte nicht erhoben werden, da das von Hammerstein nachgemachte Siegel nur das eines Amtsvorstchers, also eines Beamten sei, dessen Siegel überhaupt nicht die Eigenschaft und die Macht besitzen, eine Urkunde ffcntlich zu beglaubigen.
Wien, 16. März. Eine gestern Abend vom Raxgebiet ein- getroffene Depesche meldet: Nachmittags wurde die Leiche des dritten Wiener To uristen, des ComptoiristeuSchottik, unter einer 2 Meter dicken Schneedecke am Fuße bet Martinswanb auf« gefitiibcu.
Mrntone, 16. März. Der Kaiser von Oesterreich ist wieder von hier abgereist.
Krüssel, 16. März. Trotz bet offiziösen Dementis, welche Londoner und Pariser Meldungen entgegengehalteti werben, bett, die Organisation einer belgisch-englischen Expedition gegen die Derwische, und trotz der formellen gegenthetltgen Aeußerung des belgischen Ministers des Aeußeren wird diese Nachricht von der congo feindlichen und auch von der unabhängigen Presse ausrecht erhalten.
Paris, 16. März. Der „Temps' schreibt: Die Friedens bedingnngen Meneliks find sehr mäßige. Italien kau» dieselben, ohne au seiner nationalen Ehre cinzubüßen, unterzeichnen. Di^Lilduug eines Pufferstaates iß für die Zukunft von großer praktischer Bedeutung. Die Agitation der Anhänger Crispi» gegen den FriedenSschluß dürfte kläglich scheitern. König Humbert habe dem verhänguißvollen Crispi zu lange in seinem Amt Vertrauen geschenkt, Tas Blatt fügt noch hinzu, daß die von Seiten des Königs erlassene Amnestie eine äußerst geschickte Maßregel fei. Die Ruhe in Abessynien und der Frieden Italiens im Innern könnten dem Lande nur nützlich feilt und es wieder kräftigen.
pari», 16. März. Da die Regierung sämmtliche Güter von Charles Lesseps und des Mobiliars der Frau Lessep« mit Beschlag belegt hat, so beantragte letztere ©ütertrennung von ihrem Manne.
Uaucq, 16. März. Ein verhafteter Spion wurde hier bingeliefert. Derselbe ist Israelit, heißt Schwarzmann und ist neunzehn Jahre alt. Er betrieb mit seinem Vater ein Trödler- geschäft. Der Verhaftete soll der Vermittler bei llebergabe der zwischen einem Sergeanten Boilot und einem deutschen Major aus Metz ausgetauschteu ans dem ©eniebüreau zu Toul entwendete» Dokuniente fein.
Nom, 16. März. Nach authentischen ziffernmäßigen Angaben des Generals Baldissera befinden flch beim Negus 647 Italiener als Gefangene. Sie Strömung, die sich gegen den Friedens- schluß richtet/ ist im Wachsen begriffen. Bezüglich der von Menelik gestellten Bedittgungen verlautet noch, daß der Negus außer auf der Schleifung der Festungen von Mareb und Kalai auch auf Verzicht- leistung von Harrar und Ada besteht.
Konstantinopel, 16. März. Fürst Ferdinand von Bulgarien trifft am 26. März zu achttägigem Aufenthalt hier ein.
gleich gegen ihn fein Beweis vorlag. Die Angelegenheit wird zu einer Krisis in verschiedenen adligen Klubs führen, in welchen zum Theil sehr hoch gespielt wird. „ t . .
Mangel an chinesischer Kupfermünze herrscht in d» Provinz Kiangs». Um dem abzuhelfen, hat der Gouverneur, der in Sntschau restbirt, die Erlaubniß gegeben, daß in seiner Hauptstadt Bambushölzchen, auf benyi die Anzahl der Casy eingebrannt ist welche sie repräfentiren sollen, in den Verkehr gebracht werden können Der Schatzmeister hat an alle Geldwechsler eine Proklamation erlassen, in der er ihnen erlaubt, dieses komische BambuS- holzgeld auszugeben.
Geldmarkt.
Coursbericht der Frankfurter Börse vom 16. März, Mittags 12*/» Uhr. Credit-Actien 318*/», Disconto-Comnianbit- Antheilc 215.70, Italiener 82 60, Slaatsbahn - Actien 315.—, Lombarden 84'/-, Gottharbbahn - Aktien 172.20, Centralbahn 131.30, Nordostbahn 129.70, Unionbahn 91.60, Laura- Hütte-Aktien 153.50, Gelsenkirchener Bergwerks - Aktien 164.50, Bochumer 158.20, Harpener 152.10, 3 - procentige Mexikaner 26.85 , 6-proc. Mexikaner 93.70, 4-proc. Ungar» —, Berliner Handels-Gesellschaft —Jtal. Mittelmeer , Banque Ottomane —, Hefsische Ludwigsbahn —Darmstädter Bank 159.30, Dresdener Bank 159.20, Jtal. Meridionaux 12Ö.70, Deutsche Bank —.—. Tendenz: still.
Wien, 16. März. Oesterreichische Tredit-Actiru 377.75 Staatrbahn-Actteu 368.12, Lombarden —, Mark-Noten 59.10.
Gebäude der Köln-Düsseldorfer Gesellschaft spiegelte sich ebenfalls von drei Seitenkinder trüben Flnth und die Landebrücken, die man bei dem schnellen Steigen des Wassers nicht abgefahren hatte, seufzten und ächtzten, steil zum Himmel gestellt, unter der ihnen angethanen Vergewaltigung. Nicht minder stark besucht wurde Schierstein, wo namentlich der Hafendamrn, der einzige feste Punkt mitten in der Wasserwüste, von vielen Fremden aufgesucht wurde. Die Hafenstraße stand ebenfalls unter Wasser, desgleichen war es in einige Seitengassen und Gärten gedrungen. Jttdeffen ist der Ort dem Andrang des Wassers nicht so sehr ausgesetzt, durch den davor gelagerten hohen und starken Damm.
— Für die Mittwo und die fünf uitüerforgten Kinder des im Rhein verunglückten Schiffers Birck aus Schierstein gingen ferner bei uns ein: von Frl. F. 10 Mk.
— Die Kottcher des bürgerlichen Kranhauses in Pilsen 'find feit vorgestern in den Streik eingetreten. Das wird auch die hiesigen Verehrer des „echten Pilsener" intereffiren.
— Patent. Wie wir hören, hat ein hiesiger Zahnarzt ein Pateutgesuch eiugereicht auf eine Vorrichtung, wodurch die rirahr- räder mit Hülse von Elektromotoren getrieben werden. Letztere werden durch eigens dazu gebaute Elemente ober Accnmnlatoreu tu Umdrehung versetzt.
— Sesthwrchscl. Herr Privatier Karl Stahl hat sein Haus Gustav-Abolfstraße 16 an Herrn Tünchermeister Wilhelm Moos hier verkauft. Das Geschäft wurde vermittelt und abgeschlossen durch die Jnimobilieii-Agenttir Chr. Firmenich.
— Fremden-Uerkehr. Zugang in der verflossenen Wachs nach der täglichen Liste des „Bade-Blatt" 491 Personen.
+ Klcrstadt, 15. März. Einer bet Einbrecher, welche seit einiger Zeit hier ihr Unwesen treiben, ist verhaftet. Man fand bei demselben eine Mütze, welche von dem Diebstahl in der Wirthschaft „Zum Taunus" herrührt.
△ Korn Rhein, 15. März. In der verflosseneii Nacht hat der Rhein den höchsten Wasser staub erreicht und den vorjährigen bedeutend überschritten. Nach kurzem Stillstand gebt das Wasser seit heute Morgen stündlich um etwa 1 cm zurück. Ein schneller Ablauf der Hochfluch ist bei der warmen, zu Niederschlägen geneigten Witterung nicht zu erwarten. Der Schaben, den bas Wasser an Saaten und Felbern angerichtet hat, ist jedenfalls ein erheblicher, auch mußten an mehreren Orten des Nbeiiigaus bewohnte Gebäulichkeiten geräumt werden. Eilgüter- bampfer und Schlepper haben die Fahrt Thalwärts bereits wieder iiufgenoninien; die Personeil-Dampfschiffahrts-Gesellschafteu sind an der Wieberaiisuahnie des Betriebs noch durch die Ueberschwemmung der Lanbestellen gehindert.
— Herborn, 14. März. Der vom Direktor des hiesige» PredigerseminarS, Pros. D. Zimmer, veranstaltete hodegetis che Knrsus für angehende S tu di re »de der Theologie wird in diesem Jahr vom 15. bis 18. April im Schloß zu Herborn statisinden. Der Kursus ist unentgeltlich. Er giebt einen Ueberdlick über akademisches Lernen und Leben überhaupt und spezielle Winke und Arbeitspläne für das Studium der Theologie. Zunächst für die Abiturienten aus dem ehemaligen Herzogthnm Nassau gedacht, ist er auch für alle anderen Theologiestubireudezugänglich. Melbungen sinb an beu Veranstalter des Kursus direkt zu richte».
m angefünbigten Vortrag über „Die Berechtigung des Bundes vnd seiner Bestrebungen". Zurückblickend auf das politiiche Leben der letzten Jahrzehnte, betonte Redner, daß yian heute keine Der- Maffiing mehr habe, sich nach politischen Gesichtspunkten zu trennen. Unterschiede gebe es nur im wirthschaftlichen Leben, dessen Ausgestaltung die Parteien in den Kreis ihrer Aufgaben ziehen müßten. Der Grundsatz, Alles vom Standpunkt des Kapitalismus zu bedachten, habe sich als falsch erwiesen. Heute müsse der Volkswohlstand in gut situirten Einzelexistenzen erblickt werden, welche in möglichst großer Zahl über das ganze Vaterland verbreitet seien. Das sei es, was der Bund der Landwirthe erstrebe. Tas tonne nie und nimmer ein gemeingefährliches Streben sein. Seilte sei weder der Industrie, noch dem Handwerk, am allerwenigste» Lver der Landwirthschaft ein glücklicher Ausblick in die Zukunft wöali.ch. Der Getreidebau bilde die Grundlage für den landwirth- schaftliche» Betrieb im ganze» Staat. Es gäbe teilten Betrieb, der so Mkant sei wie der landwirthschaftiiche, und nichts sei gefährlicher für den Landwirth, als zu viel Kapital in seinen Betrieb zu stecken. Die Viehpreise seien überall zurückgegangen und gingen immer weiter zurück. Die deutsche Landwirthschaft verliere durch die Seuchen, Welche vom Ausland hereiugebracht würden, an 60 Millionen Mark pro Jahr. Hier finde man die Bedeutung des Bundes der Laud- vssrthe. Trotz der kurzen Zeit des Bestehens des Bundes fei im öffentlichen Leben die Auffassung über die Landwirthschaft eine ganz andere geworden als früher. Der Redner ging dann auf die nahen Beziehungen der Landwirthschaft zu dem Handwerk über und betonte nochmals, daß die beste Gewähr für ein gutes Gedeihen des Staates in der Erhaltung möglichst vieler guter Einzelexistenzen liege. Der Bauernstand sei die Grundlage für die Ausgestaltung der Emzelexistenzen. Wenn die Landwirthschaft blühe, bann frage ber Bauer nicht nach dem Billigen, sondern nach dem Guten. Der Antrag Kanitz in der letzten, vertieften und verbesserten Faffnng lei dem ganzen Volk zu gute gekommen. Den Vortheil von den Preisschwankungen habe immer nur die Spekulation. Bezüglich hes Börfen-Terminhandels bemerkte Dr. Roesicke, daß ber Bnnb Alles aufbiete» werde, um de» Beschluß ber Börseit-Kommisston, diesen Handel abzuschaffen, zu unterstützen. Der Bund strebe dahin, daß der Bauernstand auch in ber Gesetzgebung anerkannt werde. Wir hätten ein Handelsgesetzbuch und eine Gewerbe-Ordnung, aber für die Landwirthschaft existire kein Gesetz, was ihr auf den Leib geschrieben sei. Ein schlageuder Beweis für die Erfolge des Bundes bilde die Gründung des „Schutzverbandes gegen agrarische Uebergriffe". Redner forderte auf zur Einigkeit, zum Eintreten für bte Interessen des Standes intd ber damit in enger Verbindung Stehenden. Herr Spies aus der Pfalz übermittelte bet Versammlung bte Grüße feiner SanbSleute. Herr v. Bockum-Dolffs- Flörsheim gab seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß die Versammlimc, nicht besser besucht sei. Herr Lucke schlug ber Versammlung folgende Resolution zur Annahme vor: „Die heute, lö.Mcirz 189b, in Wiesbaden versammelten Mitglieder und Freunde des Bundes der Landwirthe, Ahtheiluug Nassau, erklären: Wir erkennen in ber Aushebung des börseumäßige» Termingeschäfts mit Getreide nub Mehl die unbedingte Voraussetzung der Entwickelinig zu Getreidepreisen mittlerer Höhe in gleichmäßigem Interesse der Produzenten und Kotisumenten. Wir bitten daher ben hohen Reichstag, das tu der Börsengesetz-Kommission beschlossene Verbot des börsenmätzigeu Termingeschäfts mit Getreide und Mühlensabrikaten zum Gesetz erheben zu wollen. Der Vorstand des Bundes der Landwirthe wird ersucht, diese Petition dem hohen Reichstag zn übermitteln." Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Herr §hr. Thon-Clarenthal wendete sich noch gegen die Ausführungen des Vorsitzenden in dessen Eröffnungsrede bezüglich des land- wirthfchaftlichen Vereins. Dieselbe» enthielte» Vorwürfe, die er As Mitglied des Direktoriums dieses Vereins nicht auf sich beruhen lassen könne. Der Verein verdiene diese Vorwürfe nicht. Die Politik fei stets von dem Verein fern gehalten worden. In wirthschastlicher Beziehung wolle er nur auf die Genossenschaften aufmerksam mache». DaS sei eine Politik, die Jedem zugänglich wäre und die Jeder tpren und achten müsse. Herr Brandt betont demgegenüber, daß er ein warmer Freund des Vereins sei und bleibe, daß er nur behauptet, der Verein hätte seine Zeit nicht verstanden. Herr Thon erwiderte darauf, der landwirthschaftiiche Verein treibe keine Politik, ber Bund ber Landwirthe ober fei ein politischer Verein, und deshalb hätte sich der landwirthschaftliche Verein auch nicht an seiner Gründung be- theiligt. Herr Stadtrath Weil von hier warnt davor, ben fortschrittlichen Geist der nassauischen Bauern anzutasten, man müsse die Sache so anfasse», daß Alle dem Bunde angehören könitten. So dürfe der Bund auch nicht vergessen, für bas nassauische Stockbuch ciu- »ntteten. Darauf erwiberte Herr D raubt, daß er sich dieserhalb au Herrn v. Ploetz wende, der ihm früher schon die Versicherung gegeben, daß er und seine Freunde Alles thun würden, was für.bie Erhaltung des nassauischen Stockbnchs geschehe» könne. Herr Brandt gab noch dem Wunsche Ausdruck, baß ber Bauernstand in Alldeutschland einig sein möchte, mib schloß bann mit einem’ Hoch auf ben Bund uub den ganzen Bauernstand die Versammlung gegen 5*/. Uhr.
— Schwurgericht. ES kommen weiter zur Verhandlung nm Dienstag, den 24. März, die Anklage gegen a) den Schneidergelelle» Christian Mercator von Johannisberg unb b) den Fabrikarbeiter Ferdinand Mercator daselbst wegenSittlichkeitsverbrechens (Ver- theidiger: Herr Rechtsanwalt v. d. Hayde in Rüdesheim): am Mittwoch, den 25. März, gegen a) den Schlosser Albin Trüb von Küßnacht, zuletzt hier, b) den Schuhmacher Emil Friedrich von Lehrte, zuletzt in Mainz, und c) den Schuhmacher Philipp Ploch von Großgerau, zuletzt in Mainz, wegen MüuzverbrecheiiS (Ver- theidiger: Herr Rechtsanwalt Dr. Bergas).
— Aas Hochwasser am Rhein war am Sonntag ein Natur- schauspiel, welches Tausende veranlaßt hatte, begünstigt vom herrlichsten Frühlingswetter, einen Ausflug nach Biebrich ober den entfernteren Ortschaften des Rheiugaues zu unternehmen. War e§ doch gerade »och Zeit, um ben Strom in ber Entfaltung feiner vollsten Macht und Größe sehen zn können, den» erst feit dem frühen Morgen war die Finch nur um wenige Centimeter gefallen. Schon von ber Adolfsböbe ans bot sich dem Auge des Spaziergängers ein vollständig verändertes Bild; das Panorama des Rheinthals glich einem große» See mit zahlreichen Buchten und Einbiegungen und bis dicht an dar Wasser herangebauten und theilweife von diesem »mfioffenen Ottschaften und Gehöften. Dazu bewirkte uw die Mittagszeit die iunebmenbe Bewölkung eine fortwährend wechselnde Beleuchtung in ber Icenerie unb machte diesen Spaziergang für den Naturfreund doppelt lohnend. Viele verschmähte» den» auch bte gebräuchlichen Beförderungsmittel als Dampf- und Eisenbahn, wenn Mich nicht Alle freiwillig und gern, denn die Dampsbahnzüge waren am Nachmittag fast alle, lang ehe sie aus ber srtabt heraus waren, vollständig besetzt. Wer den Rhein lauge nicht gesehen hatte, mußte in der That überrascht sein. Unten in Biebrich ongetommen, hemmte zunächst das Wasser den Schritt und das .Inge suchte vergebens den gewohnte» Anblick ber vielumstrittenen Nettbergs- Au. Dock der Blick glitt nur über eine, tilometcrbreite, nur von vereinzelte» Baumkronen unterbrochene, rasch unb glatt dahinfließende Wasserfläche fort, welche sich in der Ferne ins Unbestimmte verlor. Bier schien eine brennende Tagesfrage gelöst, beim ber Rhein hatte das begehrte Objekt den streitenden Parteien erbarniuiigslos entrissen und ertränkt. Die Allee vor dem herzoglichen Schloß stand fußhoch unter Wasser, dicht neben den Bäumen, dieselben überragend, war ein großer Schraudendampser mit dem Ein nehmen bet Labung beschäftigt, an ber Münbung de» Ochsenbaches hatte am Morgen Noch die Fluch sogar die Rheingauer Chaussee selbst bespült. Fast «»mittelbar an dieser Chaussee lagen zwei mächtige Dreimaster mit hohen Rümpfen. Man konnte glauben, sie seien auf dem Wege gestrandet. Die Gärten zum „Hotel Nassau" und „Zur Krone" und die DamsschiffS-Agentur von Waldmann bildeten eine Insel für sich, die dahinter liegende Straße war überschwimmt unb durch eine Nachdrücke mit den übrigen Stabttheilen verbunden. Auf dem schmalen Weg drängte ununterbrochen eine schaulustige Meuschennienge hin und her, geleitet und in Ordnung gehalten von Jtinigen bis an den Leib bestieselten Männern, das hübsche Agentur-
