Wiesbadener Tagblatt.
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U-. 374
1895
Dienstag, den 13. Augnst.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe.
China und Europa.
Immer entsetzlicher und bedrohlicher klingen die aus dem Reiche der Mitte einlaufenden Meldungen. Dem lieber» fall der protestantischen englischen und der katholischen französischen Mission in Szechuen folgte die Niedermctzelung der amerikanischen und englischen Missionare in Kutscheng, und nunmehr ist die Nachricht zu uns gekommen, baß auch in Futschau die Hospitäler der englischen und amerikanischen Mission zerstört worden sind.
Die sich häufenden Meldungen zeigen in erschreckender Deutlichkeit, daß es sich keineswegs um einzelne Ausschreitungen aufgehetzter Pöbelhaufcn handelt, sondern baß der dem Chinesen angeborene und anerzogene Fremdcnhaß sich soeben wieder zu einer tiefgehenden, höchst gefährlichen Bewegung verdichtet.
Wir sagten, daß dieser Frrmdenhaß dem Chinesen angeboren und anerzoge» ist. Die Wurzel dieses Hasses steckt in dem ungeheuren Hochmuth der Chinesen, in dem Gefühl der Ucberlegenheit und des höheren Alters ihrer Kultur, das die Gebildeten und die Vornehmen beherrscht, und in der früheren Abgeschlossenheit der Länder, welche die Massen daran gewöhnt hat, in jedem Fremden einen Feind zu sehen. Die blutigen Ausbrüche dieses Hasses werden mit voller und berechneter Absicht von den Mandarinen, von der chinesischen Beamtenhierarchie, geschürt. Sie, die sich in einem öden und einseitigen Gelehrtenthum eingekapselt hat, fühlt den einst so festen Boden unter sich wanken. Sie sieht, wie durch den zunehmenden Einfluß der Fremden die jahrtausend alte Staats- und Gesellschaftsordnung untergraben und die hervorragende Stellung ihrer Kaste dadurch bedroht wird. Und so sucht sie sich dadurch zu retten, daß sie den auf religiösen Vorurtheilen, aber wohl mehr noch anf Neid und Habsucht beruhenden Haß als Waffe gegen die Fremden benutzt. Endlich aber kommt in diesen Hetzereien auch noch die Abneigung gegen die Central-Negierung zum Ausdruck, welche nach der Ansicht des Volkes und vieler Mandarinen die Fremden auf Kosten der eigenen Unterthanen begünstigt.
Wenn jetzt die Hetze gegen die Fremden, die freilich nie völlig pausirt hat, ganz besonders blutig zum Ausdruck kommt, so dürfte hierbei wohl auch die ungeheure wirth- schaftliche Nothlage im Lande Mitwirken und die Thatsache, daß durch die Beendigung des Krieges eine Menge Truppen außer Thätigkeit gesetzt sind, die, wie in China üblich, vergeblich auf Sold warten und daher geneigt sind, die im Kriege nicht verrichteten Heldenthaten jetzt im Frieden an wehrlosen Missionaren nachzuholen.
Gegen diese richtet sich, noch mehr als gegen die fremden Kaufleute, der Haß des Volkes. In China wird eine eifrige und umfassende Missionsthätigkeit ausgeübt, bereit Erfolge aber äußerst gering sind. Bereits im 16. und 17. Jahrhundert haben die Jesuiten in China eine eifrige Missious- thätigkeit auSgeübt, ohne größere Erfolge zu erzielen und nur zu oft unter Einsetzung und Einbüßung des Lebens. Auffällig ist es immerhin, daß die jetzigen Missionen unter dem Schutze der Konsuln, Gesandten und der fremden Kriegsschiffe keine
größeren Erfolge erzielen und daß das Leben der Missionare unter diesem Schutze nicht minder gefährdet ist. Doch der Kenner des chinesischen Volkscharakters kann sich über diese Erscheinung nicht wundern. So leicht es dem Chinesen wird, die technischen Vortheile fremder Arbeitsweise zu er« kennen und sich anzueignen, so unzugänglich und spröde zeigt sich seine Natur gegen alle Einflüsse geistiger ober sittlicher Natur, welche geeignet fein könnten, die Kluft zwischen mongolischer und christlicher Civilisation bis zu einem gewissen Grade zu überbrücken. Das Anpassungsvermögen des Chinesen an Lebensformen von höherem idealen Gehalt ist ein sehr beschränktes. Damit sind auch die Grenzen seiner kulturellen Entwicklungsfähigkeit gegeben und auch die Grenzen der Möglichkeit, innerhalb der großen Völkergemeinschaft sich zu einem beit leitenden Kulturvölkern ebenbürtigen Range zu erheben.
Diese Erkenntniß des chinesischen Nationalcharakters zeigt aber auch, wie übel es angebracht, wenn irgend eine europäische Macht die Hand rührt zum Schutze des kulturfeindlichen Chinesenthums. Die letzten blutigen Vorgänge werden hoffentlich das eine Gute im Gefolge haben, daß die Mächte sich zu einer gewissen Einigkeit dem Reich der Mitte gegenüber entschließen. Die Wuthausbrüche gegen die Fremden gelten nicht einem bestimmten Volke, sondern allen Fremden in gleicher Weise. Was vorgestern den ftanzö- sischen und gestern den englischen und französischen Missionaren widerfahren, kann heute ober morgen auch Deutsche treffen.
Die deutsche Negierung hat sich freilich dieser ihrer Aufgabe nie entzogen; sie hat von jeher China gegenüber energisch beit Schutz ihrer Volksangehörigen betrieben. Dagegen ist es unvergessen, baß gerade England und die Vereinigten Staaten, welche an den jetzigen Metzeleien be- thciligt sind, sich 1891 ausschlossen, als sämmtliche Mächte sich zu einem energischen Schritt gegen China entschlossen.
Wir sind der festen Hoffnung, daß die jüngsten Vorgänge für Jedermann die Verkehrtheit und die Gefährlichkeit einer Politik dargethan haben, die nicht bas Interesse ber Civilisation, fonbern die engherzige Erstrebnng von Sonber- vortheilen im Auge hat. llitb wir hoffen, daß diese Erkenntniß zu gemeinsamen Schritten aller Mächte gegenüber dem barbarischen China führen wird. Mag auch die Nationen unseres alten Erdtheils im Einzelnen vielerlei trennen und scheiden, über den Sonderinteressen und Schmerzen der Einzelnen steht doch alle Zeit das große und allgemeine Interesse, das sie Alle verbinden und einigen sollte: die Förderung und ber Schutz unserer in tausenbjährigem heißen Ringen so mühsam erworbenen Kultur!
Politische Toges-P«ndschan.
— Deutschland und England. Die „Nordd. Allg. Ztg." nimmt heute Stellung zu den bekannten Auslassungen des „Standard". Das offiziöse Blatt führt aus: Der „Standard" hätte schon an der Eiumüthigkeit, mit welcher die deutsche Presse den sonderbaren Begrüßungsartikel zurückgewieseu, ersehen können, wie schlecht er dem Wunsche, die freundlichen Beziehnngen zwischen beiden Reichen zu fördern, gedient habe. Was den zweiten Artikel des „Standard" anbelangte,so würde mmi weiter an die Ehrlichkeit der Absicht des Blattes, baß Englanb mit allen Mitteln
wohlwollenber Diplomatie zur Erhaltung bes Friebens mit Deutschlanb unb bem Dreibunbe zusammengehen möge, glauben können, wenn es nicht so einseitig von den Wohl- thaten ber englischen Gönnerschaft spräche unb namentlich ben Erwerb ber beutscheu Kolonieen so barstellte, als ob wir bas nur einer zufälligen Geberlaune Englands verdankten. In der Wahl eines Mittels zur Befestigung guter englisch-deutscher Beziehungen habe sich ber „Stanbarb" ebenso vergriffen, wie in seinen anmaßenden Betrachtungen gegenüber dem Vertreter ber beutscheu Nation bei seinem gastlichen Erscheinen am englischen Hofe.
— Vom Coburger. In Bubapest waren bei ber in ber Montag Nacht erfolgten Durchreise bes Fürsten Ferbinand nach Sofia überall bie größten polizeilichen Vorsichtsmaßregeln getroffen, ba verlautete, baß gegen beu Fürsten eine Demonstration geplant fei. Der Hofzug mit dem Fürsten berührte auch thatsächlich Budapest nicht, sondern wurde aus einem für Personenzüge sonst nicht benutzten Bahngeleise in weitem Bogen um Budapest herum- geführt und erst bei Steinbruch auf die nach Süden führende Linie der Staatsbahn gebracht. — Wir erhalten durch Telegramme noch folgende Mittheilungen:
Berlin, 13. August. Der „Lokal-Anzeiger" meldet aus Budapest: Die umfangreichen polizeilichen Maßnahmen anläßlich der Durchreise des Prinzen Ferdinand wurden dadurch veranlaßt, weil die Polizei von einem gegen den Prinzen durch hier weilende bulgarische Studenten, Anhänger StambulowS, geplanten Attentat Kenntniß erhalten hatte.
Kofi», 13. August. Fürst Ferdinand ist gestern Abend hle eingetroffen und am Bahnhofe von den Ministern, den Mitglieder» der russischen Kranzdepntalion mit Auruahme de« erkrankten Metropoliten Clement, ben Behörden und einem zahlreichen Publikum empfangen worden. Ministerpräsident Stoilow war dem Fürsten bis an die Grenze entgegengefahren. Nachdem der Fürst die Ehrenwache abgeschritten, hielt der Bürgermeister eine Ansprache, worin er die Vorgänge während der Abwesenheit des Fürsten berührte und ihn der Treue und der Anhänglichkeit des Volkes versicherte. Der Fürst dankte in herzlichen Worten für den großartigen Empfang, der ihn besonders jetzt mit Gemigthuung erfülle, wo West-Europa ihn und ganz Bulgarien mit Schmähungen und Vorwürfen überschütte. Alsdann begab sich der Fürst zn Wagen nach dem Schloß, woselbst die ganze Garnison vor ihm defilirte. Auf dem Wege nach dem Schloß hatten Garnison und Vereine Spalier gebildet. Das Volk brachte dem Fürsten begeisterte Ovationen dar.
— Zur armenischen Frage. Den „Times" wirb über Sofia aus Konstantinopel gemeldet, der Sultan sei fest entschlossen, die auslünbische Beaufsichtigung ber Durchführung der Reformen in Armenien grundsätzlich nicht zuzugestehen. Die Palast-Partei verdoppelt ihre Anstrengungen, um ben Sturz des Großveziers herbeizuführen,dessen Stellung als höchst kritisch betrachtet werde.
Denlsches Keich.
* 9er Kaiser in England. Zu Ehren der Anwesenheit Kaiser WUl>elmS in Penrith, woselbst er mehrere Tage Gast des Lord Lonsdale ist, sind großartige Feste organisirt.
* Das Kestndei, der Kaiserin hat sich, wie der Hofbericht aus Wil h e imsh öh e meldet, in letzter Zeit wesentlich gehoben, sie bedarf jedoch noch der Schonung.
(Nachdruck verboten.)
Mars-la-Tour.
Sin Erinnerungsblatt an den 16. August 1870.
Von O. Elster.
Heiß brütet bie Sonne bes 16. August über bem blutgetränkten Schlachtfest) von Mars-la-Tour unb Viouville. Seit bem frühen Morgen ringt bas III. Armee-Corps bes tapferen Generäls v. Alvensleben mit ber dreifachen lieber» macht ber französischen Rhein-Armee, sie mit wilder Energie auf ben Höhen von Bruvillc, Vionville unb Nezonville fest- haltenb. Tansenb unb abertausend Opfer Hal der Kampf schon gekostet. Bataillone sind vernichtet, Regimenter auf ben dritten Theil ihres Bestanbes rebuzirt, die Artillerie hat kaum noch einige Granaten zur Verfügung, die todes- muthige Kavallerie-Brigade Bredow ist ein blutiger, ermatteter Trümmerhaufen, bie Bataillone haben sich verschossen, krampfhaft das Gewehr umklammernd liegen sie in ihren Stellungen, ben letzten verzweifelten Ansturm bes Feindes erwartend, fest entschloffen, bis zum letzten Wann auszuharreu. Da — es ist gegen 4 Uhr Nachmittags — klingt frisches Hurrah von Mars-la-Tour und Tronville herüber, Trommeln raffeln, Hörner gellen, General v. Voigt-Rhetz trifft mit den Spitzen bes X. Armee-Corps nach anstrengendem Marsch auf dem Schlachtfeld ein und wirst bie frisch angenommenen Bataillone in ben Kampf, an bem bie Artillerie des X. Corps, den Marschkolonnen ber Infanterie voranseilend, schon Theil genommen hat. Das Gefecht kommt zum Stehen, die Vorwärtsbewegung des Feinbes stockt, Marschall Canrobert vermuthet ben Angriff mehrerer frischer preußischer Armee- Corps unb richtet sich darauf ein, diesem Angriff zu begegnen. Aber nur Theile des X. Corps sind eingetroffen.
Marschall Bazaiue bemerkt, baß der linke Flügel bei Deutschen bei Mars-la-Tour ungeschützt ist, unb beauftragt den General Labmirault, mit bem VI. Corps hier einen umfassenden Angriff eiuzuleiten.
Die Waage bes Sieges schwankt abermals unb neigt sich zu Gunsten ber französischen Uebermacht. General v. Voigt-Rhetz sicht sich auf seinem linken Flügel umfaßt. Von Bruville her bringen gewaltige Truppeumassen auf bie nur schwach besetzten Tronviller Büsche und Tronville zu; die ermüdeten Theile bes X. Corps beginnen zu weichen; ba trifft General v. Schwartzkoppen mit ber 38. Brigade v. Wedell ein, nach einem Marsche von sechs Meilen, unb erhält von General v. Voigt-Rhetz sofort den Befehl, gegen ben rechten Flügel bes Feindes bei Ferme Greyöre vorzugehen. Links die drei Bataillone des Regiments Nr. 16 unter Oberst v. Brizen, rechts bie beiden Bataillone bes Regiments Nr. 57 unter Oberst v. Kranach, auf dem äußersten rechten Flügel die freiwillig sich anschließenden Pionier-Compagnicen, so gehen die westfälischen Regimenter mit rücksichtsloser Energie unter dem heftigsten Granat- unb Schrapnellfeuer vor. Plötzlich hemmt eine tiefe Schlucht, bie man vorher nicht bemerkt hat, bas Vorgehen. Eine neue feindliche Division eilt im Laufschritt herbei, ein vernichtendes Feuer von zwei Divisionen schmettert in bie Reihen ber Westfalen, bie trotzbem bie Schlucht überschreiten. Aber hier ist ihre Kraft erschöpft. Nur wenige Minuten währt ber Verzweiflnngskampf, bann gleiten die Trümmer ber braven Bataillone in die Schlucht hinab, bie Verluste steigern sich bis zur Vernichtung, 72 Offiziere unb 2542 Mann von ben fünf Bataillonen bedecken tobt ober verwundet ben Kampfplatz.
Der fommanbirenbe General v. Voigt-Rhetz-sprengt auf ben General Graf Brandenbura. den Kommandeur der 3. Garde-
Kavallerie-Brigade, zu, die südöstlich von Mars-la-Tonr hält. — „Greifen Sie rücksichtslos die tiorbringenbe feindliche Infanterie au!" ruft er bem General zu.
„Zn Befehl, Excellenz. Aber ich habe nur das 1. Garde- Dragoner-Negiment zur Verfügung. Ein Angriff scheint mir bdr großen Masse ber geschlossenen unb völlig intakten feiud- lichcn Infanterie gegenüber ohne Erfolg."
„Das Regiment soll auch nicht reussiren," ist bie Antwort. „Aber wenn es ben Feind nur zehn Minuten aufhält und fällt bis auf ben letzten Mann, bann hat es feinen Auftrag erfüllt."
General Graf Brandenburg galoppirt zum Oberst v. Auerswalb, bem Kommanbeur bes 1. Garde-Dragouer- Rcgiments, entwickelt kurz und klar seine Befehle, reicht bem greifen Reitersmann die Hand und ruft: „Reiten Sie mit Gott, Auerswald, ich komme auch mit!"
Und das Regiment reitet ben furchtbaren Todesritt, es weiß wie ein Held zu kämpfen unb zu sterben. Es fällt ber Oberst v. Auerswalb, es fällt ber Major v. Kleist, es fallen sämmtliche Rittmeister ber attactirenben Schwadronen, manch junger Sproß altpreußischer Soldatengeschlechter stirbt beu Heldentod, es stirbt ein Schwerin, ein Flemming, zwei Treskows, von derselben Mutter geboren, hier tragen ein Stollberg, ein Kuhnheim, ein Kröcher ehrenvolle Wunden davon, hier blutet ein Bismarck, des eisernen Kanzlers Sohn, fürs Vaterland. Hier besiegeln 122 wackere Reiter mit ihrem Blute die Treue für König unb Vaterlanb.
Der Vormarsch der feindlichen Uebermacht ist abermals durch eine todeSmuthige, wackere Neiterthat aufgehalten. Doch weiter unb weiter dehnt sich der Feinb in ber linken Flanke aus. General Labmirault entfenbet zwei Kavallerie- Divisionen über Brsville nach bem Plateau von Ville sur
