4. Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.
44 Jahrgang. 1896.
Freitag, den 6. Mär;
No. 111. Morgen-Ausgabe
:i auch inzwischen durch das dortige — Nächste Sitzung: Donnerstag
Priesterseminar gedeckt worden. 11 Uhr: Fortsetzung.
Afrika befehligte, war sein eiftigstes Bestreben, sich die Derwische zu Verbündeten zu machen, Baratieri aber befolgte die direkt entgegengesetzte Politik, und das Erste fast, was er that, als er an die Spitze dieses Heeres trat, war, den Derwischen Kassala zu nehmen und diese dadurch in erbitterte Feinde Italiens zu verwandeln. Hoffentlich setzt sich der Kontrast zwischen den beiden Männern noch weiter fort und gelingt es nun Baldissera, den endlichen Sieg zu erringen, wo Baratieri nur Niederlagen zu verzeichnen hat.
Daß Italien den Feldzug bis zum Aeußersten fortführen wird, darüber kann kein Zweifel obwalten; ob nun Crispi am Ruder bleibt, ob wir ein anderes Kabinett bekommen, keines wird Vorschlägen, denselben aufzugeben. Allerdings ist die finanzielle Situation des Landes keine gute und der Krieg, welcher 600,000 Lire täglich kosten soll, ist nicht dazu angethan, sie günstiger zu gestalten; aber was Spanien im Stande ist,zu leisten,dessenAnstrengungcn,denAnfstand inCuba nieder- zuwerfcn, bereits so lange mähren und die eine Million täglich erfordern, sollen wir wohl ebenfalls können. Natürlich werden alle möglichen Gerüchte darüber verbreitet, wie Crispi sich das nöthige Geld beschaffe, unter anderen, er habe heimlich in England Rententitres bestehen, zu deren Ausgabe er nicht berechtigt war. Aber Niemand dürfte derartige illegale Unterpfänder als Sicherheiten aeceptiren, am allerwenigsten die vorsichtigen britischen Banquiers, trotz aller dort für Italien herrschenden Sympathieen. Die Unter- thanen der Königin Victoria pflegen sentimentalen Erwägungen bei finanziellen Transaktionen nie Raum zu geben.
Vreußischer Knndtag.*)
Abgeordnetenhaus.
Mach der Niederlage in Afrika.
Unser Römischer m-Korrespondent schreibt uns unterm 3. März:
Die schlimme Niederlage, welche die italienische Armee in Afrika erlitten, hat natürlich hier den fiefften Eindruck hervorgerufen und die Gemüther mit Schmerz und Bestürzung erfüllt, doch ist es unrichtig, wie vielfach in die Welt Hinaustelegraphirt worden, daß lärmende Demonstrationen stattgefunden haben, oder daß, da man solche befürchtete, die Truppen konsignirt wurden. Verbreitete man ja doch sogar, die Dynastie sei durch das neue Kriegsunglück bedroht und die Römer hätten dies König Humbert bei seiner sofort erfolgten Rückkehr aus Neapel auch deutlich fühlen lassen, während der Herrscher im Gegentheil von der Bevölkerung, dir die Straßen erfüllte, aufs Wärmste begrüßt wurde.
All diese Gerüchte werden theils von den franzosenfreundlichen Elementen, theils von den Gegnern der inneren Politik Crispis ausgesprengt, denn letztere hoffen wieder einmal, daß jetzt die Zeit für sie gekommen sei. Trotzdem sie bisher immer den Krieg in Afrika aufs Schärfste verdammten, erklären sie daher bereits, sie wollten die Mittel zur Weiterführung eines solchen bewilligen, aber nur einem anderen als dem Kabinett Crispi. Italien wäre aber in der That schlecht berathen, wollte es nun Rudini oder Ricotti an die Spitze der Regierung stellen, mehr als je braucht es im gegenwärtigen Augenblick eine überragende Persönlichkeit.
Das Ministerium hat übrigens in dieser Hinsicht Alles gethan, was man von ihm erwarten kann, es bot dem König seine Entlassung an, die aber von demselben nicht aeceptirt wurde. (Inzwischen dürfte sie aber doch erfolgt fein. D. Red.) Es ist ja auch ein Unsinn und es glaubt hier kein Mensch, daß es Crispi gewesen, der den General Baratieri zu einer entscheidenden Schlacht gedrängt habe, um mit einem fait accompli vor das Parlament hintreten zu können, dagegen herrscht ziemlich allgemein die Ansicht vor, letzterer hätte diesen Verzweiflungsschritt gethan, um die Ehre seines Namens zu retten, und daher, als er sah, daß der Tag verloren sei, den Tod gesucht, jedoch vergeblich. Wunderbar wäre es ja auch, wenn Crispi Baratieri zu einem Angriff in dem Augenblick veranlaßt hätte, wo 10,000 Mann Ver- Mrkungstruppen auf dem Punkt waren zu landen, die, wenn sie sich mit dem vorhandenen Heere vereinigt hätten, einer Schlacht wohl einen ganz anderen Ausgang gegeben haben würden. -------
Baratieri wird natürlich hier aufs Strengste vernrtheilt, eS heißt bereits, er werde bei seiner Rückkehr vor ein Kriegsgericht gestellt werden, doch ist es unrecht, sich über die Geschehnisse eine Ansicht bilden zu wollen, ehe man überhaupt noch deren Einzelheiten kennt, ehe man weiß, welche Ursachen den Befehlshaber zu dem unglücklichen Kampf gezwungen haben. Hat er sich wirklich durch persönliche Rücksichten leiten lassen, wollte er vor dem Eintreffen Baldisseras noch siegen oder untergehen, so verdient sein Verfahren allerdings ein schändliches genannt zu werden.
Daß die öffentliche Meinung so schnell bereit ist, ihm derartige Beweggründe unterzuschieben, liegt daran, weil diese beiden Generäle von ihr immer als Rivalen betrachtet worden sind. Vor einigen 50 Jahren als österreichische Unterthanen geboren, Baldissera in Udine in Venetien, Baratieri in Trient in Tyrol, hat ersterer auch in der österreichischen Armee Dienst genommen und gehörte derselben bis zum Jahre 1866 an, während Baratieri entfloh, um nicht unter „den Bedrückern" zu dienen, gegen die er in Italien zu Felde zog. Baldissera machte feine Karriere langsam, in der strengen österreichischen Schule, wo er sich den Ruf eines sehr tüchtigen Soldaten erwarb, Baratieri gesellte sich Garibaldi zu und beteiligte sich an all den abenteuerlichen Expeditionen des berühmten Condottiere. Als General Baldissera in 1888 bis 1889 die Armee in
Deutsches Keich,
* Kornvbroech Aus Magdeburg, 5. März, wird gemeldet: Gestern Abend sprach der fühere Jesuit Graf HoenSbroech in dem von Herren und Damen dicht besetzten Saale des „Fürstenhof" über die evangelischen Aufgaben der Gegenwart. Pie Der- sammlnna war einberufen von 32 angesehenen hiesigen Bürgern. Vor Beginn seines Vortrages stellte Graf HoenSbroech zwei Dinge klar. Die von Dr. Lieber ihm mitgetheilten Worte WindthorstS hätten gelautet: „Da habe ich mit Gottes Hülfe tüchtig gelogen", nicht „mich durchgelogen", das letztere wäre harmloser, da im Osnabrückschen „sich durchlügen" so viel heißt, wie in schwierigen Fällen die Wahrheit sagen. (Heiterkeit.) Er habe die Aeußernng WindthorstS mitgetheilt, weil sie die Partei, die für Wahrheit, Freiheit und Recht kämpfe, charakierisire. Ferner habe der frühere Reichskanzler Caprivi die Worte: „Was wird Rom, was wird da» Centrnm dazu tagen, wenn wir HoenSbroech anstellen?" thatsächlich ausgesprochen, allerdings nicht ihm, dem Redner, gegenüber, sondern einem seiner Freunde, der mit Caprivi seinetwegen in Berlin unterhandelte. Dieser Freund sei, er habe die Erlaitbitiß. den Namen beute zu neunen, Gras v. Finckenstein, Mitglied des Herrenhauses. Darnach begann Graf HoenSbroech seinen Vortrag.
* Mahlvcrändernng in Knchsen. Als einen Schlag von oben in das Angesicht des Volkes bezeichnet Professor Sohm in einem scharfen Artikel die geplante Wahlrechtsänderung in Sachsen, die bekanntlich das Dreiklassenwahlsystem anstrebt. Die Wahlreform sei ein Angriff aus die Grundlagen des Staatswesens. Würde dir Vorlage Gesetz, so würde man im Landtag den sozialdemokratischen
Mit Predigt und Seelsorge allein gehe das nicht, da die MpfikN der Kirche unter dem Zwange der Partei verloren Mangen fetal, Bum Fall Witte bemerkt der Redner, daß seine Differenzen mit dem Pastor Witte vor dessen Unglück lägen und nichts damitjm thun hätten. —Abg.v. Heydebrand und der Lasa (kons.)füyrt ans, die konservative Partei beklage tief, daß die gesunden sozialpolitischen Ideen, die sie stets vertreten habe, durch die sgaenannte christlich-soziale Richtung so verdreht worden seien, 666 ferne Partei dagegen Protest erheben muffe. Seme Partei wolle für die Arbeiter Alles leisten, was möglich fei, werde aber gegebenen Falles auch nach unten fest sein. —Abg. Lückhoff (freikons.) spricht dem Abg. Rickert Anerkennung dafür aus, daß er für den Pastor Witte eingetrelen ist. - Abg. Rickert (stets. Ver.) warnt davor, Kapital und Arbeit in Gegensatz zu bringen, wie daS durch das Tivoliprogramm zunächst mit dem jüdischen Kapital geschehen sei, mahnt, auf Versöhnung zwischen diesen beiden wichtigen volkswirthschastlichen Faktoren hinzuarbeiten, und wirst dem Äbg. Stöcker vor, daß er in dem Fall Witte und in der Besprechung desselben hier im Hause keine christliche Liebe bewährt habe. — Abg. Stöcker (bei keiner Fraktion) erwidert, es handle sich hier nicht nm-christliche Liebe, sondern um ein Disziplinarverfahren, in dem als obere Instanz sich anfzuspielen Niemand im Hause Berechtigung habe, und erklärt, daß er mit den „jungen Christlich-Sozialen" keine Gemeinschaft habe. — Abg. Sattler (nat.-lib.) bezeichnet den Verlauf des Falles Witte als Bekiindmig eines so schreienden Mißstandes, daß das jpati8 wohl befugt sei, sich damit zu befassen. Ter Redner spricht den Geistlichen das natürliche Recht zu, sich mit sozialpolitischen Dingen zu befaflen; ein Hemmniß und eine Gefahr liege allerdings darin, daß die Geistlichen nicht genug wirthschaftspolitifche Kenntnisse befaßen. Wir würden schon weiter in der sozialen Entwicklung gekommen sem, wen» sich die Einsicht mehr verbreitet und befestigt hätte, daß der Besitz ein Amt in sich schließe. — Abg. J r mer (Ions.) d-finirt den Unterschied des Standpunktes der konservativen Partei von dem der Christlich-Sozialen dahin, daß erstere eine besondere Organisation des vierten Standes nicht will, sondern ein harmonisches Zusammenarbeiten desselben mit den anderen Ständen. Eine Judeiihetze verabscheue die Partei; das Tivoliprogramm habe nur ausgesprochen, daß jüdischen Uebergriffen in das christliche Staatsleben Widerstand geleistet werden müsse; und diese Auffaffttng komme aus der Tiefe der Volksseele. — Nach einer Auseinandersetzung zwischen dem Abg. Stöcker (bei keiner Fraktion) einerseits und den Abgg. Sattler uttb v. Eynern (nat.-libU andrerseits befürwortet der Letztere, daß der Charfreitag in der Rheinprovinz als Feiertag erklärt werden möge. — Geh. Ober-Regierungsrath v. Bartsch stellt die Erfülluiig de« Wunsches in nahe Aussicht, und Abg. Seer (nat.-lib.) will diese Verordnung auch auf die Provinz Posen ausgedehnt wissen. — Abg. Danzenberg (Centr.) will dagegen nichts eiitwenden; gewisse katholische Feiertage sollten aber auch mehr von den Evangelischen respektirt werden. Auf Anfrage des Abg. v. Jazdzewski (Pole) erwidert Geh. Ober- Regierungsrath v. Bartsch, daß in absehbarer Zeit an die Zulassung der Philippiner in der Provinz Posen nicht zu denken sei. — Auf eine Beschwerde des Abg. Brandenburg (Ctr.) antwortet Minister Bosse, er würde gern den Wunsch des Bischofs in Osnabrück erfüllt und die Gründung einer Franziskaner-Niederlassung daselbst erlaubt haben, allein sammtliche vorgesetzten Behörden hatten dies im Interesse des konfessionellen Friedens für unausführbar erklärt, und der Mangel an Seelsorgern sei auch inzwischen durch das dortige
0 Berlin, 4. März.
Das AbgeordneteiihauS setzte heute die zweite Berathniig des KultttS-Etats fort. — Abg. Jansen (Centr.) bemängelt die verschiedene Handhabung der Fleischbeschau in den verschiedenen LandeStlMen. — Minister Bosse erwidert, die Einführung einer obligatorischen Fleichbeschan beschäftige die Regierung aufs Ernstlichstk. — Abg. v. Jazdzewski (Pole) bemerkt gegenüber den neulichen Mittheilungen des Kultusministers, daß er feine Vikare angewiesen habe, im Beicht- und KommuniouSunterricht die deutschen Kinder deutsch zu fragen. — Minister Bosse erwidert, der Propst sei für seine Vikare verantwortlich, und wenn diese seine Versügnngen nicht aiisfiihrten, so sei das seine Schuld. — Abg. Szinnla (Ctr.) tritt für die oberschlesischen Polen ein, die ebenso gute preußische Unterthanen seien, wie der Minister, und befürwortet polnischen Unterricht in den dortigen Schulen.— Bei dem Kapitel Evangelischer Oberkirchenrath bespricht Abg. Rickert geis. Ver.) die bekannten Erlasse an die Geistlichen und den Fall itte. Der Ober-Kirchenrath hat darin Grundsätze aufgestellt, mit denen Jeder einverstanden fein kann. Es ist in der That nicht Sache der evangelischen Kirche, sich am sozialen Streit ostentativ zu betheiligen. Aber die Erlasse sind nicht zweckmäßig. Von oben her soll in die Freiheit der Geistlichen nicht eingegriffeu werden, von denen ich anuehme, daß sie von selbst sich in den nöthigen Schranken halten werde. Zwar haben sich die Geistlichen an der antisemitischen Hetze in höchst verletzender Weise, ebenso in dieser Weise trotz der Erlasse an den Wahlen beteiligt. Einer sagte: Die ganze Wählerei stinkt nach Revolution. Der Erlaß von 1890 ermuntert die Geistlichen ausdrücklich, sich an der sozialpolitischen Bewegung zu betätigen. Als aber die konservative Presse daran Anstoß nahm, kam der letzte einschränkende Erlaß, wo gesagt wird, die Geistlichen seien in der Agitation nicht immer im Stande gewesen, die Würde des Amtes zu wahren und sich der Parteinahme zu enthalten. Dieser Erlaß ist der schlimmste, schon weil er unklar ist; man weiß nicht, wen er eigentlich treffen will. Solche Erlasse hindern überhaupt den Geistlichen au der Bethätigung seiner Uederzeuguiig, und das beklage ich. Dann bespricht er den Fall Witte und wünscht, daß dem schwer geprüften Manne endlich Genugthuung gewährt werde. Der Kultusminister als Chef des Medizinalwesens hätte amtlich dagegen eiu- fBreiten müssen, daß Pastor Witte ohne ärztliches Gutachten für wahiisiunig erklärt worden sei. — Minister Bosse erwidert, daß er für die sozialpolitischen Erlasse des Oberkirchenraths nicht zuständig sei. Aehnlich liege es in dem Fall des PfarreS Witte, gegen den wegen schwerer amtlicher Verfehlungen ein Disziplinarverfahren schwebe, in das er nicht eingreifen könne. — Abg. Stöcker (bei keiner Fraktion) bespricht ebenfalls die sozialpolitischen Erlasse des Oberkirchenraths. Bei den Geistlichen bestehe die Neigung, sich den Interessen des vierten Standes zu widmen, und das müsse geschehen, um weitere Kreise der Kirche znrückzugewinnen.
*) Wegen Stoffandrang aus dem gestrigen Abendblatt znrückgestellt.
(Schluß aus Nr. 110.) (Nachdruck verboten.)
Meteorsteine.
Naturwifleuschastliche Plauderei von Wilhelm Bölsche.
Die ersten Zeiten des Christenthnms änderten darin auch nichts. Früher hatte man die geheirnnißvollen Steine In die Tempel getragen, jetzt wanderten sie ins Kloster. Die Steine selbst aber fielen lustig weiter, im alten Glauben wie im neuen, llms Jahr 823 lesen wir in den Annales Faldenses, in Sachsen seien 35 Dörfer mit Menschen und Vieh verbrannt worden durch feurige Steinmassen, die vom Himmel kamen, — hier fing die Geschichte offenbar an über den Spaß hinauszugehen, und in Kreisen, wo man für das Jahr 1000 den endgültigen Weltuntergang ohnehin erwartete, mag man ein rechtes Gruseln bei der Nachricht empfunden haben. Erft als dieses böse Datum glücklich vorüber war und die Erde mit all ihren Sünden und Thorheiten doch noch weiter bestand, fand man_ auch wieder den nöthigen Humor, um an den Himmelsteinen seine „Kurzweil" zu finden. Gelegenheit dazu bot sich einmal wieder im denkwürdigen Jahre 1492, gerade in den Tagen, da Kolumbus auf seiner ersten Entdeckerfahrt in Westindien weilte. Noch heute mahnt eine Gedenktafel in der Kirche zu Ensisheim zwischen Kolmar und Mülhausen im Elsaß an diesen Fall. „Anno domini 1492“ lesen wir da „uff Mittwochen nächst vor Martini den siebenten Tag Novembris geschah ein seltsam Wunderzeichen. Denn zwischen der eilften und zwölfsten Stund zu Mittagszeit kam ein großer Donnerklopff und ein lang Getöß, welches man weit und breit hörte, und fiel ein Stein von de» Lüfftn herab bet Ensisheim in ihren Bann, der wog zwei
hundert und sechzig Pfund, und war der Klopff anderwo viel größer denn allhier. Da sähe ihn ein Knab in eint Acker im oberen Feld, so gegen Rhein und Jll zeucht, bei dem Gisgang gelegen, schlagen, der war mit Waitzen ge- süet und that ihm kein Schaden, als daß ein Loch innen mürb. Da führten sie ihn hinweg und ward etwa mannig Stück davon geschlagen: das verbot der Landvogt. Also ließ man ihn in die Kirche legen, ihn willens dann zu eim Wunder auszuhencken und kamen viel Leute aller den Stein zu sehen, auch wurden viel seltsam Sieben Don dem Stein geredet. Aber die Gelehrten sagten, sie wissen nicht, was es wär, denn es wär übernatürlich, daß ein solcher Stein sollt von den Bufften herabschlagen, besonders es wär ein Wunder Gottes, den» es zuvor nie gehört, gesehen und geschrieben befunden worden wär. Da man auch den Stein fand, da lag er bei halb Manncsttes in der Erden, welches jebetmaun dafür hält, daß es Gottes Wille Juar, daß er gefunden würde. Und hat man den Klopff zu Luzern, zu Psilliugen und sonst an vielen Orten so groß gehört, daß die Leut meinten, es wären Häuser um- gefaßen. Darnach uff Montag nach Catharinen gedachten Jahrs, als König Maximilian allhier war, hießen ihre königliche Excellenz den Stein, so jungst gefallen, ins Schloß tragen, und als man ihn darein brachte, hielt er Excellenz viel Kurzweil mit dem Stein, und da er lange mit den Herren davon redt, sagte er, die von Ensisheim sollten ihn nehmen und in die Kirche heißen aushencken, auch niemals davon lassen schlagen. Doch nahm er Excellenz zwei Stück davon: das Ein behielt sein Excellenz, das Andre schickte er Herzog Sigmunden von Oesterreich. Und war eine große Sage von dem Stein, also hinck man ihn in den Chor, da
er noch henckt. Auch kam eine große Welt den Stein zu sehen." — Den lustigen Bericht bestätigt heute noch ein daneben hängendes Stück echter Meteormasse, über dessen wirkliche himmlische Herkunft kein Zweifel fein kann. An dem Bericht selbst aber ist eines noch besonders merkwürdig, nämlich der charakteristische Satz, daß die Gelehrten nicht wüßten, „was es wär", denn ein vom Himmel fallender Stein „wär übernatürlich". Man muß sich erinnern, daß damals, um 1492, gerade die größte Wende in der neueren Himmels- funbe vor bet Thür staub. Schon bereitete sich Kopernikus auf sein großes Werk vor, bas eine vollkommen Deränberte Anschauung über die Erde selbst und ihr Verhältniß zu den anderen Himmelskörpern begründen sollte. Bald schon sah man sich durch überzeugende Gründe gezwungen, die Erde aus ihrer ruhenden Stellung im Mittelpunkt der Welt herauszureißen. Sie bewegte sich, sie lief in streng gesetzmäßiger Weise in Jahresfrist einmal um die Sonne. Auf Kopernikus folgte der geniale Kepler, der die grundlegenden Gesetze dieses Umlaufes nachwies, — auf Kepler Newton, der in der Schwerkraft das wahre einigende Band aller Monde, Planeten und Sonnen fand. In das fest gegliederte, anscheinend von Ewigkeit zu Ewigkeit begründete himmlische Uhrwerk dieses neuen Weltsystems schien nun nichts schlechter zu passen, als die Existenz regellos fliegender Steine im Raum, die von Zeit zu Zeit aus unbegreiflichen Gründen die Erdbahn kreuzen und auf uns herabkollern sollten. Und so zogen denn die Gelehrten der folgenden drei Jahrhunderte den Schluß, daß sie zuerst im Sinne jener Chronik von Ensisheim den Fall solcher Steine vom Himmel für etwas „unbegreifliches" and weiterhin dann für etwas „unmögliches" erklärten.
