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2. Mage zum Mestmüener Tagtllatt.

Uo. 89. Morgen-Ausgabe.

Samstag, den 22. Februar.

44 Jahrgang. 1896.

politische Tages-Rundschau.

Das Börsenspiel. Der russische Finanzmiuister stellt über dasselbe in seinem jüngsten Bericht sehr sach­gemäße Betrachtungen an. Er scheidet daS Spiel von der berechtigten Spekulation und warnt das Publikum sehr nach- drücklich, daran theilzunehmcn, da diesem alle Voraus­setzungen einer gewinnbringenden Spekulation vollständig fremd seien und es ihm daher meistens zum Opfer falle. Trotzdem lassen sich ständig sehr viele Leute zum Börsenspicl verleiten und opfern diesem Moloch Millionen ehrlich erworbenen Vermögens und sauer verdienter Ersparnisse; dies erklärt sich aus der Verblendung der Urthcils- kraft aller Derjenigen, die mühelosem Vermögens­erwerb nachjagen und gegen diese Verlockung in ihren Grundsätzen kein Gegengewicht finden. Deshalb ist auch die Bekämpfung durch staatliche Maßregeln überaus schwer. Bessere Erfolge könnten erzielt werden durch er­zieherische . Maßnahmen, abzielend auf die Wachrufung höherer Triebe in der menschlichen Nalur, auf die Kräftigung des Willens und der Gefühle, auf die Verbreitung gesunder Anschauungen und tieferer Einsicht in das Wesen derSache. So der russische Finanzminister! Seine Auffassung verräth im Gegensätze zu anderen Erscheinungen, wo man die Uebcl auf büreaukratischem oder demagogischem Wege heilen zu können glaubt, eine klare Erkenntniß und eine hohe ethische Stellung.

Gerüchte von einer Räumung Egyptens Seitens der britischen Truppen, die dnrch die Annäherungs­versuche Salisburys in Paris und Petersburg eine ge- wiffe Basis zu besitzen scheinen, haben die Stellung der Engländer hier, so wird aus Alexandria geschrieben, recht schwierig gemacht. In der Voraussicht, daß es mit ihrer Herrschaft doch bald zu Ende sein werde, finden sie überall einen, wenn auch bisher nur passiven Widerstand, dem sie nicht mit der früheren Energie zn begegnen wagen, in der Furcht, die Bevölkerung zu Gewaltthätigkeiten zu treiben, die eine Einmischung Europas zur Folge haben könnten. Da das in solchen Fällen übliche Mittel, Nach­richten von einem bevorstehenden Einfall der Derwische, nicht mchr zieht, Hal der Vertreter Großbritanniens, Lord Cromer, offiziell erklärt, der jetzige Zustand werde keine Veränderung erfahren. Die egyptischen Blätter weisen indeß mit Nachdruck darauf hin, diese Behauptung sei höchstens die individuelle Meinung Lord Cromcrs, und thun ihr Möglichstes, die Aufregung unter den Eingeborenen zu vermehren. Letzterer hat cs daher für richtig gehalten, eine Verstärkung der englischen Besatzung in Aussicht zu stellen, die er mit der gefährlichen Lage an der Grenze des Sudans begründet. Das Ministerium des Khediven das Nilreich hat die Kosten zu tragen bestreitet indeß die Nothwendigkeit und dürfte wohl auch mit seinem Proteste durchdringen, da Lord Cromer es vor Allem vermeiden will, einen diplomatischen Zwischenfall zu schaffen. Immerhin ist die Angelegenheit wichtig, denn sie würde die erste moralische Niederlage Englands in Egypten sein.

Das Glend in der Hansindnstrie der Konfektion.

Von Oda Olberg. (Leipzig 1896, Fr. Wilhelm Grünow.)

Die neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete der Hausindustrie, namentlich in der Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche, stchern der kürzlich unter obigem Titel erschienenen kleinen Schrift etn_ besonders praktisches Interesse. Die der hausindustriellen Thätigkeit anhaftenden Mängel und Gefahren treten in derWäsche- fabrikation und der Konfektion, zumal in den Großstädten, unter eigenartige» Komplikationen in die Erscheinung, welche es besonders wünschenswerth erscheinen lassen, auch die nicht unmittelbar wirth- schaftlich Betheiligten, vor Allem die Frauen der besitzenden und gebildeten Schichten der Bevölkerung, über das Elend unterrichtet

zu sehen, dem sie die Wohlfeilheit der ihnen in den modernen Magazinen angebotenen Maaren verdanken, und sie zu werkthätigcr Hülfe anfzurufen. Das gerade ist der ausgesprochene Zweck der kleinen Schrift: ein beredter warmer Appell an das Herz, an die Menschenliebe, an die Hülfsbereitschaft der deutschen Frauen. Es ist nur zu wahr, wenn die Verfasserin einleitend sagt:Es handelt sich um Schaden, die gedankenlos geduldet werden, von denen die Mehrzahl der Gebildeten wähnt, sie gingen sie nichts an. Man ist nur zu sehr geneigt, den Blick von traurigen Selten des Lebens wcgzuwenden, mau verlangt gar nicht nach Aufklärung. Mitleidig sind wir Alle. Nicht nur, daß eine Geschichte unglücklich Liebender uns fast zu Thräncn rührt; wir sind auch znm Handeln bereit: wir beschecren armen Kindern zu Weihnachten, zahlen regelmäßige Beiträge zu verschiedenen Wohl- thätigkeils-Vcreinen 2C. Aber von dem großen, furchtbaren Massen­elend, das unsere milden Gaben so viel beeinflussen wie ein Tropfen Wasser eine glühende Steinplatte, wollen wir nichts hören. Die kleinen Mißstände werden mit Eifer, ja mit Aufopferung bekämpft; das riesenhafte Elend schweigt nian tobt." Möchten die Frauen der besitzenden Klaffen sich das zu Herzen nehmen und aus dem von gebildeter Frauenhand ihnen gebotenen Buche lernen, daß cs sich hier um eine» Thcil der so viel besprochenen Frauen- srage handelt: viel ernster und der vereinten, hingehenden Mit­arbeit der gebildeten Frauenwelt wahrlich bcdürstigcr, als die Frage der Mädchengymnasien und des FrauenstudiumS. Die Ver­fasserin behandelt nacheinander folgende Gegenstände:Hausindustrie und Sweating-System im Allgemeinen",Lohnvcrbältnisse",Arbeits- dauer, Arbeitsraum und technische Zurückgebliebenheit",Lebens­haltung und anderes",Etwas über die Bedeutung dieser Zustände für die Gesellschaft", »in dann zum Schluß kurz anzudeutcn, welche äußerlichen Maßnahmen nach ihrer Anschauung Wandel schaffen könnten. Wenn die Verfasserin als solche die Ausdehnung der Arbeitcr- schutzgesetzgebung auf die Hausindustrie bezeichnet und in Bezug auf die Konfektion die Errichtung von Betriebswerkstätten dnrch die Unternehmer fordert, so ist da« nicht neu und nicht originell; aber darin liegt auch gar nicht die praktische Bedeutung, der Werth des Buches überhaupt. Dieser liegt, wie gesagt, in dem Aufruf der ge­bildeten Frauenwelt znr Mitarbeit an dein großen sozialen Heil­verfahren, welches hier noththut »eben Arbeiterschutzgcsetzen und Betriebswerkstätten für Mäntel- und Wäschenäherinnen. Gerade wenn die Hand des Gesetzes und der Gewerbepolizei, wie es uöthig erscheint, eingreisen wird in dieses Gebiet weiblicher Erwerbsthätig- keit, dann wird in weitem Maße die soziale Hülfsarbeit der besitzenden und gebildeten Frauen dringend nöthig werden, um die Folge» der unabwendbar damit verbnndenen Be­schränkung der Erwerbsgelegenheit nicht zu neueni schliinnicin Elend ausschlagen zn lassen, vielmehr die sreiwerdenden Arbeitskräfte in gesunde, sichere Bahnen zn lenken. Schon die Ver­söhnung der weiblichen arbeitende» Jugend mit dem Dienstbotcn- vcrhältniß, welches jetzt die Töchter der großstädtischen Arbeiter­familien nncudlich mehr scheuen als das Elend in der Konfektion, und welchen, alljährlich viele Hunderte von auswärts gckomnieiier junger Mädchen sich entziehen, um das Elend der Konfektion dafür einzntanschen schon diese Frage wird dabei recht erust genommen werden müssen. Nur die allgemeinste, hingebendste LiebcSthätigkeit der besitzenden und gebildeten Frauen und eine wesentliche Hebung ihrer sozialen Bildung wird solchen Aufgaben gewachsen fein. Und dazu kann Oda OlbergS Buch viel beitragen.

Deutsches Deich.

* Dir Uedr dr» Kaisers bei den, vorgestern imEnglischen Hause" zu Berlin stattgehabteii Diner lautet wörtlich:Ich knüpfe an an die Allen zu Herzen gehenden Worte Ihres verehrten Ober- Präsidenten, um Ihnen meinen herzlichsten und innigsten Dank aus- zusprcchen für das, was mir soeben aus feinem Munde in Ihrem Namen entgegengeklungen ist. Mit Recht hat unser verehrter Ober- präsideiit an die große Zeil appellirt, die wir soeben dnrchlebt haben, und ich möchte aus der Eriunernng an diese einen Moment auch heute hier vorfübren, den ich dnrchlebt habe und den Ihnen kund zn geben ich bei mir beschloß cs war im Herbste des vorigen Jahres, als ich das Schlachtfeld bei Metz bereiste einen Punkt, der hell in der Geschichte unseres werdende» Reiches dasteht. Ich war ans die Höhe hinanfgegangen, auf der einst daS märkischeCorps ein- setzte, um für seinen König und Markgrafen die Kaiserkrone erstreiten zn helseii. Ich habe bewegten Herzens und feuchten Auges auf das Gefilde gesehen und im Geiste die Compaguieen und Regimenter der alten Märker geschaut, wie sie vornberzogeii, ihren "blutigen Lauf verfolgend. Ich habe sie im Geiste fallen sehen, ringend mit dem Tode, das brechende Ange gen Himmel gewandt mit der festen Ueberzeugung des Sieges im Herzen und der gewonnenen Schlacht. Da ist mir znm ersten Male die volle Größe der That, welche die Mark für ihren König im großen Kriege gethau hat, klar geworden, und in meinem Herzen regte sich das Gelübde, daß für die Leute, die solche Thateu thun können, nichts z» hoch, nichts zu viel sei, als daß es der Markgraf thun müßte, um sich bei ihuen zii bedanken. Dies der Rückblick in die große Zeit, die wir soeben in der Er­

innerung erlebten. Nun kaffen Sie mich Ihnen ein Bild erneuern aus der Zeit des Jubiläums des vergangenen Jahres. Die Menschen pflegen gern die Ereignisse in der Natur, die sich um uns ab­spielen, in Verbindung zn bringen mit dem Finger der Vor­sehung unseres Gottes. Als sich dieHohenzollern" der Ein- niüiidiiiig de« Kaiser Wilhelm-Kanals näherte, war die Nacht im Verschwinden. Ein schweres Gewitter stand über uns, und Blitze und Donner wechselten rasch miteinander ab. Ein gewaltiges Schauspiel; es schien die Natur in großer Aufregung zn fein. Da ein solches Gewitter die Eröffnung, ja die ganze Feier in Frage stelle» konnte, regte sich die Äcsorgniß in meinem Herzen, ob uns auch dieses wohl gelingen möge. Denn es war das große Werk, welches mein Herr Großvater angefangen hatte, welches unter den Augen der gesammten Welt der Vollendung entgegenging, und ein angsterfülltes Gebet rang sich ans meinem Herzen, ob der Himmel uns wohl ein gnadenreiches Zeichen geben würde und ob eS uns bcschieden sein würde, den schönen Tag zu erleben. DaS Schiff leujte in die Schleuse ein, lief durch, und auf der anderen Seite, wo der Kanal beginnt, waren zwei mächtige Thürme aufgestellt von Holz, wie sie in alten Zeiten die Kreuzfahrer baute» und er­richteten, um die Mauern von Burgen und Städten zu brechen, und von den beiden Tbürmeii hingen deutsche Fahnen herab und ein gewaltiges Seil spannte sich über den Kanal. Langsam in tiefer Todtenstille bewegte sich das gewaltige Schiff vorwärts. Hinter uns rollten die letzten Donner und zuckten die letzte» Blitze und vor uns war ein dämmernd-düsteres Gewölbe, in dem bereits ein goldener Glorienfchein anfing, aufzugehen. Das Schiff erreichte das Tau. Es spannte sich. Der Widerstand schien unüberwindlich. Die Thürme krachten, doch das Seil riß und das Schiff lief in den Kanal. In demselben Augenblick fliegen die ersten Strahlen der Morgeiisonne durch das Gewölk empor, dasselbe zertheilend, und eine kurze Stunde darauf leuchtete die volle Sonne. Auf dies hehre Zeichen aber eröffnete sich der Kanal und es erschien das Schiff mit der wallenden Flagge des neu geeinten Reiches, begrüßt von dem Donner der Geschütze der Schiffe der ganzen Welt. Nun, meine Herren, das ist das Facit, was wir aus Ben vergangenen 25 Jahren gezogen haben, das der Rückblick. Nun aber erwächst auch für uns die Pflicht für die Zukunft. Das, was wir erlebt und das, was wir gesehen, verdanken wir doch nur dem großen Kaiser Wilhelm und seinem Gottvertraneii. Die ganze Feier, die sich in dem letzten Jahre ab­spielte, ist gewidmet nur dessen Verherrlichung. Seine geradezu heilige Persönlichkeit, sie verkörpert für uns die Vereinigung des viclersehiiten neuen deutschen Vaterlandes. Es ist für uns die heilige Pflicht, das geheiligte Audeiikeu an diesen hohen Herrn rein und her zn vertheidige» gegen Jedermann,er möge kommen, von wo er auch wolle. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß, wie ich einst de» Appell an Sic gerichtet habe, den Sic auch heute so warm beantwortet haben, sich um mich zu schaaren und meinem Werke zu helfen, wir mit anderer Hülfe noch weiter kommen werden. Ich denke dabei an die deutschen Frauen und Jungfrauen. Ich dachte ihrer auf dem Felde von Vionville, wie sie freudig ihre Söhne, Gatten und ihre Bräutigams dahingegeben haben, um uns unser Vaterland zu er» streiten. An ihnen ist es, uns neue tüchtige Männer heranzuziehen. In unserer Mutter, unserer guten deutschen Frau, liegt eine ge­waltige Macht, die Niemand zu würdigen vermag. Möge sie in ihrem Berns stets dessen eingedenk sein, von welch ungemeiner Wichtigkeit sie ist. und mögen speziell die Märkerinnen dessen stets eingedenk fein, daß sie eine brave, tüchtige Generation junger Märker voll Gott­vertrauen und Zuversicht herauzttziehen haben! Sie aber, meine Herren, die hier schlagenden und pochenden Herzens und gehobenen Sinnes versammelt sind. Sie fordere ich auf, mir das Gelübde zn erneuern, das in der Devise gipfelt, die ans dem Orden, der dem Andenken Kaiser Wilhelms gewidmet ist, steht: Im Audeitkeu an Kaiser Wilhelm zu wirken, ein Jeder in feinem Zweige, was er auch fei, ob Abgeordneter oder Landrath, ob einfacher Bauer, zu stehen und zu arbeiten für das Wohl unseres Vaterlandes. In dieseni Sinne erhebe ich mein Glas und rufe: Die Mark und die Märker sie leben hoch und nochmals hoch und zum dritten äicle hoch!"

* Ans dir Nrcisc, welche die Berliner Konfesttion«- Arbritrr erhalten, werfen die VerhauBlnngen, die dieser Tage zwischen den Ausständigen und den Konsektionären geführt wurden, ein deutliches Licht. Ein Vertreter der letzteren, Herr Rosenbaum, bot folgende verbesserte Löhne der Konfektionäre: Westen 65 bis 70 Pf., Hosen 60 bis 65 Pf., Jackets 1 Mk. 60 Pf. bis 1 Mk. 70 Pf., Röcke 3 Mk. 25 Pf. bis 3 Mk. 50 Pf., Paletots 2 Mk. 75 Pf. bis 3 Mk., Gehröcke 4 Mk. 50 Pf. bis 5 Alk., Pelerinen-Mäutcl 3 Mk. 50 Pf. bis 4 Mk., Hohenzollern-Mäntcl 5 Mk. bis 5 Mk. 50 Pf., Joppen 1 Mk. 60 Pf. bis 1 Mk. 75 Pf., Havelocks 2 Mk. bis 2 Mk. 25 Pf , Fracks 4 Mk. 50 Pf. bis 5 Mk., Kinder-Amfliae 65 Pf bis 75 Pf., Knaben-Anzüge 1 Mk. 45 Pf. bis 1 Mk. 60 Pf. Nur diese Aiindestprcise können als Grundlage einer Verständigung dienen. Zwischentneistcr Mattscheck erklärt tut Namen seiner Kollegen den Tarif für unannehmbar. Wenn die Industrie wirklich keine besseren Löhne, als die hier gebotenen, bewilligen könne, dann wäre es besser, sie ginge zu Grunde, als daß ihre

(Schluß aus Nr. 88.) (Nachdruck verbaten.)

Im Sachsenwald und w die Woge schallt.

Ein winterlicher Reisebrief von Paul Lindenberg.

Nun, er hat es gehalten, der Nord-Ostsee-Kanal, auch bis jetzt, und wird es ferner halten, das habe ich kürz­lich wieder von den verschiedensten Seiten bestätigen gehört; er ist ein technisches Meisterwerk, wie man kaum ein zweites kennt, und alle Befürchtungen, daß er aus diesem ober jenem Fehler seine Zwecke nicht voll erfüllen würde, waren grundlos. Der Verkehr war im vergangenen Sommer ein stets steigender, und er wird noch viel mehr zunehmen, wenn Die Kanalabgaben ermäßigt worden find; dann werden auch die Schiffe von und nach Süd - England, Holland, Belgien re. mehr wie bisher die neue Wasserstraße benutzen. Diese Ermäßigung wird wohl bereits demnächst im Reichstag zur Sprache kommen, da jene durch kaiserlichen Beschluß festgelegten Kaiialgebühren nur für das erste Jahr Gültigkeit haben. Auch einzelne Unzuträglichkeiten haben sich im Büreaukratismus der Kanalverwaltung gezeigt, eine gewisse Schwerfälligkeit des Beamtenmaterials und gelegent­liche Reibereien zwischen den Marine- und Civil-Behörden; aber all Das wird hoffentlich mit der Zeit verschwinden, und mehr und mehr wird der Kanal auch in theoretischer Hin­sicht allen Anforderungen entsprechen.

Als ich Holtenau verließ, um Kiel wieder zuzustrcben, sah ich in bunter Farbenpracht hoch emporstrebend einen stattlichen Kuppelbau über den weißen Baumgipfeln des Düsterbrooker Waldes auftauchen.Was ist denn dass" fragte ich meinen Begleiter. -Eine der Haupthallen unserer großen Internationalen Schiffahrts- und Schleswig-Holsteinischen Provinzial-Ansstellung unermüdlich wird schon seit Langem daran gearbeitet, und Anfang Mai rst Alles fix und fertig. Jnteressirt

Sie's, machen wir auf unserem Rückweg einen kleinen Abstecher, Sie werden sehen, Deutschland Hai land­schaftlich noch keinen schöneren Ausstellungsplatz besessen." Das ist kühn gesprochen, aber wohlan, überzeugen Sie mich, und nun hinan gen Düsterbrook! Jedoch sagen Sie mir eins fürchten Sie denn nicht die Konkurrenz der Berliner Ausstellung?"Nicht im Geringsten, imGegen- . theil, wir hoffen, daß ein großer Theil der Berliner Aus- stellungsbesucher auch zu uns kommt. Vom märkischen Sande zum Ostseestrande! Das könnte gut als Parole dienen. Die Berliner Ausstellung wird Schönes und Ueberraschendes bieten, kein Zweifel, sie wird aber auch er­müdend und abspannend wirken, und der Drang nach Wald-und Seeluft wird im nächsten Sommer stärker wie je sein. Zudem dürste unsere Ausstellung Ihre Berliner in viel­seitigster und interessantester Weise ergänzen; ich rede weniger von der zum Theil äußerst originellen und fesselnden Provinzial-Ansstellung, alsvon der erwähnteuJnternationalen Schiffahrts-Ausstellung. Denken Sie doch, daß fast alle Kultttrstaaten bei uns vertreten sein werden, erst kürzlich hak deshalb Präsident Cleveland beim Washingtoner Kongreß 20,000 Dollars beantragt. Die Marinen aller Länder! Sie werden zugestehen, daß gerade in Deutsch­land unsere junge Marine sehr volksthümlich ist, daß, wer es jtur kann, immer wieder die See aufsucht ver­fassen<2ie sich darauf, ein großer Theil der Besucher der Eröffnungsfeierlichkeiten vom Nord - Ostsee - Kanal kommt diesmal wieder, noch weit zahlreicher werden jene sein, die, durch das noch heut lebendige Echo jener Festlichkeiten an- gelockt, Kiel und den Nord-Ostsce-Kanal kennen lernen wollen."

Sie haben guten Muth, aber wir Alle, die wir schon einmal hier waren, gönnen der gastfreundlichen Stadt den neuen Erfolg. Und Sie meinen, die Ausstellung wird, was man so sagt, auch für sich allein ziehen«"

Ohne Zweifel; es ist ja die erste ihrer Art nach einer früher einmal in Hüvre versuchten, aber völlig verunglückten. Zum ersten Male wird in Kiel unsere vaterländische In­dustrie auf dem Gebiete des Seewesens zeigen, daß sie den Wettkampf mit anderen Ländern in keiner Weise zu scheuen hat, und in diesem Sinne ist unser ganzes Vaterland an der Kieler Ausstellung betheiligt und muß bestrebt sein, ihr zum Erfolge zn verhelfen. Das junge Reich will sich vor aller Welt hier auch industriell und technisch als see­tüchtig erweisen, neben der Theorie ist auch der Praxis eine große Rolle zuerlheilt, werden wir doch sogar einen eigenen Seehafen haben o, Sie werden staunen!"

Und letztere Voraussetzung ging sehr schnell in Erfüllung. Wir hatten das Ziel erreicht und den abgezüunten Aus- stelluitgsplatz betreten ein gewaltiges Terrain, 300,000 Quadratmeter umfassend und sich von der Höhe neben Bellevue bis zur Föhrde hinunter erstreckend. Welch ein Blick, welch ein herrlicher Blick von allen Punkten hier: auf den Hafen und die See und die Wälder und Thäler und Höhen, immer wieder blieb ich stehen, die Augen hinunter und in die Weite schweifen lassend, kaum achtend der Erklärungen meines Begleiters und kaum das rege Leben und Treiben um mich her bemerkend, denn schon fügen sich die einzelnen Theile der farbenfrohen, kuppelgewölbten Haupt­gebäude zusammen, die beherrschend ganz oben sich aus- breiten werden, während die kleineren auf dem weiten Ge­biete zerstreut liegen, sich in den Teichen spiegelnd oder von den buschigen Tannen- und Buchengehölzen beschattet.

Nun, und was sagen Sie jetzt ?" meinte der litterarische Kieler Freund.

Sie und Ihre Landsleute haben recht, hoffnungsfroh dem Sommer entgegenzusehen landschaftlich schöner, das kann man heut schon sagen, hat Deutschland bisher noch keine Ausstellung als Ihre Kieler befeffenl'