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Wtebahwr Tagdlatt

48. Jahrgang.

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Uo. 386

Dienstag, den 20. Augnst.

Bezirks-Fernsprecher R». 52.

1895

BezirkS-Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe.

politische Tages-Kundschau.

— Die elsaß-lothringische Frage. Der Pariser „Malin" veröffentlicht ein Interview mit dem Elsässer Reichstagsabgeordneten Guerber und dem Mitglied des Landesausschusscs Petri, die beide erklärten, eine elsaß- lothringische Frage existire nicht. Guerber sagte, es sei eine Utopie, zu glauben, daß Elsaß-Lothringen zu Frankreich zurück­kommen wolle. Deutsche sind wir, Deutsche bleiben wir. Petri betonte, Frankreich verkenne die wirkliche Lage Elsaß- Lothringens. Man bilde sich dort ein, daß die Elsaß-Lothringer in Permanenz auf dcni Straßburger Münster Wache hielten und ansblickten, ob Frankreich käme, sie zu befreien. Das sei eine Legende, die im Interesse beider Länder zerstört werden sollte. Unzweifelhaft har die Stunde der Resignation geschlagen. Wir wünschen zufolge unserer Shmpathie für Frankreich, daß sie auch jenseits der Vogesen schlüge. Unsere Stadt gedeiht, unsere Industrie wird täglich reicher. In Straßburg giebl es nur einige wenige Personen, die um den Preis eines Krieges wieder französisch werden möchten. Die große Mehrheit will Frieden und Aufrechterhaltung des Status quo. Unser angelegentlicher Wunsch ist eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Wenn dieses Einvernehmen sich verwirklicht, dann kann dies nur auf Grund des Frankfurter Vertrages geschehen. Alle anderen Lösungen, ob sie nun auf Plebiscit, Neutralität oder Theilung hinauslaufen, sind Hirngespinste. Das ist dir Wahrheit. Ich wünschte, Sie hätten den Muth, dies zu sagen, und die öffentliche Meinung in Frankreich hätte den Muth, Sie zu begreifen.

— Gewinn aus der Prägung der Reichs­münzen. Der aus der Prägung von Rcichsmünzen zu erwartende Gewinn dürfte den „B. P. N." zufolge voraus­sichtlich auch in dem nächstjährigen Reichshanshaltsetat mit einer den gewöhnlichen Betrag übersteigenden Summe in Ansatz gebracht werden können, weil sich die besondere Aus­prägung von Reichssilbermünzen, welche der Bundesrath im Jahre 1894 beschlossen hat, wahrscheinlich im laufenden Etats­jahre noch nicht beendigen läßt. Der Bundesrath hat be­kanntlich unter dem 19. Mai 1894 die Ausprägung von 22 Millionen Mark Reichssilbermünzen angcordnet. Von diesen sollten im Etatsjahre 1894/95 ungefähr 5 Millionen zur Herstellung gelangen und im laufenden Jahre mit der Prägung nach Maßgabe des Verkehrsbedarfs fortgefahren werden. Es ist nicht anzunehmen, daß der Verkehrsbedarf f» groß werden wird, daß die Ausprägung des ganzen Restes der Reichssilbcrmünzen sich als nothwendig Herausstellen wird. Im Gegentheil ist es mehr als wahr- scheiulich, daß noch ein beträchtlicher Theil der einmal hi Aussicht genommenen Summe für die Folgezeit übrig bleiben wird. Hieraus würde dann für 1896/97 ein über das gewöhnliche Maß hinausgehendcr Gewinn ans der Prägung von Reichsmünzen für den Reichshaushalt erwachsen. Bekanntlich werden diese Ueberschüsse aus dem Münzwesen

im Etat unter den Einnahmen aus sonstigen außerordent­lichen Dcckungsmitteln mit der Maßgabe angesetzt, daß Mehrcrträge über das Etatssoll von der Anleihe in Abgang kommen.

_ — ZurHa ndwerker-Organisation. „Geheimniß- krämerei" nennt nicht mit Unrecht der „Hamb. Korrespondent" die Art, wie jetzt von amtlicher Seite die Frage der Hand­werker-Organisation behandelt wird. Noch immer sind die Entwürfe des preußischen Haudelsministers nicht bekannt. Die Junungs-Konferenz in Berlin war „vertraulich", was zur Folge hatte, daß bruchstückweise allerlei, theilweise unrichtige Mittheilungen an die Oeffentlichkeit kamen. „Ein authentisches Referat ist demnächst zuerwarten", vertröstet dcr Reichsanzeigcr. Aber auch die Lübecker Konferenz ist „streng geheim". Es ist in der That schwer zu begreifen, warum die Vorschläge des Ministers in solch geheimnißvolles Dunkel gehüllt werden. Als er vor drei Jahren zuerst mit dem Entwürfe einer Organisation des Handwerks hervortrat, wurde cs als ein Vorzug anerkannt, daß die öffentliche Kritik ihre Aus­stellungen, Beschwerden und Wünsche vorbringen könne.

— In Sachen des Pastors Müller zu Rostock, der wegen einer im letzten Winter zu Berlin gehaltenen Rede, in der er unter Anderem der Feuerbestattung das Wort redete, abgesetzt wurde, scheint noch nicht das letzte Wort gesprochen zu sein. Die Stadt Rostock hat aus dem Mittelalter eine große Reihe von Sonderrechten gegenüber der Landesregierung gerettet. So nimmt sie auch in Kirchensachen eine fast souvcraine Stellung ein. In der Müllerschen Sache hat allerdings der Rostocker Rath auf seine selbständige Disziplinaruntersuchung zu . Gunsten des mecklenburgischen Oberkirchenraths verzichtet, worauf dieser die Absetzung verfügte. Da­gegen protestirt jetzt die reprüsentirende Bürger­schaft Rostocks, indem sie geltend macht, daß nach dem Erb- Vergleich von 1788 weder dem Rath noch der Regierung allein die Absetzung eines Geistlichen znsteht, sondern daß die Gemeinde, wie sie ihre Geistlichen erwählt, auch bei deren Absetzung die entscheidende Stimme hat. Ob dieser Protest von Erfolg sein wird, läßt sich nicht Voraussagen. Der Rath hat bereits eine Neuwahl ausgeschrieben.

— Die sechste interparlamenta rische Friedens­konferenz, die in der vorigen Woche in Brüssel tagte, hat ihre Berathungen beendet. Die diesmalige Tagung hat ein gutes und zugleich praktisches Ergebniß gehabt, nämlich den bestimmten Vorschlag der Organisation eines ständigen internationalen Schiedsgerichtshofes. Die Idee der schieds­gerichtlichen Ausgleiche ist ja schon öfter zwischen verschiedenen Staaten in die Praxis übersetzt worden. Auf dem nordischen Friedenskongreß, der kürzlich in Kopenhagen abgehalten wurde, ist gefordert worden, daß die drei' skandinavischen Staaten einen Schiedsgerichtsvertrag schließen, und cs ist wahrscheinlich, daß diese Forderung in nicht allzu langer Zeit erfüllt wird. Eine Reihe kleinerer Staaten, Belgien, die Schweiz und Holland, sind dem Abschluß eines solchen Vertrags nicht abgeneigt. Das gegebene Bei­spiel kann auf die übrigen Staaten nur aufmunternd wirken. Immer mehr häufen sich ferner die Fälle, wo internationale

Streitigkeiten einem Schiedsgericht übertragen werden. So haben erst dieser Tage- wieder Frankreich und Brasilien ihren Streit nm die Grenzen in Guyana einem Schiedsrichter zugewiesen. Angesichts dieser stets sich mehrenden Fälle und der stets in umfassenderem Maße sich verwirklichenden Schiedsgerichts-Idee kann, so urtheilt die „Franks. Ztg.", das Bedürfniß nach einem stündigen internationalen Schieds­gerichtshofe nicht mehr bestritten werden. Ein solcher Gerichts­hof, richtig organisirt und unparteiisch zusammengesetzt, bietet den großen Vortheil, daß er immer da ist, daß er jedem Staat sofort zur Verfügung steht und daß er allen Be­theiligten Vertrauen in die Gerechtigkeit seiner Entschließungen einflößt. Der Krieg selbst arbeitet daran, sich zu vernichten. Er wird immer furchtbarer, entsetzlicher, nutzloser, und da­mit wächst ins Ungeheuere die Verantwortlichkeit Derer, die ihn in ihrer Macht haben. Es begreift sich, daß sie fried- lich gesinnt sind. So erzeugt der Krieg die Scheu vor dem Kriege, und diese bereitet der Friedenswilligkeit die Wege auch dort, wo sie früher nicht zu Hause war. So wird und niuß die Sache der Friedensfreunde schließlich in irgend einer Weise siegen.

— Zur Lage auf dem Balkan. Der Wiener Berichterstatter des Petersburger „Kraj" halte mit einem hervorragenden Wiener Diplomaten eine Unterredung über die gegenwärtige Lage auf dem Balkan und über die Stellung der Dreibundiunchte zu ihr. Der Wiener Diplomat soll dem Berichterstatter mitgethcilt haben, daß die Drei- bnndmächte gegenwärtig damit beschäftigt wären, „ihre Feuerwchrinaunschaften für den Fall eines Brandes im Orient zu organiflren". lieber die Stellung Deutschlands zu den Vorgängen im Orient soll der Diplomat gesagt haben: „Die österreichisch-deutschen Beziehungen sind seit der Entlassung Bismarcks enger geworden, und die orientalische Frage, welche früher nur für Oesterreich-Ungarn ein unviittelbarcs Interesse hatte, erweckt nunmehr auch in Deutschland größeres Interesse. Gegen­wärtig handelt es sich darum, zwischen den Dreibundmächte« ein völliges Einvernehmen über den Orient zu erzielen. Die Aufgabe besteht nunmehr darin, die orientalische Frage dem Wirkungskreise des Dreibundes einzuvcrleiben, um den Frieden zu erhallen." Die russischen Blätter begleiten diese Unter­redung mit der Bemerkung, daß die russische Diplomatie für alle Fälle vorbereitet wäre.

Deutsches Keich.

* fiof- und Vrrsonat-Nachrichten. Der Kaiser ist gestern Nachmittag, 2 Uhr, mittels Sonderzngcs zum Besuch der Kaiserin nach Wilhclmshöhe abgereist. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." hört, Fürst Bismarck habe auf die Einladung zur Grundstein­feier, welche der Neichskanzler im kaiserlichen Auftrag übersandte, den Neichskanzler gebeten, mit Rücksicht auf den Zustand seiner Ge- undheit sein Nichterscheinen beim Kaiser zu entschuldigen.

* Krrlilt, 20. August. Der Kaiser hat am vorgestrigen Tage eine größere Anzahl von Beförderungen in der Armee erlassen und an verschiedene Offiziere Dekorationen verliehen. — Nach neueren Nachrichten soll innerhalb der Regicrnng ein anderes System in der Leitung der Staatsarchive beabsichtigt sein. Es soll nicht wieder

(Nachdruck verboten.)

Der Frack in Afrika.

Eine afrikanisch-kulturgeschichtliche Plauderei.

Von Dr. Eugen Zintgraff.

Der Frack in Afrika? — So höre ich den sich jetzt im- Svwiner von den gesellschaftlichen Anstrengungen des letzten Winters erholenden Leser entsetzt fragen. In Afrika der Frack?! In der That das allbekannte geschmacklose Gewand, rmd zwar nicht jener Frack, den fürsorgliche Menschcn- fremrdlichkeit dem Neger mitunter als einziges Beklciduugs- stückau- und umzuhängen beliebt,sondernder eigentlicheFrack, der ht Verbindung mit Lack und Claque die äußere Haut des gesell­schaftlichen Kulturmenschen in Europa bildet. Ohne diese HüLe mit ihren besagten Znthaten, und in Verbindung mit oder vielmehr nach einem guten Diner, bei dampfender Havanna und entsprechender Unterhaltung über Kunst, Wissenschaft, _ Litteratur und sonstige noch angenehmere Sachen, dürfte bei vielen, ja wohl den meisten Menschen das erhebende Gefühl, ausschließlich im Besitz von Kultur und Civilisation zu sein, heutigen Tages schlechterdings «denkbar sein.

Peinliche Beobachtung fest vorgeschriebener Gesellschafts- regeln ist im alten Europa unumgänglich nothwendig. Sie allein gestatten, trotz ihrer Schranken, doch wieder jedem Einzelnen in der Gesellschaft jene Freiheit der Bewegung, die ohne äußere zwingende Formen unvollkommen, ja eigentlich unmöglich ist. Der Frack nun, diese Uniform der nicht uniformirten Gesellschaft, ist allgemein zum äußeren, gleichsam amtlichen Einbanddeckel des gesellschaftlichen Codex bestimmt und mit seltener internationaler Einmüthigkeit als Loga für den „Gentleman" angenommen worden.

Somit könnte das Mit- und Einführen dieses Kultur- watzrzeichens nach Afrika an sich nicht wunderbar erscheinen,

was wenigstens zunächst die weiße Rasse anbetrifft und wo bereits geregelte Zustände Herrschen. Eine verfrühte Ein­führung, namentlich dort, woeönochgilt, vorbercitendePionicr- arbeitzuverrichtcn,wärcwohlkaummöglich undim Uebrigenauch mehr als lächerlich. Der einzelne bahnbrechende Kulturpionier steht mit seiner, ihm Leben und Dasein einzig und allein gewähr­leistenden Einsicht und Thatkraft in einem, weder Vorrechte der Geburt noch des Dicnstalters, noch sonstige Bevor­zugungen kennenden Lande auf zu vorgeschobenen Posten, als daß er sich durch den lästigen Zwang gesellschaftlicher Bräuche und Vorschriften auf das alltägliche Niveau gewöhn­licher Gesellschaftsmenschen hinabdrückcn ließe. Das sich aus dem sicherlich nicht leichten Kampfe ums Dasein entwickelnde starke Selbstvertrauen des kraftbewußten Einzelnen leidet nun einmal, und das nicht mit Unrecht, ungern solche Ein­schränkungen persönlicher Freiheit und Gewohnheit.

Nicht als ob an und für sich der in uncivilisirten Ver­hältnissen lebende Mensch sich vernachlässigen sollte, oder als ob unter wohlerzogenen Leuten in der Wildniß der feine Ton im Verkehr außer Acht gelassen werden dürfte, im Gegentheil. Aber weil die meisten Menschen infolge des überall zu Hanse herrschenden Zwanges die Gabe, sich in freien, ungebundenen Lebenslagen zu bewegen, mehr oder weniger verloren haben, sucht man instinktiv die Stütze in den altgewohnten Formen von Europas übertünchterHöflichkeit auch in noch rohen Verhältnissen aufrecht zu erhalten. Diese Schranken schützen den Schwachen in der Gesellschaft von Starken, gerade unter Verhältniffen, die bei ihrer Rauheit sehr bald den äußeren Schliff des Menschen angreifen und schonungslos seinen inneren Charakter vor den Auge» wenig zur Sentimentalität neigender Genoffen bloßlegen. Daher ist es verständlich, daß, wenn nach den ersten harten Zeiten der Schwarm der „feineren" Kulturträger dem voran­schreitenden Bahnbrecher folgt, auch die europäischen Ge­

sellschaftsformen, selbst in Gestalt des Frackes mit der entsprechenden Atmosphäre, zum Ausdruck und zur Geltung kommen.

Wenn vor einigen Jahren ein „Afrikareisendcr" schrieb, er habe sich auf seinen Reisen regelmäßig wöchentlich einmal Abends im Frackanzuge und blendend weißer Wäsche (?) in der Wildniß zum Diner hingesetzt, um nicht zu verwildern, so bezweckt diese Erzählung, wenn sie überhaupt wahr ist, nur Effekthascherei. Ebenso ist cs mit dem Ausspruche eines anderen Afrikaners, er habe sich zwar auf seinen Reisen des Alkohols enthalten, sich aber doch erst dann wieder so recht als „Gentleman" fühlen können, wenn er an der Küste wieder beim vollen Glase gesessen habe. Immerhin läßt sich aus solchen Aeußermigen trotz ihrer Absonderlichkeit entnehmen, wie sehr der Mensch im Grunde seines Wesens von einer Nothwendigkcit der Beibehaltung anerzogener Formen durchdrungen ist und sie selbst da nicht entbehren zu können glaubt, wo cs oft auf alles Andere eher, nur nicht auf europäische gesellschaftliche „Talente" ankommt.

Der Natur der Sache nach können wir in Afrika dem Frack nur in älteren Koloniecn begegnen, so namentlich in den englischen. Der Engländer hat ja von jeher seine heimischen Lebensgewohnheitcn, sowie noch mehr seine persönlichen Eigenheiten auf andere Länder anscheinend ohne Rücksicht auf deren Klima zu übertragen verstanden, viel­leicht ein Beweis für die naturgemäße Erziehung und Ent­wicklung der Engländer überhaupt. Jedenfalls kommt in Afrika, einem Lande, wo der Unterschied zwischen Schwarz und Weiß vorerst noch so scharf auseinandergehalten werden muß, — nur wir in Europa können es wagen, Kellner und Assefforen oder Geheimräthe in dasselbe gesellschaftliche Gewand zu stecken — doch so recht die kulturwirthschaftliche, ausgleichende Bedeutung des Fracks zur Geltung.

Denn in englischen Kolonieen tragen auch Neger de«