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Samstag, den 17. August
1895
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
National-DenKmal für Kaiser Wilhelm I,
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„Jetzt weniger als je darf Frankreich ans das ganze linke Rheinufer verzichten, will es nicht in die Gefangenschaft des Königs von Preußen gerathcn. Wir haben eine gewaltige Rache zu nehmen, und wir werden sie nehmen, sowie wir einen anderen Kriegsminister und unsere Soldaten würdige Führer haben werden. Fünfmalhunderttausend Mann Freiwillige, Mobil- und Nationalgardisten werden, von dem tapferen General Palikao geführt, über den Rhein
_ ...... _____________ ...____.'tim, Italien und
Oesterreich, selbst Königgrätz weisen nicht solche vernichtende Metzelei auf. Aber auch die deutsche Armee hat außerordentlich starke Ver
ein einziges Mal bestraft und jetzt — heiße Scham quoll ihm im Herzen auf, als er zum ersten Mal in das Amts- gefängniß wandern mußte. Nach und nach wurde er's gewohnt, er nahm sich jetzt mehr in Acht, zumal ihm der Richter das letzte Mal mit dem Arbeitshaus gedroht hatte. Darum war er auch heute so rasch als möglich dem jungen, forschen Gendarm entflohen und lag jetzt im Straßengraben, den Karren mit dem Schleifstein neben sich, die verschossene Soldatenmütze über den Augen, und träumte von der Zeit tior fünfundzwanzig Jahren, wo er als wackerer Husar auf die Franzosen eingeritten war. Ach, das war noch eine Zeit gewesen! Während jetzt — pfui Teufel!
Einige Sandkörner mochten dem Schläfer in die Augen geflogen sein, denn er erhob sich hastig und rieb sie mit dem Aermcl. Dann blieb er aufrecht sitzen und starrte in den flimmernden Sonnenschein, der über der staubigen Straße ruhte.
In der Ferne wurde eine Staubwolke sichtbar, die rasch näher kam. Sie rührte von den Hufen mehrerer Pferde her. Drei junge Kürassieroffiziere trabten die Straße entlang. Wie muthig die Roffe die Köpfe warfen! Wie glänzte die Sonne auf dem blanken Haar der Pferde, auf den Uniformen der Reiter und den blitzenden Säbeln, die mit leisem Geklirr an die Bügel schlugen! Dem greisen Scheerenschleifer ging das alte Soldatenherz bei dem Anblick der schmucken Offiziere auf. Er richtete sich empor und stellte sich in stramm-militärischer Positur. Die Offiziere mußten ihn bemerkt haben; einer derselben machte seine Kameraden, auf den alten Mann aufmerksam. Sie zügelten die Pferde und parirten sie gerade vor dem Invaliden, der die rechte Hand militärisch grüßend an die verschossene Soldaten- mütze legte.
„Heda," rief einer der Offiziere. „Ihr tragt das eiserne Kreuz, Alter?"
gegen Berlin rücken. Wie soll Palikao mit 500,000 von dem feurigsten Patriotismus beseelten Streitern nicht mit 37 Millionen Deutschen fertig werden; wie soll er nicht, wie in Peking, so auch in Berlin triumphircn, wenn die 500,000 Vertheidiger unsere? angefallenen Landes begeistert rufen: „Das linke Rheinufcr an Frankreich, dem es durch das Recht der Natur und der Eroberung gehört; aber Bayern an die Bayern, Baden an die Badener, Hannover an die Hannoveraner 2C. Nieder mit der Obcrlchcnshcrrlichkeit Preußens, nieder mit dem Vasallenthum Deutschlands!" (Liberia.)
19. Anau ft. Telegramm König Wilhelms: „Biwak Rezonville, 18. August, Abend». Die französische Armee in sehr starker Stellung wurde heute westlich von Metz unter meiner Führung angegriffen und in neunstündiger Schlacht vollständig geschlagen. Sie ist damit von ihren Verbindungen mit Paris abgeschnitten und gegen Metz zurückgeworfen." — Pont L Mousson, 19. August. Gestern glänzender Sieg bei Gravelottc. Die Franzosen, ans den stärksten hintereinanderliegenden Positionen vertrieben und auf Metz ziirück-
Berlag: Langgafse 27.
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geworfen, sind jetzt auf einen engen Bezirk um Metz her eingeschränkt und von Pari« gänzlich abgeschlossen. Die Verluste unserer Truppen stehen leider milder Größe ihrer heldenmüthigen Leistungen gegen die von ihnen gestürmten starken Stellungen der Franzosen im Verhältnis. — Die Entscheidung des fürchterlichen Krieges tritt immer näher. Schlag auf Schlag trifft die gehetzte und zersplitterte Armee. Die Bazainesche Armee, die in den blutigen Kämpfen am 14., 16. und 18. August besiegt wurde, ist 200,000 Mann und darüber stark gewesen und sitzt nun in der Falle. Außer den Resten des Mac Mahonschen Corps ist nur noch aus das von Failly und Canrobert *11 rechnen. Der größte Theil der Armee des Prinzen Friedrich Karl und des Kronprinzen wird den Marsch auf Paris fortsctzen, während die Armee des Generals Steinmetz und ein Theil derjenigen des Prinzen Friedrich Karl genügen werden, Metz einzuschließen, bis frische deutsche Truppen, die schon auf dem Wege sind, sie dort ersetzen. Die Verluste des französischen Heeres müssen ungeheuer gewesen fein. Die letzten Kriege in der Krim, Italien lind
Inste zn beklagen. Das Blut von Tausenden unserer Brüder wird für das Vaterland das Schlachtfeld getränkt haben, und bald wird die Trauerkilnde zu Tausenden von FamUien gelangen. Wir schließen einen Augenblick die todesmüden Augen vor den Bergen von Leichen und den Strömen von Blut, die sie gekostet, und sehen auf die Erfolge. Sind es doch diese, die die Hoffnung geben, daß der menschenmordende Krieg einem raschen Ende ziieile.
20. August. Hannibal vor den Thoren! rufen die Pariser und arbeiten an der Befestigung Tag und Nacht, Nachts leuchten elektrische Feuer. Palikao hat an die Behörden Frankreichs tele- graphirt: Hebt Alles aus, was Waffen tragen kann, organisirt das Heer Tag und Nachti (Es fehlt aber an Waffen.) In der Kammer rief ein vornehmer Herr: Wir haben ein Heer von Löwen, befehligt von Eseln! — Sechs Aussprüche großer Männer. „Ich werde den Frieden in Königsberg unterzeichnen", sagte Napoleon III. „Wir werden eine Promenade nach Berlin machen", sagte Marschall Leboeuf. „Wie, Ihr braucht mehr Zeit, den Rhein einzustudiren, als wir, ihn zu nehmen?" schrie Herr v. Girardin. „Wir haben dieses Land und gedenken darin bequem zu schlafen", schrieb Edmond About aus Saarbrücken. „Es steht eine große Schlacht bevor, und ich kau» denSieg mit Gewißheit Vorhersagen", meldete Er an Sie. „Die £/• Nachrichten vom Kriegsschauplätze lauten gut", log dieser Tage noch Graf Palikao den gesetzgebenden Körper an. — Unsere kleine Flotte versteckt sich vor dem Gegner keineswegs. Aviso „Grille" war am 17. August früh von der Insel Rügen aus auf die Suche aus-
«». Jahrgang.
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Ans großer Zett.
(Zeitiiiigsstiminen aus dem Jahre 1870.)
18. Angn st. Selbst in unserer an Dampfes- und Telegraphen- geschwindigkeit gewöhnten Zeit müssen die Unaufhaltsamkeit des Vordringens der deutschen Truppen in Frankreich und die schnell nacheinander dem Gegner beigebrachten Niederlagen Staunen und Bewunderung erregen. Schon wieder liegt uns heute die Pflicht ob, über einen neuen Sieg zu berichten, über einen Sieg, der allerdings, wie es scheint, das Ergebniß eines höchst blutigen Kampfes ist, dessen Wichtigkeit aber jedenfalls den großen Opfern, die er verschlungen, entsprechen wird. Wie schon früher gemeldet, wurde das sich znrück- zieheude französische Heer überall von der deutschen Reiterei auf dem Fuße verfolgt, und unsere Heere selbst rückten, trotz Regen
und großer Bodenhindernisse, in Eilmärschen 85 nach. Diese rasche Verfolgung ließ die Franzosen nirgends zur rechten Sammlung kommen; sie gaben zunächst die Linie an der Nied, daun, als unsere Vorposten bis vor Metz, bis Pont & Mousson und Nancy reichten, die ganze Mosellinie auf. Schon war Nancy geräumt, schon war die Vorhut des Prinzen Friedrich Karl von Pont ä ck Mouffon in der Richtung auf Verdun weiter vorgerückt, schon waren die Vogesen- Festuugen geräumt ober hatten, wie Marsal, kapitnliit, da schickte sich die französische Arnice, so weit sie noch bei Metz stand, zum weitern Rückzug von der Mosel nach der Maas an. 3m letzten Augenblick noch stieß die Vorhut des Generals Steinmetz luf die Nachhut des Feindes. Unter den Mauern der Festung entwickelte sich ein blutiges Gefecht bei Metz, durch welches bie Franzosen geuöthigt wurden, ihre Rettung in der Festung zu suchen. Auch die II. deutsche Armee unter der Führung des Prinzen SFriedrich Karl war, nachdem sie bei Pont ä Mousson die Mosel berschritten, sofort nordwärts geeilt. Auch die auf der Linie Metz- Lerdun sich zurückziehenden Franzosen wurden eingeholt, energisch angegriffen und nach Metz zurückgeworsen. Unsere Truppen entwickelten in diesem Kampfe, in dem sie vier französische ArmeecorpS, darunter Garden, sich gegenüber hatten, die sich tapfer schlugen und auch gut geführt waren, heldenmüthige Bravour; sie erhielten erst nach sechsstündigem Gefecht Unterstützung. Die Verluste beiderseits Snb beträchtlich; unsere Erfolge vollständig. Die Franzosen sind an irer Rückzugsbewegung verhindert und nach Metz zurückgeworfen. —
(Nachdruck verboten.)
Der Invalide.
Skizze von O. v. Bruitcck.
„Fünfundzwanzig Jahre! Wie die Zeit vergeht!"
Der alte Mann in dem Chausseegraben unter dem breitästigen Apfelbaum streckte sich gemächlich aus, schob das armselige Ränzel unter den grauen Kopf, zog sich die verschossene alte Soldatenmütze über die Augen und versuchte zu schlafen. Was kümmerte ihn die Welt? Was Krieg und Frieden? Mochten sich jetzt jüngere Leute die Knochen entzweischießen lassen, er war drüber hinaus, er hatte dem Daterlande seinen Tribut entrichtet, in zwei großen Kriegen, wie das Kreuz für 1866 und die Kriegsmedaille für 1870/71 und das eiserne Kreuz auf seiner linken Brust bewiesen und — der leere, schlotternde Aermel seines zerschlissenen, wiud- «nd wetterzerzausten Nockes. Was hatte er davon gehabt, daß er tapfer dreingehauen Anno 66 und 70 ? Das eiserne Kreuz auf der Brust und den leeren Aermel. Sonst nichts weiter, als daß er jetzt auf den Gassen betteln ging und auf den Landstraßen sich umhertrieb, ein alter, verbrauchter, verkommener Tagedieb, den die Polizisten und Gendarmen mit mißtrauischem Auge beobachteten. Auch heute, dort in dem kleinen Landstädtchen, wo er in den Häusern nachgefragt hatte, ob keine Scheeren oder Messer zu. schleifen waren, hatte ihn so ein blutjunger, schneidiger Gendarm verfolgt. Mit Mühe und Roth war er ihm entgangen und hatte das Weite gesucht. Wenn er auch sein bischen Brod ehrlich durch seinen Schleifstein zu verdienen suchte, oftmals mußte er doch seine Zuflucht zu der Mild- Ihätigkeit der Menschen nehmen. Schon mehrere Male war « dafür in das Gefängniß gewandert. Zum Henker noch mall Er, ein alter Soldat, ein Krieger von 66 und 70 im Gefängniß! Während seiner Dienstzeit war er nicht
Am Sonntag, den 18. August, findet die feierliche Grundsteinlegung zu dem in Berlin zu errichtenden Natioual-Denkmal für Kaiser Wilhelm I. statt. Dieselbe wird sich unter Theiliiahrne des Kaisers sowie zahlreicher Fürstlichkeiten in besonders feierlicher Weise vollziehen. Das Denkmal erhält bekanntlich seinen Platz auf dem Terrain, welches durch Niederlegung der Häuser der ehemaligen „Schloßfreiheit" in unmittelbarer Nähe des Königlichen Schlosses gewonnen ist. Es hat, von Begas entworfen, die Form eines von einer im Halbkreis geführten Säulenhalle umgebenen Reiterstandbildes des Kaisers, mit der Front nach dem Eof'aiiderschen Hauptportal des Schlosses, der Rücken der Säulenhalle wendet sich nach bet Spree, welche unmittelbar die Futtermauern des Denkmals bespült. An der gegenüberliegenden Seite des Spreearmes befindet sich bie Schinkelsche Bauakademie.
Unser Bild zeigt das Reiterstandbild des Kaisers nach einer Zeichnung des zur Ausführung bestimmten Entwurfs des Künstlers Professor Reinhold Begas. Aus demselben sind alle wesentlichen Einzelheiten des Denkmals, welcher mit der es umgebenden offenen Säulenhalle einen breiten Raum einnimmt, zu ersehen.
gefahren. Auf der Höhe von Möen ,, erblickte sie endlich die Masten von 7 französischen Panzerschiffen nebst 2 Kanonenbooten. Sie lief auf 3000 Schritt auf die feindliche Flotte heran, welche schleunigst ein Breitfeitfeuer auf das einzelne Fahrzeug eröffnete und demnächst sich zur Verfolgung anfmachte. Das war es, was die „Grille" gewollt. Bald zurückweichcud, bald beidrehend, und mit ihren beiden kleinen gezogenen 12-Pfündern dem Massenfeuer der französischen Panzerflotte antwortend, lockte sie den Feind dis in die Nähe von Wittower Posthaus, wo unsere Kanonenboote „Drache", „Blitz" und „Salamander" lagen, welche, als sie den Kanonendonner von See her hörten, sofort „Anker auf* gingen, bie herankomniende „Grille" ausnahmen und sich sofort am Gefecht beteiligten. Der Befehlshaber des kleinen Geschwaders, Kapitän Graf Waldcrsee, ließ von seinem Flaggschiff, der „Grille", das Signal geben: „Jeder Kommandant nach eigenem Ermessen den Feind angreifen“, und kühn dampfte die Flottille gegen den weitüberlegenen Feind. Ueber zwei Stunden währte nun das Gefecht und wurde endlich gegen Abend von unseren Kanonenboten abgebrochen, da sie doch als ungepanzerte Holzschiffe keinen Angriff gegen die schweren feindlichen Panzerschiffe unter«
„Zu Befehl, Herr Rittmeister", entgegnete der Invalide mit militärischer Kürze.
„Tragt Jhr's auch mit gutem Recht?"
„Zu Befehl, Herr Rittmeister. Hab'S mir bei Mars-la- Tour verdient."
„Bei welchem Regiment standet Ihr?"
„Bei den zehnten Husaren, Herr Rittmeister. Brigade Rebern."
„Ihr scheint in der Kriegsgeschichte gut Bescheid zu wiffen. Wißt Ihr auch, was heute für ein Tag ist?"
„Zu Befehl. Der sechzehnte August, der Jahrestag bei Mars-la-Tour."
„Bravo, alter Kriegskamerad! — 's ist doch ein Elend, daß ein alter, tapferer Soldat auf der Landstraße verkommen muß," wandte sich der Rittmeister an die Kameraden. Dann zog er seine Börse. „Da habt Ihr eine Kleinigkeit, um den Jahrestag der Schlacht zu feiern."
Er warf dem Alten einen Thaler zu, den dieser geschickt auffing. Auch die anderen beiden Offiziere gaben ihm je einen Thaler.
„Aber vertrinkt's nur nicht gleich", mahnte der Rittmeister.
„Gewiß nicht, Herr Rittmeister. Ich bin ein ehrlicher Mann . . ."
„Na, schon gut, schon gut. Meldet Euch beim General außer Dienst v. Waltitz auf Schloß Neuhaus, vielleicht thut er Etwas für Euch. Das Gut, welches Ihr dort hinter den Bäumen hervorblickcn seht, ist Neuhaus."
„Ich danke, Herr Rittmeister."
Der Offizier winkte dem Alten noch einmal mit der Hand. Dann gab er seinem Pferde die Schenkel und fort trabten sie, ohne weiter einen Blick nach dem armseligen Invaliden zurückzuwerfen.
Dieser stand regungslos da und blickte die drei blanken Thaler in seiner Hand mit starrem Auge an.
