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Wirsbilöklm

48. Jahrgang.

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K-. 378

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Donnerstag, den 13. Angnst.

Bezirkö-Fernfprecher No. 52.

1895.

Albend-Ausgabe.

Das 14. Parlament der Königin Dietsria.

Unser Londoner u-Korrespondent schreibt aus London, 13. August: Gestern Nachmittag trat das vierzehnte Parlament der Königin Victoria zusammen, und nachdem mn Sonnabend die Wahlen beendet wurden, zeigt sich nun­mehr, daß demselben 411 Unionisten, 177 Radikale und 82 Iren angehören. Danach verfügt die Negierung über die gewaltige Majorität von 152, die größte, die seit dem ersten sogenannten Neform-Akt je eine Partei im Hause der Gemeinen besaß. Wenn also nicht Zwischenfälle ganz besonderer Natur eintreten, dürfte sich Lord Salisbury fünf Jahre lang der größten Machtvollkommenheit zu erfreuen vermögen. Ein liberaler Premier muß stets ganz besondere Rücksicht auf das Oberhaus nehmen und auf Mittel und Wege sinnen, um dessen gewohnheitsmäßige Opposition zu besiegen. Ja, sogar höchsten Ortes wird man ihm immer weit geringeres Entgegenkommen zeigen als seinem Tory-Rivalen, und, was für ihn vielleicht das Schlimmste ist, der permanente Theil der Staatsdiener in der Ver­waltung, der Armee und der Marine ist Tory bis beinahe auf den letzten Mann. General Sir William Butler schreibt über-letzteren Punkt in seinem Buche „Das Leben General GordonS" wie folgt: „In jedem Zweige der Verwaltung, in dem Heere und in der Marine besitzt die konservative Regierung ein uneinnehmbares verschanztes Lager, und der­jenige, der sich die Mühe machen mag, dem Grunde nachzuforschen, weshalb eine liberale Exekutive fast stets von vornherein zu Mißerfolg verdammt ist, wenn sie eine Politik verfolgt, die außerhalb des Kreises ihrer dircklen Beziehungen zu dem englischen Volke liegt, der wird als die wahre Ursache den Antagonismus zwischen der nur temporären liberalen Staatsleitung und der permanenten konservativen Regierung, die jener als Operationsbasis zu dienen hat, entdecken." Es kommt eben immer wieder auf die alte Geschichte hinaus, daß Englands vielbewundcrtes Regierungssystem eine urfaule, „wasser- chinesische" Einrichtung ist. Wunderbar ist es nur, daß die hiesigen Radikalen, die doch stets so überraschend „hell" zu sein pflegen, noch nicht auf den klugen Gedanken kamen, bei jedem Regierungswechsel sämmtliche Posten, vom höchsten bis zum niedrigsten, mitGestnnungsgenossendcsjeweiligenPremiers zu besetzen und die Gegner für die Dauer der jedesmaligen Legislaturperiode zu beurlauben. Dadurch würde man nicht nur den liberalen Premiers freie Hand sichern, sondern führte auf diese Weise auch vielleicht die Lösung der die Arbeitslosen betreffenden Frage herbei, mit denen Lord Rosebery oder sein Nachfolger dann gleich die freiwerdenden Posten füllen könnte. Der Kostenpunkt wäre natürlich voll­ständig Nebensache. Vorläufig hat das House of Commons noch keine ernstliche Thätigkeit entfaltet. Alles, was es gestern zu chun galt, war, den sogen. Speaker ober Vorsitzenden des Unter­hauses zu wählen, und außerdem sicherten sich die Mitglieder, wie stets am ersten Tage eines neuen Parlamentes, die Sitze für die Dauer desselben. Die Unionisten begannen

in dem ersten Falle ihre Thätigkeit mit einer großmüthigen Handlung, indem sie den Nachfolger Peels, den aus den Reihen der Radikalen hervorgegangenen „Speaker", Mr. Gully, wieder wählten. Auch die Art und Weise, wie man sich dieses Mal die Sitze im Parlament sicherte, die be­kanntlich nicht ausreichen würden, stellten sich einmal sämmtliche Mitglieder zugleich ein, darf man vielleicht als ein gutes Omen betrachten. Das letzte Mal, als Mr. Gladstone mit seinem buntscheckigen Gefolge in Westminster einzog, da prügelte man sich fast um die Plätze. Es kam wenigstens zu argem Drängen und Stoßen, und der Sitzungssaal wurde im Sturm genommen. Gestern dagegen sand sich ein Abgeordneter nach dem andern von früher Morgenstunde an ein und legte einen Zettel mit seinem Namen an derjenigen Stelle nieder, von der aus er mehr oder weniger gewaltige parlamentarische Wunder zu wirken gedenkt. Nur hier und da sah man noch einen Hut anstatt jenes Zettels, denn bis voriges Jahr war es die Regel des Hauses, daß nur das Zurück­lassen der Kopfbedeckung dem Eigenthünier derselben einen Platz sicherte. Daher konnte man auch früher am Tage einer jeden Parlamentserösfnung in Westminster immer zahl­reichen Herren begegnen, die einen Hut auf dem Kopf und einen andern in der Hand trugen. Heute Nachmittag erfolgt die feierliche Bestätigung der Wahl des Spcaker’s und danach kommen die Adresse und die Adreßdebatte an die Reihe. Das Oberhaus wurde natürlich mit dem Hause der Gemeinen zugleich eröffnet, aber da ganz dasselbe auch mit der Haselhuhnjagd geschah, so fanden sich nur 40 von den „geborenen Gesetz­gebern" Englands ein, um, wie üblich, den Eid der Treue zu leisten. Der feierlichen Handlung ging eine Art Andacht mit Gebet voraus, und die Lords knieten während derselben, theils mit tiefgebeugtem Haupte, auf dem Fußboden des Saales. Aber wie lange man auch das Gebet in der Hoffnung auf Nachzügler ausdehnte, es blieb bei vierzig Männlein, die schließlich schwuren und dann befriedigt nach Hause gingen.

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Volltische Tages-Rundschau.

— lieber die letztwilligen Bestimmungen von Friedrich Engels macht der „Vorwärts" folgende An­gaben: Engels hat bestimmt, daß die Urne, welche seine Asche enthält, ins Meer versenkt wird; er wolle nicht, daß etwas von ihm übrig bleibe, das Vorwand zu einem Kultus seiner Person geben könne. Ferner hat Engels Sorge ge­tragen, daß die deutsche sozialdemokratische Partei durch die testamentarisch eingesetzten Mittelspersonen in den Genuß seiner Bibliothek kommt, auch ist die Hinterlassenschaft seiner Briefe und Manuskripte und der Vortheile aus dem Ver­lagsrecht seiner Schriften der deutschen Partei gesichert. Ebenso fällt ihr ein namhafter Geldbetrag aus dem hinter­lassenen Vermögen des Verstorbenen zu.

— Der Geburtstag des Königs von Serbien wurde gestern in Belgrad besonders feierlich begangen. Der König, Königin Natalie, das diplomatische Corps, die Mit­glieder der Regierung und die hohen Würdenträger wohnten dem in der Kathedrale celebrirten Tedeum bei.

Beim Verlassen der Kirche drängte sich eine irrsinnige Frau an den König heran und insuliirte später die Königin Natalie. Nach dem Tedeum fand großer Empfang im Palais statt, wozu das diplomatische Corps vollzählig er­schienen war. Nachmittags besuchte der König das siebente Bataillon, das seinen Namen trägt. Ans dem Jnlande wie Auslande liefen beständig Glückwunsch-Depeschen ein. Abends fand im Palais Ball statt. Anläßlich des Geburts­tages gab es zahlreiche Ordensverleihungen und militärische Beförderungen. Die Abreise des Königs und der Königin Natalie nach Biarritz erfolgt endgültig übermorgen Abend. — Ueber das Attentat gegen die Königin Natalie wird der „Franks. Ztg." aus Belgrad telegraphirt:

„Die heutige Geburtstagsfeier des Königs Alexander wurde beim Beginn durch einen aufsehenerregenden Vorfall gestört, der aber glücklicher Weise ohne nachtheilige Folgen verlies. Als der König und die Königin Natalie die Kathedrale verließen, stürzte sich auf letztere, die mit ihrer Hofdame Fräulein Machin in offenem Wagen Platz nahm, im Momente, als sie die ausgestellte Ehren- conipagnie vor der Kathedrale abfuhr, ein den unteren Ständen an­gehöriges Weib n nd versetzte der Königin zwei wnchtige Schläge gegen die Brust. Die Königin verlor keinen Moment ihre Geistesgegenwart; sie wechselte wohl die Farbe im ersten Angenblick, dann packte sie aber mit heroischer Kraft, sich blitzschnell ans dem Fond des Wagens er­hebend, die Attentäterin und übergab sie der sofort an der Stelle erscheinenden Polizei. Die Aufregung, welche sich der Tausende von Spalier bildenden Menschen bemächtigte, mar ungeheuer, umso mehr, als bis zur Minute alle Anhaltspunkte über den Namen der Atten­täterin nnd die Ursachen des Anschlages fehlen. Der König, welcher mit seinem Wagen etwa hundert Schritte vorans war, erfuhr erst im Palais von dem Attentate gegen seine Mutter. Die Attentäterin heißt Julie Jlic. Sie ist erst seitJahresfrist mit dem Feldwebel eines in Belgrad garuisonirendenNegiuicntSverheiralhet.BevordieJlicihreThat beging, versuchte sie sich an den König Alexander, der zuerst die Kathedrale verließ, heraiizudrängen, wurde aber von der Polizei abgehalten. Bei ihrer Verhaftung gebärdete sich die Jlic wie eine Wahnsinnige, sodaß sic nicht ohne Schwierigkeit festgenonimen werden konnte. Der König und die Königin waren bei der nachher im Konak erfolgten Gratnlationscour bei bester Stimmung. — Die Attentäterin wurde aus dem Gcfängniß ins Irrenhaus transportirt. Sie scheint ihre That wirklich in einem Anfalle von Wahnsinn vollführt zu haben."

Deutsches Deich.

„ * Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe wird, wie die »Nordd. Allg. Ztg." hört, den Rückweg von Alt-Auffee über Salzburg und München nehmen und voraussichtlich am Freitag in Berlin eintreffen.

* Gedenkfeier. Ans Metz, 14. August, wird berichtet: Heute fand auf den Schlachtfeldern von Colombey und No ifseVille unter Betheiligung von Veteranen eine Erinnerungs­feier statt. Zahlreiche Kränze wurden niedergelegt. Militärmusik spielte Choräle. Die Artillerie gab Ehrensalven ab. Mittags wurde im Park von Colombey das neue Denkmal des 13. Infanterie- Regiments feierlichlt eingeweiht. Die Metzer Generalität und Militär- geistlichkeit, eine Deputation des Regiments und die Veteranen­vereine wohnten der erhebenden Feierlichkeit bei.

* Parlamentarische». Der württembergische Reichstags- abgeordnete Freiherr v. Gült! in gen (Reichspartei) hat in einem gestern bei dem Bürean des Reichstags eingegangenen Schreiben sein Mandat niedergelegt.

* Rundschau im Deiche. Der Kaiser hat an den General-Lieutenant z. D. v. Löb eil nachfolgendes Telegramm gerichtet: „Lowther Castle, 14. August. An dem heutigen Ehren­tage der hannoverschen Füsiliere verleihe ich Ihnen, dem tapferen Kommandeur in der Schlacht bei Colombey und Nonilly, in dank­barer Erinnerung hierdurch den Rothen Adlerorden 2. Klaffe mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe. Wilhelm." — Zur Feier

(Nachdruck verboten.)

Joviale Keule.

Von Emil Peschrau.

Es war in der Friedrichstraße, wo wir uns zufällig getroffen hatten — meine Wenigkeit, der Lieutenant v. Herder und der Parfümeriehändler Erlenbach. Wir spazierten plaudernd gegen die Linden zu, als plötzlich von der rechten Seite des Fußsteigs her ein sehr elegant gekleideter, gut genährter Mann mit rosigem Gesichte, blondem Schnurrbart und freundlichen blauen Augen auf uns znstürzte und dem Parfümeriehändler die beiden feinbehand­schuhten Hände entgegenstreckte.

„Wie mich das freut, lieber Erlenbach, Sie wieder einmal za sehen! Es geht Ihnen doch gut? Sehen prächtig aus. Auch der Frau und den Kinderchen geht es doch gut? Sie haben so reizende Kinderchen — erst gestern erzählte ich der Baronin Kitzewitz davon — habe auch Ihr Geschäft empfohlen — habe überhaupt oft von Ihnen gesprochen — na, es freut mich wirklich, lieber Erlenbach, Sie wieder mal gesehen zu haben."

Ich war mit dem Lieutenant ein paar Schritte weiter gegangen und hörte nichts mehr. Der sremde Mann redete aber noch ein paar Minuten lang mit derselben Lebhaftigkeit auf unseren Parfümeriehändler ein, und ich bemerkte, wie er ihn dabei geradezu zärtlich auf den Rücken klopfte, sodaß ich gar nicht verwundert gewesen wäre, hätte er ihn zuletzt noch auf öffentlicher Straße umarmt.

Endlich trennten sich die Beiden und Erlenbach trat wieder zu unS.

.Es war der Rittergutsbesitzer Nathusius," sagte er. .Sin sehr jovialer Herr. Ein reizender Mensch."

.Er erinnert mich an einen Mann, mit dem ich vor jtuqcm eine nicht gerade angenehme Begegnung hatte," er­

widerte, ich. „Obwohl er eigentlich ganz anders aussieht. Aber die jovialen Leute — diese gar zu herzlichen — ich habe stets eine gewisse Scheu vor ihnen."

„Sie meinen, daß Sie Einen ausnutzen wollen? Aber womit könnte ich Herrn Nachusius dienlich sein! Einem an­gesehenen, reichen Mann, für den ich ein Nichts bin 1 Nicht einmal auf gute Waare kann er spekuliren, da er selten bei mir kauft. Er hat zu viele Freunde und will auch Anderen etwas zukommen lassen. Uebrigeus kenne ich ihn seit vielen Jahren, und er hat noch nie die geringste Gefälligkeit von mit verlangt."

„Vielleicht täusche ich mich," unterbrach ich ihn, „ich habe eben, wie gesagt, eine gewisse Scheu vor diesen allzu Herz­lichen — ich bin etwas mißtrauisch — und die Begegnung, die ich gestern hatte —"

„Was war es eigentlich damit? Erzählen Sie doch!" fiel mir der Lieutenant ins Wort.

Und nun berichtete ich, was mir passirt wat. Vor vier Jahren, als ich noch Redakteur des Morgenblattes war, kam eines Tages ein kleines grauhaariges Männchen mit einer großen Brille auf der Nase, seht sorgfältig, aber etwas altmodisch gekleidet, mit derselben stürmischen Herzlich­keit, mit welcher der rosige Rittergutsbesitzer unseren Parfümeriehändler begrüßt hatte, zur Thür meines Büreaus herein. Er freute sich sehr, mich so frisch und munter zu sehen, versicherte, daß ich viel stärker geworden sei, wahr­haft brillant aussehe und dergleichen mehr, um dann endlich — nachdem ich ihn etwas verlegen um seinen Namen ge­fragt hatte — in die Worte anszubrechen:

„Ja — aber — erinnern Sie sich denn wirklich nicht mehr an Heringsdorf?"

„Ich bin nie in Heringsdorf gewesen", erwiderte ich beschämt.

„Na — dann war es in Binz —"

„In Binz allerdings —"

„Na — sehen Sie — und sie spielten so gern mit meinem Töchterchen —"

„Ich kann mich durchaus nicht erinnern —"

„Na — das ist aber komisch — wahrhaftig komisch. Freilich — Sie — ein berühmter Mann — der mit so vielen berühmten Leuten verkehrt —"

„Ich bin weder berühmt noch —•

„Na — keine falsche Bescheidenheit, mein lieber Herr Doktor. Ich nehm' 's Ihnen ja auch nicht übel. Wenn Sie sich an all die armseligen Knirpse meiner Art er­innern sollten! Aber ich — ich habe Sie nicht vergessen. Und ich freue mich — freue mich wirklich, daß Sie so gesund aussehen. Damals in He — in Binz waren Sie etwas nervös. Nicht wahr? Na — sehen Sie. Aber mit meinem Töchterchen haben Sie doch gern gespielt. Sie spricht noch immer von Ihnen — ganz begeistert ist das Kind — ich sollle sie heute durchaus mitnehmen — bet Onkel Doktor aus He — aus Binz ist ihr zweites Wort.."

Doch ich will kurz fein. Das Enbe bes jovialen Henn war —

„Ein Manuskript!" lachte ber Lieutenant.

„Allerbings ein Manuskript — das ich am andern Tage wieder zurückschickte. Aber damit ist die Geschichte noch nicht beendet. Gestern — nach vier Jahren — kommt plötzlich mein kleiner Alter in die Redaktion, in der ich jetzt beschäftigt bin. Mit derselben Herzlichkeit begrüßt er mich, er scheint mich nicht zu kennen, ich bin für ihn nur „der neue Redakteur". Ich. aber unterbreche ihn plötzlich mit den Worten:

„Wie geht es Ihrem Töchterchen, mit dem ich i» Ostende so gern spielte?"

Und nun reißt er Mund und Augen weit auf, sieht mich an, als ob ich ein Gespenst wäre, und stammelt nur