I
Wiksbgöener T mli Litt
4t. M < M a«
Jahrgang.
Verlag: Langgasse 27.
BeznaS-Preisr eibe Ausgaben
13,000 Abonneulen
Mo. 3S2
Freitag, den 23. August.
vezirks-Fernfprecher No. 52.
1895.
0r,!rkS.Fernfp»chrr No. 52.
Abendausgabe
rs
k
I
s B
6 r r v » f
(X C
8 i i
des die den
I- als
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bez ~ “ SO Pfennig monatlich für beide ,H zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begonnen werbt«.
Staat und Kirche m Italien.
lieber die heutigen Beziehungen des Staates zur Kirche in Italien schreibt der Mailänder Korrespondent der „teilen Züricher Zeitung":
Vor ungefähr einem Jahr ging das Bestreben der Leiter des italienischen Staates und infolge dessen auch der Regierungspresse dahin, sich mit dem Vatikan und der katholischen Partei auf einen guten Fuß zu stellen. Das Schreckgespenst des Anarchismus und die Fortschritte des Sozialismus in Sizilien und anderen Theilen des Königreichs hallen den ehemaligen Freigeist Crispi zurEinkehr bewogen; er hielt die berühmt gewordene Rede zu Neapel und zeigte ffch sehr nachgiebig gegenüber dem Vatikan in der Angelegenheit des Exequatur für die Bischöfe. Die der Regierung ergebene Presse war außer sich vor Freude und Begeisterung darüber, daß Crispi mit seinem „Mit Gott für König ttfib Vaterland" die neue Formel zu einer Verständigung mit der Kirche gefunden habe, und ein Blatt ging schon so weit, die Anregung zu machen, es sollen die einst ins Werk gesetzten, aber schon bald wieder fallen gelassenen Verhandlungen über die Bildung einer neutralen Zone vom Vatikan bis ans Mittelländische Meer wieder ausgenommen werden. Ein besonders beredtes Zeichen der gebesserten Beziehungen zwischen den alten Widersachern war auch die Errichtung einer apostolischen Präfektur in der erythräischen Kolonie; und die ministeriellen Blätter freuten sich, als ob es sich um einen Sieg Ministeriums handelte, über den Erfolg, welchen Klerikalen im Vereine mit den Konservativen bei Gemeinderathswahlen von Mailand im Februar d. davontrugen; die Mitwirkung der „Katholiken" wurde der Beginn einer neuen Zeit der Befestigung der Monarchie und der konservativen Partei begrüßt.
Heute aber sieht es wieder ganz anders aus. Die Aussöhnung zwischen Staat und Kirche, welche einst so riesige Fortschritte zu machen schien, ist gänzlich ins Stocken Mathen. Seine Liebeswerbungen stellte der Staat ein, als er sah, daß sie nicht den gewünschten Erfolg hatten.
N
»ganz Berlin" unter, der stillschweigend ausgegebenen Losung: „Nun kann's von Neuem losgehen!"
Diesmal bestand jene festliche Veranlassung aus einem großen Wohlthätigkeitsfest im Zoologischen Garten, welches zum Besten der Ueberschwemmten im Oberamtsbezirk Balingen in Württemberg veranstaltet worden war. Fünf Militär- Musikeorps, die Berliner Liedertafel mit zweihundert Sängern, glänzende Beleuchtung des Gartens, von dreihundert Personen ausgeführte patriotische Lebende und Wandel-Bilder, Prachtfeuerwerk und was nicht noch Alles! Die Besucher können mit dem Abend und die Ueberschwemmten mit dem materiellen Erfolge desselben zufrieden sein, denn an dreißigtausend Menschen drängten sich in oft fürchterlicher Enge im Garten umher und suchten meist vergeblich einen Platz und eine Erfrischung zu erhaschen. Letztere spendeten diesmal nicht nur die hin- und herstiegenden Kellner, denen von den nach Labung Lechzenden fast die Frackschöße abgerissen wurden, sondern auch graziöse Nymphen unserer Theater, die in schmucken Pavillons den schäumenden Trank kredenzten und nicht nur die nach Sekt, sondern auch nach einem Willkommensgrnß aus den schönen Augen Durstenden in Hellen Schaaren um sich versammelten. Unter diesen wieder gab's ein Begrüßen hin- und herüber, ein Fragen und Antworten, Berichten und Erzählen, und manche viel- umschwärmte Huldin, soeben erst aus Ostende, aus Karlsbad, aus Sylt oder Scheveningen zurückgekehrt, sie fühlte sich hier trotz Hitze und Staub, trotz Drückens und Drängens und der wahrhaft musikalischen Orgien hundertmal Wohler wie am Strand oder im Walde.--Hier war ja
„Berlin", hier wurde getuschelt und geflüstert, kritistrt und meditirt, kokettirt und geschmeichelt, hier gab's zu sehen und wurde man gesehen, das war doch ganz was Anderes als wie in der häufig langweiligen Sommer» frische! Biele interessante und bekannte Erscheinungen,
tauchten in dem Gewühl auf, Künstler, Politiker, Schriftsteller, Militärs, hohe Beamte, oft gehörte Namen schwirrten von Mund zu Mund, man zeigte sich hier eine liebreizende Solotänzerin unserer Oper und da eine brunhildenhafte Sängerin, dort einen berühmten Bildhauer und Arm in Arm mit ihm einen als gefürchteten „Herzensknicker" geltenden Aitacho einer der hiesigen fremden Botschaften, und neben dem interessanten Berlin fehlte es auch nicht an dem aufdringlichen, jenen brillantenbehängten Damen in mehr oder minder geschmacklosen Toiletten unb von affektiriem Benehmen und jenen Herren mit lauten Manieren und großsprecherischer Art ... . ja, ja, diek Berlin ist auch zurückgekehrt! Die von dem verdienstvollen Architekten Hoffacker gestellten patriotischen lebenden Bilder gelangten in der elektrischen Beleuchtung zu wirksamer Geltung und schloffen eindrucksvoll mit der Huldigung der deutschen Stämme am Denkmale Kaiser Wilhelms auf dem Kyffhäuser; von phantastischem Zauber war die Fahrt eines glänzend beleuchteten Schiffes mit der von bengalischen Flammen beschienenen Büste Kaiser Wilhelms II. über den nachtdunklen See, auf dessen schlummerndem Gewässer alsbald funkelnde Leuchtkugeln und Raketen einen sprühenden Widerschein erweckten.
Allmählich kommt auch etwas mehr Frische in unser Theaterleben. Hatten wir doch schon eine echte und rechte Premiöre unb zwar im Lessing-Theater, welches einen lustigen Schwank von Hennequin nnb Najae „Cherchez la femmel“ brachte, ber übrigens im Großen unb Ganzen weniger unfolibe war, als man ge.... hofft hatte, trotz des kecken Kernes. Natürlich steht, wie in ben meisten französischen Possen, ber betrogene Ehemann in ber Mitte; er will seinen Neffen verheirathen, ber wenig Lust dazu verspürt, und ber gute Onkel muthmaßt nicht mit Unrecht, daß hinter dieser Weigerung irgenb eine Frau steckt. Und beim
Kür den Monat Septeruöer!
Der Berug des in zwei Ausgaben erscheinenden „Mieslmdetter TagiUatt" Organ Tih: anttliche und nichlamtlickir Bekmmk- machnngen der Stadt Wiesbaden nnd Umgebung mit feinen 7 Gratis-Beilagen (darunter die „Illustrirkr Kinder-Zeikung") = monatlich 50 Pfennig---
kann jederzeit begonnen werden. Man bestelle sofort.
Neu rintretende Verletzer erhalten das „Wiesbadener Tagblatt" von jetzt bis (. September zsgs unentgeltlich.
««zetgeu-Prei-r
Die einspaltige Petitzeile für totale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reelamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
Äb!Ä$e- Ä o6cr °uch geben wollte, l Diese unb noch andere sind die Bedingungen, welche dir
Das Ministerium hatte die Hoffnung gehegt, ber Papst I Klerikalen Venedigs für die Eingehung eines Bündnisses
werde bas „Non oxpedit“ aufheben, d. h. ben Katholiken I mit den Konservativen für die Gemeinderathswahlen stellten
gestatten, an den Kammerwahlen Thetl zu nehmen; dabei I und welche die Konservativen, wie gesagt annahm-n
N ai Ö S s^bstverständlich die Katholiken würden für die Durch die geplante großartige Jubelfeier zur Erinnerung Regierungskandtdaten emstehen. Man machte alle An- I an den Einzug in Rom, an welcher die Regierung natürlich
klerikalen für die Regierung zu gewinnen, auch von Amtes wegen Theil nimmt, wird die wieder en?
Der Vatikan schwieg lange zu dem Spiel, und dieses Ver- I standene Spannung zwischen dem Staate und ber Kirche au?g!leot"^«!-ndll^E^ ^ur das Ministerium günstigen Sinne noch größer. Der Vatikan setzt ein gar betrübtes Gesicht ausgelegt. Endlich aber ließ sich der Papst vernehmen, auf und jammert über tödtliche Beleidigungen, und bie guten l‘lb würbe der schone Traum Crispis zu Nichte: Katholiken Italiens - wie auch anderer Länder - schicken im Vatikan siegte die intransigente Partei, und zwar sich an, dem heiligen Vater zum Tröste Ergebenbeits-
u'us-'./-Wer als der eifrige Befürworter ber Versöhnungs- abreffen unb Gelb zu schicken. Unb wenn ber
!,OJnü,'(^ä9l'OrJ^nni' eInJ^ei“rb unb Egerer Lands- Staat anläßlich dieses Jubiläums eine besondere Post.
P zwischen mit Tod abgegangen. Leo XIII. marke ausgiebt, so haben die Klerikalen auch etwas Aehn-
SJeLZ f5r€,6ec/n W'ocdli, die liches ersonnen zu Ehren des heiligen Vaters. Da? „Gabinetto
guten Katholiken hatten sich auch fernerhin von ben pol,- | cattohco milanese“ hat mehrere Tausend gummirte papierene
^Trrä f-rtV 3U. önlten da die Marken (nach Art der Briefmarken) Herstellen lassen, welchen Verhä..niffe noch dieselben seien, wie damals, als bas Ver- das fein ausgeführte Bildniß des Papstes und darum henim
bot zum ersten Male erlassen wurde. Die päpstliche Weisung die Inschrift: „20. Settembre 1895 W Leone XIII W
fand natürlich strenge Nachachtung. l’Italia“ aufgedruckt sind (W = Abkürzung für „evviva“)
Crispi hatte also eine Zurückweisung erfahren. Er rächt | Die Marken sind dazu bestimmt, als Huldigung für den
TUI) nun dafür indem er mit der Austheilung des Exequatur beraubten Papst und Protest gegen die „Räuber" auf Briefe
wieder zuruckhalt; auch war er gleich dabei, als von einem Postkarten :c. aufgeklebt zu werden. Den katholischen Kammerabgeordneten die Anregung gemacht wurde, es solle | Vereinen wird natürlich ans Herz gelegt, für möglichste Ver-
ber 20. September, ber Tag, an welchem die italienischen | breitung zu sorgen.
Truppen Rom eroberten, als nationaler Feiertag erklärt I ———--
werben. Die Regierungspresse zeigt sich nun auch nicht Politische TageS-R«Ndschatt.
mehr entzückt wie früher über bie Siege ber Klerikalen bei — In bem Reichshaushalt für 1896/97 an den administrativen Wahlen, fonbern sieht bem Ereignisse mit besten Herstellung schon eifrig gearbeitet wirb, wirb' ben Kopfschmteln zu und mahnt zum Aufsehen. Die „Berl. Pol. N." zufolge, bie Einnahmeposttion, welche sich Ef“« $o6e’f‘ rJ’er a“$ in d" Thai allen auf bie Ueberschüffe aus früheren Jahren bezieht, gegen den
aufjiiraffen unb dem weitern Fortschreiten laufenden Etat eine wesentliche Verminderung erfahren, des KlenkallsmuS energisch entgegenzuarbeiten. Der Diese Position hat überhaupt die größten Schwankungen zn Sieg ber verbündeten Klerikalen unb Konservativen in I verzeichnen gehabt. Von 4 Millionen im Etat für 1893/94 Mailand war bas Zeichen zur Erhebung der Klerikalen in fiel sie auf 1,3 Millionen im Jahre 1894/95 unb stieg ben mei|ten großen, und kleinern Städten Italiens; bie bann wieder für das Jahr 1895/96 auf 14,4 Millionen datikamsche, Partei machte rasch die größten Fortschritte: ! sodaß in bem laufenden Etat bei ber Position ein aHein ober tn Verbindung mit den Konservativen bemächtigte Mehr von über 13 Millionen in Ansatz gebracht fie j.ch denn auch der Herrschaft in den Stadtverwaltungen I werden tonnte. Im nächstjährigen Etat wird sich von Genua, Turm, Venedig Modena, Verona, Bologna, nun wieder ein bedeutender Rückgang bemerklich machet Florenz re. In Venedig, wo früher die Liberalen das I Infolge der Ueberschüsse, welche im Jahre 1894/95 nament- Regimeni führten, haben nun die Klerikalen vollständig die lich die Zuckersteuer, die Salz- und die Brausteuer, sowie Oberhand. Sie kämpften im Bunde mit den Konservativen, I die Post- und Telegraphenverwaltung über die Etatsansätze freuten aber sehr harte Bedingungen, welche von gezeitigt haben, ist die Summe der ordentlichen Einnahmen den Letzteren angenommen wurden: Der neue Stadt- welche dem Reiche verbleiben, in bem genannten Jahre um
soll keine Beschlüsse fassen welche das religiöse 7,1 Millionen größer gewesen, als steim Etat angenommen war. Gefühl ber Katholiken verletzen - barunter fiele z. B. ber Die Ueberschüsse ber einzelnen Jahre werben stets in bie Etats des Beschluß über eine amtliche Teilnahme an der September- zweitfolgenden Jahres eingestellt. Der Ueberschuß von 1894/95 feier tn Rom —; in den Schulen soll der Religionsunter- kommt also im Etat von 1896/97 zur Verrechnung Nun
?rrb "5'' d>e vom Bischof hierzu bestimmten ist es ja wahrscheinlich, daß durch die Revision der Rechnungen Geist ichen mit dessen Ertheilung betraut werden; ber neue ber genannten Summe noch eine kleine Erhöhung zuwachsen Stadtrath muß in amtlicher feierlicher Form an den Cere- I wird, jedoch wird dadurch die Position nicht wesentlich be- monien bei gewissen Kirchenfesten theilnehmen; die gemein- einflußt werden. Es ist vielmehr gewiß, daß die Einnahme- same Kandidatenliste mußte die Namen aller klerikalen I Position, welche sich auf die Ueberschüsse aus früheren Führer enthalten hingegen waren alle diejenigen Personen I Jahren bezieht, im Neichshaushalt für 1896/97 um rund blc 'rgendwie im Gerüche des Anti- I 7 Millionen geringer fein wird, als bie gleiche Position beS klerikallsrnns stehen. 1 laufenben Etats. “ * '
(Nachdruck verboten.)
Kerliner Krlef.
Das zurückgekehrte Berlin. - Wohlthätigkeitsfest. — Vom Theater. — Das tragische Berlin.
Berlin ist zurückgekehrt---wie fehfam
unb eingebilbet sich das auhörtl Als ob Berlin zurückzukehren brauchte! Die Stabt ist ja immer da mit all ihren Straßen und Plätzen, Museen und Kirchen, Denkmälern und Gebäuden, sie steht immer zu unserer Verfügung und nimmt uns gastfreundlich auf, wann, wo und wte wir es wollen. Und doch ist das obige Wort von dem „zurückgekehrten Berlin" nicht ganz unrichtig. Wenn man iwltzd bloß das oberflächliche öffentliche Leben und Treiben in Betracht zieht, so ist das Berlin der Sommermonate ein beträchtlich anderes wie das in den übrigen Jahreszeiten; es fehlen viele Elemente, viele Personen, die zu dem charakteristischen Wesen der Residenz gehören, die einen ihrer „berlinischisten" Theile bilden. Dem Fremden, vuual jenem, der zum ersten Male oder nur selten die Stadt an der Spree besucht, wird das kaum auffallen, der Einheimische merkt es sofort. „Es ist nichts los, 's ist ja Alles fort!" lautet bie kurze Kritik, und vielleicht ber tröstende Zusatz: „Na, noch ein paar Wochen, dann kommt Berlin zurück!" Und Letzteres zeigt sich dann von Tag zu Tag mehr. Unter den Linden, in ber Leipziger- unb Friebrichstraße tauchen roieber allerhand typische Erscheinungen mit Cylinder und Monoele auf, auf den Thiergarten-Alleen rollen Equipagen dahin, in den vornehmen Restaurants werden die Kellner aus ihrer Sommerruhe aufgescheucht, die Theaterleitungen schränken das Vertheilen der Freikarten ein, nnb im Cafe Bauer treten nicht mehr bie auswärtigen Gäste alleinbeherrschenb auf. Dann irgend eine besondere festliche Veranlassung, und gelegentlich derselben versammelt sich
