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3. Beilage pim Wiesbadener Tagblatt.

Ao. 119. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 11. Mar;.

44. Jahrgang. 1896.

Graf Goluchowski in Berlin.

Wer zu viel beweist, beweist gar nichts. Es gehört ein stlU'kcr Glaube dazu, um die offiziösen Versicherungen, daß ver Besuch des Grafen Goluchowski in Berlin keine politische Bedeutung habe und daß er ganz zufällig in diese bewegten Tage falle, für baare Münze zu nehmen. Wer zu viel beweist, beweist gar nichts. Auch für die Botschaft, daß die Niederlage der Italiener bei Adua die politische Situation, welche durch den Dreibund geschlossen ist, gar nicht intcgrire, auch für diese so eifrig verkündete Botschaft fehlt uns der Glaube.

Aber wenn auch die Dinge in der Politik zu eng mit einander zusammenhängen, um nicht auch innerlich sich zu berühren, wenn auch der Dreibund kein unantastbarer rocher de bronce, kein überirdisches Gebilde ist, das außerhalb der Erscheinungen Flucht, jenseits von gut und böse steht, so ist doch dieser Bund zu gut fundirt, so fest errichtet, als daß daS erste ungünstige Ereigniß seinen Bestand erschüttern könnte. Aber das unglückselige Ereigniß bei Adua ist immerhin ernst genug, um der Konstellation der europäischen Politik, wenn auch nur vorübergehend, ein verändertes Aus­sehen zu geben. Und dies veränderte Aussehen rechtfertigt es zur Genüge, ja, ließ cs als unbedingt nothwendig er­scheinen, daß die durch die Niederlage des einen Dreibund­gliedes mitbetroffcneu beiden anderen Glieder umso engere Fühlung niiteinauder suchen.

Daß Italien durch seine Niederlage gegen die Abcssynier nicht nur an militärischem Prestige verloren, sondern daß seine Aktionsfähigkeit durch dieselbe ernsthaft geschwächt worden ist, das liegt so auf der Hand, daß cs Vogel- Strauß-Politik treiben hieße, es leugnen zu wollen. Aber die durch den Dreibund geschaffene Lage ist auf absehbare Zeit hinaus für die Ruhe und den Frieden Europas zu einem Juiponderabile geworden. Das Gewicht, welches die Drei Mächte in die Waage zu werfen haben, auf der die Geschicke unseres Erdtheils abgewogen werden, ist zu einem unentbehrlichen Faktor geworden. Hat daher der eine Be- standthcil des Dreibundes vorübergehend au Gewicht, an Macht verloren, so folgt daraus nicht eine Erschütterung des Dreibundes, sondern ganz im Gegeutheil die Nothwendigkeit eines noch festeren Zusammenschlusses.

So bedeutet denn der Besuch des österreichischen Ministers des Auswärtigen in Berlin die Kundgebung der Thatsache, daß daS Verhältniß zwischen Deutschland und Oesterreich- Ungarn durch die italienische Niederlage bei Adua nicht lockerer, sondern noch fester geworden ist. Und diese Kund­gebung ist mit zweifelloser-Absicht so ostentativ gehalten, daß sie ihre Wirkung nach den Stellen hin, an denen man auf einen Zusammenbruch des Dreibundes spekulirt, nicht ver­fehlen wird.

Aber nicht nur das Verhältniß zwischen Deutschland und Oesterreich, auch das dieser beiden Staaten zu Italien ist durch das Ereigniß von Adua nicht lockerer, sondern womöglich noch fester geworden. Weder in Deutschland, noch in Oesterreich hat auch nur einen Augenblick der Gedanke Raum gewinnen können, den Verbündeten in feinem Mißgeschick im Stich zu lassen. Und Italien wird gerade jetzt Gelegenheit haben, die Freunde in der Noth, von denen nur zu oft ein Dutzend auf ein Loth gehen, kennen zu lernen.

Zn der Politik entscheidet der praktische Realismus. Wir sind weit entfernt von dem Verlangen, daß Deutschland und Oesterreich dem dritten Verbündeten aus romantischer Schwärmerei die Anhänglichkeit bewahren sollen. Aber roeit höhere Interessen sind es, die gebieterisch fordern, daß der Dreibund, dessen Erneuerung im Jahre 1898 erfolgen wird, weiter und weiter sich als der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht erweise, deren Gesammtheit die Welt­politik bedeutet. Diese Ueberzeugung hat sich auch trotz der

knabenhaften Politik der Jmbriani und Eavallotti in Italien Bahn gebrochen. Man weiß dort, daß Italien vor die Wahl gestellt ist, entweder Mitglied des Dreibundes oder Vasallenstaat Frankreichs zu sein. Gegenüber dieser Wahl kann die Entscheidung nicht schwer fallen. Diese Ent­scheidung wird den recht durchsichtigen Wünschen der Franzosen nicht entsprechen, wie auch die Krisis in Italien ende, welches auch der Mann fei, der für die nächste Zeit das Steuerruder des italienischen Staatsschiffes lenken wird.

Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß Rudini dieser Mann sein werde, daß zwischen ihm und dem König ein Ausgleich der schroff entgegenstehenden AnsickNen stattsindcn, daß entgegen den unbeglaubigten und unglaubwürdigen Alarm-Nachrichten eine Einigung über ein Programm zu erzielen sein werde. Wie auch die Entscheidung über die Kolonialfrage, die wohl durch ein Kompromiß erledigt werden wird, fallen möge, nichts wäre verfehlter, als Rudini für einen Gegner des Dreibundes zu erklären. Es ist wahr, daß er einmal in intimen Verhandlungen mit Rußland gestanden hat, aber die zwingende Logik der Ereignisse hat Rudini seine damalige Taktik als Verirrung erkennen lassen. In den Jahren 1891 und 1892 ist Rudini als Minister­präsident mit Eifer für die Erhaltung des Dreibundes ein- getreten, und seitdem hat kein Wort, keine Handlung Rudinis berechtigt, an einen Wechsel seiner Anschauungen zu glauben. Doch nicht die Personen spielen in der Politik die Hauptrolle. Wenn ein italienischer Ministerpräsident nicht aus Ueberzeugung Anhänger des Dreibundes wäre, so müßte er es aus Nothwendigkeit sein! p.

Ausland.

* Grokbritannien. (Unterhaus.) Bei der Berathung über den Marine-Etat beantragt Labouchere zum PostenPräsenz-Stand' eine Verminderung der Mauuschasten um 1000 Mann. Der erste Lord der Admiralität, Goschen, führt aus: England könne alle Schiffe bemannen, welche morgen zur Abfahrt bereit sein können, wen» es 5000 Reservisten in Dienst stellt. Bei Einberusung von 11,000 Reservisten könne jedes seetüchtige Fahrzeug bemannt und in Dienst gestellt werden. England habe jetzt fast ebenso viel Schiffe im Dienst, als alle übrigen europäischen Staaten zu- sanimen. Die Politik der Regierung sei bestrebt, eine Streitmacht zur Verfügung zu haben, auf Grund deren England sicher daraus bauen könne, baß seine Interessen in allen Welttheilen, wo sie an­gegriffen würden, auch vertheidigt werden könnten. Allein dieser Voranschlag sei keine Provokation, denn das Flottcnprogramm sei bereits im November vorigen Jahres festgestcllt worden, also zu einer Zeit, als noch keine ernsten politischen Fragen entstanden waren. Daraus wurde das Aniendement Labouchsre mit 262 gegen 45 Stimmen verworfen und der von der Regierung vorgeschlagene Präsenz-Stand mit 261 gegen 45 Stimmen angenommen.

Aus Kunst und Leben.

*Die christliche Moral" lautete das Thema eines vom E v a n g e l i s ch e n B n n d" gestern Abend, 6'/- Uhr, in der Turnhalle der Höheren Töchterschule veranstalteten und von Herrn Pfarrer D. Rade gehaltenen Vortrags. Es hat Zeiten gegeben, so führte der Redner aus, in denen unsere Gebildeten zwar von Religion und Dogma nicht viel wissen wollten, aber die christliche Moral blieb unangetastet. Heute ist das anders geworden! Der Respekt vor der Religion ist gewachsen, dagegen wird das Monopol der christlichen Moral ernstlich bekämpft. Vor Allem mutz man hier an Nietzsche denken, der einen großen Einfluß ausübt, besonders auf die akademische Jugend. Nietzsche hat die christliche Moral als Sklavenmoral gebrandmarkt und ihr feine .Herrenmoral (für den Uebermenschen") gegenübergestellt. Dadurch ist die christliche Moral in Mißkredit gerathen. Doch wird diese nicht so schnell verloren ge­geben werden, beim sie ist, Nitzsches Moral gegenüber, gerade die Herrenmoral. Wenn die christliche Moral bis ans den heutigen Tag nicht das allgemeine Gut der Menschen geworden ist, so spricht das nicht gegen, sondern für sie. Gleichwohl will die christliche Moral nicht mir Anerkennung, sondern Durchführung. Zwischen der moralischen Wirklichkeit, in der wir uns befinden, und zwischen der Moral Christi besteht ein großer Unterschied. Betrachten wir z. B. einen gebildeten heidnischen Japaner, der von einem Missionar mit bett Lehren des Christenthums vertraut gemacht wurde und nun nach Europa kommt, um das Christenthum an Ort und Stelle kennen zu lernen. Er wird unsagbar enttäuscht sein über die Unsumme von Unmoral, die er hier vorfindet, wenn er sich z. B. das Leben in großen Städten ausieht. Also nicht

gegen die christliche Moral, sondern gegen die Menschen tritt man auf, wenn man jene bekämpft. Wenn wir von christlicher Moral reden, so reden wir eben von einem kategorischen Jmpeiativ, unter den wir uns beuge» sollen. Ist es denn nun nicht unendlich viel verlangt, wenn wir z. B. nach den Geboten der christlichen Moral bett Feind lieben und ihm dienen sollen? Oder ist die Erfüllung des christlichen Gebots, bemjenigen, der uns auf die rechte Backe schlug, auch die linke hinzuhalte», möglich und überhaupt durch- zuführen? Sie ist nicht nur möglich, sondern sie ist auch unzählige Male durchgesührt worden! Oder sollte nicht zuweilen der eme Bruder, der von dem anderen einen Streich auf die eine Backe erhielt, auch die andere Hinhalten? Natürlich ist es nicht so leicht, durch dieenge Pforte" zu gehen, und Christus hat ja auch felbst gesagt, daß Viele berufen, aber Wenige auserwahlt sind. Die christliche Moral ist zum Glück nicht nur Autorität su uns, fonbertt zugleich Kraft. Moral muß ja Autorität fein, unb wo teilte Autorität ist, da ist auch keine Moral. Wenn heute eine neue Moral auf» kommt, wird sie vor Allem die Probe bestehen müssen, baß sie Autorität besitzt. Der Einwanb, die christliche Moral sei deshalb inferior, weil sie von den Menschen nicht das Gute verlange, um Gutes zu thuii, sondern des Lohnes wegen, ist durchaus nicht stichhaltig. Der interessante Vortrag, dem die zahlreichen Anwesenden mit großer Aufmerksamkeit gefolgt waren, sand reichen Beifall. Herr Pfarrer Lieber dankte dem Redner hieraus int Namen der An­wesenden.

* gatiattr in Wiesbaden. Im Sommer 1774 reifte Lavater mit dem jungen Goethe, in dessen väterlichem Hanse er einige Tage eingekehrt war, nach Ems. Ans seinem Tagebuch, welches er damals führte, werden uachsteheube Mittheilungen hier besonders iuter- essiren. Es heißt da it. A.: Vor 11 Uhr langten wir in Witz- baden, einer Badstadt, cm, besaht! die heißen Bäder, voll trost- loßer Melancholie. Las die Zeitnug, schrieb eine Stelle aus Werthers Leiben ab. Atz neben Goethe zu Mittag; Husaren und Offiziers und ein bummer Pfaff waren da. Eine sanfte, junge, knechtische Physiognomie eines Jnbensohns, der neben dem Tisch feil hatte, frappierte uns. Nach dem Essen Erdbeeren. Mit ehiauber von der Physiognomie eines jüdischen Taschenspielers, der mich lernen wollte.Ihr könnt den Herren nichts lernen," sagte bet Wirth, nicht wahr, Sie fiub ja Herr Lavater, der so artliche Sachen geschrieben. Freut mich, bie Ehre zu haben, Jhueii kennen zu lernen." Sprach mit Goethe am Fenster, von der Auferstehung Christi. Um 2 Uhr reihten wir ab. Ich schlief viel. Goethe rezitierte viel von feinem ewigen Juden. Ein seltsames Ding in Knittelversen. Um/i6 Uhr laugten mir nach einigen harten Stößen den Berg hinab im stillen, berühmten Schwaibach an; Wirtshaus an Wirtshaus alle Menschen vom kleinsten Kinde bis zum Greisen mit Krügen in der Hand. Wir fliegen beym weißen Roß ab, ein ordentlich Quartier nahm Himbeeressig. Gsoethej fieng ein Brieschen an ntfeine] Frsauj an, ich vollendets. Nachher giengen wir spazieren in der breiten doppelten über einander stehenden Allee. Herrlich angenehm. Trafen weniger Personen an, giengen zum Brunnen; wir versuchten das Wasser. Stark vitriolisch. Goethe rezitierte uns eine Romanze aus dem Schottischen. Ein elender Mann offerierte uns Büchelgen. Ich kaufte Gedichte und las sie und schrieb Billiet. Gsoethej, Schmoll und ich atzen allein zur Nacht. Ich las im Werther; noch erzehlte mir Goethe den ganzen Inhalt der homerischen Jliade, las mir ans der lateinischen Uebersetziiiig einige Stellen vor. Von meinen Gedichte sAbraham und Isaak, ein religiöses Dramas. Die Art wollte ihm noch nicht recht in Kopf. Doch gab er nach, da ich die Ideen näher bestimmte. Mitwoch den 29.Jnni 1774. Um 5 Uhr ruhig erwacht, sogleich auf, Tagbuch; schöner Morgen, Vogeljauchzen. Gieug durch die Alleen zum Brunnen, versuchte das Wasser wieder; sehr stark. Bestellte dann Fützli 50 Krüge, zahlte sie und unsere Nachlnote; schrieb noch ein Billiet an Deiner. V26 Uhr ab. Berg zu fahren. Fuhr sonst tapfer der Honegger. 2 Rotze Vorspannen. Kühler Wind. Gsoethej von seinem Julius Cäsar remitierte ganze Stellen aus Voltaire Um/2I2 Uhr zu Nassau an. 2 Stunden von Ems. Besuchten sogleich die Frau Baron von Stein. Ein prächtiges Hans in einem elenden Nest eine große, ganz originelle Dame von wohl 50 Jahren. Sie hätte sehr gewünscht, meine Frau zu sehen. Von d. rcifeitden Schweden; von Ems und La Roche. Sie lud uns zum Mittagessen; mir giengen ins Wirtshaus, atzen da. Sie Uetz uns nochmals einlaben; aber mir verbaten, meil wir sortwollte». Billicts. Weg 2 Uhr. Schöne Autzsichten; ich schlief viel. Um */s5 Uhr langten wir zu Ems an. Ein angenehmer Ort, an ber Lahn und feUfigten Bergen gelegen. Wit nahmen unter Quartier im Nassauer Hause No. 48. 49. Ein schönes, hohes, weites, halbfürstliches Gebäude. Wir Pakten ans. Ich schrieb ein paar Billiet auf Zürich; Goethe mit. Nachher gieng ich nut ihm in den Speissaal. Welch ein Leben! Hier ein Billiard! Dort ein Tischgen dort wieder eins! Ossiciers, Generals, Grafen, Baronen unb bes weiblichen vornehmen Geschlechts viel. Ein Herr Geheimrath Meyer von Hannover gesellte sich gleich zu mir. Ein verständiger, sanfter, aber dem Ansehn nach hypochondrischer Mann. Wir sprachen von Goethe seiner Faree wider Wieland. Ein General Winter ans dem Haag machte mir auch seine Compagnie unb noch ein paar, bie ich nicht kenne.

(Nachdruck verboten.)

Im Palais Bourdon.

Paris, 8. Marz.

In jedem civilisirten Lande oder vielmehr in jedem, das sich eines Parlamentes erfreut, gicbt es eine Menge opfer­freudiger Männer, die da bereit sind, ihrer Nation als deren Vertreter mit ihrer Zeit und ihrer Intelligenz zu dienen; kaum irgendwo ist die Zahl derselben aber wohl so groß, als bei uns. Für jeden frei werdenden Platz erstehen immer sofort eine Masse von Kandidaten, die alle die feste Ueberzeugung hegen, das Land könne keine bessere Wahl treffen, als sie mit seinen Interessen zu betrauen.

Diese Ueberzeugung muß, wie gesagt, in Frankreich in den Herzen unglaublich vieler Menschen wurzeln, oder sollte wirUich wahr fein, was Manche nicht nur leise, sondern auch laut zu äußern wagen, daß weniger das Bewußtsein über« ragender Fähigkeiten, ja die Ehre, welche damit verknüpft ist,' ein Erwählter des Volks zu sein, als die 9000 Frcs. und die sonstigen Annehmlichkeiten, die ein Deputirtenmandat mit sich bringt, das Verlangen nach einem solchen in den Busen fo Vieler rege machen? ,3000 Frcs. dürften ja Manchem als keine Summe erscheinen, die des Er­strebens fo außerordentlich werth wäre, aber sie repräscntircn jedenfalls ein anständiges Einkommen für einen Mann, der früher unter der Erde Schätze förderte, die ihm nicht zu- jloffen, ober der ehemals seinen Mitmenschen das Haupthaar ordnete. Dann steht ihm außer diesem Gehalt, von dem er mit feiner Familie bequem und sorglos leben kann, noch so mancher andere Vortheil zu Gebote, und wenn er will, kann er seine Tage, statt wie vorher in einer Hütte ober engen Zimmern, in einem Palaste zubringen, nämlich in bem Palais Bourbon, das mit allen Bequemlichkeiten versehen

ist, um seinen zeitweiligen Besitzern den Aufenthalt dort behaglich zu gestalten.

Das große Publikum kennt von dem Palast meist nur den Sitzungssaal und den Salon de la Paix, wo ber Dcputirte seine Besuche empfängt; biefer selbst zieht aber im Großen und Ganzen wohl die anderen Räume des Hauses vor, denn das Erhalten von Besuchen hat für ihn seine Schattenseiten. Gewöhnlich werden ihm dieselben von Wählern abgcstattet, die ihm Vorstellungen zu machen wünschen ober ein Anliegen haben, und so kommt es denn nicht selten vor, daß der huissier angewiesen ist, zu erklären, Monsieur So- unb -so wäre nicht anwesenb, was gewöhnlich einen Sturm ber Entrüstung hervorruft, denn man hat ihn ernannt unb bezahlt ihn, damit er da sei, wenn man ihn brauche.

Inzwischen befindet sich der also zum Zorn Anlaß Gebende vielleicht sehr vergnügt in dem schönen Bibliothek­saal, welcher mit Gemälden von Eugene Delacroix' Meister­hand geschmückt ist und wo mehr als 100,000 Bücher jeder Art ihm zu Gebote stehen; nirgends, mit Ausnahme vielleicht des Senats, findet sich eine so vollständige Sammlung von Gesctzesdokumenten, sodaß der Deputirtc, welcher cs mit seinem Mandat ein wenig ernster nimmt, hier Studien machen kann, um sich die Fähigkeiten anzueignen, die allerdings, wie bie Meisten meinen, ihnen eine gütige Fee mit in die Wiege gelegt.

Außer dem Bibliothekraum stehen dem Volksvertreter der Saal Casimir-Perier zu Gebot, wo er, wenn bie Sitzung sich als gar zu langweilig erweist, promenirt, der Thronsaal, um ein wenig eines erfrischenden Schlummers zu genießen, ber Konferenzsaal, um seine Briefe zu schreiben ober die Zeitungen unb Revuen zu lesen, benit alle, bie in französischer, unb die wichtigsten, welche in fremder Sprache erscheinen, sind vorhanden; auch Bücher, die man seiner Aufmerksamkeit

für werth erachtet, werden für ihn angeschafft. Natürlich ist das Palais Bourbon mit allen Erfindungen der Neuzeit ausgestattet, Telegraph,Telephon,elektrischer Beleuchtung rc.; was aberbielcn am anziehendsten zu erscheinen pflegt, das ist das Buffett, welches mit den feinsten Delikatessen der Saison versehen ist. Manche verstehen es, sogar sich dort ihren ganzen leiblichen Unterhalt zu verschaffen, indem sie des Morgens Ehokoladc mit Brödchcn, Mittags Sandwichs, Kuchen unb Kaffee und Abends Bouillon, Cotelettes, Aufschnitt, Käse, seine Weine, Kaffee und Cognac zu sich nehmen, und sparen so einen großen Theil der ihnen gewährten 9000 Francs für die Tage, wo ein undankbares, wetterwendisches Volk zu der falschen Ansicht gelangt, daß ein Anderer feiner Ver­tretung würdiger fei.

Der Raum, welcher im Palais Bourbon doch eigentlich der wichtigste ist ober sein sollte, ber Sitzungssaal, ist der am wenigsten gelungene des ganzen Gebäudes; zwar macht er einen schönen, imposanten Eindruck, aber die Akustik ist schlecht, und dann ist er für die Zahl bet Abgeordneten viel zu klein und eng. Ursprünglich nur für 300 berechnet, soll er jetzt doppelt so vielen Aufnahme gewähren, und so kann cs nicht Wunder nehmen, daß die Volksvertreter, die sich doch so sehr bemüht haben, einen Platz dort zu erlangen, diesen so selten wie möglich einnehmen, gewöhnlich nur bei den grandes occasions, oder was für sie allerdings eine ber größten, wenn sie selbst eine Rede hallen wollen. Dieser beklagenSwerthe Mangel an Eifer hat einen Deputieren schon mehrfach zu dem Antrag veranlaßt, jeder seiner Kollegen, der ohne genügende Entschuldigung wegbliebe, solle mit einer Geldstrafe belegt werden; aber die Gesammtheit des Parlaments konnte sich zu einer drakonischen Strenge nicht aufschwingen, von der sie in der Mehrheit selbst betroffen werden würde. W. Waldau.