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Wiksbsöem @agblatt
1895
Donnerstag, den 29. August
Uo. 402
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
BrzirkS-Frrnsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
Spätere Kabinettsordres vom 9. Dezember 1827 und 5. Oktober 1846 verwischten jedoch den Unterschied zwischen den persönlichen Konzessionen und den Apothekerprivilegien wieder, indem sie auch bei ersteren unter gewissen Voraussetzungen eine Veräußerung gestatteten. Eine ähnlich sprunghafte und komplizirte Entwicklung wie in Preußen hat das Apotheken-Konzessionswcsen mehr oder weniger auch in den anderen Bundesstaaten genommen. Und das Bedürfniß danach, eine erträgliche und einheitliche Regelung zu schaffen, hat sich überall in gleichem Maße fühlbar gemacht.
Der einschneidendste der Uebelstände, welche bas heutige Konzessionswesen mit sich gebracht hat, ist das Preistheilcn beim Apothekenverkauf, der nicht selten die Gestalt des sog. Apothekenschachers annimmt. Die Apotheken werden mit einem immensen Gewinn verkauft, und der Käufer zahlt eben über Gebühr. Er beginnt mit Schulden; an der Apotheke gehört ihm oft nichts als die Konzession, er ist nicht vielmehralsderGeschüftsführerdesApotheken-Kapitaiisteu. Die weitere Folge ist, daßdieGchülfenüberihrcKraftausgcnutzt und ungenügend bezahlt werden, und daß eine umfangreiche Lehrlingszüchterei sich cniwickelt. Endlich aber hat cs der heutige Zustand mit sich gebracht, daß die Vermehrung der Apotheken nicht Schritt hält mit dem gesteigerten Bedürfniß. Nicht ganz 5000 Apotheken, d. h. eine Apotheke auf über 10,000 Seelen, dürften den sehr gestiegenen hygieinischen Anforderungen der heutigen Zeit kaum entsprechen. Wenn die Apothekenbesitzer trotzdem über schlechten Geschäftsgang klagen, so liegt dies daran, daß eben die Apotheken zu theuer gekauft werden; der Umsatz und der Verdienst sind nicht zu gering, aber das Anlagekapital ist zu groß.
Eine Aenderung der heutigen Verhältnisse, die fast die Hälfte der Berufsgenossen zwingen, ihrem Berufe, in dem sie weder Stellung noch Selbständigkeit finden, zu entsagen und sich anderen Erwerbszweigen zuzuwenden, ist dringend nothwendig. Es wäre kurzsichtig von Denen, die „im Besitze" und mithin „int Recht" sind, sich gegen die nothwendig gewordene Reform zu sträuben; sie würden damit nur wcitergehenden und radikalen Forderungen, wie die auf Verstaatlichung des Apothekergewerbes, Vorschub leisten. Recht und billig aber ist es, wenn die durch die Reform Bedrohten Sicherheiten verlangen, daß sie für positive und unverschuldete Schädigungen, die ihnen im Interesse der Gesammtheit zugefügt werden, gebührend entschädigt werden.
Die Greisin hatte ihre Hand auf den Arm ihres Mannes gelegt, und beide horchten.
Da trafen wuchtige Kolbenschläge die Thür, und eine heisere, unangenehme Stimme schrie: „Oeffnen, Mille tonnerres! öffnen!"
„Die Feinde! Die Preußen!" bebte es von den entsetzten Lippe» der Beiden.
„Mort de ma vie! öffnen! oder wir rennen das ganze Nest über den Haufen!"
Und schon krachte die Thür zusammen, und durch die Trümmer derselben hindurch sprangen drei Gesellen. Die blauen Nationalgardeukäppis weit in den Nacken gerückt, die schwarzen, stechenden Augen voll Raublust, wie die Augen der Geier, auf den gelben Stirnen den Stempel der Gemeinheit, das Zeichen des Galgens, das Gott selbst darauf gedrückt hat.
Der eine dieser Burschen glitt auf den Alten zu, der sich überrascht erhoben hatte, und setzte ihm die Mündung des Gewehrs auf die Brust.
„Heraus mit dem Mammon, alter Geizknochen! Heraus mit den schönen, blanken Münzen, die hier nutzlos verschimmeln müssen!" rief er?
„Louis Lenne, Du hier?" erwiderte der Bedrohte mit ruhiger Stimme, den Eindringling fest anschauend.
„Ja, ich hier," höhnte dieser, der vergebens den Blick des Greises zu erwidern suchte, „es wäre Dir wohl lieber gewesen, ich wär' nicht gekommen, kann mir's denken."
„Louis! Louis! was thust Du?" rief die Matrone, indem sie dem Nationalgardisten das Gewehr zu entreißen versuchte, „bedenke, daß es einen Gott giebt!"
„Haltet mir doch das wüthende Weib vom Leibe!" knirschte er, sich an seine Gefährten wendend, „was steht Ihr da und laßt die Ohren hängen, wie begossene Esel, und schneidet Gesichter, als ob Ihr Leibweh hättet 1 Vorwärts, angefaßt! — oder habt Ihr virlleicht Fgrchtl?^
Aus Luxemburg.
Es lohnt sich der Mühe, von Zeit zu Zeit einen Blick nach Luxemburg zu werfen, um zu sehen, welche Bluthcn die nationale Verwahrlosung dieses externen deutschen Kleinstaates treibt. Bekanntlich besteht in Luxemburg eine sehr rührige Partei von Französliugeu, die schon allerlei politischen Unfug angestiftet hat. Neuerdings hat diese Partei auch das Regiment in der Hauptstadt an sich gerissen und beeilt sich nun, ihre Sympathicen für Frankreich umso stärker an den Tag zu lege». — Die „Köln. Ztg." meldet darüber:
„Der Bürgermeister Mousel wallfahrtete erst kürzlich in seiner amtlichen Eigenschaft nach dem Mekka an der Seine, wo er vor Verzückung fast verging, als ihvi im dortigen Nathhaus Seitens einiger Stadträthe aus dem Batignolles-Viertel die hohe Ehre widerfuhr, zum Fußkussc zuaelassen zu werden. Am 16. d. M. aber betheiligte sich der Bürgermeister der Hauptstadt des neutralen Groß-
hcrzogthums Luxemburg an der französifchen Feier zu Mars-la-Tour, wo ihm beim Festmahl der Ehrenplatz zur Rechten des Unter- Präfekten von Brich angewiesen wurde und der Abgeordnete und Akademiker Meziörcs ihm die angenehmsten Dinge sagte. Da wird er wohl nicht umhin gekonnt haben, den Becher auf baldige Revanche zu leeren. Für den Tag von Gravelotte bestellte er sich dann eine Feuerwehr au« Longwy nach Luxemburg und ließ ihr den Ehrenwein im Rathhause reichen."
lieber diesen Besuch giebt die „Trierer Ztg." einen ergötzlichen Bericht, dem folgende Sätze entnommen sind:
„Die meistcu hiesigen Gesellschaften waren znm Empfange der Gäste auf dem Bahnhöfe aufgeboten und gaben ihnen unter klingendem Spiel das Geleit zum Rathhause, wo ihnen der Ehrenwein in Gestalt edelsten Champagners gereicht wurde. Die Verwaltung hatte den Polizisten dieselbe Gala-Uniform vorgeschrieben, die sie vor einigen Jahren bcini feierlichen Einzug des Großherzogs trugen. Der landesunkundige Reisende konnte sie für französische Generale halten. Der findigere Theil des Publikums begann icdoch alsbald zu bemerken, daß man einigermaßen mit der Münze betrogen war, und daß die Gäste, die es zu feiern galt, jener Menscheugattung angehörten, die der Bruder Studio unter dem Sammelnamen „Knoten" zu bezeichnen liebt. Unmittelbar an den Empfang im Rathhause knüpfte sich der Beginn der Löschthätigkeit in den Kaffeehäusern und Bier- wirthschaften. Um 5 Uhr des Nachmittags bot die Stadt folgendes Bild: In allen Straßen schwankte unsicheren Schrittes ein französischer Feuerwehrmann am Arme eines luxemburgischen Kameraden einher. Unaufhörlich rollte Trommelwirbel durch die Stadt, Trompetensignale schmetterten an allen Ecken und Enden, Fahnen wankten im Zickzack einher. Luxemburg schien zu einem Kriegslager geworden zu fein, und ängstliche Bürger begannen, sich innerhalb ihrer vier Pfähle zu verrammeln. Der Kommandant und seine Offiziere durchfuhren, ihrem Range gemäß, die Stadt im offenen Wagen. Leider war aber auch hier die durch die hiesigen Kameraden gestellte Leitung keine allzu sichere, und der Wagen hatte das Mißgeschick, in der Rahe der französischen Gesandtschaft umzustürzen, sodaß alsbald die Würdenträger mit Beulen und Wunden bedeckt waren. Trotz dieser Wechselfälle gelang es den Meisten, den Bahnhof zu erreichen, wo die französische Feuerwehr Luxemburg und die luxemburgische Feuerwehr Frankreich hochleben ließ. Unterwegs soll es dann noch zu einer regelrechten Schlacht zwischen den Mannen des Lougwher Corps gekommen sein. So hat also auch Luxemburg seine Siegerseier gehabt. Das deutsche Bier hat den Sieg über die braven französische» Pompicrr davongetragen."
Angesichts solcher Vorgänge ist die Unverfrorenheit doppelt bemerkenswerlh, mit welcher dieselben Herren Französlinge mit einer Anfrage in der Kammer drohen, weil der Großherzog einen Geldbeitrag zur Siegesfeier in Königstein im Taunus, seinem alten Lieblingssitze, gespendet hat!
Verlag: Langgasse 27.
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(Nachdruck verboten.)
Erne Nacht.
Einer wahren Begebenheit im französischen Feldzuge nacherzählt von H. E. Jahn.
Die rauhe Januarnacht brach herein. Aus grauen Wolken sandte sie den Schnee zur Erde — wirbelnd und dnrcheinanderquirlcnd glich er in der dunklen Luft flatternden Hellen Punkten, die zu weißen Strichen wurden, wann sie der Sturm vor sich her trieb.
Die glatte, von Mauern und Gärten umgebene Landstraße herab kamen zwei deutsche Soldaten.
„Na," brummte der eine, „Voß, ich glaube, wir haben uns verlaufen."
„Ja, dat glöw ick uck, Herr Unteroffizier", bekräftigte der andere mit größter Seelenruhe.
„Das wär' aber eine fatale Geschichte! in solcher Finsterniß und bei solchem Hundewetter, in diesem gottverlassenen Lande, wo fast hinter jedem Knick ein Blousenmann lauert, begierig, uns das Lebenslicht auszublasen!"
„Je, Herr Unteroffizier, dat is so, as dat iS!" meinte der mit Voß Angeredete refignirt.
„Hoppla! Da wäre ich bei dem Glatteis fast der Länge lang hingepurzeltl Ist das eine Glätte! — — Und dunkel ist's, wie in einem Sack! — Ne, Voß, bei Muttern zu Hause in der Speisekammer ist's doch besser!"
Voß nickte wehmüthig, dann fuhr er sich mit der harten Hand über das Gesicht und brummte: „Dat is allens so, as dat is." Und vom Wind umschnaubt, der ihnen den körnigen Schnee zornig in die Augen schleuderte, schritten die beiden Krieger hinein in die weite, schaurige Dunkelheit.
* * *
Ein trauliches Zimmer eines französischen Bauernhauses. Jv dem großen, weitbauchigen Kamin flackert das Feuer,
Zur Frage des Reichsapotheken-Gesetzes
schreibt ein Apothekenbesitzer:
Die Hauptversammlung des deutschen Apothekervereins hat sich, wie nicht anders zu erwarten war, mit großer Entschiedenheit gegen die geplante Apothekenreform erklärt, die zur Grundlage die Personalkonzesston nehmen will.. So begreiflich dieser Widerspruch der beati possidentes — oder in diesem Fall der unglücklichen Besitzenden — auch ist, es wäre durchaus falsch, anzunehmen, daß die Majorität der Apothekenbesitzer nicht die Unhaltbarkeit der heutigen Zustände im Apothekenwesen einsehen, und daß sie nicht gern zur Besserung dieser Zustände die Hand bieten würde. Aber wer für schwere Opfer sich irgend ein Recht erworben hat, kann verlangen, daß er, wenn ihm dies Recht vom Staate genommen wird, eine angemessene Entschädigung erhalte. Das ist aber, wollen wir ehrlich sein, der wesentlichste Grund der Opposition, die sich in den Apothekerkreisen gegen die geplante Neuregelung erhoben hat. Würde hierüber eine ausreichende Beruhigung gegeben, dann würde zu den Apothekergehülfen, die wohl ausnahmslos der Neuordnung sympathisch gegenüberstehen, sicherlich auch ein nicht geringer Theil der Apothekenbesitzer treten. Denn wer die Verhältnisse im Apothekergewerbe näher kennen gelernt hat, muß die Ueberzeugung gewonnen haben, daß das heutige Kon- zesfionirungssystem schon an sich unhaltbar, es doppelt aber durch seine Zerfahrenheit ist.
Im Wesentlichen zerfällt diese Konzessionirung in Deutschland in zwei Formen, die Ertheilung eines Realprivilegiums und die eiwer persönlichen Konzession. Das erstere hat den Charakter eines dinglichen Rechtes, über welches der Berechtigte frei verfügen kann, welches sich vererbt, wie jedes andere Vermögensstück, und welches in gleicher Weise auch dinglichen Belastungen unterworfen werden kann, nur mit der einen Beschränkung, daß die Berechtigung auf andere Personen als approbirte Apotheker nicht übertragen werden kann. Dagegen ist die Personalkonzession unveräußerlich trab unvererblich, sie erlischt mit dem Augenblicke, wo der Berechtigte den Betrieb, auf welchen sich die Konzession erstreckt, sei es freiwillig, sei es infolge Ablebens oder aus anderen Gründen, aufgiebt. Zwischen diese beiden Systeme haben sich aber eine Menge Zwischenstufen eingeschoben, die unserem Konzessionswesen eine kaleidoskopische Mannigfaltigkeit verleihen.
In Preußen beispielsweise gilt noch heute die Apotheker- orduung vom 11. Oktober 1801. Während es bis dahin nur „privilegirte" Apotheken gab, trat jetzt die oben erwähnte zweite Klasse, die „konzesfionirten" Apotheken, dazu. Alsdann bestimmte jedoch das Gewerbeedikt vom 2. November 1810, daß künftig keine Realgewerbeberechtigungen oder vererbliche oder veräußerliche Privilegien mehr verliehen werden dürsten. Vielmehr sollten nach der Verordnung von 24. Oktober 1811 in Zukunft alle Konzessionen zum Betriebe des Apothekergewerbes nur noch persönlich sein, mit der Einschränkung, daß die bis dahin ertheilten Privilegien in Kraft bleiben.
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48. Jahrgang.
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Votttische Tages-Rnndschau.
— Das namenlose Elend, das in Sizilien herrscht, hat in den letzten Tagen wieder Veranlassung zu stürmischen Auftritten und zu herzzerreißenden Scenen gegeben. Bekanntlich hat man in Palermo vor einigen Wochen eine bedeutende Vertheilung von Gemeindeländereien unter die armen Landleute vorgenommen. Zahlreiche Familien sind dadurch in Stand gesetzt, sich wenigstens vor dem Hungertode zu schützen. Aehnliche Vertheilungen sollten auch in den übrigen Distrikten der Insel vorgenommen werden; dieselben waren bereits angekündigt, und in Rcalmonte, einem Blarktfleckcn von 3000 Einwohnern, sollte mit der Vertheilung der Gemeindegüter begonnen werden, welche früher ein Feudalgut unter dem Namen Fauna bildeten. Da plötzlich erschien eine Bekanntmachung des Finanzintendanten, welche mitiheilte, diese Ländereien müßten der Gemeinde erhalten bleiben und sei für
und vor ihm, auf einem altväterlichen Lehnstuhl, sitzt ein silberhaariger Greis. Dem grauen Kätzchen scheint es auf den Knieen des alten Mannes zu behagen, denn sein Schnurren mischt sich mit dem Brodeln des Theekessels und dem Ticken der Pendeluhr.
Eine Matrone geht geschäftig ab und zu, die Reste des Abendbrods vom Tisch räumend.
An die Fenster stößt der Sturm und wirft den Schnee in ganzen Schauern daran.
„Hörst Du, Georg, welch grausiges Wetter!" begann die Frau, indem sie lauschend stehen blieb; „ach Gott! wärest Du doch meinem Rathe gefolgt und hättest unfern Neffen, den Louis Seltne, kommen lassen, dann brauchten wir beide uns in der schlimmen Kriegszcit nicht so allein abzuängstigen — ach, mein Gott! ach, mein Gott!"
„Tröste Dich, Josianne! die Preußen sind eine gebildete, civilisirte Nation und werden armen Landleuten nichts thun. Aber was den Louis aubelangt, der war immer ein arger Taugenichts, und ich glaube, wir tonnen dem Höchsten nur danken, wenn er ihn uns vom Leibe hält."
„Ach, Georg, hast Du denn nicht gelesen, daß die Preußen die schrecklichen Ulanen mitgebracht haben? Und dann die wilden Stämme aus den Sümpfen und Wäldern Mecklenburgs und Pommerns. O, das muffen schreckliche Barbaren sein!"
„Ja, ja, vor Denen möge uns Gott behüten!"
„In Fellen sollen sie gehen und noch grausamer und blutdürstiger sein als die wilden Stämme aus Asrika. — Was mir nur heute Abend ist? Bei jedem Windhauch schrecke ich zusammen---und eine Unruhe und Angst
habe ich, als stände uns irgend ein Unglück bevor."
„Das ist Einbildung! Die schauderhaften Geschichten in den Zeitungen" . . .
„Hörtest Du nicht, Georg, klang es nicht wie Schritte?!"
