Wiesbadener T agb Litt
1895
Dienstag, den 27* Augnst.
Bezirks-Fernsprecher 9k. 52.
N-. 398
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
nicht erschöpft.
nun.
ebenso wie die der Werkstatt! Der Großbetrieb und die Arbeitstheilung ergeben neben dem Vortheil beim Einkauf des Materials die billigeren Preise, die den Handwerker erdrücken. Wo Großbetrieb und Arbeitstheilung sowie leichtes Aufbewahren der Produkte und zugleich Blassenverbrauch nicht Hand in Hand gehen, hat das Handwerk nicht gelitten.
Zu den hauptsächlich Klagenden gehören Schuhmacher und Schneider, und wir wollen nickt untersuchen, wie diese Gewerbe auch zu Zeiten der Züi'rc klagten, sondern die Klagen als berechtigt anerkennen. Jedoch wie viele der Schuhmacher sind heute Schuhhändler, und wie viele Schneider haben Stofflager und das Stoffgeschäft den Kaufleuten entzogen! Die Masse war früher auch schon vielfach Flickarbeiter, und wenn wir unbedingt zugeben, daß sie es noch mehr geworden ist, so ist nicht einmal der Fabrikbetrieb daran allein schuld, sondern es ist ebenso wie zu Zeilen der Zünfte der Wohlhabende, Reiche dem Armen voraus und dessen Arbeitgeber. Hier ist nicht genügend Gebrauch gemacht worden und wird nicht genug Gebrauch gemacht von der genossenschaftlichen Vereinigung, oder die Armen haben sich innerhalb einer Genossenschaft aus Lässigkeit düpiren lassen. — Der heutige Klempner macht keine Weißblecharbeit mehr und der Schlosser kauft Schlösser und Bänder und schlügt sie neu an, aber was Zahl der Arbeiter und Umsatz anlangt, so ist bei beiden Gewerben Fortschritt, nicht Rückgang zu verzeichnen. Noch weit mehr ist der Fortschritt bei den anderen Baugewerbe», bei Maurern und Zimmerleuten, zu bemerken, weil im Verhältniß weit, weit mehr gebaut wird als früher.
Daß der Handwerker zugleich Kaufmann geworden ist, welcher Fabrikwaare (Ganz- und Halbfabrikate) verkauft, kann nur insofern beklagenswerth erscheinen, als etwa dadurch der Minderbemittelte nicht so leicht zur Selbständigkeit gelangt. Aber auch das ist nicht zutreffend, die Zunfteinrichtung hielt das weit mehr zurück als der heutige Zustand, und es werden manche Gehülfen viel zu leicht und leichtfertig Meister, ohne daß sie genügend eigenes Kapital besitzen. — Was die hauptsächlichsten Klage» hervorruft, ist der Umstand, daß der handeltreibende Handwerker mit dem Handeltreibenden von Fach konkurriren muß und sowohl wegen Wangels cur kaufmännischer Berechnung als wegen Kapitalmangels dabei den Kürzeren' zieht oder doch ein schweres Dasein führt. Die Masse der Konsumenten wird da leicht entscheiden, wem sie recht geben soll; aber es unterliegt auch gar keinem Zweifel, daß es nicht ein Vorrecht des Handwerkers sein kann, Sachen zu verkaufen, die er ebenso wie der Kaufmann von der Fabrik bezieht, weil er, wenn es noth thut, Aehnliches, wenn auch ungeschickter und theuerer, anfertigen kann, wie die Fabrik mit ihren Maschinen und ihrem durch Arbeitstheilung gedrillten Arbeitspersonal. Der »Kampf des Handwerkers besteht nur in der Einbildung mit dem Händler, in Wirklichkeit ist nur die Fabrik sein Gegner, cs ist also auch hier nur Kampf zwischen Großen und Kleinen, und hier gleit es nur ein Mittel, aber in mannigfacher Gestalt, das ist die Vereinigung zu Genossenschaften, zu Rohstoff- und Magazin-
Genossenschaften und der Anschluß an Kreditgenossenschaften, die sich aus allen Ständen rekrutiren und nicht lediglich aus Angehörigen eines Standes bestehen. Viel ist geschehen auf dem Gebiete des Genossenschaftswesens, aber noch lange nicht genug, und wenn wir auch eine überaus große Zahl von allen Arten Kreditgenossenschaften besitzen, die Zahlen der Rohstoff-, Magazin-, Verkaufs- und Produktiv- Genossenschaften ist so gering, daß man sie den klagenden Handwerkern immer wieder Vorhalten muß mit dem Bemerken, sie hätten die Mittel zur Selbsthülfe noch lange
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Zur Gage des Handwerks.
Vom Verein für Sozialpolitik sind drei Bände „Untersuchungen über die Lage des Handwerks" soeben veröffentlicht worden, und drei weitere Bände wird das Jahr 1896 bringen. Ein Band behandelt nur preußisches Gebiet, ein zweiter sächsisches, und der dritte Band enthält Arbeiten über Zustände in Süddeutschland (Baden, Württemberg, Hessen und Elsaß-Lothringen). Diese Arbeiten liefern ein sehr interessantes Material zur Beleuchtung der Handwerkerfrage, wenn auch das verdienstliche Werk hinsichtlich der Mitarbeiter sowohl als hinsichtlich der Orte und Bezirke und nicht minder der Gewerbe, die behandelt werdens theilweise auf Zufälligkeiten angewiesen ist. Von der gegenwärtig beschäftigten Untersuchung von Reichs wegen, bei der ja auch nur einzelne Bezirke und Orte behandelt werden, ist hinsichtlich der Auswahl der Orte ein bestimmtes System eingehalten worden, und man darf daher hoffen, daß durch die Reichs- Untersuchungen die Vereinsarbeit in dankenswerther Weise ergänzt wird. ,
Sind aber alle diese Einzeluntersuchungen höchst ersprießlich und nützlich, so dürfte anderseits unzweifelhaft feststehen, daß sie zum größten Theil im Allgemeinen nur bestätigen können, daß manche Handwerke durch die Fabrik abgelöst werden oder doch stark geschädigt wurden, während andere durch den großen modernen Verkehr einen Aufschwung nehmen, der früher unmöglich gewesen wäre. Man darf bestimmt sagen, dak manches Handwerk durch die Großindustrie gar nicht verdrängt werden kann, während manches andere durch die veränderten Verhältnisse zu Grunde ging, wenn auch niemals an den alten Zünften gerüttelt worden wäre, weil die Erzeugnisse deö Handwerks keine Bedarfsariikel mehr sind. Deshalb sind aber auch die allgemeinen Klagen des Handwerks als unberechtigt abzuweisen und jedes Gewerbe, jeder Bezirk und Ort individuell zu beurtheilen. Mancher allgemein gebrauchte Vorwurf gegen die Fabrikindustr'e und deren Erzeugnisse ist vollkommen hinfällig und nickt minder der gegen die Mitarbeiter der Großindustrie, die Handelsleute groß und klein.
Die Vorwürfe vieler Handwerker gegen die Händler und Konsumvereine sind sämmtlich an die falsche Adresse gerichtet, denn die Fabrik, der Großbetrieb und die Kapitalmacht, die mit denselben Hand in Hand geht, sind es, gegen welche das Handwerk sich zu erwehren hat und theilweise schwerlich kann. Wenn die Fabriken angeklagt werden, schlechte Waaren, schlechtere, als das Handwerk sie erzeugte, zu fabriziren, so ist das nur insofern richtig, als es ihnen möglich ist, schcchte Massenartikel sehr billig herzustellen, wie sie dem nach Billigkeit der Preise leider zu sehr schauenden deutschen Verbraucher recht find und von ihm verlangt werden. Im Prinzip ist die Fabrikarbcit, weil gleichmäßiger und von billigem und gut beschafftem Rohmaterial hergestellt, besser als die meiste Handarbeit, und wie viele Fabrikarbeit ist auch Handarbeit,
Politische Tages-Rundschau.
— Die Börsen steuer hat in dem ersten Drittel deS laufenden Etatsjahres Erträge gehabt, wie sie bisher noch nicht zu verzeichnen waren. Als die Börsenstener Mitte der achtziger Jahre eingcführt wurde, rechnete man darauf, daß ihr jährlicher Ertrag sich um etwa 30 Millionen herum bewegen würde. Dieser Ertrag ist aber nie erreicht worden. Der höchste Abschluß bezifferte sich nur auf rund 24 Millionen. Inzwischen ist nun die Erhöhung der , Steuersätze vor sich gegangen. Für ein Volljahr ist dieselbe noch nicht in Kraft gewesen. Jedoch die Ergebnisse der letzten elf Monate des Etatsjahres 1894/95 hatten gezeigt, daß die Sckützungen, welche man bei der Erhöhung der Sätze veranstaltet hatte, nicht zu hoch gegriffen waren. Das laufende Etatsjahr jedoch scheint die Schätzung weit übertreffen zu sollen. Schon im ersten Drittel ist mehr als die Hälfte des Etatsansatzes vereinnahmt worden. Für die Gesammt» heit der Stcmpelabgaben wird allerdings diese Steigerung der Einnahmen aus der Börscnsteucr insofern nicht mit ihrem vollen Gewicht zum Ausdruck tönernen können, als die Loosesteuer für die Staatslotterieen im laufenden Etatsjahre weit hinter dem Etatsausatze zurückbleiben zu sollen scheint.
— Schutz der Waarenzeichen. Das neue Gesetz über den Schutz der Waarenzeichen ist nun bald schon ein Jahr in Kraft. Die „Bcrl. Pol. Nachr." schreiben aus diesem Anlaß darüber: Wenn man die Wirkungen überblickt, welche das neue Gesetz gehabt hat, so wird man sie sämmtlich nur als günstige bezeichnen können. Vor Allem haben sich die Centralisirung und die allerdings beschränkte Vorprüfung der AnRrldungeu bewährt. Durch diese beiden Neuerungen ist nicht bloß der Geschäftsgang bei der Erlangung des Waarenzcichenschutzes ein schnellerer und glatterer geworden, auch die vielen Scherereien, welche recht häufig in der Anrufung der Gerichte ausklangen, sind bis zu einem winzigen Bruchtheil beseitigt. Nach diesen beiden Richtungen hat das neue Gesetz der Geschäftswelt, die zu einem Theile dem Waarenzeichenschutz früher skeptisch gegenüberstand, andere Anschauungen von diesem Zweige des gewerblichen Eigen- thumsrechtes beigebrachl. Die Wirkungen kommen ja auch in der großen Zahl der Neumeldungen, welche in dem monatlich erscheinenden Waarenzeicheublatt veröffentlicht werden, zur Erscheinung. Auf die Vermehrung der Anmeldungen hat aber auch die Erweiterung des Kreises der zur Anmeldung berechtigten Gewerbetreibenden hingewirkt.
Verlag: Langgasse 27.
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4«. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: 50 Pfennig muuatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begannen werden.
(Nachdruck verboten.)
Dir moderne Amerikanerin.
(Eigener Aussatz für dar .Wiesbadener Tagblatt".)
Einer der interessantesten weiblichen Typen ist unzweifelhaft die Amerikanerin, die durch ihre häufigen Reisen auch in Europa keine unbekannte Größe mehr ist. Wir meinen in erster Linie die junge, noch unverheirathete Amerikanerin, die überall, wo sie erscheint, Blicke der Bewunderung auf sich lenkt und regelmäßig den Mittelpunkt der Gesellschaftskreise bildet; denn der hinreißende Zauber ihrer glänzenden Vorzüge, ihre Brilliance und die ungezwungene Sicherheit ihres Auftretens stellen die äußerlich bescheideneren, aber im Grunde höheren Reize der europäischen Mädchen in den Schatten. In den verschiedenen Theilen der Vereinigten Staaten begegnet man natürlich einer großen Mannigfaltigkeit weiblicher Typen; die Frau des Westens und die des Südens sind mehr oder weniger der Vermischung mit romanischen Elementen ausgesetzt gewesen; sie bilden daher besondere Gruppen mit ausgeprägten südländischen, theilweise kreolischen Zügen. Aber am weitesten verbreitet und am meisten bekannt ist der Typus des Ostens, der Neuenglandstaaten; er hat am reinsten die Eigenthümlichkeiten der angelsächsischen Rasse bewahrt, und auf ihn beziehen sich die Urtheile, welche man gemeinhin über die „Amerikanerin" hört.
Die Behauptung, daß die Amerikanerin gewöhnlich hübsch, häufig sogar eine Schönheit ersten Ranges ist, wird wohl keinen Widerspruch erfahren. Diese Schönheit trägt aber in den seltensten Fällen den Stempel klassischer Ruhe; der nervöse Thätigkeitsdrang der Amerikaner spiegelt sich in den belebten, durchgeistigten Gesichtszügen der jungen Mädchen und älteren Damen wieder. Vererbung
und Erziehung macken die Amerikanerin zu dem erobernden, siegreichen Geschöpf, als welches sie bekannt und gefürchtet ist. Zhr Entwicklungsgang erscheint im höchsten
Grade geeignet, das Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen zu stärken. Mit 7 Jahren tritt sie in eine Pension ein, wo sie durchschnittlich bis zum 17. Jahre verbleibt; die amerikanischen Familien entschließen sich leichter als die deutschen, sich auf längere Zeit von ihren Kindern zu trennen. Da dieser Pensionsaufenthalt nur durch seltene, kurze Besuche im Elternhause unterbrochen wird, lernt das Mädchen ohne weitere störende Einflüsse sich den Bedingungen eines größeren Zusammenlebens anpassen; Jn diesem kleineren Ausschnitt der großen Welt findet es sich frühzeitig zurecht und erwirbt zugleich gründliche und umfassende Kenntnisse. Die Lehrkurse erstrecken sich auf Elementarmathematik, Physik, Chemie, Botanik, Biologie, Kosmographie und, was den litterarischen Theil anbetrifft, auf alte und neue Geschichte, besonders diejenige Englands und Frankreichs, und ein eindringendes Studium der Sprachen, vor Allem der französischen, die fast alle jungen Mädchen der reicheren Klassen sprechen, und sodann der deutschen und italienischen. Diese gründliche Ausbildung setzt die Mädchen in den Stand, eine ganze Anzahl verantwortlicher Posten auszufüllen, als Kassirerin, Journalistin und dergleichen; wenn die junge Amerikanerin cs will, ist sie auch im Stande, ihre Studien noch weiter fortzusctzcn und einen liberalen Beruf in der Advokatur, als Arzt oder Lehrerin zu ergreifen oder ihren künstlerischen Neigungen nachzugehen; es gieot genug Bildhauerinnen und Malerinnen unter den Amerikanerinnen. Sogar die Politik bleibt ihnen nicht verschlossen; gewisse Verwaltungsstellen können in den Vereinigten Staaten durch Frauen besetzt werden, und kürzlich ist sogar eine Frau im Westen zum Bürgermeister ernannt worden. Gehört dagegen die Familie den reicheren Klassen an, so kehrt das junge Mädchen nach Ablauf seiner Pensionszeit wieder in das elterliche Haus zurück oder bringt noch zwei Jahre in einem „Modepensionat" zu, um sich in den gesellschaftlichen Künsten zu vervollkommnen. Es genießt jetzt die größte Freiheit und kann ungehindert all seinen
Liebhabereien folgen. Das Gespenst der Welt hat keine Schrecken für die junge Amerikanerin; denn da man ihr nichts zu verbergen pflegt, ist sie mit ihren Gefahren, Verlockungen und Genüssen genau vertraut. Indem ihr diese Kenntniß eine ungezwungene Haltung und furchtlose Freiheit in ihren Bewegungen verschafft, beraubt dieselbe sie aber zugleich aller Naivetät und Schüchternheit, Eigenschaften, welche wir gewöhnlich mit dem Begriff eines jungen Mädchens verbinden. Für die reichere junge Dame beginnt dann eine Reiseperiode durch Europa; überall hinterläßt sie angenehme Erinnerungen ihrer eigenthümlicken Anmuth. Dabei treibt sie mit Leidenschaft allen möglichen Sport, spielt Tennis- und andere Ballspiele, unternimmt Fußtouren, schwimmt, reitet, fährt, und alle diese Hebungen machen sie kräftig und gewandt. Die größte Sorgfalt verwenden die Amerikanerinnen auf eine regelmäßige Hygieine der Haut, überhaupt des Körpers; Bäder und Massagen werden ihnen zum nothwendigen Lebcnsbedürfniß, selbst in den ärmeren Klassen. Die Kräftigung des Nervensystems bildet das Hauptziel hierbei; denn die Spannkraft der Nerven ist in Amerika zahlreichen schädlichen Einflüssen anSgesetzt und bedarf der beständigen Erfrischung. Die Männer sind widerstandsfähiger, aber die Statistik beweist, daß die Frauen dort meist in jugendlicherem Alter sterben als in Europa. Vielfach ist die Vermuthung aufgetaucht, daß die dort in größeren Mengen in der Luft verbreitete Elcktricität zu den Ursachen gehört, welche das amerikanische Leben so aufreibend machen und das Nervensystem frühzeitig abnutzen. Die über dies Problem angestellten Untersuchungen haben indetz noch zu keinem befriedigenden Ergebniß geführt; vorläufig muß man sich noch mit der Thatsache begnügen, daß nicht bloß das menschliche Leben, sondern auch alles Uebrigc in der amerikanischen Lust einer rascheren Vergänglichkeit verfällt als anderswo. Einen deutlichen Beweis hierfür liefert ein vor 18 Jahren im Centralpark dicht beim Museum in New-Iork ausgestellter Obelisk, den Ismail
