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Seite 26. 27. Februar 1896.

Wiesbadener Tagblatt (Morgen-Ausgabe). Verlag: Lauggafse 27.

44. Jahrgang. Sto. 97,

sind Die Radfahrer dagegen empfinden die Nummerplatten haupt­sächlich aus dem Grunde als eine große Belästigung, weil sie auf Fahrten, auf denen sie GebietStheile verschiedener Staaten oder Regierungsbezirke, ja selbst Kreise berühren, in der Regel ver- vflichtet find, für jeden dieser Verwaltungsbezirke eine besondere Nummcrplatte sich zu beschaffen und bei sich zu führen. Dem erstere» Einwand ist in der Polizei-Verordnung dadurch zu be­gegnen versucht worden, daß in § 6 der Polizei-Verordnung für die demnächst im hiesigen Regierungsbezirk in Anwendung kommenden Nummerplatten und Zahlenschrift besondere von allen anderen hier bekannten, in anderen Verwaltungsbezirken in Geltung stehenden Platten abweichende Farben vorgcfchrieben, welche dieselben schon äußerlich den überwachenden Organen und dem Publikum in einer jeden Zweifel über den Ursprung derselben ausschließendcn Weise kenntlich macht und daher die oben geschilderten Uebel- stände beseitigt. Wird das gleiche Verfahren auch in den benach­barten Regierungsbezirken und Bundesstaaten eingeschlagen, so würde einer der Haupteinwürfe gegen die Nummerpiattcn be­seitigt werden. Der Belästigung der Radfahrer dadurch, daß dieselben gezwungen sind, für jeden Verwaltungsbezirk eine besondere Nnwmerplntte zu führen, ist durch die Bestimmung im § 10 Nr. 2 1. c. vorznbcngen versucht worden, wonach von der Lösung einer Radfahrkarte und Beschaffung einer Nummerplatte im diesseitigen Regierungsbezirk befreit sinddiejenigen Radfahrer, welche sich im Besitze von nach Maßgabe anderwärts gültiger poli­zeilicher Vorschriften beschaffter Fahrkarte und Nnmiuerplatte be- fiudeu". Beim Erlaß dieser Bestimmung ist von der Annahme ausgcgaugen worden, cs werde in diesem Punkte Seitens der Polizeibehörden der benachbarten Regierungsbezirke und Bundes­staaten der Grundsatz der Gegenseitigkeit zur Anwendung gelangen.

Krankengeld und Gehalt« Der Prinzipal ist nicht berechtigt, dem Handlungsgehülfen den Betrag des diesem Seitens Oer Krankenkasse gewährten Krankengeldes von dem Gehalt in Abzug zu bringen. So hat die Civilkammer des Landgerichts I Berlin als Berufungsinstanz entschieden. Der Handlungsgehülfe gründete seinen Anspruch auf § 60 des Handelsgesetzbuchs, das Amtsgericht entschied zu seinen Ungunslcn, weil es (tuen Anspruch aus § 60 für einen Entschädigungsanspruch ansah und meinte, daß der Kläger auf Gnind seiner Ansprüche an die Krankenkaffe anderweitig gedeckt sei. § 60 lautet:Ein Handlnugsgehülse, welcher durch unver­schuldetes Unglück au Leistung seines Dienstes zeitweise verhindert wird, geht dadnrch seiner Ansprüche auf Gehalt und Unterhalt nicht verlustig; jedoch bat er auf diese Vergünstigung nur für die Dauer vou 6 Wochen Anspruch." Das Landgericht hat nun ent­schieden, daß ein solcher Anspruch nicht die Natur derEnt- schädignng" trage.

Gin plötzlicher Tod ereilte gestern Abend gegen 7 Uhr den seit mehreren Jahren hier wohnenden Konsul a. D. Georg Adolf Beer. Der alte Herr kam aus dem Lesezimmer im Knr- hause, wurde unterwegs von Unwohlsein befallen und erlag bald darauf einem Schlagfluffe.

Vergeben wurde von der städtischen Bau-Deputation die Herstellung einer 49 m laugen, gemauerten Kanaltheilstrecke (Profil 95/50 cm) in der unteren Wilhelminenstraße (Stiftskeller-Terrain) an Herrn W. Becker hier.

Vrretns-Aachrkchten.

ueurze sachliche Berichte werden bereite»läigit unter dieser U-berschrtit rukgenommea.i

* ^Vom Ortler bis zum Monte Cevedale" lautete das Thema, iiber welches am 24. Januar d. Js. imWiesbadener B e a in t e u - V e r e i ii" das Vereinsmitglied, Herr Ober-Telegraphen- Assistent Dnlinski eigen Vortrag hielt, welcher gewissermaßen die Fortsetzung des von ihm im vergangenen Jahre in deinselben Verein gehaltenen Vortrags überHochgebirgStouren in Tyrol" bildete. Diesmal schilderte der als eifriges Mitglied der Sektion Wiesbaden oes Deutschen und Oesterreichifchen Alpenvereins wohlbekauute Redner seine Erlebnisse bei Gelegenheit der von ihm im Juli v. Js. in Gemein­schaft mit zwei Freunden ansgkführteu Besteigung der Ortlerspitze und des Monte Cevedale. Die Reise führte über Parteukirchen, Eibsen, Ferugaß /hier Gasthaus zum Fernstem, Absteigequartier des Königs Ludwig II. von Bahern bei seinen nächtlichen Schlitten­fahrten), Hochstnstermiinz, Refchen-Scheideck (Blick auf die Ortler- grnppe), Payerhütte (zu Ehren des Ortlererforschers und Nordpolar- fahrcrs Jul. v. Payer) hinauf zur Ortlerspitze (3902 m), von da über die Tabarettawaud nach Sulden hinab und sodann über die Schaubachhntte auf den Monte Cevedale (3774 m) und weiter durch das Bei Cedeh nach Bormio, über das Stilsserjoch nach Trafoi, über den Osenpaß in das Engadin, über den Flüelpaß nach Davos und van Rorschach über den Bodensee nach Friedrichshafen und zurück zur Heimath. Redner, welcher den meisten Zuhörern vou seinem voriasährigeu Vortrag her noch in angenehmer Erinnerung stand, hat es auch diesmal in vortrefflicher Weise verstanden, durch seinen Vortrag und mit Hülfe der herumgereichten photographischen Ausnahmen die Anwesenden im Geist in jene, nur von wenig Sterblichen besuchten Gegenden zu versetzen und ihnen die eigenartigen Naturschönheiten dersetbcu in farbenprächtigen Bildern vor Augen zu führen. Sehr anerkennend sprach er sich dabei auch über die segensreiche Thätiakeil des Deutschen und Oesterreichifchen Alpenpereins in Bezug auf die Erbauung von Schutzhütten und die Herstellung von Wegen in den Hochreaionen an«, ohne welche ein Besuch jener Gegenden kaum möglich wäre. Der dem Redner nach Schluß seines fesselnden Vortrags vou den Anwesenden durch Erheben von ihren Sitzen bekundete Dank muß als ein wohlverdienter bezeichnet werden.

* Die Gesangriege desMänner-Turnvereins" ver­anstaltet am Sonntag, den 1. März, einen Familienausflug nach Rambach (LokalZum Taunus"). Für Unterhaltung ist bestens gesorgt.

* Frankfurt a. M., 26. Februar. Heute Vormittag, um 11 Uhr, wurde der chr ist l i ch-s ozia l e Parteitag hier eröffnet. Erschienen sind ungefähr 200 Delegirte aus allen Thcilen des Deutschen Reiches, insbesondere ans den Provinzen Hessen-Nassau, Westfalen und der Rheiuprovinz. Hofprediger a. D. Stöcker er­öffnete die Versanimluiig, indem er zum Gebet aufforderte. Bei der Büreanwahl wurde Graf Solms-Laubach zum Vorsitzenden gewählt, welcher sich darauf in längerer Rede über die Stellung der christlich- sozialen Partei gegenüber den anderen Parteien ausließ. Hierauf hielt Stöcker einen Vortrag über die Organisation der Partei. Im Verlauf seiner Ausführungen kam der Redner auch auf seinen Austritt aus der konservativen Partei zu sprechen und begründete denselben hauptsächlich mit dein Gegensatz, der zwischen ihm und der Partei in Bezug auf die sozialpolitischen Fragen be­stehe. Namentlich die Agrarfrage fei es, die trennend zwischen ihm und der Partei stehe; er wisse die Noth der Landwirthc auzuerkennen, aber die konservative Partei dürfe nicht zu einer rein agrarischen werden.

Uemrüschies.

* Der Krach der Firma Dannenbom n. Co. Erloobcn Sie mir erst een paar Worte, Herr Präsident? Vors.: Nun? Was wollen Sie? Augckl.: Ick wundere mir bloß, bet diese Sache nach Moabit verwiesen worden iS, wo sie doch vor't Haudelsjericht oder vor die Aeltesten der Koofumnuschaft oder meinetwegen vor dat Jewerbejettcht gehört. Man kann doch nich bei Koofleite gleich allens uf die Kriminalwiejefchaale lejen, sondern Bors: Hören Sie auf mit dem Unsinn und passen Sie auf, was die Anklage Ihnen zur Last legt. Sie sollen also einen armen Polen, den Arbeiter Josef Staujeck, in niederträchtiger Weise betrogen haben. Sennen Sie dies Buch hier? Augekl.: Janz jenau. Set is mein Hauptbuch jewesen, und mein Name August Dannenbom steht uf die erste Seite und ebenso det Datum. In die koofmännische Buchführung bin ick knollig jenau. Vors.: So. Also Staujeck hatte Sie wohl als Gehülfen angenommen, weil er nicht lesen und schreiben kann? Als Jehilfe nich, ick tont sein Campagnen. Dcrf ick denn nich kurz erzählen, wie det jckommen is? Ick muß hier die Sache, die eenen janz apartijen Fummel hat, doch auseinandersetzen. Vors: Aber machen Sie cs furg! Augekl.: Det muß so Anfangs Dezember je­wesen sind, als ick zufällig ufn Alexauderplatz meinen Fremd Josef in't Ooge kriegte. Wir hatten in'n Sommer zu­sammen in Treptow bei det Plansten vou die Gewerbe-Ausstellung jearbeitet und immer treu zusammenjehalten. Er kam uf mir zu nn mcente so tu seine polnische Handschrift:August! Bruder! Wo kommst Du her jewesen bei das stoße Feuchtigkeit?" Denn et regente mächtig. Vors.: Drücken Sie sich in Ihrem eigenen Dialekt aus. Augekl.: Jawohl. Meiner is ooch besser. Also er kriegt erst eene Buddel raus, hat aber blosblauen Zwirn", so'n janz ordinären Fusel brüt, denn wat änderet brinfr der Polacke nich. Darauf fangen wir an, uns vou die schlechten Zeiten zu unterhalten, ttn er erzählt mir, bet er ferne wat verdienen möchte. Ick sageJa, sage ick, det,möchte ick och, so wahr ick Dannebom heeße". Als ick so meinen ejeneu Namen höre, krieje ick eene Idee.Josef," frage ick ihn, hast Du Jeid?" Ja, meente er, er hätte von die Sommer­arbeit 300 Mark nach Hanse geschickt, fein Vater hätte det Jeld in Verwahrung. Mensch k sage ick, det wird jerade ausreichen. Un »u stelle ick ihm vor, bet er sich bet Jeld schicken lassen sollte, un beim sollte er sich uf'n Lehrter Bahnhof eene Ladung Danueuböine koofen, nu die sollte er denn mit'n stoßen Verdienst wieder im Einzelnen verkaufen, da könnte er een reicher Mann bei werden. Det konnte ihm ja nn scheinen, aber er meente, det würde ihm hinderlich sein, bet er nich schreiben könnte. Ja, sagte ick ihm, wer zu'n ntercantilen Handelsstand ieberjeht, der muß ooch schreiben können, sonst jeht er fachte pleite. Vors.: Nun gut. Sie erboten sich, ihm bei dem Geschäft behütflich zu fein und das A lisch reiben der verkauften Bäume zu übernehmen, wofür Sie täglich drei Mark erhalten sollten. Augekl.: Un Vormittags und Nachmittags jedes Maleenen Jroschenzu Schnaps. Zuerst ijng et janz jut. Er machte die Hutschen zurecht uu setzte Zweige in die Stämme, datjsie einjal ausschcn würden, un verkooste sie denn Stück vor Stück je nach ihrer Jröße un Schönheit von 7/» an bis zu'» Daler. IIn jedes Mal, wenn er einen verkoost hatte, denn rief er mir zu: Danneiibom schreib' an! wodrnf ick beim den Blei­stift uaß machte uu bet jebeS Mal anschrieb. Sa können die Aeltesten der Koofinaniischaft un Kommerzieuräthe kommen, ob det so nich in btr Orbniiug iS. Vors.: Wie viel Bäume haben Sie im Ganzen verkauft? Ange!!.: 335 Stück. Vors.: Jetzt wollen wir 'mal Ihr Buch hier betrachten. Da steht auf der ersten Seite: Sechs Schock Tanueltbäume eingekanft. Sind sechs Schock nicht 360 Stück? Augekl.: Jawohl. Vors.: Haben Sie welche übrig behalten? Angckk.: Nee, sie sind alle verkooft worden. Vors.: Wie kommt es denn, daß Sie 25 Stück mehr eingekauft als verkauft haben ? Augekl.: Det jeht leichte ait, indein man immer ein ist opfern

muß, nm andere, die mal eene Lücke haben, damit ans-

zuputzeu. Da können Sie die Aeltesten der Koofmannschaft nn säinnitliche . . . Bors.: Halten Sie den Mund! Ihr

Einwand ließe sich ja hören, ober Staujeck behauptet, daß dazu

höchstens fünf Stück dransgegaiigen sind. Es fehlen also immer noch 20 Stück. Augekl.: Wie soll ick bet wissen, wie bet zusammen­

hängt? Uf eenen Zeujen, der nich lesen un schreiben kann, jede ick nichts, ben brauche ick nich anzunehmen. Sie jlooben jaruich, wie dumm er is. Vors.: Na, na, so bnmnt ist er nicht. Lesen kann er übrigens etwas. So hat er z. B. herausgefunben, daß sie wieder­holt kleinere Beträge für Nägel, Sägeschärfen :c. angeschrteben haben, thatsächlich haben Sie aber Schnaps dafür gekauft. Doch dieserhalb ist keine Anklage erhoben. Nu» will ich Ihnen aber nachweisen, wo die fehlenden 20 Bäume geblieben find. Sie haben Sie verkauft, wenn Staujeck nicht anwesend war, und den Erlös haben Sie in Ihre Tasche gesteckt. Augekl.: Herr Jerichtshof, det muß mir bewiesen wer'n. Sa können die Aeltesten der Koofmannschaft . . . Vors.: Ach, Unsinn. Sehen Sie 'mal hier Ihr Notizbuch an. Sa haben Sie zwei Blätter zusammengeklebt. Man hat sie mühselig wieder getrennt, und nun stehen auf den Seiten gerade 24 Bäume als verkauft auf- geführt. Was sagen Sie dazu? Augekl. (fassungslos): Set muß mir Eener zum Schabernack angedhan haben. Sie Beweisaufnahme läßt keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten, welcher zu einer Gefängnißstrafe von 14 Tagen verurtheilt wird.

* Eine echte Faschingsrrchnung stellte ein Pariser Blatt über die Anzahl der auf den Boulevards geworfenen Confctti an. Von der Rue Drouot dis zur Rue Saitbout, auf einer Strecke von 250 Metern, zahlte man 140 Confettiverkänser. Der durchschnittliche Absatz eines Jeden betrug 300 Säcke zu einem Kilo Gewicht und zum Preise von 1 Frane, das ergiebt den Verkauf von 42,000 Kilo auf einer Seite des Boulevards, für beide also 84,000 Kilogramm. Auf einer Strecke von fünf Kilometern, die die Boulevards und die Nebenstraßen ungefähr ausniachen, würde sich also der Verkauf auf 840,000 Kilogramm belaufen. Mehrere große Händler haben selbst eine Million Kilo angenommen. Aus ein Gramm gehen 150 Con- fetti, danach hat man also auf den Boulevards und Nebenstraßen 1500MilliardenConfetti geworfen. Ein Sack von einem Kilogramm Inhalt ist etwa 20Zentimeter hoch. Nimmt man also den Verkauf von einer Million sacken an, so würden diese aufeinandergestellt eine Höhe von 200,000 Metern ausmachen, b. h. 666-mal diejenige des Eiffelthnrnies.

* Ein merstiVÜrdlgrs Aktenstück aus dem sechzehnten Jahrhundert ist die letzte Vermahnung der Freifrau v. Onitzeu an ihre Töchter Anna Kunike und Christine Gödike. In diesem Schrift­stück, das zu Braunschweig verfaßt ist, sind die guten Erziehungs- lehreti jener Zeit ausgezeichnet. So warnt die edle Dame vor der Litteratur des Tages:Leset bi Licwe nich in den godlosen licht­fertigen Bökern, da so voll @üiinen inne steit, dat will ick dnrchnt »ich Habben un uf »ich nödig; denn bet juck von unfern Herrn Eod bescheert ist, bei schult juck woll woren, dat ju in bei Bökern nich tau lesen Vedörvet, beim ut solchen Bökern kamt arge Ge­danken uu ut bet Gedanken kamt böse Daten." Daun kommt die würdige Frau ans die jungen Männer.Wenn bei Junggesellen kuntnien, so lat juck nich seien (sehen), bis ju zu Tisch geiht, so macht eiten sittgen Kniks." Sann sollen sie ihre Augen vor sich niederfchlagen, die Hände vor ihren Leib halten und die jungen Männer bei Leibe nicht ansehen. Wenn dieselben aber ihre Hand fassen, sollen sie solche wegziehen und unter die Schurze stecken. Die Töchter sollen ferner auch nicht anfsehen, sich bei Tisch in kein Ge­spräch einlassen und die Beine still beisammen halten, den Kopf nicht regen, wenig essen und mir einmal trinken; sie könnten ja vordem auf ihrer Kammer essen. Wenn Einer zu ihnen sage, daß er sie lieb habe, sollen sie antworten:Ob Ihr mich lieb habt oder nicht, das Eine ist mir so lieb wie das Andere."Wenn sie juck »ich in Friede laten wullu un mit juck keddern (mit Euch plaudern), sagt also:Packet juck weck nn lat uns mit Friede" oderIck schlae juck uf de Snnt, ju unbescheidene Esels."

Kleine Chronik.

Nach derNeuen Freien Presse" reift die Gräfin Hoyos dem­nächst nach Schönhausen, wo ihre Tochter, die Gräfin Herbert Bismarck, einem freudigen Familien-Er- e i g ii i ß entgegensieht.

Durch Herabfallen eines zerrissenen Fernsprechdrahtes auf die Leitung der elektttschen Straßenbahn gerieth in Remscheid das Fernsprechamt in Brand. Fast sämmtliche Klappenschränke ind zerstört. JE er Betrieb ist unterbrochen.

Ein gewisser Marti aus Blumberg (Baden) ist unter dem Ver­dacht, vorige Woche bin Mord an der Hebanime Vetter verübt zu haben,, in Basel verhaftet worden. Gr wird nach Donaueschingen ausgeliefert werden. (Bekanntlich ist schon ein Aizt in Blumberg unter dem gleichen Verdacht verhaftet worden.)

Wie dieDonau-Zeitung" mittheilt, ist in einem Dorfe in Niederbayern eine 83-jahrige Person gestorben, dievonJugend auf als Frauensperson galt, als solche gekleidet war und diente, nach dem Tode aber sich als Mann entpuppte.

Personen, welche einen feuerspeienden Berg zu kaufen wünschen, werden durch Londoner Blätter benachrichtigt, daß sie sich dieses Vergnügen eigener Art zu Beginn des nächsten Monats in dem großen Verstetgernngrhanse in London leisten können. Dort wirdan den Meistbietenden gegen gleich banre Bezahlung" die zu den Liparischen Inseln gehörende Insel Volkano mit ihrem be­rühmten Krater verkauft werden.

Ein gewaltiger Orkan hat in Adelaide iu Australien, wie vou dort telegrapbirt wird, große Verheeruugen angerichtet. Ein Kirchthurm wurde zertrümmert, die Pferdebahuwageu von den Geleisen geschleudert, mehrere eiserne Dächer abgedcckt und großer Schaden verursacht.

zetchen der englischen Kolonieen Britisch-Euiaua und ManritinS. Die älteste Gniana-Marke zu 2 Cents ist in rohem, schwarzem Buch­druck auf rosafarbenem Papier ausgeführt. Von dieser Ausgabe ist bloß ein halbes Dutzend Exemplare vorhanden, die in den letzten Jahren nicht mehr ihre Besitzer gewechselt haben und deren Werth daher nur annähernd bestimmt werden kann. Englische Fach- blntter sind der Ansicht, daß eilt tadelloses Stück dieser Ausgabe, wenn es jetzt zum Verkauf gelangt, leicht einen Preis vou 300 bis 400 Pfund Sterling (6000 bis 8000 Mk.) er­zielen könnte. Im Handel nicht erhältlich sind auch die beiden ältesten Marken der Insel Mauritius, die Penny- und die Zwei- penny-Marke vom Jahre 1847 (roth und blau mit Randschrist Post Office). Von jeder ejiftiren bloß acht Exemplare. Das letzte Paar dieser phckatelistischen Kostbarkeiten wurde vor zwei Jahren in Boulogne entdeckt und an das Briesmarkengeschäft von Stanley Gibbons u. Co. in Loudon für zusammen 680 Pfund Sterling (13,600 Mk.) verkauft. Von hier aus wurden die Marken an Mr. Avery in Birmingham für einen selbstverständlich erhöhten Betrag weitervcrkaiift. Exemplare aller drei Sorten befinden sich in der berühmten Tapliug-Sammlung im Britisch-Museum, sowie in der en Raritäten und Kuriositäten besonders reichen Sammlung der Herrn Philipp v. Ferrary in Patts.

* R«ber den Kart, die Zierde des Mannes, plandert das Berk. Tagebl." u. A.: Wer hat es nicht erlebt, wenn er sich einen Manöverbart" stehen liefe oder sonstwie seinen Wangen Gelegenheit geben wollte, sich mit einem prächtigen Haarkleid zu bedecken/ wer hat es da nicht erlebt, daß Gattin ober Braut so oft entsetzt ausrief:Aber, wie siehst Du aus?" daß man sich schließlich wieder fenfzend deut Barbier und feinem launischen Scheermesser unter­warf? Daher kommt, wie man aus einer Statistik, die Jeder selbst Iriefet iu seinem Bekanntenkreise aufnehmen kann, leicht erficht, die verhältnißmätzig geringe Zahl der Vollbärte, obgleich die meisten Deutschen, auch die, denennicht? wächst", und schließlich auch die Damen das Ideal der Mannesschöiiheit in dem Vollbart erblicken. Und erst gar, wenn er blond oder vielmehr braun und lang ist;wallend" neunen so etwas mit Vorliebe die weiblichen Romanschttststeller, die denHelden" so oft, wie irgend möglich, mit derwohlgepflegten Rechten" diesen wallenden Bart streichen lassen. Aber einen solchen Bart, der un­geachtet der Farbe neuerdingsSudermann-Bart" im Berliner Westen heißt, kann sich nicht Jeder stehen lassen, und darum kann die Mode auch de» Sudermann-Bart nicht fommanbireit,

sondern sie mnfe sich an leichter erreichbare Formen halten. Der Kaiser Wilhelm-Bart, der ehemals in Deutschland bei hohen Osfizieren und Beamten so sehr in Ansehen stand, ist schnell verschwunden und jetzt zur Seltenheit geworden, und Kaiser Wilhelm II., wenn er auch feit en blonden'Vollbart, den er einst vou der Nordlandsreise mitbrachte, wie es heißt auf Wunsch seiner Gemahlin, schnell wieder abgelegt hat, sieht bärtige Ossiziere und Mannschaften gern; dasselbe hat Prinz Heinrich be­züglich der Marine geäußert. So braucht man auch nur einen Blick in die Modejonrngle aller 81 rt zu werfen, überall herrscht der Vollbart vor, er ist unbestritten jetzt mehr als jeMode". Allerdings nicht die wehende Ziere des Patriarchen, nicht der Häurü Kalter" wie jeder Barbierlehrling gebildet sagt, sondern der an den Wangen ganz kurz gehaitcue, allmählich nach dem Kinn zu sich verdichtende und unter dem Kinn küss'nutg zugestutzte Spitzbart.Ganz spitz" ist nicht mehr mobeni, und wie weise Coiffeure wichtig rannen, wird in der nächst«: Saison der Bart noch viel breiter unter dem Kinn getragen werde», während er an den Wangen mit derkürzesten" Nummer der Bartschneide­maschine gemäht werden wird. Mancher, der gemeinsam mit seiner Gattin ans feinen schönen Schnurrbart stolz ist, den er nicht durch einen Voll bart verdunkeln will, wird vielleicht über das Wort Bartmode" lächeln und achselzuckend sagen:So etwas ist auch nur heutzutage möglich, früher gab es solche Ideen nicht." Aber das ist unrichtig; zwar als Maler und Bildhauer e? zuerst wagten, die Bewohner des Himmels mit Hülse der Knust darzustelleu, do war man iu der Beurtheilnng einig, da gaben sie stets dem höchste» Wesen einen imposanten, Kinn und Wangen be­deckenden Bart, bei den Egypteru, Juden, Griechen und Römern blieb er stet» ein Attribut der Stärke und Kraft; aber in der Kirche wurde er bald ein Gegenstand der größten Mßhelligkeit und Zwietracht. Bald wurde der Vollbart als Zeichen der Rechtgläubig­keit, bald alsausgestreckte Standarte der Ketzerei" ausgelegt, es wurden darüber Provinzial-, National-, General-Konzilien, Synoden und Kapitel abgehalten, und ans allen diesen Untersuchungen entstanden Streitigkeiten ohne Zahl, iu denen die Frage erörtert wurde, ob und wie man den Bart, ohne zu sündigen, wachsen laffen dürfe. Bald sollte man ihn rund, bald viereckig, bald ausgezackt tragen, und schon dies erregte Abendland und Orient in hohem Grade; als man sich aber nicht mehr damit genügen ließ, über Form und Größe zu streiten, sondern die Kirchendiszipliu befahl, das ganze Gesicht zu rafiren, da erhob man im Morgen­

land energisch und erfolgreich die Stimme dagegen. Ganz besonders reich ist die alte französische Chronik an Bartgeschichten, welche durch die Mode veranlaßt wurden. So wurde ein bärtiger Bischof, der in vollstem Schmuck vor der Thür feiner Domkirche erschien, um von seinem Sprengel Besitz zu nehmen, von rafirten Domherren zurückgewiescn, falls er nicht Gebrauch vou einer goldenen Scheere machen wollte, die sie ihm ehrerbietig auf fammetnem Kissen überreichten, und schließlich einigten sich die beiden Parteien aus den Schnurrbart, den der Bischof von da an auch trug. So ist von jeher und zu allen Zeiten der Bart ein Gegenstand wechselnden Geschmacks, und die Liebe des Mannes zu seiner stolzen Zier ist typisch vomjüngsten Lieutenant" Ernestine Wegnerschen Angedenkens, der seinen Schunrrbarthaaren dieNameu feinerFlammen" giebt, bis zum unersättlich bartsreudigen Türken, der trotz des ausgewachsensten Exemplars seinem Freunde immer noch den Gruß zürnst:MögeDein Bart wachsen"; und außer Jockey», Kutschern und Dienern, denen dieser Schmuck traditionell ver­sagt ist, und Schauspielern, denen ihn ihr Beruf verbietet, giebt es bet uns zu Laude fast keinen gänzlich bartlosen Erwachsenen. Anders sind darüber die Volksanschauungen bei den Peruanern, Hunnen und Engländern. Die Peruaner rissen sich den Bart sorg­fältig ans, die Hunnen sengten sich die Gesschtshaare radikal ab, und in unserer Zeit stehen mit ihrer Aversion gegen den Bart die Engländer allein da, denen man allerdings gerade jetzt da» Bibel­wort ;urufen könnte, das für kindliche Ruhmredigkeit bestimmt ist: Bleibet zu Jericho, bi« Euer Bart gewachsen ist!"

* Da» Urbild de» deutschen Zatismurst ist, nach einer interessanten Auseinandersetzung in der tllustrirten ZeitschriftZur Guten Stunde", der neapolitanische Pulcinella, der seinerseits aus dem Fritellino entstanden ist:In der commedia dell arte, dem Lustspiel der italienischen Renaissance, wurde fast jede italienische Provinz durch einen Typus repräsentier. So steuerte Neapel vor Allem die volksthümlichste Figur» den Pulcinella, bei, das Urbild des deutschen Hanswurst, und den Scaramuccia, den tölpelhasten Troubadur, der bei jeder Gelegenheit Prügel empfängt. Aus Bergamo stammt der buntscheckig gekleidete Arlecchino mit ferner Pritsche, aus Venedig der Pantalone, der den venetiauischen Psahibürge» geißelt, und der Notario mit feiner GelehrsamkeitS-Krämerei, - ans Florenz der Typus des dummen toskanischen Bauern, der Stentarello, aus Bologna der ewig moralistrende Narcisino. Im Fritellino ist wohl das Urbild des heutigen Pulcinella zu suchen, der auf der italienischen Volksbühne die Vierrot-Tracht trägt."