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4S. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezngS-PrriS: SO Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be­gannen werden.

Verlag: Langgasie 27.

13,000 Abonnenten.

Ameigen-PreiS r

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Psg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Rcclamen die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

1895

Freitag, den 30. Ang«st.

Bezirks Fernsprecher R». 52.

Mo. 404

BezirkS-Ferusprecher R». 52.

Abend-Ausgabe.

Der internationale Miißlglreits-Kongreß in Kasel.

Der fünfte internationale Kongreß zur Bekämpfung des Mißbrauchs geistiger Getränke, der vom 20. bis 22. August in Basel stattfand, übertraf alle seine Vorgänger durch die , Zahl der Theilnehmer und den Reichlhum der gebotenen : Belehrung. Etwa 500 Personen nahmen Theil, am ; stärksten waren natürlich die Schweizer vertreten, aus ' Deutschland waren etwa 50 Gäste anwesend. Die ; deutsche Sprache hatte das Uebergewicht; von 51 an­gemeldeten Vorträgen waren 26 in deutscher Sprache, wenn auch nur 9 Deutsche aus dem Reiche sprachen.

Es ist natürlich unmöglich, auf die Vortrüge einzugehen, zumal auch manche Reden in der Diskussion noch den Namen Vorträge verdienten. Sie boten in ihrer Gesammt- ' Heil eine Encyklopädie der Trunkbekämpfung und müssen ftudirt werden, wenn sie gedruckt vorlicgcn. Sie zeigten deutlich, daß die Alkoholfrage in den letzten Jahren mehr als je die Aufmerksamkeit der verschiedensten Kreise in den verschiedensten Ländern auf sich gezogen hat, daß der Kampf gegen den Trunk immer eifriger geführt wird, daß die Alkccholwissenschaft immer gründlicher und reichhaltiger wird. Auch den Kenner der Bewegung mußten die großen Fort- , schritte der letzten Jahre überraschen.

Auf dem Kongreß sind die Mäßigkeitsleute und die Ent- ! Haltsamen gleichberechtigt; die letzteren überwogen durch ihre • Zahl, selbst unter den Deutschen. In dem auf diesen • Kongressen leider unvermeidlichen Streite über die Frage: .Mäßigkeit oder Enthaltung?" waren die allermeisten Redner und Zuhörer für die völlige Enthaltung, und die Vertheidiger ves mäßigen Genusies, wie Milliet aus Bern, Bode aus Hildesheim, Goernan Borgesius aus Holland, hatten einen 1 schweren Stand. Milliet, der Direktor der schweizerischen ‘ Alkoholverwaltung, fand aber auch unter den Gegnern viele - Bewunderer seiner großen Sachkenntniß und Gewandtheit.

Wenn dieser Kongreß die Welt wiedergespiegelt hätte, würden die Brenner, Brauer und Winzer bald betteln gehen können, aber die Straßen und Wirthschaften Basels er­innerten reichlich daran, daß der Tag noch recht fern liegt, „wo Keiner mehr trinken will".

Verschiedene europäische Negierungen hatten sich auf dem Korpgreß vertreten lassen, die deutsche nicht, wie ja über­haupt ihr Interesse an der Bekämpfung des Trunkes geringer erscheint, als es in anderen Staaten die Regierungen an den Tag legen. Der Papst hatte als seinen Abgesandten den Bischof Augustin Egger von St. Gallen geschickt und ließ durch ihn herzliche Grüße und Wünsche sagen. Der Kongreß erwiderte sie durch ein Telegramm an den Papst; übrigens wurde eine telegraphische Begrüßung auch an den Grafen Tolstoi gerichtet. Egger ist ein hervorragender j Redner und Schriftsteller, seine Ansprache war der Höhe­punkt der Verhandlungen. Auch er ist für volle Abstinenz und führte aus, daß der Papst die Abstinenz als wichtigstes

i . . . •

(Nachdruck verboten.)

Im Kallsaal.

Novellette von Olga Wohlbrück.

' Die Koffer und Kisten standen zur Abreise bereit.

Ihr Inhalt war das Einzige, das Mutter und Tochter als ihr Hab und Gut mit hinübernahmen aus Paris nach Berlin. Eine kleine Aufwärterin besorgte die letzten Gänge, während die beiden Damen noch in aller Eile ein ver­bratenes Gotelette verzehrten und den blänlichen, sauren Rothwein hinunterstürzten.

„Wie alt bist Du gestern geworden?" fragte die Mutter. „Achtzehn", antwortete das junge Mädchen.

; Die Frauen sprachen deutsch, die Mutter sogar mit einem unverkennbar norddeutschen Dialekt.

„In Berlin gebe ich Dich für sechzehn aus . . „Aber, Mama . .

„Widersprich mir nicht! Ich weiß, was ich sage . . . i O-der willst Du nicht lieber gleich als eine alte Schachtel auftreten? Sei nicht dumm! Die Situation ist ernst genug. Wir besitzen keinen Pfennig mehr — kaum soviel, um einen Winter in Berlin die Saison mitzumachen. In diesem Winter muß sich Dein Schicksal entscheiden. Haben wir bis März . . . sagen wir bis April, keinen Mann für Dich gefunden, dann werde Du Büffettmamscll, Modistin oder sonst, was Du willst. Ich kann dann nichts mehr für Dich thun. In Paris kannst Du nichts erreichen, denn Du bist weder reich noch besonders schön . . ."

„Mama. . ."

„3a, ja, laß mich ausreden, Du hast ein paar hübsche Augen, gesunde Zähne, eine passable Figur, lauter Eigen- schäften, die hier bei einer Mitgift von 100,000 Francs vielleicht mitsprechen würden, aber bei einem Mädchen in Deinen Verhältnissen völlig werthlos sind."

Mittel im Kampfe gegen den Alkoholmißbrauch Hochschätze. Da dieser Kampf ein allgemeiner sein müsse, so freue er sich der politischen und konfessionellen Neutralität des Kongresses. Mit warmen Worten trat der Bischof für Dr. Bodes Vorschläge zur Schankstätten-Reform ein.

Einen ganz anderen Geist alhmetc die Rede des Schreiners Bruno Gutsmann, der als Sozialdemokrat und Abstinent sprach und gleichfalls viel Beifall fand. Seine Lobpreisung der Abstinenz war groß; aber er betonte auch: Das Predigen gegen den Alkohol und selbst das Vorbild der Abstinenz helfe wenig, die Masse würde erst dann den Alkohol meiden, wenn die sozialen Zustände andere geworden wären. Er berief sich auf Friedrich Engels und empfahl als die nächsten Mittel: einen kürzeren Normal-Arbeitstag, größere Bewegungs­und Vereinsfreiheit der Arbeiter, energisches Vorgehen in der Wohnungsfrage, Begründung von Volkshänsern ohne Alkohol. Aber, so schloß er, die Abstinenz ist auch heute schon für einen Theil der Arbeiter durchführbar, sie soll ein Mittel fein im Emanzipationskampf des Arbeiters.

Von Deutschen aus dem Reiche sprachen Dr. Smith aus Schloß Marbach am Bodensee und Dr. Fürcr aus Heidel­berg auf Grund von Experimenten über die Einwirkung der Alkoholvergiftung auf einfache psychische Vorgänge, Dr.Bode über die Thätigkeit des Deutschen Vereins gegen den Miß­brauch geistiger Getränke, Tienken aus Bremerhaven über den gegenwärtigen Stand des Kampfes in Deutschland, Pastor Dr. v. Koblinski über Alkoholgenuß und Verbrechen; dagegen fielen Vorträge von Dr. Wehberg in Düsseldorf, Dr. Plötz in Berlin, Prof. Buchner in München, Dr. Brendel in München aus, weil die Redner nicht erschienen ober schon abgereist waren. An den Diskussionen betheiligten sich auch andere Deutsche wie Dr. Meinert aus Dresden, der dem Sozialisten entgegentrat und Direktor Engelbert aus Duisburg, der zur Einigkeit zwischen beiden Richtungen mahnte. Er war Vice- präsident für Deutschland und am besten für dieses Amt berufen, da er über ein halbes Jahrhundert in der Bewegung steht und im Jahre 1851 die älteste Trinkerheilanstalt der Welt, die Lintorfer, begründet hat. Vorsitzender war Dr. Burck- hardt aus Basel, der trotz seiner Jugend geradezu in voll­kommenster Weise sein schwieriges Amt verwaltete. Der Bischof Egger und der sozialistische Materialist Gutsmann waren gewissermaßen der rechte und der linke Flügelmann in derReihe der Redner, wenn man sie nach ihrer Weltanschauung ordnet. Dr. Milliet aus Bern und Prof. Forel aus Zürich hatten die entsprechenden Stellungen, wenn man sie nach den Anschauungen in der Alkoholfrage ordnet. Der Urheber der Abstinenz-Bewegung in Basel und im deutschen Sprach­gebiete überhaupt, Professor Bunge, war anwesend, ergriff aber nie das Wort. Auch der Präsident des letzten Kongresses, der holländische Staatsmimster Heemskerk, war trotz seiner neunzig Jahre erschienen und beteiligte sich eifrig. _ Er dankte z. B. den schweizerischen Studenten für den außer­ordentlich gelungenen „Kommers", zu dem sie den Kongreß eingeladen hatten. Wie auf diesem „Kommers", so wurde auch auf einem Bankette von den 500 Teilnehmern nur Wasser getrunken, während früher eine Mehrzahl oder Minderzahl von Kongreßmitgliedern noch die Weinflasche vor sich stehen hatten. bd.

Politische Tages-R«ndscha«.

— Falscher Alarm, lieber eine Woche lang hat die Erregung landwirthschaftlicher Kreise Nahrung aus der Meldung gezogen, eine an der Baisse-Spekulation in Getreide stark beteiligte Berliner Firma sei in, ihren Geschäften durch die Gewährung von Zollkredit staatlicherseits gefördert worden. Es wurde von der agrarischen Preffe die ge­setzliche Verpflichtung der Zollverwaltung zu der behaupteten Stundung so lange in Zweifel gezogen, bis die Schichten, auf die man wirken wollte, von einer freien Entschließung der Behörde überzeugt waren und vor zwei Tagen Herr v. Plötz zu der bekannten aufreizenden Behandlung des Gegenstandes übergehen konnte. Nun teilt die „Freis. Ztg." mit, daß jene Firma überhaupt keinen Zollkredit in Anspruch genommen, sondern die für ihre Gctretdcbeziige fälligen Zollbeträge baar bezahlt habe. Die „Nordd. Allg. Ztg." verfehlt nicht, das Ver­halten des Präsidenten des Bundes der Laudwirthe ge­bührend zu beleuchten, man darf sich aber von ihren Auslassungen keine besondere Wirkung im Lande versprechen. Zweckmäßiger wäre es wohl gewesen, wenn die Regierung das Papier des „Reichsanzeigers" ober wenigstens das der „Verl. Korr." nicht für zu gut gehalten hätte, der falschen Nachricht sofort nach ihrem Auftauchen entgegenzutreten (die „Berliner Korrespondenz" hat erst in ihrer gestrigen Nummer die Sache klargestcllt. D. N.) ober, falls die Thatsache richtig gewesen wäre, an der Hand des der Masse der Laudwirthe natürlich nicht in seinen Einzel­heiten bekannten Gesetzes die Nothwendigkeit des Verfahrens der Zollverwaltung darzuthun. Halbamtliche Aufklärungen über bestehende Vorschriften sind in ähnlichen Füllen wiederholt erfolgt. Es fällt nicht aus dem Rahmen dieser Bemerkungen, wenn wir miltheilen, daß von den beiden Berliner Preßorgancn, in denen die agitatorische Ausbeutung der betreffenden Meldung durch Herrn v. Plötz erfolgt ist, das eine von der Feststellung der „Freis. Ztg." in einem versteckten Winkel, das andere gar keine Notiz nimmt.

— Zur Handwerks - Organisation. Vor einigen Tagen noch hat der der Regierung — wenn dieser Ausdruck, wo es sich um die Frage der Handwerks- Organisation handelt, noch gestattet ist — nahestehende Hamburger Korrespondent nervöse Ungeduld wegen des Ausbleibens des amtlichen Berichts über die Ende Juli dieses Jahres abgehaltene Handwerker-Konferenz und wegen der Geheimhaltung des „Organisationsplanes der Regierung" gezeigt. Daraufhin hat zwar nicht die „Regierung", ab r der Vorstand des Centralausschusses bet ver­einigten Jnnungsverbände Deutschlands, Herr Ober­meister Fester in Berlin, ein Einsehen gehabt und ist mit Veröffentlichungen vorgegangen, die wir im Morgenblatt rnittheilten. Ob das genannte Blatt nun befriedigt ist, bleibt abzuwarten; im Allgemeinen ist man „nicht klüger als zuvor". Herr Faster veröffentlichte „Grund- züge zur Organifation des Handwerks", die das Ergebniß einer im preußischen Handelsministerium vorgenommenen Prüfung älterer, unter dem Namen „Berlepsche Vorschläge" bekannter Grundzüge für eine Zwangsinnungs-Organisaiion

„Und in Berlin . . .?"

„In Berlin, mein Kind, da bist Du — Pariserin. Weißt Du, was das heißt? Du bist schön, graziös, elegant, geistreich, unterhaltend. Du stichst von vornherein von so und so vielen anderen jungen Mädchen Deines Alters ab, die, wenn auch schöner und reichet als Du, doch nicht den Vor­zug haben, Pariserinnen zu fein. Glücklicher Weise habe ich Dich im SacrS "coeur erziehen lassen, so daß Du wirklich wie eine Pariserin sprichst und Dich benimmst. Es ist also nicht nothwendig, daß man Dich für eine Deutsche hält oder Du Dich für eine auSgicbft."

„Aber mein deutscher Name . . ."

„Liebes Kind, das ist ein Uebelftanb, dem sehr rasch abgeholfcn ist. Du nimmst eben den Namen Deines Stief­vaters an. Statt Paula Röder heißest Du — Pauline Bertand. Du weißt ja, daß nur der plötzliche Tod Deines Stiefvaters, meines zweiten Gatten, es verhindert hat, daß Du von ihm adoptirt worden bist."

Paula oder Pauline, wie die Mutter sie nannte, seufzte schwer auf, aber widersprechen dürfte sie nicht. Sie murmelte ein leises „wie Du willst, Mama" und staubte die Brod- krümelchen von ihrem einfachen, aber durchaus geschmackvollen Reisekleid. Frau Bertand erhob sich, drückte einen zärtlichen Kuß auf die weiße Stirn ihrer Tochter und hob dann er­mahnend den Finger: „Und vor Allem, Kind: fein Wort Deutsch in den Berliner Salons, hörst Du? Du darfst ein wenig Deutsch verstehen, — verstehen, aber nicht sprechen, denn sonst ist der charme vorbei."

„Das wird ja schrecklich werden, Mama . . . ."

„Nein, mein Kind, sei ganz unbesorgt. Du wirst enormen succes haben! Was Du thust, ist ja schließlich nichts Unrechtes. Und jetzt mach' Dich rasch fertig, in einer Stunde geht der Zug nach Berlin ab! Glaub 'mir, wir fahren Deinem Glück entgegen."

Drei Tage später machte Frau Bertand mit ihrer Tochter Antrittsvisiten in verschiedenen Häusern, zu denen fie in früheren Jahren durch ihren Mann in Beziehung gestanden. Sie freute sich, so ihre „alten Freunde", von denen sich eigentlich keiner mehr recht ihrer erinnerte, wiederzusehen, war glücklich, die Berliner Lnft wieder zu athmen, die sie so schmerzlich entbehrt hatte, und hoffte, die „lieben alten Freunde" würden auch ihrer Kleinen nett entgegenkommen. Das arme Kind fühle sich doch hier recht verlassen in dem fremden Land.

Wie alt das Fräulein sei, fragte man.

„Sechzehn Jahre, ein Kind! . . .“

„Ob das Fräulein . . . Fräulein Paula, pardon Fräu­lein Pauline deutsch spräche?"

„O Gott, sie verstände es ja, aber sprechen . . , wie das damit gehen würde! Sie ist im Sacre coeur erzogen worden, streng französisch ... sie ist eben eine echte klein« Pariserin."

Die Damen lächeln und nicken Pauline zu. Einige versuchen es auch, sich aus der Plötzschen Grammatik einiger Sätze zu erinnern und ein Gespräch anzuknüpfen. Sie sind entzückt über Paulines Pariser Französisch. Das klingt ja entzückend aus einem so hübschen Munde.

Frau Bertand triumphirt. Ihr System ist das rechte.

Bald werden Frau Bertaud und ihre reizende Tochter zu Gesellschaften geladen. Die erste große Soiree ist ein Ereigniß. Tagelang vorher werben Toilettenangelegenheiten besprochen. Kosten barf'S ja nichts. — Zum Glück hat man noch die vorjährigen Pariser Toiletten, die sich hier „ganz hübsch" machen werden.

Eine gelbe Cröperobe wird sich vorzüglich zu Paulines mattem Teint und den glänzenden dunklen Haaren aus- nehmen, dazu ein paar Marechal Niel-Rosen als zarte An­spielung, einige Meter ftischen Bandes werden noch dazu