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Wiksbildkner Sagblatt

Verlag: Langgasie 27.

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Ko. 390

Donnerstag, den 22. August

1895

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

BezirkS-Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe

nur damit ja Niemand erfahre, daß man nicht out of town

ist. So etwas soll ja auch wohl anderswo vorkommen,-...Gnädigste l Es soll ja Niemand genöthigt sein, es anzulcgen.

nicht unverdient. Die Festung entsprach zu der Zeit, als sie die Probe auf ihre Leistungsfähiglcit abgeben mußte, allen An­sprüchen und den neuesten Errungenschaften der Kriegswissen­schaft. Die Stadt war von einer doppelten Ringmauer umzogen; die Grüben waren fall durchweg mit Wasser gefüllt und Einrichtungen getroffen worden, um das vorliegende Gelände zu überschwemmen. Die Festung war durch eine große Anzahl mächtiger, zum Theil erst wenige Jahre vorher gebauter Forts gedeckt, und die gesammten kolossalen Festungs­werke erstreckten sich auf einen Umfang von etwa 15 km. Und da die Stadt endlich reichlich mit Proviant versehen war — es wird angenommen, daß derselbe für die nöthige Besatzuugsarmee auf 2x/s Jahre hingereicht hätte — so ist es begreiflich, daß die Franzosen den Versuch, diese Festung zu nehmen, für abenteuerlich ansahen und erklärten.

In der That hatte cs auch ursprünglich nicht im Plane der deutschen Heeresleitung gelegen, alsbald eine Belagerung des Festungskolosses vorzunehmen und so einen großen Theil der Aktionsarmee festzulegen. Man gedachte vielmehr, sich mit einer bloßen Beobachtung der Festung zu begnügen und an ihr vorbei auf Paris zu marschiren. Der entscheidende Tag von Gravelotte, an dem unsere Truppen die mehr als 170,000 Mann starke Armee des Feindes nach Metz hinein­gedrängt hatten, machte die Cernirung dieser Festung zur Pflicht, zugleich aber auch zu einem aussichtsvolleren Unter­nehmen als vordem, denn mit den 170,000 Mann Bazaines war ein Bundesgenosse der Deutschen, der Hunger, mit in die Festung gezogen.

Ob es möglich gewesen wäre, Metz auch ohne diesen schweren Fehler Bazaines zu gewinnen, durch Sturm zu nehmen, diese viel umstrittene Frage ist schwerlich unzweifel­haft zu entscheiden. Wir freuen uns dessen, daß der Gang des Krieges jenen Versuch nicht nothwendig machte, daß uns die furchtbaren Opfer, die er gekostet hätte, durch den folgenreichen Fehler Bazaines erspart blieben. Durch den „Fehler" Bazaines, denn als Anderes können wir sein Ver­hallen nicht ansehen. Das zürnende Frankreich hat Bazaine, der später fern in Elend verdorben und gestorben ist, als Hochverrüther gebrandmarkt und verurtheilt. Wir glauben, daß dies Geschick den Mann unverdient getroffen hat; er hatte nur, wie nahezu ganz Frankreich, den Kopf verloren, um den man ihn nahezu kürzer gemacht hätte.

Die Jrrnng Bazaines ist für uns zum Glück geworden, sie hat uns die Einnahme von Metz unter weit leichteren Bedingungen ermöglicht, als es sonst der Fall gewesen wäre. Aber ermöglicht wäre sie worden, mußte sie werden, und wenn noch mehr Ströme des Blutes geflossen und Berge von Leichen sich gethürmt hätten. Der Besitz von Metz, das bis zum 16. Jahrhundert den Deutschen gehört hatte, war für uns eine Nothwendigkeit, ein strategisches Er­forderniß, eine Lebensbedingung. Die starke Festung, dicht an unserer Grenze, war in den Händen des unruhigen, kriegslüsternen Nachbarn eine dauernde Bedrohung für uns. Wer wollte darin, daß diese Festung jetzt einen ebenso mächtigen Schutzwall gegen jene Bedrohung bedeutet, nicht das Walten der historischen Gerechtigkeit erkennen? △

(Nachdruck verboten.)

ßondoner Krief.

(Von unserem eigenen Korrespondenten.)

London, 18. August.

Gewiß, auch in anderen großen Städten giebt es eine Zeit der Saison und eine Zeit des Sommerschlafes, aber wohl in keiner Stadt ist der Unterschied zwischen der einen ttitfr der anderen so ausgesprochen, wie in der britischen Metropole. Noch vor wenigen Wochen konnte ich von dem Treiben des großstädtischen Saisonlebcns berichten — denn dieses Leben dehnt sich in London eben bis Ende Juli hin — heute ist Alles öde und leer, heute ist die Stadt „wie gtfe§rd, wie ausgestorben, nicht fünf"--Millionen

„bKeben zurück". Ende Juli oder Anfang August muß hier eben alle Welt — oder doch was man so darunter versteht — in noch viel ausgedehnterem Maße, als «s wohl in anderen Großstädten früher noch geschieht, auf das Land, ans Meer; und auch auf dem Kontinent dürste man es verspüren, wann die Londoner season vor­über ist. Es gehört wohl nicht einmal zum guten Ton, im Lugust einen „Londoner Brief" zu schreiben. Es ist mir, M müßten Diejenigen, die getreulich auf ihrem Posten auSharren, dafür erst noch besonders um Entschuldigung bitten. Und doch sind ja schließlich nicht nur so viele Wllionen von Menschen in der Stadt verblieben, wenn sic m gewiffem Sinne auch nicht eben zu „all London“ ge­hören, sondern die Stadt hat auch gerade zu dieser Zeit ein ganz eigenartiges Aussehen, man kann schließlich jetzt mit Muße noch so Manches nachholen, wozu uns im Drang der Saison und bei der Ueberladung alles Dessen, was uns zu jener Zeit geboten, ganz und gar die Zeit mangelte.

Eine einzige Festlichkeit, die Hervorhebung verdient, fand nach dem Schluß der eigentlichen Saison statt. Das ist der internationale Geographen-Kongreß,der bis in den August hinein währte und der eben aus Rücksicht auf seine ausländischen

Theilnehmer — zumal auf die deutschen Gelehrten, die schließlich in so geringer Anzahl sich einstellten! — so spät anberaumt war. Gleichwohl aber hat derselbe nicht nur zu recht interessanten, lehrreichen und nutzbringenden Erörterungen geführt, sondern auch zu mancherlei äußerst erfolgreichen geselligen Vergnügungen Anlaß gegeben, wenn er den aus­wärtigen Gelehrten im Uebrigen zu dieser Zeit auch nicht einen Anblick der Riesenstadt von ihrer besten Seite ge­währen konnte.

Ich führte einen der Theilnehmer in meinen Klub ein. Doch öde, leer und geradezu unheimlich starrten uns die ausgedehnten Räume an. Statt der trauten Gesichter, die sonst unfehlbar hier anzutreffcn, hatten bereits Maler und Tapezirer ihren Einzug gehalten. Es war nicht einmal „der dritte Mann" aufzutreiben, obschon ich verschiedene meiner Freunde in dem im Uebrigen in England noch unbekannten Skat unterwiesen, die an dem deutschen Spiel auch großen Gefallen gefunden haben. Morgen wird der Klub ganz geschlossen; und wer von seinen Mitgliedern bis dahin es noch nicht für angebracht erachtet hat, den groß­städtischen Staub von seinen Füßen abzuschütteln, kann während der Zeit der Restauration unserer Räume nur in einen andern Klub Eintritt erlangen, mit dem der unsrige für derartige Fälle ein gewisses kameradschaftliches Ver- hältniß unterhält. Das ist hier im Klubleben allgemein üblich. Wie wäre auch das Leben in London ganz ohne Klub zu irgend einer Zeit denkbar!

Ich begleitete meinen Freund durch unsere vornehmsten und schönsten Straßen, aber wie selten stießen wir auf ein Haus, das nicht den Eindruck der Unbcwohntheit machte, wenn das auch wohl nicht immer heißen mag, daß die übrigen Häuser alle unbewohnt sind. Denn es giebt wohl Leute genug, die ihre Fensterläden verschließen, nach hinten hinaus wohnen und sich vor Jedermann verleugnen lasten,

Metz.

Man kann wohl zwischen einer defensiven und einer offensiven Offensive, zwischen einer Offensive der Abwehr und einer Offensive des Angriffs unterscheiden. In die elftere Kategorie gehört die Taktik, welche die Deutschen bis zu der glorreichen Schlacht von Gravelotte verfolgt hlüten. Diese Schlacht wurde zur Entscheidungsschlacht im wnfttssendsten Sinne des Wortes. Sie entschied nicht nur über die kriegerische Tüchtigkeit der beiden Armeen, der beiden Völker, sie entschied auch das Schicksal des Krieges. Indem sie die Kraft des größten Theiles der französischen Feldarmee brach, ihn außer Aktion setzte und in die Mauern von Metz hineindrängte, öffnete sie den Deutschen den Weg in da§ Land des Feindes.

Das war die hohe Bedeutung des Tages von Gravelotte, der selbst durch die ftrrchtbaren Opfer, welche diese blutigste Schlacht des Jahrhunderts gefordert, nicht zu theuer erkauft ward. Vor fünfundzwanzig Jahren, inmitten der Erregung des Krieges selbst, urtheilten nicht Wenige, daß der Sieg zn theuer erkauft fei. Heute wissen wir das besser. Wir wissen, daß der 18. August die Vorbereitung zum 27.Oktober war, der die „jungfräuliche" Festung Metz in unsere Hände brachte. Wir wissen heute, daß wir ohne den heißen, blutigen Tag, von Gravelotte auch den Tag von Sedan nicht erlebt hätten, auch nicht den Tag, da in der deutschen Stadt Straßburg wieder das deutsche Banner wehte.

Der Versuch, die riesenstarke Festung Metz zu nehmen, mutz als eine der kühnsten Unternehmungen, die Einnahme bet Festung als eine der glänzendsten und erfolgreichsten Waffrnthaten bezeichnet werden, von denen uns die Kriegs­geschichte berichtet. Als die Schlachten von Mars-la-Tour und Gravelotte den Franzosen, soweit sie einer Erkcnntniß zugänglich waren, die Erkcnntniß gebracht hatten, daß Frankreich dem Gegner in offener Feldschlacht nicht gewachsen fei; richteten sich aller Augen auf Metz, auf dies „Bollwerk Frankreichs", das als uneinnehmbar galt. Und dieser Ruf war

Mr den Monat Septemöer!

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«8. Jahrgang.

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Politische Tages-Rundschau.

— lieber das Essener Urthcil haben sich nun die meisten politischen Blätter ausgesprochen. Der „Vorwärts" bezeichnet den Spruch des Schwurgerichts in Essen natürlich als eine Ungeheuerlichkeit, einen Akt der Klassenjustiz. Die Staatsanwaltschaft und die Mehrheit der Geschworenen hätten zwar nach bestem Wissen und Gewiffen, aber im Banne ihrer politischen Anschauungen und Klaffeuvorurtheile den Genossen desMeineids angeklagt und schuldig befunden. In den konservativen Zeitungen sucht man sich vornehmlich mit der Angelegenheit abzufinden, indem man den Umstand, daß die Sozialdemokraten den verurtheilten Schröder als Reichstagsabgeordneten aufstellen wollen, scharf beleuchtet; auch die nationalliberale Presse ergeht sich hierüber in längeren Betrachtungen. Durch eine sachliche Beleuchtung der Angelegenheit zeichnet sich die ultramontane „Köln. Volksztg." aus, trotz der Betheiligung der „christlichenBerg­arbeiter" in dem Prozeß. Sie sagt u. A.:

„Es ist schwer, allein aus Zeitungsberichten sich ein Urtheil über den nun beendeten Prozeß zu bilden. Ohne an der Gewissenhaftig­keit und Unparteilichkeit der Essener Geschworenen irgendwie zweifeln zu wollen, müssen wir aber gestehen, daß wir zu einem „Schuldig" uns nicht hätten entschließen können, wenn der Eindruck zutreffend war, den wir aus den Berichten gewonnen haben."

Sie äußert sich sehr abfällig über das ganze Auftreten des Gendarmen Münter und bedauert, daß der Prozeß nach Lage der Sache überhaupt angestrengt worden sei. Sie schließt ihren bezüglichen Artikel mit den Worten:

„Wenn man etwa glaubt, auf diese Weise der Sozialdemokratie beikommen zn können, so irrt man gewaltig. Man schafft der Partei damit nur Märtyrer. Wir find überzeugt, kein Sozialdemokrat wird die Schröder und Genossen für meineidig halten; sie werden nur als Opfer der „Klassenjustiz" betrachtet, und der Prozeß wird zur Propaganda benutzt. Noch einmal: Meineide soll die Staats­anwaltschaft selbstverständlich unter allen Umständen verfolgen, aber wo die Sache so zweifelhaft und so dunkel ist, wie hier, wo „Lappalien" den Punkt bilden, in dem auf leicht erklärliche Weilt die Aussagen auseinander gehen, da ließe man die Sache besser laufen, statt sie zu verfolgen, um damit der SeAialdemokratie einen Schlag zu versetzen. Und letzteres war doch in Essen allem Anscheine nach die Hauptsache."

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Die gemäßigt freisinnige „Voff. Ztg." nrtheilt ähnlich, hebt die Verschiedenheit der Zeugenanssagen, die Unklarheit der Sache hervor und schließt: „Aber bemerkbar wird sich das Unheil des Essener Schwurgerichts auf politischem Gebiete bald genug machen, und wir fürchten, nicht zum Vortheil der Freunde der Ordnung." Die „Freis. Ztg." schließt einen in ruhiger Sachlichkeit gehaltenen Artikel mit den Worten:

„Das Rechtsbewußtsein des Volkes verlangt energisches Ein­treten der Polizeigewalt zum Schutz der Versammlungsfreiheit, gegen Störungen des Hausrechts, wie sie Schröder in dreister Weise ver­sucht hat. Aber solche MeineidSprozesse über unklare, an sich be­deutungslose Vorgänge entsprechen nicht der Rechtsüberzeugung des Volkes. Am wenigsten aber wird mit solcher Prozeßführring in zweifelhaften Dingen der Sozialdemokratie Abbruch gethan. Schon aus dem großer Elberfelder Prozeß gegen Bebel und Genossen wegen Geheimbündelei und dergleichen hätte sich die Staatsanwalt­schaft vom Gegentheil überzeugen müssen."

In ähnlichem Sinne mtheilen noch viele Blätter, und zwar nicht nur freisinnige. Auch die „National-Zeitung"

aber gewiß nicht so häufig wie in England, wo die Regeln dessen, „was sich schickt", keine „Extravaganzen" erlauben und die Sucht, wenigstens den Anschein zu wahren, eine so mächtige ist.

Wir gingen in den Hyde Park. Aber Rotten Row, der Sammelpunkt der vornehmen Welt im Park, war natürlich völlig öde und verlassen. Dasselbe gilt, wennauch in etwas geringerem Grade, vom Battersca Park, der seit einiger Zeit die besonders erlesene Stätte der Radfahrer und — Rad­fahrerinnen ist.. Carriage people, wie die bcneibcnswcrlhen Menschen, die ihren eigenen Wagen haben, hier einfach ge­nannt werden, mag eS im Augenblick in London nicht geben, aber das stählerne Roß steht doch längst im Dienste breiterer Schichten der Bevölkerung. Nicht, daß cs für unfein gilt, das­selbe zu benutzen. Das ist bis vor Kurzem bis zu einem gewissen Grade wohl der Fall gewesen. Aber gerade neuerdings ist das Radfahren hier erst recht fashionable geworden und zwar ganz besonders unter Damen, die auch gerade diesen Sommer viel allgemeiner sich in richtigen Radfahrer-Kostümen vor die Oeffentlichkeit wagen. Früher galt dies immer noch für unschicklich, und eine Dame, die so angcthan ihr Stahlroß bestieg, erregte allgemeine Aufmerksamkeit. Heute hat man sich bereits daran gewöhnt, als verstände sich die Sache von selbst. Und e§ läßt sich wirklich Manches dafür sagen. Wenn die Beine fortwährend unter den Kleidern „hervorstrampeln", so macht das entschieden einen unschöneren Eindruck, als wenn sie, durch das neue faltenreiche, volle, bauschige — wenn auch nach Art der Herrentracht „getheilte" — Gewand doch sittsam genug verhüllt, ihre Arbeit zu verrichten haben, die durch dieses neue Kostüm vor Allem aber auch wesentlich erleichtert werden muß. Soll also das Radfahren den Damen nicht länger vorenthalten werden — und auf die Dauer wird das kaum möglich fein —, dann werden wir uns am Ende doch wohl mit einer allgemeineren Einführung des Kostüms vertraut machen müffen.--Gemach, gemach, meine