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3. Mage juni Mesbadener Tagblatt.

Uo. 35. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 22. Januar.

44 Jahrgang. 1896.

Kür Ieöruar und März!

Der Bezug

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$ 1870. WD 1871. H

v 165te Depesche V

X Dom $

| Kriegs-Schauplatz. |

V Offizielle militärische Nachrichten. V

Versailles, den 21. Januar.

A Der Kaiserin und Königin in Berlin. * Der Feind hat flch gestern Vormittag ganz nach Paris

! zurückgezogen. Vor St. Cloud wurden noch 15 Offiziere x und 250 Mann zu Gefangenen gemacht. Bei St. Quentin beläuft sich die Zahl auf 9000 unverwuudete Gefangene, x über 2000 Blesfirte in der Stadt, exclusive der in der L

I Umgegend befindlichen und der Todtcn, so daß gewiß ein L Verlust von 15,000 Mann auzimehmen ist. Der Feind ist H bis ValencienneS und Douai zurückgegangcn und besetzte $ Cambrai wieder. Wilhelm. H

Versailles, den 21. Januar. A

Gegen Paris wurde die Beschießung in den letzten Tagen A ununterbrochen fortgesetzt. Am 21. eröffnete die Belagernngs- A Arfillerie das Feuer gegen St. Denis. Ein Ueberfall- A versuch von Langres aus gegen zwei in der Gegend von A Chaumont postirte Landwehr-Compagniee» in der Nacht A zum 21. mißlang völlig. v. PodbielSki. A

A Bourogne, den 21. Januar. A

A In der Nacht vom 20. zum 21. die vom Feinde stark A A besetzten und verschanzten Gehölze Taillis und Bailly, A A sowie Dorf Perouse genommen; 5 Offiziere, 80 Mann A A unverwundete Gefangene. Unser Verlust nicht ganz un- A A bedeutend. Vier neue Batterieen bei Danjoutin seit heute A A Morgen im Feuer, hauptsächlich gegen Schloßfront. T v. Tresckow. i

A Berlin, den 22. Januar 1871. A

Königliches Polizei-Präsidium. i

L von Wurmb. a

Zur Abberufung des Marschalls Campos.

Entgegen den Versicherungen der offiziellen Blätter und den Vermuthungen der den Regierungskreisen nahestehenden Persönlichkeiten hat das Ministerium doch dem Druck der künstlich aufgereizten öffentlichen Meinung nachgegeben und den Marschall Campos nach Madrid zurückbernfen. Es ist damit eine vollständige Aenderung der Politik auf Cuba gegeben, und die Ernennung des Generals Weyler zum Nach­folger des Marschalls Campos dürfte genugsam andeuten, daß statt der Versöhnungspolitik, die der Marschall ver­folgte, die Regierung den Autonomisten gegenüber eine Politik der unerbittlichen Unterdrückung des Aufstandes und der Aufständigen verfolgt. Ob diese Politik wirksamer sein wird, das ist sehr zu bezweifeln. Seit undenklichen Zeiten nämlich wechseln auf der Insel Cuba die Vertreter dieser beiden politischen Richtungen in dem Kommando mit­einander ab, und bis heute haben weder die Einen noch die Anderen ein positives Resultat erzielt. Die von General Weyler verfolgte Politik dürfte wohl die größte Erbitterung Hervorrufen und vielleicht zu einem ganz anderen, als zu dem gewünschten Resultat führen. Die Ereignisse der nächsten Tage werden bereits zeigen, was die von der Negierung getroffene Maßregel werth war. Was den Marschall Campos selbst anbelangt, so hat er mit der Beurtheilung des Abberufungsbcfehles nicht hinter dem Berge znrückgehalten. In seinem Telegramm an die Regierung hat er deutlich hervorgehoben, daß er nicht aus eigenem Antrieb zurückgetreten und daß er die Verantwortung für diesen Schritt der Regierung allein überlasse; auch hat der Marschall bei der Uebergabe des Oberbefehls an den General Marin ausdrücklich versichert, daß er ohne seinen Willen von dem Ministerium abberufen werde. Die Regierung scheint in dieser ganzen An­gelegenheit eben nicht die geradesten Wege gegangen zu sein. Man hatte bereits versucht, den Marschall dahin zu bringen, seine Entlassung einzureichcn, doch davon wollte derselbe nichts wissen. Gerade in dem Augenblick, wo die Entscheidung fallen soll, wo der Marschall annehmen konnte, daß sein Feldzugs­plan sich verwirklichen und die gewünschten Erfolge bringen werde, sollte er zurücktreten. Das konnte und durfte er nicht, und er war es seiner Ehre als Soldat schuldig, ans seinem Posten auszuharren, bis man ihn ablösen werde. Es mag der Negierung wohl schwer gefallen sein, gegen den Marschall vorzugehen, schon wegen der Verdienste, die derselbe sich um die spanische Monarchie erworben, denn Marschall Campos ist der Wiederhersteller des Königthums in Spanien, andererseits aber noch mehr wegen der zu be­fürchtenden Ministerkrisis. Wie bereits vor Kurzem an­gedeutet, glaubte man, der Kriegsminister werde seine Entlassung einreichen, wenn Marschall Campos abberufen würde. Der Marschall mag ihn gebeten haben, aus per­sönlichen Rücksichten, den Kampf gegen die Insurgenten nicht aufzugeben und die konservative Partei in die größte Ver­legenheit zu bringen. Nichtsdestoweniger hat ein anderes Mitglied des Ministeriums gegen die Abberufung des Marschalls protestirt, indem es seine Entlassung einreichte. Die Krisis währte allerdings nicht lange, und ehe man noch

erfahren, daß der Minister des Aeußeren zurückgetreten, war er schon ersetzt. Diese Hast, den Minister zp ersetzen, beweist zur Genüge, daß Canovas sich nicht sicher fühlt. Eine andere Folge der Abberufung des Marschalls Campos ist jedenfalls die, daß die Insurgenten und ihre Gehülfen in der Presse sowohl, als in der gesetz­gebenden Versammlung der Vereinigten Staaten überall hin verkünden werden, die Abberufung des Marschalls stelle einen nicht gewöhnlichen Sieg der Ausständigen dar. Schon haben sie die bevorstehende Einnahme der Hauptstadt der Insel angekündigt. Sie sprechen davon, die Wasserleitung und die Gasfabriken, die in der Nähe der Stadt gelegen sind, zu zerstören. Man zählt sogar auf die 6000 Mann eingeborener Truppen, durch welche Marschall Campos die Garnison verstärkt hat und auf deren Ergebenheit die spanische Negierung nicht rechnen könne. Wie dem auch sei, die Negierung wird natürlich ihren Widerstand fortsetzen und nichts unversucht lassen, um Cuba der spanischen Krone zu erhalten. Bis jetzt hat der Krieg auf Cnba die Regierung 259 Millionen Pesetas gekostet, doch hat der Minister der Kolonieen für denselben noch 312 Millionen Pesetas in Reserve und wird derselbe damit noch lange aushalten können. Sollte es dem General Weyler gelingen, auch nur einen etwas bedeutenderen Erfolg zu erringen und den Einwohnern das Zutrauen zur spanischen Armee wiederzugebcn, so würde man bald mit den Insurgenten aufräumen können. Dieselben haben bis jetzt die Bevölkerung eingeschüchtert und dieselbe zum Kampf gegen die Spanier gezwungen. Die Politik des Marschalls Campos mag nicht von Allen ver­standen worden sein und mag man die diplomatische Be­rechnung des Marschalls als Furcht ausgelegt haben. Wenn man endlich einsehen wird, daß die gefangenen Insurgenten nichts zu hoffen haben, wird die Zahl derselben vermindert oder es giebt einen Kampf, der an Blutigkeit seines­gleichen suchen wird.

Deutsches Deich.

* Zehn Jahre ShntigkritderAnsirdlnngo-Koinmilfion liegen bald hinter uns. Die Beurtheilung derselben und ihres Erfolges wird je nach dem Standpunkt, den man einnimmt, ver­schieden fein. Wie La »gHans in seinem soeben erschienenen Staatsbürger-Allas" mitlheilt, wurden bis Ende 1895 127 Güter von zusammen 85,800 Hektar angekauft, von denen bisher 43 mit deutsche» Ansiedlern besetzt wurden. Auf den Negiernugsbezirk Posen entfallen davon 51 Güter von 33,300ha (11 besetzt), aus den Regierungsbezirk Bromberg 48 Güter von 30,200 ha (19 besetzt), auf Marienwerder 23 von 19,600 ha (9 und 2 theilweise besetzt), auf Danzig 5 Güter von 2700 ha (4 besetzt). Auf beit 43 besiedelten Gütern waren ausgelegte Stellen zu Reute (Erbpacht) 848, Pacht 194, Kauf 28, zusammen 1070 Stellen; außerdem sind 45 Bauern- wirthschaften angekauft in anstoßenden Dörfern und 34 davon be­reits besiedelt. Hält man freilich dieroheUeberzahl für daseinzigepolitisch werthvolle Element im nationalem Machtkämpfe, so wird man mit'Profi Delbrück in bettPreußischen Jahrbüchern" bie Wirkung des Au- sieblungSgesetzes einer vernichtenben Kritik unterwerfen. Anderer­seits läßt sich aber nicht verkennen, baß bie eigentliche Absicht o!i Schaffung beS 100 Millionen-Fouds, ber Auskauf bes polnischen Abels, in beträchtlichem Maße ihrer Verwirklichung entgegen» geführt ist.

(Nachdruck verboten.)

Großmutters Kraulkleid.

Skizze von Helene Witte.

Länge ist er nicht geöffnet worden, der alte Eicheu- fchrank mit den mächtigen, geschnitzten Thüren und den alt­modischen Nickelbeschlägen, lange, lange nicht. Seltsame Luft von Stoffen, die viele Jahre eingeschlossen gewesen, von Staub und Kampher dringt daraus hervor: da hängt auch das alte Kleid; schwere, starre schwarze Seidcnfalten, seltsame Falbeln und wunderliche Raffungen sind daran, wie sie die Frauen vor vielen Jahren getragen haben. Wenn es erzählen könnte, das alte Kleid! Es raschelt so geheimnißvoll und sieht so ernst und feierlich ans, und es hat so viel, so viel erlebt. . .

Das Brautkleid der Großmutter! Damals ist es weiß gewesen und hat eine zarte, schlanke Mädchengestalt um­schlossen, mit braunem Köpfchen, das die Myrthenkrone trug; ein junges, seliges Herz hat voll Bangen und Zagen und jubelnder Wonne darunter geschlagen in der heiligsten Stunde seines Lebens. Dann hat die Großmutter es noch einmal als junge, glückliche Frau getragen auf einem Fest voll Frohsinn und Glanz. Sie hat darin getanzt voll sprudelnder Lebenslust, immer mehr und immer mehr, bis plötzlich ein Schwindel sie erfaßte und sie besinnungslos zusmnmensinken ließ, denn auf ihren Wangen blühten Friedhofsrosen, und aus den großen, glänzenden Augen leuchtete das Fieber.

Man brachte sie nach Hause, und als sie still und bleich in den Kissen ruhte und der Gatte voll heißer Angst sich über sie beugte, aber mit aller Kraft seiner Liebe die fliehende Seele nicht aufhalten konnte, da lagen das Braut­kleid und die rothen Rosen, die es geschmückt hatten, achtlos am Boden neben dem Bettchen des schlummernden Kindes, hingeworfen, vergessen. Sie starb in derselben Nacht, und viele Jahre hing dann das Kleid verschlossen im Schrank, bis das Kind eine Jungfrau geworden und zu einer holden, lieblichen Menschenblüthe sich erschlossen.

Da nahm sie es hervor, um es zu tragen; aber der Vater erzählte ihr, daß es die Mutter getragen habe in den letzten Stunden ihres Lebens. Und sie weinte dabei, und die Tropfen fielen auf das stille, weiße Gewand. Mit scheuer Ehrfurcht betrachtete sie es von Zeit zu Zeit, und leise und liebkosend strich ihre Hand darüber hin.

An einem stürmischen Winterabend, als draußen der

Schnee in lautlosen Massen vom schwarzen Himmel nieder­wirbelte, stand sie mit trübe brennendem Lichte vor dem alten Schrank; trübe auch waren die jungen Augen und geröthet von Thrünen. Mit zitternder Hast suchten ihre Hände das Kleid, das Brautkleid der Mutter, und als sie es gefunden, preßt sie plötzlich aufschluchzend 'das Köpfchen in die weißen Falten, die leise wie warnend knisterten und rauschten.

Vergieb mir, Mutter," bat sie,daß ich den Vater verlasse; ich kann nicht anders, er will mich ihm nicht geben, weil er arm ist, weil das Brod des Künstlers ein­unsicheres ist, ich aber kann nicht von ihm lassen, denn ich liebe ihn; so gehe ich denn." Noch einmal blickte sie zurück, dann nahm sie die Kerze und ging.

Jahre vergingen. Er, dem der Schrank und das Kleid gehört hatten, war gestorben, und Beides hatten entfernte Verwandte geerbt, denn die Tochter war verschollen; Nie­mand wußte von ihr. Da fand man auch das weiße Seidenkleid, aber Niemandem war bekannt, wer es vordem getragen hatte. Der noch brauchbare schöne Stoff war vergilbt, so ließ man ihn färben und es wurde ein grünes Kleid.

Zunächst leistete es gute Dienste, denn Farbe und Machart waren wieder, wie es die Mode wollte, dann aber wanderte es aufs Neue in den alten Schrank, nachdem es der Feste und Bälle viele gesehen hatte.

Plötzlich wurde cs wieder hervorgeholt, denn es sollte die jugendkräftige Gestalt eines Lieutenants umhüllen, der auf einem Polterabend seine Scherze darin treiben wollte.

Und dann nach Jahren kam es zu neuem Leben hervor das Brautkleid der Großmutter, aber die, die es trug, wußte nichts davon. Ans dem Süden war sie gekommen, wo sie Vater mid Mutter verloren hatte, die Mutter schon vor langen Jahren, sie hatte sie kaum gekannt. Nun lebte sie bei den Verwandten und wußte nicht, daß dies Kleid das Kleid ihrer Großmutter war.

Sie war ein armes Mädchen, aber Jugend und Froh­sinn ließ sie nicht daran denken, hatte doch die erste, selige Liebessonne die junge Seele gestreift.

Bei einem Fest mit bunten Kostümen, mit Blumen und vielen Lichtern, da trug sie das Brautkleid der Großmutter im Scherz als altes Mütterchen. Ein weißer Scheitel rahmte das junge Gesicht ein, lachende Augen sahen darunter hervor, und bie jungen, rothen Lippen fangen in dem alten Kleide ein altmodisches Lied.

Einen Strauß erhielt sie, einen Strauß von Rosen und

Vergißmeinnicht, und er war von ihm, dem Einen, den sie liebte. Und ihre Herzen sanden sich an diesem Abend, feine Lippen küßten sie, und unter dem alten Gewand schlug nach so vielen Jahren wieder jauchzend und jubelnd ein junges, seliges Herz.

Die Zeit ist verrauscht, die Rosen der Wangen verblüht, und der lichten Augen Glanz erloschen. Der Schwur jener Festesstunde ist längst gebrochen; sie war ja arm und er verwöhnt und anspruchsvoll. Das war so einfach zu be­greifen gewesen und für sie doch so schwer; und an der harten Wahrheit war ihr ganzes, sonniges Glück zerschellt, und sie war alt geworden und müde, todesmüde.

Das alte Kleid hat sie färben lassen, nun ist es schwarz. Hoch halt sie es in Ehren, denn es ist ihr größter Schatz, und oft sieht sie es an und denkt an jenen Abend, an die verlorene Jugend, an das verwehte Glück.

Wenn ich einmal gestorben bin, dann sollen sie es mir anziehen." Das hat sie aufgeschrieben und das Blatt in ihren Schreibtisch gelegt.

Einmal noch hat sie das Kleid getragen; das war an dem Tage, als man ihn begraben, ihn, den sie so sehr ge­liebt hat. Ob er glücklich gewesen, sie hat es nicht gewußt; aber fern und unerkannt ist sie ihm gefolgt auf feinem letzten Wege, und von nun an war es ihr gewesen, als ob sie ihn wieder habe, um den sie so viel geweint.

Winter und Sommer, Tag für Tag, in der Abend­stunde ist sie hingegangen an fein Grab und hat es ge­pflegt mit stiller, liebender Hand. Nie hat sie ein Wesen dort getroffen. Ob fein Weib nicht mehr im Ort war, sie hat es nicht genmfet, es hat sich Niemand um das Grab bekümmert. Jnknier langsamer und müder ist ihr Gang geworden, und heute nun heute macht sie den Weg zum letzten Male . . .

Ihre Ruhestätte ist weit entfernt von der feinigen, da, wo die Armen ruhen; aber es ist Lenz, bunte Frühlings­blumen blühen überall, lachendes, wonniges Leben deckt Überall lieblich und hold die Hügel und macht es vergeffen, das Granen des Todes. Bunte Schmetterlinge gaufein über all der Blüthenpracht, und von den B'umen auf ihrem Grab werden sie hinflattern zu seinem und einen süße», heimlichen, letzten Gruß hinübertragen.

Der alteSchrank ist leer, er ist wurmstichig und schlecht; man wird ihn zu Brennholz zerschlagen. Keiner lebt mehr, dem er einst lieb gewesen; die Letzte ruht nun auch, still und glücklich in dem Brautkleid der Großmutter . . .