Wiesbadener Tagblaü
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1895
Mittwoch, den 28. Augnst
Bezirks-Fernsprecher Ro. 52.
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Bezirks-Fernsprecher No. 52.
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Abend-Ausgabe
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KoUtische Toses-R«n-scha«.
— Der Meineidsprozeß gegen Schröder und Genossen wurde am 25. d. bei einer sozialdemokratischen Versammlung, zu welcher Parteigenossen des ganzen Wahlkreises Essen eingeladcn waren, besprochen. Diejenigen, welche gekommen waren, um vielleicht einer stürmischen Verhandlung beizuwohnen, wurden enttäuscht: der Redner, ein Herr Hue, zur Zeit Redakteur der „Berg- und Hütten-
die gewinnbaren Vorräthe dürften ungefähr 16 Milliarden Tonnen betragen.
In Oesterreich-Ungarn wurden im Jahre 1890 circa 10 Millionen Tonnen Steinkohlen und circa 18 Millionen Tonnen Braunkohlen gefördert. (Stärkste Braunkohlen- produktion der Welt.) Die Kohlenvorräthe werden auf etwa 17 Milliarden Tonnen geschätzt.
Im europäischen Rußland wurden im Jahre 1890 rund 6 Millionen Tonnen Steinkohlen und 118,000 Tonnen Braunkohlen erzeugt. Die Kohlenvorräthe sind auf beiläufig 30 Milliarden Tonnen geschätzt worden.
Es dürfte darüber kein Zweifel bestehen, daß die russischen Steinkohlen bei der ungeheuren Ausdehnung des Czarcn- reiches für die Versorgung der westlichen Staaten Europas in Zukunft nicht in Betracht kommen werden.
. Die unbedeutenden Kohlenvorräthe in Holland, Spanien, Schweden und Italien mit einer Gesammtproduktion von annähernd 1,700,000 Tonnen können auch unberücksichtigt bleiben.
Die Erschöpfung der Kohlenvorräthe oder das Herannahen dieses Zeitpunktes dürfte sich zuerst in Oesterreich- Ungarn, Frankreich und Belgien nach etwa 500 Jahren, dann in Großbritannien und zuletzt in Deutschland, hier vielleicht erst nach 800 bis 1000 Jahren, fühlbar machen.
Rimmi man an, daß die Kohlenförderung der mitteleuropäischen Staaten im Ganzen bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts sich auf rund 500 Millionen _ Tonnen steigern und alsdann unter Ausgleich des Ausfalles des einen Landes durch Mehrförderung des anderen auf dieser Höhe halten wird, so würde nach 670 Jahren von 1890 ab der Kohlenvorrath Mitteleuropas erschöpft sein.
Kaum viel länger dürften die außereuropäischen Kohlenschätze dauern. Die Kohlenvorräthe Nordamerikas betragen nach allgemeinen Schätzungen 684 Milliarden metrische Tonnen und die Jahresproduktion von 1890 erreichte die Höhe von 132 Millionen Tonnen. Mit Rücksicht auf die voraussichtliche Zunahme der Bevölkerung aber und des Bedarfes derselben an Kohlen dürften diese ungeheueren Kohlenvorräthe auch kaum länger währen als die europäischen.
Auch in Asten und Australien befinden sich bereits große Kohlenfelder im Abbau, dagegen hat die Kohlenproduktion in Afrika noch keine Bedeutung gewonnen. Die gegenwärtige Steinkohlenförderung der ganzen Erde beträgt pro Jahr etwa 500 Millionen Tonnen.
Wenn derartige Berechnungen für die Gegenwart auch nur theoretischen Werth besitzen, so bieten sie doch unseren Nachkommen ein werthvolles Material, welches ihnen die Schlußfolgerungen bezüglich des Endes der Kohlenvorräthe erleichtern wird.
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Wie lange reichen die Kohlenvorräthe Europas?
Entgegen der vielfach verbreiteten Ansicht, daß in ab- | sehbarer Zeit die Elektricität und die Wasserkraft den Dampf ; als Krafterzcuger ersetzen werden, vertrat Professor Ricdler l auf dem 5. Allgemeinen Bergmannstage in Berlin die i Ansicht, daß der Dampf auch in der Zukunft durch kein \ anderes Mittel „von seiner Alles beherrschenden Höhe" ver- ! drängt werden könne.
Zu seiner Bildung bedarf aber der Dampf der Kohle, ■ und diese ist es daher, welche als eigentliches Krast- : -rzeugungs- und Kraftvertheilungsmittel im Zusammenhänge mit den modernen Verkehrsmitteln alle unsere wirthschaft- P lichen Verhältnisse beherrscht.
Angeregt durch den Vortrag des Professors Riedler unterzog Bergrath Nasse, wie im „Stein der Weisen" berichtet wird, die Frage, wann die Kohlenvorräthe Europas erschöpft sein werden, einer genauen Prüfung.
Wenn man dieser Frage näher treten will, so muß man zuerst die vorhandenen Kohlenvorräthe, deren Gewinnung überhaupt technisch möglich und ökonomisch lohnend erscheint, . möglichst genau feststellen.
Bezüglich der Tiefe, in welcher noch regelmäßige Gewinnung stattfinden kann, bietet die zunehmende Erdmärme M innerhalb einer gewissen Grenze Schwierigkeiten, welche sich - mit unseren heutigen Mitteln nicht überwinden lassen. Mit ' Rücfficht darauf will Nasse die Gewinnbarkeit der Stein- i kohlen in mehr als 1200 m Tiefe im Allgemeinen in Zweifel
Die geringste Mächtigkeit, bei welcher Steinkohlenflötze noch lohnend abgebaut werden können, schwankt in den ver- M schiedenen Ländern zwischen 40 cm und 1,5 m. Diese auffallenden Verschiedenheiten werden sich in Zukunft bei ein- tretendem Kohlenmangel mehr und mehr ausgleichen.
In Deutschland wurden im Durchschnitte der Jahre 1889, 1890 und 1891 circa 70 Millionen Tonnen Steinkahlen und circa 19 Millionen Tonnen Braunkohlen gefördert. Unter den oben erwähnten Voraussetzungen bezüglich der technisch möglichen und ökonomisch lohnenden Gcvnnnung betragen die Kohlenvorräthe Deutschlands 109 Milliarden Tonnen Steinkohlen und 5 Milliarden Tonnen Braunkohlen (mit dem Brennwerthe von circa drei MÄiarden Tonnen Steinkohlen). Selbst mit Rücksicht auf die fortwährende Zunahme der Gewinnung dürften dies« Vorräthe in circa 1000 Jahren noch nicht erschöpft sein.
An Großbritannien und Irland betrug die Steinkohlen- . gewinnung im Jahre 1890 182 Millionen englische Tonnen, uud die Vorräthe dieser Länder werden auf nahezu f 200 Milliarden englische Tonnen geschätzt.
An Frankreich wurden im Jahre 1890 25^/r Millionen Tonnen Steinkohlen produzirt, und die Vorräthe werden auf etwa 18 Milliarden Tonnen geschätzt.
Die Steinkohlenerzengung in Belgien erreichte im Zahre 1890 die Höhe von etwa 20 Millionen Tonnen, und
arbeiter-Zeitung", besprach in sachlicher, leidenschaftsloser Weise den Prozeß und enthielt sich auch jeder Ausfälle gegen die Geschworenen. Die letztem hätten ihr Ur- theil jedenfalls nach bestem Wissen und Gewissen abgegeben, seien aber vom Kluffengefühl beeinflußt worden. Von der Ehrenhaftigkeit der Verurtheilten seien die Genossen vor wie nach überzeugt, sie hielten dieselben für unschuldig, und deshalb habe eine Konferenz der Vertrauensmänner beschlossen, Schröder die höchste Ehrenstelle anzubicten, welch« das deutsche Volk zu vergeben habe, ein Mandat zum Reichstag. Ohne Widerspruch und Diskussion wurde sodann Schröder für die nächste Reichstagswahl für den Kreis Essen als Kandidat aufgestellt. Nach kaum einstündiger Dauer war die Versammlung beendigt. Für die Familien der verurtheilten Bergleute gehen unter den Sozialdemokraten Sammellisten um. — Der Meineidsprozeß in Essen hat bekanntlich zu mancherlei Erörterungen in der Presse Anlaß gegeben. Eine beachtens- werthe Ausführung über die Eidesfrage bringt noch die „Soz. Praxis", in der es heißt: „EinZeuge, der beschwört, was er nach gewissenhafter Prüfung für wahr hält, leistet nienials einen Meineid, weder einen wissentlichen, noch auch nur einen fahrlässigen, selbst wenn er sich geirrt hat. Allenfalls kann bei einem Parteieneide in Frage kommen, ob der Schwörende nicht darin fahrlässig gehandelt hat, daß er den Eid überhaupt geschworen hat. Bei einem Zengeneide fällt auch diese Möglichkeit fort. Der Zeuge muß schwören, und er darf nur das aussagen, waS er für wahr hält. Ein Zeuge, der eine feste und sichere Erinnerung an die Vorfälle hat, darf nicht etwa trotzdem hinzufügcn, er besinne sich nicht genau; er würde sich vielmehr durch einen solchen „der Vorsicht halber" gegen feine innere Ucberzeugung gemachten abschwächenden Zusatz des Meineids schuldig machen. Daß dieselben Vorfälle in den Erinnerungen zweier Zeugengruppen sich verschieden, ja entgegengesetzt ausnehmen, hat nichts Auffallendes. In solchen Fällen leisten die Einen wie die Andern einen reinen Eid, wenn sie das beschwören, was ihre Erinnerung ist. Gesetzten Falls, es würde sich eine Praxis wie die in Essen einbürgern, so würde bei widersprechenden Zeugenaussagen Alles davon abhängen, auf welche Seite sich der Staatsanwalt stellt. Wenn man sämmtliche Zeugen der einen Seite auf die Anklagebank setzt, so haben nachher in dem Meineidsverfahren die Angeklagten auch nicht einen Zeugen für sich, sondern alle gegen sich. Bereits hat die Staatsanwaltschaft in dem, Essener Prozeß wiederum die abweichenden Zeugen für meineidig erklärt. Will sie gegen alle diese Anklage erheben und gegen etwaige neue Zeugen wiederum, und so fort ins Unendliche? Und, wenn nicht, wo bleibt die Gerechtigkeit, wenn gegen die Einen vorgegangen wirb, gegen die Andern nicht? Das ist nicht die richtige Ansicht von der Heiligkeit des Eides. Die Achtung vor der Heiligkeit des Eides erfordert, daß wir ihn niemals bloß deswegen antasten, weil wir über seinen Inhalt anderer Ansicht sind. Den Eid heilig halten soll nicht nur der Schwörende, sondern auch der Hörende.
— Französisches Beamtenheer. Zudem Beamtenwesen im modernen Staat giebt eine kleine Statistik eine, lehrreiche und zugleich interessante Illustration. Im'
(Nachdruck verboten.)
Vergißmeinnicht.
Von Catulle Mendös.
Im großen Hofe des Irrenhauses saß die arme Wahn- | finnige auf einer der steinernen Bänke. Jung und schön, wen« auch abgehärmt, bleich und eingefallen, war sie wohl knapp erst siebzehn Jahre alt; goldig ihr Haar, das ihr in laugen wirren Strähnen über die Schultern fiel; die Augen Mau wie der Himmel, allein feucht von den Thränen, die ihr in großen Furchen langsam, doch unaufhaltsam über die Wangen rannen, und Thautropfen gleich auf ein Sträußchen Vergißmeinnicht fielen, das sie in ihren Händen hielt und nicht mit diesen, nicht mit den Blicken loslassen zu wollen schien.
Wer das war? was ihr fehlte? worin ihr Wahnsinn bestand?
.Fragen Sie sie selber," sagte mir der Wärter, der mich durch den Garten begleitete, und ich trat auf sie zu.
Bei dem Geräusch meiner Schritte schrak sie zusammen tou Jemand, der Schelte oder Schläge erwartet, allein, i ihre Blicke aufschlagend und mich sehend, lächelte sie mir zu, mit einem süßen, freudigen, hoffnungsvollen Lächeln und: „Nicht wahr?" fragte sie mich, „Sie kamen um meinetwillen hierher? Sie kamen, um mich von hier fortzuführen, wo mich der Schmerz, die Qual, das Leiden tobtet. O wie gut das von Ihnen ist. Ich muß ja fort von hier, heute | noch, jetzt, gleich, denn Abends — muß ich ja dort sein." - „Wo?" fragte ich, und in meiner Stimme zitterte das
| Mitleid und die Rührung durch.
„Wo?" fragte nun sie und schlug erstaunt ihre Augen auf, in denen ein Stück des Himmels lag. „Wo sonst als [ 6d ihm."
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„Lei wem?"
„Bei ihm. Bei Daniel. Bei Robert Daniel, das wissen Sie doch?"
„Nein, ich weiß es nicht. Wer ist Daniel? Ihr Bräutigam? Ihr Geliebter? Ihr Mann?"
„O nein," und ein süßes, unschuldsvolles Lächeln trat auf ihre Lippen. „Mein Geliebter nicht. Johannas Geliebter ist er."
„Johannas?" wiederholte ich erstaunt.
„Ja," entgegnete sie. „Meiner nicht." „Und er erwartet Sie?"
„Ja, seit sechs Monaten jeden Tag."
„Und wo wartet er?" fragte ich weiter. •
„Wo sonst als dort wo er ist: auf dem Friedhof. Wissen Sie denn nicht, daß er tobt ist? Wissen Sie nicht, wo sein Grab ist? O, solch ein schönes Grab; so weiß, so herrlich, so glänzend. Sein Name steht auf dem Sockel: „Daniel Robert", und drüber eine Urne, in welcher das Wasser sich sammelt, und die Vöglein trinken gehn. O, es ist so schön, so schön. Aber Sie — L-ie können das ja nicht verstehen. Auch Sie glauben, daß, wenn man tobt ist. Alles vorbei sei. O ja, ich sehe es Ihnen an. Unb doch lebt man, und denkt und lebt und fühlt, auch wenn man tobt ist. Denn man stirbt ja nicht, auch wenn man tobt ist. Sie lächeln, Sie schütteln ihr Haupt. O, Sie thun es nur, weil Sie Ihr Haupt, Ihr Ohr nie an ein Grab gelegt haben. Auch ich hatte es nie zuvor gethan, nie, nur an jenem Abenb. Das Grab — sein Grab — leuchtete förmlich in herrlicher, buftiger Blüthenpracht. Eine seltsam versuchende Lust überkam mich, eine der Blüthen zu pflücken; ich beuge mich zu den Blumen hinab, mein Ohr kommt dem Sockel zu nahe und — o spotten Sie nicht — es hört einen Laut, ein Singen, ein Sprechen, ein Tönen
48. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-PreiS: SO Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begannen werde».
und da ... da ... da vernahm ich ganz deutlich, leise, leise die Worte: „Johanna, bist Du's?" Ich schwieg, mein Herz klopfte, aber ich lauschte weiter. Und wieder: „Gieb Antwort, sage, bist Du's?" Da war meine Furcht mit einem Male dahin. „Daniel Robert", las ich und zwanzig Jahre alt". O, da begriff ich Alles. Er, der dort schlief, rief nach feiner Geliebten; mit zwanzig Jahren muß man ja lieben, nicht wahr? Sie, die Geliebte, hatte geschworen, zu seinem Grabe zu kommen und hatte den Schwur nicht gehalten. Er aber wartete unb wartete immer, und jedesmal, wenn ein leiser Tritt sich seinem Grabe näherte, fragte er sehnend: „Johanna, bist Du's?" Der Arme! Nie gab irgend Einer ihm Antwort. Ich — antwortete ihm. Er mußte ja so leiden dort unten in seinem Grabe; war es da ein Unrecht, wenn ich ihm Trost zu bringen suchte?
Ich sprach zu ihm und belog ihn.
„Ja," sagte ich. „Ich bin es, ich bin Deine Johanna." Er merkte den Betrug nicht. Er glaubte mir, er glaubte. Einen tiefen, schmerzlichen Seufzer hörte ich erst, dann sprach er zu mir in einer süßen, mir bis dahin unbekannten Sprache. Er sprach von der Seligkeit der Liebe, von den herrlichen Augenblicken des höchsten, entzückendsten Glückes, das er bei mir genossen, er weckte in mir die Erinnerung an seine heißen, glühenden Küsse, und ich, ich antwortete ihm, o wäre ich es wirklich gewesen, o wäre ich, ich, seine Johanna gewesen, um — nur um ihm das Herz nicht zu brechen, ihm, der da unten bei den Tobten lag.
Und so kam ich jeden Tag zu ihm und tauschte mit ihm süße, selige Worte.
Eines Tages aber — o, eines Tages, ba kamen meine Eltern unb andere Männer und rissen mich von dem Grabe weg. Ich schrie auf, ich klammerte mich an der Säule fest,
