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fcbaiifM Sagblatt

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1895

Mittmoch, den 14. Augnst

LezirkS-Feriifprecher 91o. 52.

S-. 376

Lezirks-Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe

Komische Tages-Kund schau.

— Mißstände im Bauhandwerk. Das preußische Ministerium für Handel und Gewerbe hat vor geraumer Zeit die Magistrate der größeren Städte Preußens ersucht, die thatsüchlichcn Mißstände im Bauhandwerk festzustellen und Vorschläge zur Abhülfe zu machen. Wie cs scheint, haben sich die Magistrate damit länger Zeit gelassen, als dem Minister im Interesse der dringlich erforderlichen Abhülfe lieb war. Daraus erklärt sich wohl, daß halb­amtlich bekannt gegeben wird, daß jenes Ersuchen „schon vor längerer Zeit" ergangen sei. Es wird hinzugefügt, daß der Minister den Magistraten empfohlen hat, auch den Interessenten selbst Gelegenheit zur Aeußerung ihrer Wünsche zu geben. Das wird hoffentlich nicht verabsäumt, denn in der That kann man sich von solchen Konferenzen der Bau­handwerker mit den Stadtbehörden nur Ersprießliches ver­sprechen, während die Ergebnisse der Berathung der Bau­handwerker selbst, wenn sie unter sich und namentlich ohne rechtskundigen Beirath waren, allzu oft nur die erregte

Bekanntlich hat Professor Ziegler im letzten Winter an der Straßburger Universität vielbesprochene Vorlesungen über den deutschen Studenten am Ende des 19. Jahrhunderts gehalten. In diesen drückt er seine Freude über den geschilderten Verein aus, über das warme Herz und gute Geschick seiner Mitglieder. Aber er erklärte es für verfehlt, solche Betheiligung an der Armenpflege allen Studenten empfehlen zu wollen. Geben mache leicht hochmüthig, und da der Student schon sowieso zur Selbstüberhebung neige, so könne durch die Wohlthätigkeit das Herrenbewußtsein leicht übermäßig groß werden. Auch sehle cs den Studenten noch an der Erfahrung und dem Takte, die zu rechter Armenpflege nöthig sind, er sei Anfangs zu leichtgläubig und schlage zu leicht ins andere Extrem um. Es scheint, daß sich gegen diese Ausführungen Zieglers Widerspruch erhob, und er freute sich darüber, „denn es beweist, wie viel warme, hülfsbcreiie Herzen auch unter den Studenten sich finden".

Mag man über die Befähigung der Studenten zu prak­tischer Armenpflege denken, wie man will, wir dürfen uns jedenfalls freuen, daß der gute Wille, den Armen beizustehen, auch bei den Studenten vorhanden ist und zu Thaten treibt. Gewiß, den Studenten thnt in erster Linie das sozialwissen­schaftliche Studium noth, aber auch dafür sind außer den Fach- Vorlesungen derNationalökonomenGelegenheiten im Entstehen. Schon seit Jahren giebt es an etwa zehn deutschen Universitäten kleine Missionsvereine, deren Mitglieder neben der äußeren auch die innere Mission studiren; seit einigen Semestern sind in Göttigen, Halle, Greifswald, Freiburg und wohl auch anderwärts „sozialwissenschaftliche Studentenvereinigungen" wirksam, die große Versammlungen abhalten und das soziale Interesse der Studenten sowohl bezeugen als steigern. So werden denn heute auf den Universitäten von Jahr zu Jahr weitere Schaaren von Studenten so beeinflußt, daß sie^ so­gleich bei ihrem Eintritt ins bürgerliche Leben ein Herz haben für wirthschaftliche, sozialpolitische und philanthropische Angelegenheiten.

Deutsche Studenten als Armenpfleger.

Auch wenn man sich den deutschen Studenten nicht so vorstellt, wie die „Fliegenden Blätter" ihn fast in jeder Nummer zu schildern für gut finden: dick, faul, verschuldet, versoffen, verhauen, so wird man doch erstaunt sein, von Studenten zu hören, die praktische Armenpflege treiben. Man weiß wohl, daß es an englischen und amerikanischen Universi­täten dergleichen giebt; daß aber an einer deutschenHochschule ein studentischer Wohlthätigkcitsvcrein schon eine Reihe von Jahren wirkt,dürfte wohl allenLesern neu sein. Wir meinen das „Diakonat Thomana" in Straßburg. Eine Schilderung dürfte willkommen sein. Der Verein besteht nicht ausschließlich aus Studenten, wird aber nur von solchen geleitet. Man hat aktive Mitglieder und passive. Die letzteren zahlen nur Bei­träge, die aktiven arbeiten wirklich. Sie kommen alle vierzehn Tage zusammen. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Präses berichten die Mitglieder über die Familien, die ihnen zur Pflege zugewiesen sind, sie schildern deren gesundheitliche und wirthschaftliche Lage, ihre Wohnungs- und Arbeitsverhältnisse und was sonst von Bedeutung ist. Sie beantragen schließlich die ihnen nöthig erscheinenden Karten für Brod, Fleisch, Milch, Gemüse und Holz. Es wird über diese Zutheilungen abgestimmt, worauf man zu sonstigen Vereinsangelegenheiten übergeht. Nach der Sitzung folgt aber erst die eigentliche Arbeit. Es muß zuerst das Geld aufgebracht werden, um etwa 30 Familien das ganze Jahr über unterstützen zu können. Das geschieht, indem man die passiven Mitglieder durch die Zeitungen bittet, ihr Scherflein bereit zu halten. Das Geld wird dann abgeholt von den aktiven Mitgliedern, die zugleich den letzten Rechenschaftsbericht des Vereins überbringen. Bei dieser Sammlung werden dem Verein vielfach Familien empfohlen, bei denen eine Unterstützung rathsam erscheint. Jedes Mal zwei Studenten besuchen diese Familien dann und erkundigen sich nach ihren Verhältnissen. Und diese Studenten sind vorsichtig. „Freilich, man wird oft getäuscht", heißt es in einem ihrer Berichte. „Falsche Thränen rollen über die Wangen, es wird geklagt, gejammert, auch da oft, wo es nicht so schlimm steht, wo Faulheit und Schlechtigkeit herrschen nnd au allem Unglück schuld sind. Da gilt es scharf acht zu geben, daß man nicht betrogen werde, klug zu sein wie die Schlänget Man geht zum Pfarrer, welcher die Leute pastorirt, zu den Arbeitsherren, zu der Polizeidirektion; man fragt bei den einzelnen Unterstützungsvereinen, ob und wie hoch von denselben die betreffende Familie unterstützt wird 2C."

Ergiebt die Untersuchung, daß sich die Hülfe des Vereins empfiehlt, so wird die Familie einem Mitgliede zur Pflege überwiesen, das sie regelmäßig zu besuchen hat, wenigstens alle vierzehn Tage einmal. Geld wird nur in Ausnahmc- fällen gegeben und dann nur zur Bezahlung von Rechnungen. Auch um das geistige Wohl der Pfleglinge bekümmert sich das Diakonat, z. B. bekämpft es die Schundromane durch Darreichung guter Lektüre.

Stimmung verrathen, in der verhandelt wurde. Nichts ist erklärlicher und entschuldbarer als diese Erregung, aber für eine gedeihliche weitere Behandlung der ebenso dringlichen als schwierigen Frage eines besseren Schutzes der Bauhandwerker gegen betrügerische Unternehmer kann doch einzig und allein die ruhige Erwägung dienen. Als Ausfluß einer solchen kühlen Betrachtung der Dinge erscheinen, im gegenwärtigen Augenblick doppelt willkommen, die Beschlüsse des 12. deutschen Tischlertages, der jüngsthin in Dresden abgehalten wurde. Zwar hat er sich, was den gesetzlich zu gewährenden Schutz betrifft, den Vorschlägen des deutschen Baugewerksverbandes (hypothekarisches Vorzugsrecht 2C.) angeschlossen und auch noch einige besondere Rechtsbestimmungen verlangt, die den Betrug genauer zu erfassen vermöchten. Aber der Tischler­tag hat anderseits sich das Verdienst erworben, daß er im Gegensatz zu so vielen anderen Bestrebungen seiner Art ausdrücklich ermahnt, nicht von der Gesetzgebung und Rechtspflege allein die Abhülfe zu erwarten. Vielmehr verweist er des Genaueren auf diejenigen Wege derSelbst- hülfe, welche unter allen Umständen beschritten werden müssen, wenn der Schutz gegen Betrug und Betrüger ein nach allen Seiten hin wirksamer sein soll. Der Tischlertag hat in seinem Beschluß weiterhin das Ersuchen an die einzelnen Innungen gerichtet, „sich mit guten Aus- kunftsbüreaus in Verbindung zu setzen, um ihren Mitgliedern die Auskünfte billig zu ermöglichen". Hier ist in der That die Richtung angedeutet, in der mindestens ebenso viel, wenn nicht weit größere Sicherheit gewonnen werden kann, als durch noch so strenge Betrugsparagraphen des Strafgesetzes und durch noch so ausgedehnte Kautelen des bürgerlichen Rechts. Nur, daß es natürlich damit allen: nicht abgethan sein kann, wenn die Innungen sich mit guten Auskunftsbüreaus in Verbindung setzen, sondern es muß der Gcmeinsinn und der korporative Geist die Bauhandwerker auch so weit zusammenführen, daß sie sich gegenseitig ver­pflichten, keinem Unternehmer Kredit zu gewähren, über den das Auskunftsbüreau nicht genügend günstige Auskunft ertheilt. Wir sind auch der Meinung, daß die Kosten dieser Anskunftsertheilung nicht vom Einzelnen, sondern von der Innung oder Genossenschaft getragen werden sollten und daß die Auskunftsvermittelung zu Einrichtungen im Interesse des Gewerbszweiges zu rechnen wäre, zu deren Kosten im Sinne der Gewerbe-Ordnung eventuell auch die Nicht­innungsmeister für beitragspflichtig herangezogen werden können. Nichts wäre unseres Erachtens so sehr des Schweißes der Edlen werth, als hierfür eine straffe Organisation zu schaffen, und die Magistrate der zum Bericht aufgeforderten Städte Preußens, wie andererseits auch die Gewerbe- und Handwerkerkammern dürften gewiß Veranlassung nehmen, gerade auch die Mitwirkung der städtischen Behörden bei der Einrichtung von Auskunftsbüreaus der bezeichneten Art in Erwägung zu ziehen.

— Bulgarien. Heute findet in Sofia große Truppen­revue statt. Der Minister des Aeußeren, Stoilow, erklärte einem fremden Diplomaten, alle Machrichten über eine be­absichtigte Unabhängigkcitscrklärung Bulgariens seien völlig erfunden. Er bedauere, daß ganz Europa nach den letzten

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(Nachdruck verboten.)

Mas unsere braven Mitkämpfer erzählen.

Persöulicht Feldzugs-Erlebnisse.

Im Granatfrnrr von §t. privat. Erinnerung an den 18. August 1870.

Von F. v. Marienburg.

Es war die Mittagsstunde des 18. August. Heiß brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel, kein kühler Luftzug erfrischte die dichte Kolonne, welche in raschem Marsch quer­feldein über Wiesen, zerstampfte Felder, nicdergetretene Gärten zog, den kleinen, weißgrauen Wölkchen entgegen, die fich vor uns am östlichen Horizont über der Höhenketle von St. Privat und Amanvillers erhoben, eine Weile in der blauen Luft schwebten gleich kleinen Ballons, um nach kurzer Zeit auseinanderzufließen und zu zerflattcrn. Zuweilen hörten wir dumpfen, fernen Donner und ein leises knatterndes Geräusch, wie wenn Jemac d mit einem Stabe über ein Holzgitter fährt. Aber wir kannten diese dumpfen Donner­laute, dieses unheimliche ferne Geknatter. Es klang uns noch in den Ohren von dem 16. August, wo wir den ganzen Tag im Donner der Geschütze, im Geprassel des Gewehrfeuers, im Geheul der Mitrailleusen ausgeharrt hatten, wo Tausende unserer Brüder unter den verderben­bringenden Grüßen der Geschütze, der feindlichen Gcwehrsalven dahingesunken waren. Jene kleinen, weißgrauen Wolkcnballen, es waren die „Katzenpfötchen" des nahenden Sturmes, die Anzeichen der beginnenden Schlacht, die Vorboten des Orkans, der uns bald mit furchtbarer Gewalt umtoben sollte.

Am Morgen war unser Armeecorps aus dem Biivak bei Tronville aufgebrochen und in nördlicher Richtung vor- «narschirt, als plötzlich gegen Mittag der Befehl kam, eine Rechtsschwenkung zu vollziehen und uns als zweite Stellung hinter dem Gardccorps zu formiren, welches auf Gabonville «pd Amanvillers dirigirt wurde. Man vermuthete, daß die

feindliche Stellung auf den Anhöhen von Amanvillers nicht über dieses Dorf mit ihrem rechten Flügel hinausragen würde, bald aber bemerkte man, daß das noch nördlicher liegende St. Privat la Montagne nnd kleine Dorf Noncourt von den Franzosen besetzt war, und daß bei St. Privat sich die stärkste Position des Feindes befand. Gegen diese Stellung wurde das Gardecorps vorgesandt, während das sächsische Armeecorps an dessen linken Flügel durch eine weite Umfassung diesen Angriff unterstützen solle. Wir, das X. Armeecorps, bildeten die zweite Stellung, die Reserve, dieses Angriffs. .

Immer lauter ertönte der Kanonendonner, immer heftiger wurde das Kleingcwehrfeuer. Die preußischen Garden mußten sich schon im erbitterten Kampfe befinden, den nur noch ein dichter Wald vor uns unseren Blicken entzog. Unser Marsch ging nun durch diesen Waid, das Bois de Ponty. Unheimliche Töne schluüen an unser Ohr, leises Pfeifen, Knicken und Prasseln der Zweige, ein eigenthümliches Rautchen und Wehen, ein Schwanken und Flüstern der Baumkronen — unsere Augen richten sich nach oben, wir sehen keinen Feind, wir sehen keinen Pulverdampf mehr, dennoch spürten wir die Wirkung des vor unö sich abspielenden Schlachtcn- donners, der seine tödtlichen Grüße in Gestalt der weit­reichenden Chaffcpotkugeln bis in den schützenden Wald, bis in unsere Reihen trug.

Endlich war der Wald passirt, freies Feld leuchtete uns im vollen Sonncnglanz entgegen, aus dem grünen Kranz der Gärten tauchte das Dörfchen Batilly empor, das an der sich nordwärts ziehenden blendend-weißen Landstraße lag. Hinter und neben diesem Dorf machten wir Halt, das ganze Armcccorps in zwei Divisionen hintereinander in Kolonnen nach der Mitte anfmarschirt, zwischen den Divisionen die Corpsartillerie. An unserer linken Flanke hielten die Garde- Dragoner- und die Garde-Kürassier-Brigade, an unserer Flanke befand sich die 5. Kavallerie-Division.

Aber wir hatten keinen Blick für diese stolzen Reiter- schaaren, die sich am 16 August unsterblichen Ruhm er­worben, unser Auge hing an dem großartigen Panorama, das sich vor uns eröffnete.

In wellenförmigen Senkungen und Erhebungen, dce sich nach Nordosten zu immer gewaltiger aufthürmten, lag das Kampfgefilde des Gardccorps vor uns. Rechts im Grunde das bereits von der Garde besetzte Gabonville, etwas höher hinauf nach Norden zu das Dörfchen Ail, von der 4. Gardebrigade besetzt, noch weiter nach Norden an der großen, im Sonnenglanz schimmernden, von hohen Pappeln umsäumten Chaussee St. Marie aux Chenes, das die 2. Gardebrigade im blutigen Kampf erobert. Zwischen den einzelnen Dörfern, auf den flachen Anhöhen, zogen sich die Batterieen des Gardccorps hin, in unaufhörlichem Feuern begriffen, umwogt von einer dichten Pulverdampfwolke, weiche jeden Augenblick von aufzuckenden Blitzen zerrissen wurde.

Und hoch oben auf dem kahlen Höhenrücken, überwölbt von dunklen Wäldern, in die sich die blendende, von Pappeln umsäumte Metzer Chaussee verlor, erheben sich fcstungsartig die schnceweißen Mauern und Häuser des Dorfes St. Privat, das umringt mar von einer furchtbaren Fcucrlinie überragt wurde von einer gewaltigen Artillene- Position welche donnernde, verderbenbringende Grüße auf die Gardebataillone entsandte, da drunten im Grunde von St. Marie aux Chenes und St. Ail. Jedermann erkannte, daß hier eine schier unmögliche Aufgabe den braven Garde­bataillonen zugemuthet wurde; gegen diese Stellung, gegen dieses furchtbare Feuer vorzugrhen, über den breiten, flachen Höhenrücken hinweg, der nirgends eine Deckung, einen Schutz gewährte, es war der sichere Tod, das sichere Grab von Tausenden und Abertausenden braver Soldaten.

Von dem Donner der Geschütze erbebte die Erde. Durch den Pulverdampf wurde die Helle Augustsonne verfinstert