Wiesbckemr Tsgblstt.
44. Jahrgang.
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N-. 116.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
1896
Motttag, beii 9. Mär;
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
Zur Loge in Italien.
C.T.C. Rom, 8. März. Die „Agenzia Stefan!" veröffentlicht eine Liste mit den Namen von 189 Offizieren, welche in der Schlacht bei Adua am 1. März mit dem Leben davongekommen sind, außerdem die Namen von 5 gefangenen Offizieren, nämlich Oberst Nava, Oberst-Lieutenant Galliano, zwei Hauptleute und ein Lieutenant. — Dem Vernehmen nach ist cs Saracco nicht gelungen, sich mit Rudini und Brin über die Kabinettsbildung zu verständigen. —Nach einer Meldung des „Popolo Romano" findet das Gerücht keine Bestätigung, daß Kassala umzingelt und in bedrängter Lage sei. General Baldissera ist für alleFälle ermächtigt worden, die Garnison aus Kassala zurückzuzieheu, fall? die Lage in der Thatgefährlich werden sollte. — Die „Tribuua" hat solgcndcD epesche ausMassaua erhalten: Es wird bestätigt, daß die Brigade Dabormida, namentlich das Regiment Ragni, in der Schlacht heroischen Widerstand leistete. Die Brigade machte drei ungestüme Bajonettangriffe. Ein Offizier erzählt, daß die Brigade über die Stellung der Schoaner hinausdrang und das Schlachtfeld mit einer Menge von Leichen bedeckt fand, so daß die Italiener schon an einen Sieg glaubten. Die Soldaten steckten in den eroberten Stellungen Käppis und Taschentücher auf die blutigen Bajonette und brachten Hurrahrusc aus. Dabormida konnte nicht versuchen, den errungenen Vortheil anSzunutzen, weil die Truppen auf Befehl aus dem Hauptquartier zurückgehen mußten. Die Artillerie hatte fast ihre ganze Munition (pro Geschütz 130 Schliß) verschossen. Als die Schoaner verstärkt zurückkchrten, wurde die Artillerie vom Feinde umringt, während die Truppen die Kanonen auf Maulesel luden. Die Infanterie leistete neuen Widerstand, wurde aber, da Unlerstützung vom Centrum fehlte, von den an Zahl überlegenen feindlichen Streilkräften umzingelt und erlitt furchtbare Verluste. Bis zuletzt zeigte Dabormida eme bewundcrns- werthe Festigkeit undKaltblütigkeit. Die Ueberlebeuden seiner Brigade zerstreuten sich nicht, bis sie fast ganz niedergeuiacht waren. Nur wenige blieben unverwuudet. Die Schoaner rückten kriechend bis unter die Kanonen vor. Die Artillerie Albertones gab über 1000 Schüsse ab. Die mit Sizilianern bemannten Batterieen schlugen sich ebenfalls äußerst muthig. Nur ein Offizier dieser Geschütze blieb nuverwundet, ebenso von den einheimischen Batterieen. Die Depesche fügt hinzu, daß die Schoaner seit dem 1. März nicht vorgerückt find. Die Führer, namentlich Ras Maugascha und Ras Alma, drängen den Negus, den Krieg bis aufs Aenßcrste fortzusetzen, während die Soldaten und Unterführer die Rückkehr in die Heimat!) Wünschen. Von Kassala find gewöhnliche Reitereiufälle gemeldet. Es scheint indeß, als ob das Corps von Gedarat Zuwachs erhalten bat. ES wird geglaubt, General Baldissera marschire vom Atbara heran, um für Kassala und Adigrat Vorsorge zu treffen. — Eine Depesche des „Corriere della Sera“ über die Schlacht von Adua am 1. März berichtet: Die Brigade Dabormida wurde grötztentheils vernichtet. Trotzdem leisteten die Tuppen bis z»m Abend Widerstand und verhinderten das weitere Vordringen des Feindes. Dabormida starb inmitten seiner Soldaten von Geschossen durchchohrt. Ober-Lieutenant Mellini fiel mit dem Ruse: „Vorwärts, meine Alpenjäger!" Die Krieger von Asmara stachen die Verwundeten nieder und plünderten dieselben. Den verwundeten Wcaris wurden Hände und Füße abgeschnitten. Alle Ofnziere der Batterie der Brigade Arimondi sind gefallen. Die italienischen Truppen kamen, infolge des langen Rückmarsches und von den Gallareitern bis Maimarat verfolgt, in beklagens- werchem Zustande in Saganciti an. Man glaubt, daß General Arimondi tobt oder gefangen fei. Die Brigade Albertone gerieth in einen Engpaß, wo die anderen zur Unterstützung gesandten Tnippen sich nicht entwickeln konnten. Die Schoaner besetzten die Höbm. 20 gefangene Offiziere, darunter Oberst-Lieutenant Galliano. sind nach Schoa gebracht worden. — Andere Depeschen melden, daß am Schlachttage des 1. März 113 Bagagewagen von den Schoanern bei Sanriat geplündert und aus Maulthiere verpackt wurden. Die Munition wurde gerettet. Die Schoaner schossen auf die Krankenträger-Kolonnen, Aerzte und Verwundeten. — Die Abessynier waren 100,000, die Italiener 15,000 Mann stark. Außer den Brigaden Dabormida und Albertone, welche ausgezeichnet kämpften, wurden die anderen sehr zusammengedrängten Truppen
überrascht und unterlagen, mit Ausnahme der Alpenjäger NavaS. Galliano wurde durch einen Säbelhieb verwundet. Prinz Chigi fiel, indem er Albertone schützte.
D.B.H. Rom, 8. März. General B a r a t i e r i telegraphirte seiner Familie, er habe das Bewußtsein, seine Pflicht als Soldat und Bürger gethan zu haben. Das Kriegsministerium forderte telegraphischen Aufschluß über die Zahl der Tobten, Verwundeten und Gefaiigeiien. Die Kriegskasse mit einigen Millionen Lire ist gerettet. — Mehrere englische und deutsche Banquiers machten der italienischen! Regierung Anleihe-Offerten zu billigem Zinsfuß. — Die Meldung französischer Blätter über den Ausbruch von Meutereien in den Garnisonen von Mailand und Florenz wird für ersuude» erklärt.
D.B.H. Rom, 9. März. „Fansulla" meldet, die Minister hätten, einem driugeudeii Wunsche Baldisseras uachkoiumend, die sofortige Abseudnng von 6 Batterieen Artillerie und 6 Bataillonen Infanterie beschlossen zur Verstärkung der Garnisonen von Keren und Kassala. Die Ordre Baldisseras lautet, die Kolonie gegen den Einfall der Schoaner zn schützen, bis in Rom eine definitive Entscheidung getroffen worden fei. In de» gestrigen Blättern bildet die Unterredung des Königs mit Rudini den Gegenstand allgemeiner Erörterung. Rudini habe formell erklärt, wenn man ernsthafte Revanche in Afrika nehmen wolle, ohne sich einer Niederlage ansznsetzen, so bedürfe man einer Milliarde und 200,000 Mann Truppen. Die Wirlhschaftslage des Landes erlaube dies aber nicht. Andererseits werde das Land auch ernsthafte Gefahr laufen, wenn Komplikationen in Europa vorkämen. Der König dankte Rudini, fügte aber hinzu, daß die Ehre der italienischen Fahne und Waffen den ersten Platz in feinen Gedanken einnehme. Als König und Chef der Armee fei er sich der großen Verantwortlichkeit bewußt, welche auf ihm laste. — Nach neuerlichen Meldungen sollen bei Adua 4500 Italiener gelobtet und 3000 gefangen genommen worden fein. Unter den letzteren sollen sich die Obersten Nava und Galliano, sowie zwei Hauptleute und ein Lieutenant befinden. 189 Offiziere konnten sich retten.
C.T.C. Rom, 9. März. Eine Note der „Agenzia Stesani" kündigt an: Der König übertrug gestern Abend, 7 Uhr, Ricotti die Bildung des Kabinetts. Die „Stesani" fügt hinzu, Ricotti werde sich alsbald mit Rudini vereinigen und letzterem die Präsidentschaft übertragen. Die Kabinettsbildung wird heute erwartet. Brin nimmt an der Kombination Theil.
D.B.H. Mailand, 8. März. Gestern Abend erneuerten sich die Ruhestörungen. Trotz des Verbots des Präfekten begann die Menge auf einem öffentlichen Platze eine Demonstration zu organisiren. Die Fensterscheibe» der Präfektur wurden emgeworfen. Militär griff mit blanker Waffe ein, die Menge flüchtete nach dem Domplatz. Gegen eine nachfolgende Schwadron wurde Kehrt gemacht und diese mit einem Steinhagel überschüttet. Vier Soldaten wurden verwundet und 13 Perhaftuiigen Borgenomnien. Dieselben Unruhen wiederholten sich in Pavia, wo 15, und Neapel, wo 6 Personen feftgenommen wurden.
Masiana, 7. März. General Baldissera hat den Major Salsa zu dem Negus gesandt, um von diesem die Erlaubniß zn erbitten, die in dem Gefecht am 1. b. M. auf italienischer Seite Gefallenen zu beerbigeit und um über die Zahl und die Namen der italienischen Gefangenen Erkundigungen einzuziehen.
C.T.C. Malfrma, 9. März. Nach Privatdepeschen ist Major Prestinari, der Kommandant des Forts Adigrat, entschlossen, wie er dies auch in einem Telegramm vom 2. März bestätigt, das Fort bis zur letzten Möglichkeit zu halten, er befände sich für einen Monat mit Lebensmitteln und reichlicher Munition versorgt. Im Fort befinden sich über 300 Kranke; die Rebellen halten sich einige Kilometer vom Fort entfernt auf. Prestinari fügt hinzu, daß die Nation unbesorgt fein dürfe, er werde fein Pflicht bis zum Tode thun.
D.B.H. Varis, 9. März. Der „New-Vorker Herald" meldet aus Nom: Zwischen dem König und dem Prinzen von Neapel sei ein heftiger Streit entstanden, in welchem die Königin aus der Seite des Prinzen stehe. Der König habe die feste Absicht, die ganze Armee zu mobilifiren. Hunderttausend Mann sollen bereits unter die Waffen gerufen sein. Die Abdankung des Königs zu Guitsten des Prinzen von Neapel stehe ernstlich in Frage.
C.T.C. Petersburg, 8. März. Die „Nowoje Wremja" hat eine Subskription zur Bestreitung der Kosten behufs Entsendung einer Abtheilnng der Gesellschaft vom Rothen Kreuz uachAbessynien an König Meuelik eröffnet.
Deutscher Reichstag.
O Serlin, 7. März.
Der Reichstag fetzte heute die zweite Lesung der Novelle zur Gewerbe-Ordnung fort und zwar bei dem Artikel 3, betreffend die Befngniß der Bundesregiernugen, die Konsumvereine und andere Vereine bezüglich der Schankwirthschaft unter die Bestimmungen der Gewerbe-Ordnung zn stellen, auch wenn der Geschästsbetricb auf die Mitglieder sich beschränkt. Dazu liegt ein Antrag der Abgg. Gtöber (Centr.), Hitze (Centr.), v. Hollenffer (kons.) und Jacobskötter (kons.) vor, nach welchem diese Bestimmung für die Konsumvereine obligatorisch sei» soll. — Abg. M e tz n e r (Centr.) befürwortet den Antrag. Ebenso die Abgg. Paasche (nat.-lib.) und Frhr. v. Stumm (Reichsp.); letzterer fragt, ob die sogenannten Schnapskasinos auch der Polizeistunde unterlägen. — Staatsminister v. Bötticher erwidert, daß § 365 des Reichs- strasgesetzbuchs unter Umständen auch auf diese Kasinos Anwendung finden könne. — Die Abgg. Reiß Haus (Soz.), Bueb (Soz.) und S ch n e i der (freit. Bolksp.) bekämpfen den Antrag, weil sie gegen jede derartige Beschränkung seien. Der württcmbergische Bnudesraths- bevollmächtigte v. S ch ü rfe r stelltgegennber denAnssührungen des Abg. Schneider fest, daß Siiddeutschländ sehr wohl ein Interesse an den Beschränkungen der Konsumvereine habe. Mit Aussetzung der Abstimmung über Artikel 3 und den Antrag geht das Hans zu Artikel 4 über, nach welchem unter der Voraussetzung, daß Thatsachen vor- liegen, welche die Unzuverlässigkeit des Gewerbetreibenden in Bezug auf diesen Gewerbebetrieb darthun, untersagt werden sollen: der Trödelhandel sowie der Kleinhandel mit Gariiabfällcil oder Dräuinen von Seide, Wolle, Baumwolle ober Leinen, der Kleinhandel mit Bier, der Handel mit Dynamit ober anderen Sprengstoffen unb ber Hanbel mit solchen Drognen unb chemischen Präparaten, welche zu Heilzwecken dienen. — Die Abgg. Gröber (Centr.), Hitze (Centr.), v. Hollenffer (kons.) unb Jacobskötter (kons.) beantragen, die letzten Worte des Artikels wie folgt zu fassen: (der Handel mit) „Sprengstoffen, ber Handel mit Loosen von Lottcrieeu unb AnSspielungen unb, sofern die Haubhabung bes Gewerbebetriebes Leben unb Gesundheit der Menschen gefährdet, ber Hanbel mit Drognen unb chemischen Präparaten". Ein Antrag v. Holleuffer-JacobSkötter will die Worte „ber Kleinhandel mit Bier" streichen und dem Artikel 4 folgenden Zusatz geben: „der Kleinhandel mit Bier kann untersagt werden, wenn der Gewerbetreibende wiederholt wegen unbefugten Betriebes ber Schankwirthschaft bestraft ist". Dazu beantragt Abg. R ö ficke (bei keiner Fraktion), hinter dem Worte „Bier" die Worte einzufügen: „vomFaß". — Die Abgg. Förster und Graefe (bcutfchsoz. Resormp.) beantragen, im Artikel 4 die Worte: „unb der Handel mit solchen Drognen und chemischen Präparaten, welche zu Heilzwecken dienen" zu streichen. — Abg. Lenz- ni a u n (freis. Volksp.) will das Publikum nicht genöthigt wissen, Sachen bei Apothekern zu sehr hohen Preisen zu kaufen, während es sie bei Drognisteu sehr viel billiger bekommen könne. — Abg. Förster (dentschso^ Resormp.)schließt sich diesen AnSführunge» an, befürwortet feinen Antrag unb bekämpft die Fassung des Antrags Gröber-Hollenffer als zu dehnbar. — Abg. Hitze (Centr.) hält den Antrag Gröber-Hollenffer für geeignet, die Regierungsvorlage zweckmäßig zu ergänzen.— Geheimer Medizinalrath Pi stör führt ans, es sei nachgewiesen, daß die Drognisteu die heftigsten Gifte und gefährliche Präparate verabfolgten, es empfehle sich daher, die Fassung der Regierungsvorlage anzunehnicn. — Abg. Kruse (nat.-lib.) ist ebenfalls für eine Beschränkung des Droguenhandels. — Abg. v. WolSzlegier (Pole) erklärt sich gegen die Fassung der Regierungsvorlage; bei dieser Frage handle es sich um einen Konkurrenzkampf zwischen den Apothekern und den Droguisten. — Abg. LaugerhanS (freis. Volksp.) spricht sich gegen die Beschränkung des Droguenhandels aus, ber ein nothwendiaeS liebel fei. — Staatsminister v. Bötticher betont, baß ber Regierung von einem Konkurrenzkampf zwischen ben Apothekern unb ben Drognisteu nichts bekannt sei; nicht um Einzelinteressen handle es sich, sondern um das Gemeinwohl. Für ein nothwendiges Uebel halte er den Drognenhandel nicht, sondern, wo er solide geführt werde, für eine fegensreiche Einrichtung, ober es müsse dafür gesorgt werden, daß durch den Drognenhandel nicht Leben und Gesundheit der Menschen gefährdet würden. Diese Gefährdung hintanzuhalten, bezwecke die Regierungsvorlage. Der Antrag Gröber-Hollenffer sei unannehmbar. — Abg. LaugerhanS (freis. Volksp.) spricht sich nochmals gegen die Beschränkung der Drognisteu aus; die Abgg. v. Hollenffer (kons.) und Förster (deutschsoz. Resormp.) treten
(Nachdruck verboten.)
Gingeladen!
Gesellschaftliche Plauderei von einem Vielgeplagten.
Herr und Frau Erwin Normann geben sich die Ehre, Herrn vr. Zeiger auf Sonnabend zu einem einfachen Abendessen ergebenst einzuladen. Gefälligst 8 Uhr.
Pünktlich um8'/r Uhr ziehe ich die Glocke der Normannschen Wohnung in der Kurfürstenstraße. Schon hängen einige Ueberzieher an der Wand, sie gehören den Laien, die nicht wissen, was 8 Uhr bedeutet, und die Hausfrau noch in den Vorbereitungen gestört haben. Schnell nun die Galoschen abgestreift, den Ueberzieher aus, Frack und Gesicht in die gescllschaftsmäßigen Falten gelegt und — hinein ins Vergnügen! Die Thür öffnet sich; hörbar ringt sich ein Seufzer der Erleichterung von den Lippen der drinnen berefls eine halbe Stunde in Untersuchungshaft befindliche» Opfer.
„Endlich eine Abwechslung I"
Mit berechtigter Freude naht sich der Hausherr.
„Meinen besten Dank für Ihre liebenswürdige Einladung . . ."
„Bitte, bitte, wir sind es, die zu danken haben!" tönt es zurück.
Auch der gnädigen Frau statte ich den tiefgefühlten Dank für die Ehre der Einladung ab, erkundige mich mit interessirtem Gesicht nach ihrem Befinden, höre mit dem üblichen Bedauern die übliche Klage an und unterziehe mich vann mit dickhäutiger Geduld der ortsüblichen Ceremonie, so man „Vorstellen" heißt.
Mit ernstem Gesicht fragt Herr Normann zunächst £ie Anwesenden, ob sie gestatten, daß er den neuen
Ankömmling mit ihnen bekannt mache. Der Antrag wird debattelos genehmigt und danach verfahren. Nach wiederholtem „Nnmpf vorwärts beugt!" habe ich die Namen der Damen erfahren.
„Mit den Herren machen Sie sich wohl am besten selbst bekannt."
Einigen Bekannten schüttelte ich mit der pfiffigen Miene eines Auguren die Hand. „Armer Freund!" scheinen ihre Blicke zu sagen. Dann naht sich ein Menschenknäuel, und Stimmengewirr gleich fernen Meereswogen schlägt an mein Ohr. So viel ich hören kann, fragen die Herren, ob ich gestalte, daß sie so und so heißen. Natürlich verstehe ich keinen einzigen Namen.
Ein Augenblick Ruhe. Mein Nachbar beginnt die Unterhaltung.
„Sie sind Mediziner, Herr Doktor?"
„Bedaure sehr, Philologe."
„So, so, Philologe! Ein sehr interessantes Studium! Ich habe einen Bekannten, dessen Freund auch Philologe ist."
„Oh, das ist ja sehr interessant! Wo hat er denn studirt?"
„In Leipzig."
„Da war ich auch."
Bis hierher ist das Gespräch ungefähr das gleiche wie in hundert anderen Fällen; jetzt aber kann eine Theilung eintreten. Wir unterscheiden Typus a und Typus b. Typus a: man spricht über die betreffende Universitätsstadt, berührt flüchtig die verschiedensten Sehenswürdigkeiten und kommt dann auf die deutschen Dialekte, auf die herrschende Politik, auf die Technik des Bierbrauens, auf das Ballet und andere brennende Fragen. Typus b (sehr häufig): Man fragt nach dem Namen des Bekanntenfreundes, da
bei der geringen Anzahl von einigen tausend Studirenden natürlich die Wahrscheinlichkeit, daß man ihn kenne, sehr groß ist. Kennt man ihn wirklich, so wundert man sich, wie klein die Welt sei, und berichtet aus dem Schatze der eigenen reichen Erfahrung von verwandten Fällen, wie oft man unverhofft auf gemeinsame Bekannte gestoßen ist re. Kennt man ihn nicht, so ist immer noch Zeit, aus Typus a einzugehen. In unserem Falle kenne ich ihn. Während mein Partner geistreich die Welt für ein Dorf erklärt, öffnet sich die Thür. Neue Gäste erscheinen; „es füllt sich das Haus". Dasselbe Ceremoniell, dieselbe heuchlerische Unbefangenheit auf allen Gesichtern. Nach der Vorstellung tritt sofort strenge Geschlechtertrennung ein. Hier „die Damen in schönem Kranz", zum Theil in wirklich geschmackvollen Toiletten, dort die Herren der Schöpfung im Zwange des langweilig-blasirten Fracks. Selten nur wagt sich ein Muthiger auf Kundschaft ins feindliche Lager, bewundert und beneidet von den Uebrigen.
So geht es eine geraume Zeit eintönig weiter. Endlich verkündet die Uhr die neunte Stunde. Die Thür zum Speisezimmer öffnet sich. Lange genug ertönte fürwahr hinter dieser Pforte verrätherisches, Tantalusqualen erregendes Tellerklappern. Freudige Erwartung durchzieht jedes Herz, denn der Hausherr spricht die erlösenden Worte: „Bitte, meine Herrschaften, zu Tisch!" Der Lohn für die ausgestandenen Qualen winkt. So ungefähr mag den zehntausend Griechen zu Muthe gewesen sein, als sie nach langer Mühsal beim Anblick der strahlenden Meeresfläche in den jauchzenden Ruf „Thalatta, Thalattal" ausbrachen, und keine frohere Hoffnung kann nach der langen Wüstenwanderung das Herz der Israeliten erfüllt haben, als ihnen die Riesenweintrauben Kalebs verkündeten, daß das Land
