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Seite 2. »4 August 1895»

Wiesbadener Tagblatt (Abend-Ausgabe). Verlag: Langgasse 27.

43. Jahrgang. No. 394.

Deutsches Keich.

* Kof- und Personal-Nachrichten. Die neuerliche Ab­wesenheit des RcichskanzlersFürstenHohenlohe von B erlin wird höchstens 14 Tage dauern. Möglicher Weise kehrt der Reichskanzler schon nach 8 Tagen auf seinen Posten zurück.

* K erlitt, 24. August. Die Ernennung eines neuen Direktors im Reichsschatzamt darf zum 1. Oktober mit Sicherheit erwartet werden. Die Meldung der .Staatsbürger-Zeitung" von der Entdeckung der Absender der Höllenmaschine ist nach den Mittheilungen der gestrigen Abendblätter darauf zurückzuführen, daß infolge einer anonymen Denunziation zwei Schuhmachergesellen auf dem Polizeipräsidium sistirt wurden. Die beiden An­geschuldigten wurden aber, da die Haltlosigkeit der Denun­ziation sich alsbald herausstellte, im Laufe des vorgestrigen Rachmittags wieder entlassen. Zum jüngsten Geheim- Erlasse, den derVorwärts" veröffentlichte, sagt derHamb. Korresp.":Das sozialdemokratische Blatt erbost sich über die Verkümmerung staatsbürgerlicher Rechte, die in diesem Erlasse liegen solle. Auch wir finden die Begründung des Verbots keineswegs glücklich."

* Lra»köstsche Verleumdungen. Der PariserFigaro" brachte dieser Tage einen Brief des französischen Generals Mliuirr, in welchem derselbe behauptet, daß ein hoher deutscher Offizier, welcher fich während der Krieges von 1870/71 von Amts wegen bei einem Gutsbesitzer an einem der wichtigsten Punkte des MaasthaleS infiallirt hatte und aufs Höflichste daselbst empfangen worden sei, Wäsche und Schmucksacheu aus vcrschloffeuen Schränken gestohlen habe. Dazu schreiben dieBerliner Neueste» Nachrichten": Es ist oas unseres Wissens der erste Fall, daß man sich von französischer Seite erdreistet, die Ehre des deutschen Osfizicrcorps auzugreifeu. Da dies ohnehin von einem französischen General öffentlich mit Namensunterschrift geschah, so zweifeln wir keinen Augenblick, daß sich die deutsche Negierung dieser Angelegenheit bemächtigen und dem deutschen Osfiziercorps Genugthnung verschaffen wird."

* Rundschau im Reiche. Ans Wilhelmshaven wird gemeldet: Der allein noch in Marocco zurückgebliebene Kreuzer Maria" hat Befehl erhalten, nach derHeimath zurückzukehren. Eine aus allen Theilen Deutschlands besuchte Samariter-Ver­sammlung in Cassel beschloß die Gründung eines deutschen Samariter-Bundes. Der Norddeutsche Lloyd beginnt Ende September eine monatlich zweimalige Dampferexpeditiou nach Brasilien mit monatlich einmaligem Paffagierverkehr erster Klaffe.

Anstand.

* Kelgirn. Da»Journal Offiziell" beobachtet über die pessimistischen Congonachrichten tiefstes Stillschweigen. In Kolonial- kreiscn erhält sich die Ansicht, daß die belgischen Truppen eine blutige Niederlage erlitten, umsomehr als die Dementis voll von unrichtigen Angaben über die Abwesenheit bethciligter Offiziere sind.

Großbritannien. Von den Militärbehörden wurden Ver­suche mit einer neuen Kanone Maxinimitrailleuse gemacht. Die Kanone wiegt nur 20 ko und kann vermittels Riemen von den Soldaten getragen werden. Bei der Abfeuerrmg wird dieselbe auf einem dreibeinigen Gestell befestigt. Die Resultate waren von über­raschender Befriedigung.Standard" verlangt als Genug- thuung von China für die Niedermetzelung der Missionare: Eröffnung eerer Absatzgebiete für den europäischen Handel. Eine kleine ,ihlder Mannschaften des East-Lancashire-RegimentS, das zu einer Waffenübung in Hampshire einberufen wurde, wider­setzte fich der Schließung der Kantinen während gewiffer Stunden und weigerte sich, anstrengenden Dienst zu thim. Die Rädelsführer wurden darauf zu kurzen Arrcststrafen verurtheilt und unter Be­deckung nach Aldershot abgeführt.

* Bulgarien. Vorgestern fand in Sofia durch die Polizei mit militärischer Hülfe eine vollständige Durchsuchung eines ganzen Stadttheils statt, was jedoch resiiltatloS blieb. Veranlaßt wurde diese Durchsuchung durch ein anonymes Schreiben, welches meldete, daß fich zwei Mörder StambulowS, welche verwundet seien, in dem durchsuchten Stadttheil verborgen hielten. Der verantwortliche Redakteur derSwoboda" wurde wegen Beleidigung de» Fürsten zu zwei Jahren Gefangniß verurtheilt.

Ans Kunst und Leben.

* König!. Schauspiel». Am 2. September d. I. werden zur Feier des Jahrestages von Sedan im König!. Theater ein Fest­spiel von Josef Lauff und, neu einstudirt,Wallensteins Lager" in Scene gehen. Um jedoch die anderweitigen Veranstaltungen mög­lichst wenig zu berühren, wird diese Vorstellung erst um 71/» Uhr Abends beginnen und so enden, daß sich die festliche Beleuchtung des Kurparks an dieselbe anschließt.

* Restdrnk-Thratrr. Aus dem Theatcrbüreau wird uns Folgendes mitgetheilt: Die neue Direktion des Residenz-Theaters versendet am Dienstag, den 27.d.M., die Einladungen zum Abonne­ment für die unter ihrer Leitung am 1. September beginnende

Saison. Das Personal ist ungewöhnlich zahlreich, und die bis jetzt erworbenen Novitäten versprechen eine ebenso abwechseluugsrciche, wie iiltereffante Gestaltung de« Repertoires. Neben altbewährten Mitglieder», wie Fräulein Maltana, Fräulein Dalldorf, Fr. Fredi-Franken, Fr. Sigl-Hasemann und den Herren Grlzinger, Grentzer, Schwab, Wolter, werden in ersten Stellungen wirken: Frl. A. Billiger von München, Fr. F. Carlson vom Stadttheater in Mainz, die Overettensäiigerin Fräulein M. Zimmer vom Friedrich- Wilhelmstädtischen Theater in Berlin, Fräulein C. Deimar und Fräulein H. Kollin von Wien, dieNaive" Fräulein M.v. Sarnow vom Deutschen Theater in Chicago, Fräulein K. Reinhold (Soubrette und Liebhaberin) vom Stadttheater in Zürich und Helene Schäle (Frau Schule-Brandt) vom Berliner Nesidenz- Theater. Im Herrenpersonal find neu Herr Baselt, jugendlicher Bonvivant und Sbomifcr, Herr Direktor Brandt, welcher die Ober­regie führt lind in Boirvivantrolleii mitwirkt, der Regisseur und erste Komiker Herr E. Heiske, der Tenorbnffo Herr N. Kaps voni Leipziger Stadltheater, dessen Fachkollege Herr Koswitz von Hannover, der erste Operettenteiior Herr I. Lenoir vom Dresdener Residenz-Theater, der erste Liebhaber Herr Stephany von Dresden und der Komiker Herr Wünschmann. An Novitäten find vorläufig erworben die Operetten:Tata-Toto",Lachtaube",Lachende Erben",Die Karlsschülerin", die Schauspiele:Andrea",Jugend", Der Ehrlose",Das vierte Gebot", die Lustspiele resp. Schwänke: Der Militärstaat",Der große Komet",Das gelobte Land", Die Odaliske",Doktor Jojo",Ausgezeichnet",Der Unter- Präfekt",Unsere Sonntage",Marquise",Im Pavillon",Bei Donner und Blitz",Der Wunsch meiner Frau",Der Fall Corignon",Mamselle Clementiiie",§ 330" und die Possen:Ein armes Mädel",Die wilde Katze".

* Niißautscher Kunftvrrrin. Neu ausgestellte Bilder: Von H. Schlegel tn Darmstadt ein BildSLaldmühle im Odenwald". Von I. Dnutze in Düsseldorf zwei Bilder:Holland. Winter mit Mühle" undVorweg. Landschaft" (der Fierlands-Fjord im Distrikt @O0ii. mit der k. k. Aacht Hohenzollerii. I. Aufenthalt Sr. Maj. des Deutschen Kaisers). Von Herman» Eder in Wiesbaden drei Bilder:Ein Portrait",Der Prophet" undEine Landschaft" (Skizze).

* »Dir Chansounette." Im Theater Unter den Linden in Berlin wurde vorgestern die neueste Dellingersche OperetteDie Clxmsonnette" zum ersten Male gegeben. Die flüssige, melodiöse Musik und der luftige Text, den Victor Leon und H. v. Waldberg geschrieben haben, verhalfen der Novität, wie in Dresden, Wien und anderen Orten, auch dort zu einer sehr freundlichen Aufnahme, sodaß der Komponist nach jedem Akte herausgeklatscht wurde. Die Aufführung war flott, alle größeren Partieen waren gut besetzt.

Aus Stadt «ud Zand.

Wiesbaden, 24. August.

Kaiserbesuch. Aller Voraussicht nach wird, wie wir von zuverlässiger Seite erfahren, Se. Majestät der Kaiser gegen Mitte Oktober unserer Stadt einen kurzen Besuch abstatten und einer Vorstellung im Königlichen Theater beiwohnen. An einer begeisterten Aufnahme wird e» bei den lebhaften Shmpathieen, die sich Se. Majestät im vergangenen Jahre hier im Fluge erwarb, nicht fehlen.

V»rso«al-N»chrichtri». Gerichts-Affeffor Otto Fohr hier ist zum Amtsrichter in Wallmerod ernannt.

Kurhans-Varteufest. Das für nächsten Mittwoch, den 28. August, angekündigte große Gartenfest wird sich wieder zu einem außerordentlich glanzvollen gestalten. Die für dasselbe ge­wonnenen Aeronauten: Miß Polly und Kapitän Ferell er­regen zur Zeit mit ihren Auffahrten ohne Gondel großes Aufsehen. Eine solche Auffahrt, auf deren Art und Weife wir noch näher zurückkommen werden, wird auch bei dem Gartenfeste am Mittwoch stattfinden. Eine weitere Atraktion erhält dasselbe durch da? Engagement des vorzüglichen, noch von früher in bestem Andenken dahier stehenden Schwedischen Damen-SextettS des Herrn Professors Brohmann-Pöttinger aus Stockholm. Das Sextett wird während des Abend-Konzertes durch seine reizenden Lieder-Vorträge erfreuen und in Kostüm auftreten. Samstag nächster Woche, den 31. August, finden niederländisches Natioiml-Fest-Konzert der Kurkapelle und bengalische Beleuchtimgim Kurgarlen statt. Nebermorgeu (Montag) findet Operetten-Konzert der Kurkapelle mit sehr amüsantem Pro­gramm statt. Besonderes Eintrittsgeld wird nicht erhoben.

Sedaufeier. Auf Ansuchen des Hauptansschuffes für die Sedaufeier hat der Magistrat befchloffen, bei der Stadt­verordnetenversammlung die Gewährung eines weiteren Beitrags von 2000 Mk. für die Sedaufeier zu befürworten, im Falle durch die öffentliche Sammlung Ausgaben ungedeckt bleiben sollten und nm es namentlich möglich zu machen, daß unbemittelte Veteranen fich an dem Feste beteiligen können. Weiter hat der Magistrat be- schloffen, die öffentlichen Gebäude zu beflaggen, die Flaggenmasten in der Wilhelmstraße anszustellen, die übliche Gasbelenchtnugs- Jllumination am Rathhause zu veranstalten, die Kriegerdenkmäler und das Kaiser Wilhelm-Denkmal mit Strängen und Fahnen zu schmücken, an dem letzteren Denkmal einen Lorbeerkranz mit dem Stadtwappen niederzulegen und die Umgebung des Kaiser-Denkmals während der Festtage Abends elektrisch zu belenchken. Der Magistrat hat ge­stattet, daß die hinter dem RestanrationSgebände des Nerobergs, rechts und links von dem nach der Kanzelbuche führenden Fahr- tvege belegenen Waldplötze für Festzwecke benutzt lverden.

Siir arme Krieger und deren Hinterbliebene gingen bei der Redaktion desWiesbadener Tagblatt" ferner ein: von Hofrath Bauer 10 Mk., v. Lyucker 5 Mk., I. B. 5 Mk., Gräfin S. M. G. Schloß Dollrads (Rhemgau) 20 Mk., Dr. A. F. 5 Mk., Gustav Haeffner 10 Mk. Mit den bereits veröffentlichten Gaben sind bisjetzt bei demWicSbadenerTagblatt" für genannten Zweck vierzehnhuudertdreiundzwanzig Mark und 50 Pfg. eingegangen. Die Anmeldungen Bedürftiger erfolgen zahlreich, und es ist deshalb zn wünschen, daß weitere Gaben zu obigem Zweck uns zugehen möchten.

Für die Sedanfeier sind bei demTagblatt"» Verlag ferner eingegaugeu von Hofrach Bauer 10Mk., v.Lyucker 5 Mk., Major Oehlmann 20 Mk., Gustav Haeffner 10 Mk., G. I. van den Bosch 5 Mk., zuzüglich zu den bereits veröffentlichten 279 Mk. (nicht 289 Mk., wie es gestern irrthümlich hieß) im Ganzen bis jetzt 329 Mk.

Dom Kl iedermald-Dsnsimal. Eine Zuschrift des Herrn Karl Böttcher hier stellt fest, daß bei dem in den Granit des Denkmalfußes eiugeuleißelten RatioualliedDie Wacht am Rhein" der Name des Dichters fehle. Hoffentlich wird diese unverständliche UnterlassuiigSsünde bald in entsprechender Weise wett gemacht.

Denkmünze zrnn GedSchtnlß nit 1870/71. Seitens der zu Metz bestehenden Vereinigung zur Schmückung und fort­dauernden Erhaltung der Kriegergräber und Denkmäler bei Metz geht uns Folgendes mit der Bitte um Veröffeutlichung zu: Unsere Vereinigung hat zum W-jährigen Gedächtuiß der Siege 1870/71 Denkmünze» prägen taffen. Wie bei den 1871 hergestellten Kriegs­denkmünzen ist zu denselben erobertes französisches Geschütz, welä>es uns zu diesem Zweck vom Königlich Preußischen Kriegsniiuisterium überlassen wurde, verwendet worden. Die in der Größe eine« Thalers hergestellte künstlerisch ausgeführte, mit Band zuni Anhängen versehene Denk­münze zeigt auf der einen Seite die Bildnisse Kaiser Wilhelms H, der hochseligen Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III., sowie des Fürsten Bismarck und des großen Schtachtenlenkers Moltke. Die zweite Seite trägt die Inschrift:Zum 25<jährigen Gedächtniß der Siege 1870/71"; ferner die Namen der bedeutendsten Schlachten und den Vermerk:Ans erobertem frauzösischen Geschütz". Da« erste ans der Präge hervorgegaugene Exemplar der Denkmünze wurde Sr. Majestät denr Kaiser Wilhelm II. gewidmet. Die Denkmünze kann vom Goldschmied Mezger in Metz, Priesterstraße 15, welchem der Generalvertrieb von uns übertragen wurde, bezogen werden. Preis pro Stück 60 Pfg., bei Abnahme von mindestens 50 Stück 50 Pfg. pro Stück. Skrfnnb- erfolgt gegen Baar (auch Postmarken incl. 20 Pfg. Frankatur) oder Nachnahme. Der Reinertrag ist zur Schmückung der Kriegergräber bestimmt. Verschiedene Stadt­verwaltungen und Kriegervereine haben bereits diese Denkmünzen in größerer Anzahl bezogen, um dieselben bei der diesjährigen Sedaufeier ihren Veteranen bezw. Mitgliedern zur Erinnerung an jene große, herrliche Zeit zu überreichen, lieber, unsere Thätigkeit gelegentlich des diesseitigen Jubiläums sei hier kurz erwähnt, daß ioir die Kriegergräber und Denkmäler bei Metz vermittels 5200 mit Widmuugsschleifen in den Reichsfarben versehenen grünen Kränzen und mit etwa 3800 m Guirlanden geschmückt und außerdem an den Deukuiälern ca. 500 ttjeilB von unS beschaffte, theil von denlschen Städten, Vereinen und Regimentern rc. gewidmete Kränze niebergekgt haben. Mit der Schmückniig eines jeden Denk­mals wurde eine Feier, bestehend in Choral eines Trompeterchors und Ansprachen, meistens von Negimeutskaiueraden, verbunden. Außerdem wurden zahlreiche Eiuzelgräber mit Kränzen geschmückt, welche uns von Angehörigen der darin ruhenden Krieger zugingen, lieber die von uns am 18. August veranstaltete, von einer un­zählbaren Menschenmenge besuchte und auf das Würdigste verlaufene Gedenkfeier in der Schlucht von Gravelotte wurde bereits berichtet.

N"»e Straße. Ter neuen Verbindungsstraße zwischen Sedanplatz und Emserstraße ist Seitens des Magistrats jetzt definitiv der NameSeerobenstraße" beigelegt worden.

Einen ehrenvollen Erfolg hat Herr Braucrei-Jufpektor C. A. ©ittig'l)ier durch die Herausgabe einer Broschüre:Kann der bayrische Staat an der Erhebung der laudwirthschastlichen und brautechnischen Centralschule Weiheustephan zur Hochschule ein Interesse haben?" errungen. In dieser Schrift, welche Herr Sistig f. Z. als Assistent an der Königl. Bayr. Staatsbrauerei und brau­technischen Versuchsstation Weihenstcptzan-Müuchen verfaßt hat, trat derselbe sehr warm für die Erhebung der landwirthschaft« lieben und brautechnischen Ceutralschule Weiheustephan zu einer (Fach-) Hochschule ein und gab eine Fülle praktischer Vorschläge für die Organisation und beit Lehrplan einer derartigen Hochschule. Seine Ausführungen scheinen in den maßgebenden Kreisen Anklang gesunden zn haben, denn kürzlich ist laut Kabinetts­ordre Sr. Königl. Hoheit des Prinzregeiiten Luitpold von Bayern fragliche Anstalt zur Königl. Akademie erhoben worden und zwar fast ganz im Sinne und nach dem vorgefchiagenen System des Ver­fassers jener Broschüre.

Anweisung für den Maffeugebrauch. Nach einer soeben ergangenen Anweisung für den Wayengsbranch des Militärs und der Landgendarmerie haben sich nunmehr auch die Ortspolizei­behörden Preußens zu richten. Danach ist bei jeder Verhaftung dem Betreffenden unter Handauflegen ober Berühren mit der Waffe ausdrücklich zn eröffnen, daß er verhaftet sei. Der bloße Haltznruf ober der Zuruf:Sie sind verhaftet!" und dergleichen genügt fortan nicht mehr. Auch ist dem Arrelirten sofort zu erklären, daß bei Fluchtversuch von der Waffe Gebrauch gemacht werden würde.

Telegramme und Rapporte der Feldpost, deren Zahl durch­schnittlich 50,000 betrug.

Den deutschen Postanstalten, die Sammelstellen der Feldpost waren, wurden ununterbrochen Feldpostübersichten mitgetheilt, d. h. Nachweise über die Standorte der einzelnen Divisionen oder größeren Detachements und die Zugehörig­keit der Truppen zu denselben. Die fortwährende genaue Richtigkeit dieser Listen, die mit peinlichster Schnelligkeit auf dem Laufenden erhalten wurden, war die Haupt­bedingung rascher Besorgung. Die Feldpostdirektoren bei den Etappeninspektionen mußten deshalb bei rasch ver­laufenden Operationen immer rechtzeitig über die Stand­orte der Truppen, die Veränderung der Postrouten, das Einschieben neuer Feldpostrelais, d. h. Zwischenstationen oder stehende Feldpostexpeditionen auf den Eiappenstraßen, beim weiteren Vorrücken des Heeres orientirt sein und das dazu nöthige Personal und Material aus der Heimath heranziehen. Feldpostrelais gab es auf den Hauptetappen­straßen ungefähr 140.

Postsammelstellen, an die alle mit dem VermerkFeld­postbrief" versehenen Sendungen von den untergebenen Post­anstalten abgeliefert worden, waren in Berlin, Hamburg (später mit Berlin vereinigt), Leipzig, Gaffel, Köln, Frank­furt a. M. und Saarbrücken. Berlin besaß die größte mit 150 Beamten, die zu Zeiten täglich 200,000 Feldpostbriefe beförderten. An den Sammelstellen wurden die Briefe divisionsweise in Säcke verpackt, so an die Etappenhauptorte der Corps geschickt nnd von hier auf Landwegen den ein­zelnen Feldpostämtern und Expeditionen zugeführt.

Bon den Divifionsstabsquartieren aus sorgten die Truppen selbst tagtäglich für Abholung der Postsendungen, und Niemand wurde wohl sehnsüchtiger erwartet und um­drängt, als der Reiter mit dem Feldpvstabzeichen am Arm

und der vollen Ledertasche am Sattel. Jeder Soldat erhielt so seine Korrespondenz. Von Memel bis Le Mans, Orleans und Dijon erstreckte sich der Gang der Feldposttransporte, und es konnte so wohl Vorkommen, daß eine biedere deutsche Handwerkersfrau auf die Nachfrage der Nachbarln nach dem Sohnedraußen" gemüthlich die beruhigende Antwort gab: O, dem geht's gut! Er hat uns heute in einem Feldpost­brief geschrieben, daß er in einem Dorfe bei Lehmanns einquartiert ist."

Die Briefe von den Truppen wurden umgekehrt bei den einzelnen Feldpostexpeditionen gesammelt und von hier an die Grenzpostanstalten zurückgeleitet, von denen aus die Weiterbeförderung wie im Frieden erfolgte. Während 1866 täglich nur 30,000 Briefe befördert worden waren, stieg die Zahl 1870 auf 200,000.

Seit im September 1870 das Operationsfeld der deutschen Heere 170,000 qkm umspannte, erforderte die Feld­post große Anstrengung. Starke Trupps von Pferden, Post­boten und Fahrzeugen mußten an bedrohte Punkte gesandt werden, und mehr als einmal kam es in jenen Tagen vor, daß Franktireurs die Führer eines deutschen Feldpostwagens hinterrücks im Walde niederschosieu, den Wagen ausplünderten und mit rohen Händen in den Briefen wühlten, die treue deutsche Herzen abgeschickt hatten.

Als das große Hauptquartier Ferneres erreicht hatte, ging der Generalpostdirektvr Stephan selbst bis in die un­mittelbare Nähe von Paris, um eine Kourierpost für das Hauptquartier einzurichten, die, unter Benutzung der Bahn bis Pont-L-Monffon, eigentlich bis Remilly, den Weg nach Berlin, das find 1200 km, auf siebzig und später sogar auf vierundzwanzig Stunden abkürzte.

Vom Oktober 1870 an wurden dann auch ausnahms­weise Feldpostpackete mitbefördert. Sammelstellen dafür be­

fanden sich in Berlin, Frankfurt a. M. und Saarbrücken. Hier wurden die Packete für jedes Regiment in Säcke ver­packt und dann meist in Extrazügen nach den Hauptetappen­orten der Armeen nnd von hier den Truppen nachgesandt. Das Depot von Lagny vor Paris war das bedeutendste unter den Feldpostpacketdepots. Es verausgabte allein Über eine Million Feldpostpackete. Und mehr als tausend Wagen­ladungen sind von hier für im Gefecht oder auf dem Marsche befindliche Truppen nachgeschickt worden.

Nach de»Jahrbüchern für die deutsche Armee und Marine" find vom 18. Juli 1870 bis zum 30. März 1871 von der Feldpost ziemlich 96 */i Millionen Postsendungen, Briefe, Postkarten, Zeitungen, Geld, Packete, befördert worden, an Geld allein ziemlich 60 Millionen Thaler, an Briefen nnd Postkarten 90 Millionen Stück, an Palleten gegen 2 Millionen. Im Ganzen befanden sich 411 Post­etablissements auf dem Kriegstheater und Über 5900 Post­beamte. Die Transportmittel der Feldpost bildetet^1933 Pferde und 465 Fahrzeuge. Postpferdedepots waren in Metz, Nancy, Epinal und Chalons sur Marne. Für Feldpostzwecke gab die ^deutsche Postverwaltung von der Mobilmachung bis zu Ende 1871 eine und eine halbe Million Thaler aus.

Die Organisation hat fich so bewährt, daß sie im All­gemeinen unverändert beibehalten werden wird. Nur große, omnibusartige Wagen sollen neu hinzukommen, die es den Beamten ermöglichen, darin zu arbeiten, statt unter freiem Himmel, wie z. B. im Biwak von Vionville, die Brief« sortiren zu müssen. Außerdem wird die 1870 nur aus­nahmsweise zugelassene Beförderung von Pnvatpacketen in Zukunft einen regelmäßigen Zweig der Feldpost ausmachen. Die jetzt bestehende Dienstordnung für die Feldpost vom 12. Juni 1873 gehört zu den Bestimmungen über di« Mobilmachung und ist deshalb geheim.