Viksbil-kiier Sagblatt
49. Jahrgang.
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1895
Montag» den 26. August.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
No. 396
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe.
Das franMsche KparKassenrvesen.
Unser Pariser ^.-Korrespondent schreibt uns: Die Spar- kasien spielen im französischen Wirthschaftsleben eine wichtigere Rolle als in Deutschland, theils wegen des im Verhältniß zu den Staatsanleihen günstigeren Zinsfußes, den sie gewähren, theils infolge des größeren Sparsinnes der Franzosen. Dieser Sparsinn wird in der Regel durch einen beharrlichen Fleiß unterstützt; obgleich die Lebenshaltung des Mittelstandes und der unteren Klassen in Frankreich durchschnittlich eine bessere ist als in Deutschland, zeigt sich der Franzose in den Ansprüchen, die er an das Leben stellt, und in den Plänen und Entwürfen, die er macht, maßvoller als der Deutsche. Wenn er in seiner Jugend einen Beruf ergreift, so ist sein höchster Ehrgeiz darauf gerichtet, durch angestrengten Fleiß und Ausdauer es mit 50 Jahren zu einer Rente zu bringen, die ihm ein sorgenloses Alter sichert. Der Deutsche aber will stets, selbst wenn er das bescheidenste Gewerbe treibt, alle Konkurrenten überflügeln; wenn er, wie gewöhnlich, dies Ziel nicht erreicht, ist er nicht zufrieden. Mag sich auch in diesem deutschen Charakterzug ein rastloserer Ehrgeiz kundgeben, jedenfalls ist er nicht geeignet, die Sparsamkeit zu fördern; denn es liegt ihm regelmäßig die Vorstellung zu Grunde, daß man nichts hat, wenn man nicht Alles hat. Die französische Methode steht besser im Einklang mit den praftischen Bedingungen des Lebens, und daher kann es auch keine Verwunderung erregen, daß in Frankreich der wohlhabende Mittelstand viel breitere Schichten umfaßt als in Deu^chland. Der Franzose ist aber auch mehr als der Deutsche geneigt, seine Ersparnisse in den Sparkassen zu hinterlegen, welche ihm günstigere Bedingungen und größere Sicherheit als die Mehrzahl der Banken bieten. Die deutschen Sparkassen genießen allerdings den Vortheil, über ihre Einlagen freier verfügen und sie unter Umständen nutzbringender verwerthen zu können, Vorzüge, die aber durch den niedrigen Zinsfuß wieder in den Schatten gestellt werden.
Die französischen Caisses d’dpargne sind vom Staat gefördert und zugleich von ihm abhängig; die Postämter werden als Sammelstellen für die Einlagen, gleichwie in England und Oesterreich, benutzt, was die Gelegenheiten zum Sparen außerordentlich vervielfältigt. Der Staat übernimmt gesetzmäßig die Verpflichtung der Verzinsung und Rückzahlung sämmtlicher Sparkasseneinlagen, ohne daß eine vorhergehende Kündigung erforderlich ist. Diese Einlagen wandern sofort in die Caisse des depöts et consignations, welche Renten damit kauft und den Sparkassen die garantirten, gegenwärtig 38/* Prozent betragenden Zinsen auszahlt. Durch das neue Gesetz ist der Caisse des depöts eine größere Bewegungsfreiheit in 6er Anlage der eingehenden Geldbeträge eingeräumt, die zum Ankauf der von Handelskammern oder der Bodenkreditanstalt (Crddit foncier) stammenden Obligationen verwendet werden können; hierdurch so» nach der Ansicht der Börse der Cours der Rente geschädigt, derjenige
der Obligationen des Credit foncier jedoch gehoben werden müssen. Ob dieses sich bewahrheiten wird, mag dahingestellt werden, jedenfalls bleibt aber die Hauptschwierigkeit beinahe in unvermindertem Maße bestehen, daß die enormen Summen, die das Sparkapital des Landes repräsenliren, in den Anleihen des Staates angelegt sind. Würden nun in Zeiten einer Krisis viele Sparkasseneinlagen von den Inhabern zurückgefordert, so könnte leicht eine Verlegenheit entstehen, da die Caisse, um sich baares Geld zu beschaffen^ große Summen von Renten an der Börse verkaufen müßte, die dann entweder gar nicht oder nur unter enormen Verlusten Aufnahme finden könnten. Die Kammer glaubte eine derartige Katastrophe am besten dadurch vermeiden zu können, daß sie vorschlug, alsdann eine Anzahl Renten der Caisse des depöts unter die Besitzer der Sparkassenbücher zu vertheilen und dieselben dadurch zu Eigenthümern dieser Stücke zu machen. Jndcß hat der Senat vielleicht mit Unrecht auf dies Mittel verzichtet, welches den Deponenten allerdings der Möglichkeit berauben würde, in jedem Falle sofort seine Einlagen in Baar zurückzuerhalten, aber zugleich den Staat entlasten müßte. Man hat diesen Zweck nun auf die Weise erreichen wollen, daß den Sparkassen gestattet werden solle, ihre Gelder in gemeinnützigen Anstalten und Unternehmungen vornehmlich lokaler Natur anznlegen; der Senat lehnte jedoch diese beiden Vorschläge ab. Die Bedenken des Oberhauses gegen das Betreten solcher neuen und gewagten Bahnen entspringen ja gewiß einer löblichen Vorsicht: es könnten Fehler begangen werden, bei solchen Gelegenheiten könnten leicht Spekulationen, die schlecht enden, Vorkommen; aber anderseits ist cs zu bedauern, daß die Sparkassen auf diese Weise nicht dazu gelangen, eine Art von Volksbanken zu werden und zur Erleichterung des Kredits beizutragen. Die wichtigsten Bestimmungen des neuen Gesetzes bestehen in einer allmählichen Reduktion des Maximums der Einlagen von 2000 auf 1500 Francs, wodurch der Mißbrauch beschränkt wird, daß selbst größere Kapitalisten, für die die Sparkassen ja nicht geschaffen sind, sich den hohen Zinsfuß, den der Staat gewährt, zu Nutze machen, indem sie flüssige Gelder dort anlegen; in der Schaffung einer größeren Reserve bei der Caisse des depöts et consignations, in der Ausdehnung der zulässigen Anlagen dieser Sparfonds und der größeren Selbständigkeit, welche den Sparkassen in der Verwaltung ihres persönlichen Vermögens gestattet wird. Die Bestimmungen erscheinen einerseits geeignet, das Vertrauen der Bevölkerung zu den Sparkassen wieder zu heben, doch ändern sie anderseits nichts an dem Umstande, daß im Falle einer Krisis die Caisse des depöts sich außer Stande sehen müßte, allen an sie gestellten Anforderungen sofort gerecht zu werden, und da dieselbe ein eigentliches Staatsinstitut ist, würde also eventuell eine staatliche Zahlungseinstellung eintreten.
Politische Tages-Rundschau.
— Vom Kaiser-Wilhelm-Kanal. Der soeben ausgegebene Jahresbericht der Handelskammer in Kiel schließt seine Mittheilungen über Bau und Einrichtungen des Kaiser
Wilhelm-Kanals mit folgenden Bemerkungen über die Verkehrspolitik, die Platz greifen müsse, wenn der Kanal seinen weiten Zwecken völlig dienstbar gemacht werden solle: „Um den allgemeinen, auch internationalen Verkehr für den Weg durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal heranzuzichen, wird es nöthig sein, den Schiffseignern durch die Benutzung des Kanals hinsichtlich der Schnelligkeit in der Beförderung wie auch der Tarifirung einen Nutzen zu bereiten. Wir glauben nicht, daß der zu gewinnende Vortheil bei dem jetzt festgestellten Tarif genügt. Auch halten wir die chezeichnete Größe von 600 Registertonnen, falls überhaupt eine solche Abstufung getroffen werden soll, nicht für zutreffend, dieses umso weniger, als dadurch namentlich die deutsche Flagge nachtheilig betroffen wird. Je höher der Tarif normirt ist, desto mehr steigt die Bedeutung der Mitwirkung kaufmännischer Kräfte für eine Heranziehung des Verkehrs durch den Kaiscr-Wilhelm-Kanal. Wir haben schon vor 23 Jahren die von unserem jetzigen Vorsitzenden (Geh. Kommerzienrath Sartori) damals aufgestellten Behaupiungen, daß Kiels Thätigkeit für die Belebung des Kanalverkehrs erforderlich und sehr nützlich sein würde, auch unsererseits als richtig bezeichnet und können daher auch nur im Allgemeinen wie auch hinsichtlich des Verkehrs im Kanal empfehlen, die Bestrebungen Kiels, seiner Kaufmannschaft und aller sich für eine Heranziehung von Schiffen für die Kanalpassage interessirenden Kreise zu unterstützen. Wenn mehrere Behörden zum Ab- fertigen der Schiffe beschäftigt sein müssen, ist umso mehr ein Zusammenwirken zur Vermeidung von Aufenthalt der Schiffe im Interesse aller Betheiliaten, auch der Kanalverwaltung, nothwendig. Die ununterbrochene Möglichkeit der Passage, anch des Nachts, wird mit allen Kräften durchzuführen sein."
— Zur Kouvertirungsfrage. Der „Hann. Cour." will „aus bester Quelle" erfahren haben, daß die Fortführung der Reichssteuerfinanzreform nickt eher wieder von der Regierung zur Vorlage gebracht werden wird, bis die Konvertinliigsfrage-in der einen oder anderen Richtung entschieden ist. ,Da Preußen mit viel erheblicheren Summen intercssirt ist, als das Reich, geht die Frage in erster Linie Preußen an. Immerhin hat man aber auch int Reiche ein Interesse daran, wie der preußische Finanzminister denkt. Und deshalb ist es sehr wahrscheinlich, daß der Besuch, den am Motttag der Staatssekretär im Reichsschatzamte dem Finauzminister abstattete, den Zweck gehabt hat, nähere Kunde darüber einzuziehen, ob Herr Miquel zu konvertiren gedenkt oder nicht."
— Zur Frage des Markenklebens. Die „Drrl. Pol. Nachr." sprechen sich gegen die Vorschläge aus, die zur Beseitigung des Marken klebens bei der Jnvaliditäts- und Altersversicherung gemacht worden find. Sie führen hierbei Folgendes aus:
Es ist sicher, daß die Ansbringnng der Beiträge auf dem Wege des Einklebcns von Marken in die OuittungSkartcit umständlich ist, ebenso sicher aber ist e«, daß die Ausführung desBorfchlages,die Beiträge in derForm einer Steuer zu erheben, noch umständlicher sein würde. Man wird sich erinnern, daß der Plan der Regelung der BeitragS- erhebung durch Steuern, wobei die Gemeinden die Hauptrolle sptelen sollten, nicht neu ist. Hätte man nun den einzelnen Arbettgebern
(Nachdruck verboten.)
Sie sollen ihn nicht haben ....
Ein Erinnerungsblatt an Niklas Becker zum 28. August von Karl Mischte.
Zwischen die stattliche Reihe der Gedenktage, die uns jetzt die fünfundzwanzigjährige Wiederkehr der Ereignisse von Metz, Sedan und Paris bringt, fällt auch ein Er- ftmerungstag einer früheren Zeit: aus der Zeit von Deutschlands Schwäche, aus der Zeit, wo die Idee der deutschen Einheit Hochverrath war, der mit dem Tode oder mit langjährigem Kerker bestraft wurde. Die nationale Begeisterung jener Zeit muthet uns jetzt, da wir einen Theil Dessen erreicht haben, wofür unsere Vorfahren litten, recht klrinmüthig an; aber es war doch die Stimme des Volkes, die nur durch die lange Knechtung den klaren Ausdruck ganz verloren hatte.
So ist es auch mit der patriotischen Episode, die am 28. August 1845 einen litterarischen Abschluß fand, und die in mancher Hinsicht, auch in dem Zusammenhang der Personen, bereits einen schwachen Vorklang der späteren Ereignisse gab. Es ist das erste Jahr der Regierung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., das uns unser Gedenktag zunächst in Erinnerung bringt.
Ganz wie der Siebziger Krieg mit einer fern gelegenen Sache anfing, nämlich mit der spanischen Königskrone, so holte der Kriegslärm, der dreißig Jahre ftüher ausbrach, sein Feuer aus einem exotischen Gebiet, und zwar aus einem noch entlegenetcn, aus Egypten. Ein Jahr zuvor, 1839, hatte Mehemet Ali die Schlacht von Nisib gewonnen, womit der Sieg des egyptischen Empörers entschieden schien, und bei dieser Gelegenheit hatte der damals in türkischen Diensten stehende Hauptmann v. Moltke, der spätere Sieger vou Sedan, seine Heldenlaufbahn mit einer
schleunigen Flucht eröffnen können. Aber im nächsten Jahre wendete sich das Blatt, nicht durch die Tüchtigkeit der türkischen Truppen, sondern durch das Eingreifen der europäischen Mächte, und deshalb wäre es eben beinahe zum Kriege zwischen Frankreich und Preußen gekommen.
Die Triebfeder der ganzen Geschichte war der Weitblick des englischen Ministers Palmerston, der es den englischen Interessen durchaus widersprechend fand, wenn sich in Egypten und Syrien, dem Verbindungswege nach Indien, eine kräftige Macht festsctzen sollte. Palmerston hatte es schon durchaus ungehörig gefunden, daß die Franzosen sich in Algier festsetzten ; denn von Rechts wegen gehörte doch ganz Afrika zu England. Die egyptische Frage, die nun noch dazu mit Frankreichs geheimer Unterstützung aufgerollt wurde, war aber geradezu bedrohlich, so daß es gerathcu schien, sogar mit den Ostmächten gemeinschaftliche Sache zu machen. Rußlands Interesse bestand natürlich auch darin, daß dir Türkei sich nicht etwa zu sehr konsolidirte, was unter Mehemet Ali sehr leicht hätte der Fall sein können. Oesterreich sah in dem Egypter einen gottverfluchten, ge» wissenlosen Frevler, der sich gegen seinen legitimen Ober- Herrn, den Sultan, erhoben hatte, und Preußen, das die ganze Sache noch weniger anging, trottete,_ wie üblich, im österreichisch-russischen Geleise dahin, obne sich Etwas dabei zu denken. Das war unter Friedrich Wilhelm III. so gewesen und war auch nicht anders geworden, als dieser das Zeitliche segnete und sein Sohn, Friedrich Wilhelm IV., unter vielen Ceremonien, Huldigungen, Reden und Beglückwünschungsgedichten ben Thron seines Vaters bestieg.
Am 15. Juli wurde zu London der sogenannte Quadrupelvertrag abgeschlossen, der in seiner Ausführung Mehemet Ali die erbliche Statthalterei von Egypten und außerdem noch einen Theil von Syrien, aber nur für seine eigene Lebensdauer überlaffen, die übrigen Früchte seines
Sieges ihm aber nehmen sollte. Auf diesem Vertrage beruht die rechtliche Lage in Egypten noch heute, wenn sic auch durch die thatsächlichen Verhältnisse inzwischen bedeutend modifizirt worden ist. Dieser Vertrag, der so ganz über Frankreich hinweg zu Ungunften seines Schützlings zu Stande gekommen war, rief in Paris die größte Aufregung hervor. Also weder die militärischen Erfolge in Algier noch das Wettkriechen vor dem Czaren Nikolaus, der den Bürgerkönig nicht für voll ansah, hatte ausgereicht, um Frankreich Respekt zu verschaffen; da gab es natürlich nichts Anderes als Kriegl Und wie ein brillanter Witz des Schicksals klingt es, daß der Unwille und die Wuth sich gegen diejenige von den gegnerischen Mächten kehrte, die nur so aus Gewohnheit mitgelausen war und von dem Vertrage nicht den mindesten Vortheil hatte: gegen Preußen. Die Revanche für Egypten liegt am Rhein, das linke Rheinufer muß ftanzöfisch sein! Das war die Parole, die die Volksstimme ausgab und in die das Ministerium Thiers, die Presse, das Parlament mit Fahneuschwenken und Säbcl- klirreu einstimmten. Sofort gingen die Kriegsrüstungen, die Einberufungen und Anschaffungen loss; die phantastischsten Pläne wurden laut, eine enorme Verstärkung der Seemacht und eine Anleihe von mindestens hundert Millionen schienen unausbleiblich. Die Revuen gestalteten sich zu Volksfesten, jeder Lieutenant wurde wie ein Held begrüßt, und ein Theaterrecensent erklärte sich bereit, wenn man ihm ein französisches Heer gäbe, in einem Monat ben ganzen Rhein zu erobern. .
In Preußen, ja in ganz Deutschlanb war die Empörung infolge ber französischen Herausforderung ungeheuer. Der Prinz von Preußen, der fpätere Kaiser, alle Generale, das ganze Volk begeisterten sich für den Krieg. Eine einzige An- frage in Paris, was die Rüstungen zu bedeuten hätten, hätte genügt, um die Entscheidung zu bringen.
