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Seite 2. S. August 1895,

Wiesbadener Tagblatt (Abeud-Ausgabe). Verlag: Langgasse 27<

43, Jahrgang. No. 368t

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haben, sich königliche Hoheit zu nennen, das sie verlieren, falls die nächste Königin aus einem anderen Zweig der Familie ge­wählt wird. Die anderen Prinzessinnen, alle nahe Verwandte der Herrscherin oder ihrer Vorgänger, gehören nur zu den Hofdamen — Sakaizandriana (Freundinnen der Königin). Einige von diesen sind verheirathet, die meisten jedoch nicht, und alle suchen sich nach Kräften zu amüsiren.

t?ür gewöhnlich tragen auch die vornehmen Damen Madagascars das Nationalkostüm, eine weiße Blouse, die sie, wenn sie ausgehen, durch ein Lendentuch vervollständigen, bei offiziellen Zeremonien — mit Ausnahme des Nationalfestes „Fandroana" — kleiden sie sich aber nach europäischer Art, d. h. sie legen Kostüme und Hüte an, die aus Europa stammen. Aber da ihre Anzüge selten für sie gemacht sind und ihnen umso schöner erscheinen, je schreiender die Farbenzusammenstellung, so ist der Effekt ein eigentümlicher. Nur die Königin macht eine Ausnahme; sie läßt ihre Kleider bei einer guten Pariser Schneiderin unfertigen und versteht sie mit Eleganz zu tragen.

Ob es derselben noch lauge vergönnt fein wird, auf dem Thron ihrer Väter zu sitzen? Vielleicht werden die siegreichen Franzosen sie dazu bestimmen, dem König Bchanzin in der Verbannung Gesellschaft zu leisten. Für sie könnte der Krieg also verhängnißvoll werden, die anderen madagassischen Damen dürften sich aber bald über die Folgen desselben trösten, wenn ihre Sieger den Ruf französischer Liebens­würdigkeit auch ihnen gegenüber bewähren.

Deutsches Keich.

* Gedenkfeier. Am 6. d. M., dem Gedenktage der Schlacht bei Wörth, hat der Chef des Militär-Kabinetts, General Hahnkc, im Auftrage des Kaisers am Grabe Kaiser Friedrichs im Potsdamer Mausoleum einen Kranz niedergelegt.

* Kaiser MUHelm-Kanai. Der „Reichsauzeiger" meldet: Die Einnahmen an Kanal-Abgaben und Schleppgebühren auf dem Kaiser Wilhelm-Kanal betrugen im Juli zusammen 63,181 Mk.; während sie in der ersten Jnli-Woche sich auf 11,766 Mk. beliefen, haben sie sich in der Woche vom 28. Juli bis 3. August auf 21,027 Mk. gestellt.

* Anarchistisches. In einer am Mittwoch Abend statt- gchabtcn Anarchistenversammlnng in Berlin, welche stark besucht war, theilte Anarchist Weiß mit, daß am 17. August der „Sozialist" wieder erscheinen wurde. Während einer aufreizenden Rede des Mechanikers Wiefenthal wurde die Versammlung polizeilich ausgelöst.

* Rundschau im Reiche. Der Kaiser telegraphirte dem in Breslau wohnhaften Major Kohler am 6. bs., dem Jahres­tage der Schlacht bei Wörth: „Es gereicht mir zur Freude, Ihnen, dem verdienstvollen Führer des Feld-Artillerie-Regiments Nr. 5 in der Schlacht bei Wörth, am heutigen Erinnernngs- tage den Charakter als General-Lieutenant zu verleihen." — Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht das ausführliche Programm für die feierliche G ru ndsteinlegung zum Ratio na ldenkmal Kaiser Wilhelms I. Unter den Geladenen befinden sich die Kaiserin Friedrich, der Grobherzog und die Großherzogin von Baden und Fürst Bismarck. — Das Gesetz, betreffend die Errichtung einer Centralanstalt zur Förderung des genoffcnschaftlichen Personal- Kredits, wurde gestern amtlich publizirt. — Aus der Kohlengrube in Zagorze (O.-Schles.) streiken 700 Bergleute. Zur Unter­drückung etwaiger Unruhen wurde Militär requirirt.

Der Kampf ist zu Ende, nur hier und da in der Ferne fallen noch Schüsse. Ruhe giebt es aber keineswegs, im Gcgcn- thcil, jetzt geht cs erst recht „los". Die ermüdeten, ganz er­schöpften Soldaten lassen sich zwar umfallen, wo sie stehen, um nur einige Augenblicke ansznrnhcn. Da erschallen rechts und links aller Orten Signale, Lockrufe; die einzelnen Regimenter oder Bataillone wollen ihre Mannschasten sammelii. Wer dieses „Sammeln" am Abend des 6. August 1870 bei Wörth mitgemacht hat, der vergißt es ganz gewiß in feinem Leben nicht. Ueberglücklich wegen des erruilgencn Sieges, wollte einem doch die Brust zer­springen vor Weh wegen der Opfer, die der Sieg gekostet. Das Bataillon sammelt sich, d. h. es finden sich einige Mann zusammen, die zu demselben Bataillon gehöre». Wo ist die Fahne? Wo stebt das Bataillon? Wo ist der Major? Wo ist die Compagnie? Wo der Hauptmann? Was ist aus Müller geworden? Hast Du nichts von Schmidt gesehen? Dort kommen noch einige Mann! Ja, richtig, die gehören auch zum Regiment, wir kennen uns aber nicht, sie gehören zu einem anderen Bataillon! Dieselben Fragen, dieselben Antworten. Dort kommt eilt Offizier, ein blutjunger Lieutenant, der ist von unserem Bataillon. Wir gehen auf ihn zu. Er richtet dieselben Fragen an uns. Wir wollen suchen, sagt er, bleiben wir einstweilen zusammen. Wo ist die Fahne? Euere Fahne steht hier unten links, dort an jener Wiese, sagt ein 95r, ich bin eben an ihr vorbei. Also hin, richtig, wir finden die Fahne. Aber nur ein gar kleines Häuflein hat sich um dieselbe gcschaart. Hier bleiben wir. Vor und nach kommen noch einige Mann an, aber das Häuflein war zum Erbarmen klein. Die Hoffnung bestand ja, daß noch mehrere kommen würden, aber doch traten den Männern, die im dicksten Kugelregen gestanden, die Thränen in die Augen bei dem Gedanken an die Tobten!

Der Selbsterhaltungstrieb gebietet für etwas Erfrischung zil sorgen, besonders für Wasser. Ja, wo ist Wasser? Die Brunnen in den Orten sind erschöpft, das Waffer der Bäche ist ekelhaft trüb und untrinkbar.

Dort kommt Einer, der hat Waffer int Kochgeschirr. Wir bitten ihn, uns nur eilten Schluck zu geben, nm die Zunge anfeuchten zu. können. Nein, nein, ich kann nicht, antwortete der Mann, ich muß das Waffer zu meinen Leuten bringen. Aber hinter jenem Walde, etwa ein Viertelstündchen von hier, fließt ein Bächelchen mit klarem Waffer, dort geht hin und holt Euch 1 Also auf, Kochgeschirre herbei, nach Waffer gesucht! Unterwegs begegnen uns noch mehrere Leute

Dor 25 Jahren.

Auf dem Schlachtfelde von Wörth.

Der Anblick eines Schlachtfeldes ist wohl der Inbegriff aller Ereuel; zu beschreiben ist ein Schlachtfeld daher auch kaum. Für Denjenigen, der ein solches nicht gesehen hat, ist es auch nicht möglich, sich eine Vorstellung zu machen. Im „Nass.B." finden wir folgende «greifende Schilderung:

Aus Kunst und Krben.

* Dir TodtenrnavKe Puschkins. Die russischen Blätter find sehr betrübt darüber, daß sich jetzt plötzlich herausgestellt hat, daß die Jmjewer (Dorpater) Universität die ursprüngliche Todten- maske des größten russischen Dichters, Puschkin, besitzt. Es ist nicht uninteressant, zu erfahren, wie die Dorpater Universität in den Besitz dieses Schatzes gekommen ist. Bekanntlich war der Dichter Schukowski bei dem Hinscheiden Puschkins zugegen und hat ausführliche Aufzeich- itungen über die letzten Minuten des sterbenden Dichters hinterlaffen. Unter Anderem schreibt er: „Zum Glück fiel mir ein, daß ich eine Maske abnehmen lassen müßte. Dieses wurde sofort ausgeführt. Die Züge hatten sich noch nicht zu verändern vermocht. Natürlich trugen dieselben nicht mehr jenen ersten Ausdruck, welchen der Tod ihnen verliehen hatte, aber wir haben dennoch einen fesselnden Abdruck, der nicht den Tod, sondern einen tiefen, majestätischen Schlaf dar- stellt." Diese Maske blieb bei Schukowski bis zu seiner Abreise ins Ausland und wurde nach derselben im Jahre 1841 mit anderen Kimstschätzen Schukowskis im Marmorpalats aufbewahrt. Rach dem Tode Schukowskis wurde die Maske von dessen Freund und Testamentsvollstrecker, dem bekannten Dichter K. Seydlitz, im Jahre 1856 erworben und von diesem, der feine letzten Lebensjahre theils in Dorpat, theils auf einem Gute bei Dorpat verbrachte, der Dorpater Universität, wie den „Moskowskija Wjedomostji" mit- getheilt wird, znm Geschenk dargebracht.

* Wit künstlichen Slumen beschäftigt sich der Jahresbericht der Aeltcsten der Berliner Kaufniannschaft ausführlich: Ball- blumen kamen auch im Berichtsjahr 1894 wenig in Aufnahme; doch schien gegen Ende 1894 etwas mehr Neigung zur Anwendung künstlicher Blumen für Ballzwecke sich bemerkbar zu machen. Als Neuheit wurden garnirt ntnbe volle Rosetten an der linken Schulter, als Pendant für gleiche Rosetten aus Tüll und anderen Stoffen an der rechten Schulter. Kopfschmuck aus künstlichen Blumen war nicht beliebt. Für Hut- garnitureii war die Mode den künstlichen Blumen im Frühjahr entschieden günstig, sodaß alle Blumeiisabriken in dieser Zeit flott beschäftigt waren. Doch flaute das Geschäft wie im Vorjahr auch dieses Mal leider wieder gleich nach Ostern wesentlich ab, während für eine gute Saison volle Beschäftigung bis znm Pfingstfest noth- weudig ist. Blum en hüte, die in lustiger und anmuthiger Form ansden Ateliers hervorgingen, kamen in Berlin undden größernStädten in gute Aufnahme. Die Provinz wagte sich sonst aber nur ganz ver­einzelt an diese Hütchen heran. Allerdings muß man diesen zierlichen Kopfbedeckungen, die wegen ihres graziösen Aussehens und geringen Gewichtes für den Gebrauch im Sommer sehr geeignet sind, die Haarfristir oft anpaffeu, wozu sich die Bewohner der Provinzen schwerer herbeilaffen als die Bewohner einer Großstadt. — Einzelne Blumen, vor Allem schwarze Rosen, Kamillen und Veilchen aus Satin antique, waren von der feinen Kundschaft auch in dieser Saison mehr begehrt als Monturen. An Farben waren Orangetöne, Himmelblau, Phloxschattiruugen und gelblich-grüne Nuancen beliebt. Die Nachfrage nach Dekorationsblumen hat auch int vergangenen Jahre angenommen; doch wird darin hauptsächlich billige Waare auf beit Markt gebracht. Mit präparirten Natur-Palmen würbe ein guter Umsatz erzielt. Cycaswebel fanden bei den Händlern mit frischen Blumen mehr Beliebtheit als früher, wohl ans dem Grunde, daß dieselben besser und natürlicher gefärbt werden als früher. Unter diesen Zweigen nimmt immer noch Chrysanthemum den ersten Platz ein. Das große Publikum kennt die Orchideen zu wenig, um sie als Modeblumen anzunehmen. Gerade diese in ihrer mannigfachen Art sind aber doch berufen, mit der Zeit als künstliche Blumen eine Rolle zu spielen.

* Ei» schwarzer Riesendiamant. Aus Rio be Janeiro erhält bas „B. T." nachstehenbes Privat-Telegramm: Aus Bahia be Pernagns, der Hanptstelle ber brasilianische» Dtamantgrnben-

besitzer, gelangt bie Nachricht hierher, daß in den dortigen Mitten ein schwarzer Diamant von phänomenaler Große gefunden ist. Derselbe wiegt nicht weniger als 3100 Karat, 2129 Karat mehr als der größte bisher existirende, dessen Gewicht 971 Karat beträgt. Dieser Riesen stein ist im Besitze einer französischen Firma in Bahia, mit welcher die brasilianische Regierung sich sofort wegen Ankaufs desselben für das Museum in Rio de Janeiro in Verbindung gesetzt hat.

* „Dir lederne Minna." Wie leicht Jemand zu einem ihn durchs ganze Leben begleitenden niiaugenehmen Beinamen kommen kann, zeigt die nachstehende Geschichte von der „ledernen" Minna. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts befleißigten sich bie Musensöhne in Halle nicht gerabe ber feinsten Sitten, unb bcsonbers in den Theatern glaubten sie sich mit Vorliebe so geben zu müssen, wie sie waren, nämlich roh. Das hatte zur Folge, daß Halle in Theatersachen „verrufen" wurde und kein Theater» direktor sich mehr hier nieberlaffen wollte. Ein Theater wollten aber die Herren Studiosi haben, und so errichteten sie sich bann in beut nahen Dorfe Peffanborf in einem Reitstalle selbst ein Theater ein, für bas sie eine Oagabonbirenbe Künstlerschaar engagirten. Natürlich sicherten sie sich ihre „Privilegien", bestehend in Pfeifen- rauchen, Hnnbeinitnehmen u. berg!. Auch würbe ben Schau­spielern bie Pflicht auf er legt, während ber Vorstellungen diejenigen Bemerkungen, welche ihnen bie Studenten zuriefen, auf ber Bühne zu wiederholen. Was sich auf diese Art nun einmal begab, erzählt die „S.-Z." wie folgt: Eines Abends wurde „Minna von Bornheim" gespielt. Tcllheim sagte gerade zur Heldin des Stückes: „Nein, es giebt nur eine Minna, und Sie find's!" Da rief ihm ein bemoostes Haupt im tiefsten Bierbaß das kritische Wort „lederne" zu. Der Schauspieler achtete nicht darauf; aber bn kam er schön an. Wie ein Mann erhoben sich Halles Musensöhne unb johlten zur Vertheibigiuig ihres Privilegs in Einem fort: „leberne, leberne, lederne,lederne!" Die Hunbe fielen treulich ein unb halfen ihren Herren, ben Protest noch recht ein« bringlid) zu machen. Der Schauspieler, in seiner Existenz bebroht, mußte Ordre pariren unb wieberholte: „Nein, es giebt nur eine leberne Minna, unb Sie sinb's!" Für diese Folgsamkeit wurde ihm durch rasenden Beifall gelohnt. Der Heldin, einer kaum dem Kindesalter entwachsenen zarten Mädchenknospe, stürzten die Thränen aus den Augen, und sie lief weinend von ber Bühne. Silber ein Wink bes gestrengen Herrn Theaterbesitzers, und der Direktor holte bie Schauspielerin wieder hervor und ließ sie ihre Rolle zu Ende führen. Es war jene nachmals so berühmte Madame Engst, welche ein Kenner wie Schröder für eine der besten Darstellerinnen im Lustspiel erklärte. Zeitlebens behielt sie von jenem Tage her den Beinamen „Die leberne Minna".

mit Waffer, bie waren glücklicher wie wir. Sie gaben uns einen Labeschlnck unb bezeichneten uns de» Weg. Aber eilt Euch, es fängt schon an sich zn trüben!

Das Viertelstündcheti war längst vorbei, aber an dem so sehnlichst gesuchten Bächelchen waren wir noch nicht. Himderte außer uns suchten nach bemfelbeu, unb^iinberte kamen zurück, bie uns ben Weg bezeichneten, das Waffer fei aber sehr trüb. Wir kommen enbtich an bas Bächelchen, aber was für Wasser hat es! Eine schmutzig trübe Masse. Trotzdem füllten wir unsere Kochgeschirre mit diesem „Wasser" unb trugen basselbe zurück. Nachdem es einige Zeit gestanden unb sich etwas geklärt hatte, kochten wir Kaffee davon, da auch Holz zusauimengetragen und Feuer angezündet war.

Mittlerweile war auch unser Premier-Lieutenant mit »och mehreren Mann bei uns erschienen. Welche Freude, welches Aus- frageu 1 Der Hauptmann war verwundet, der Feldwebel auch, der Schmidt tobt, Sopcr hatte einen Schuß in bie Brust, Müller einen ins Bein bekommen, Kurz war tobt, ber Einjährige W. war tobt, P. and;, rc. re.

Die Krankenträger unb Aerzte haben gewiß Alles geleistet, was menschenmöglich war. Ader was ist bas bei ben Tauseuben und Abertausendeii, die draußen stöhnen und schreien vor Schmerz und Qual. Waffer, Waffer! Hülse, Hülse, ich verschmachte! De l’eau, de l’eau rufen die französischen Verwundeten, au nom de Dieu, de l’eau. (Im Namen Gottes, Wasser!) Wer kann es ihnen geben ? Es ist keins vorhanden. Dar Herz schnürt sich im Leibe zusammen beim Anblick dieses Elendes und in dem Bewußt- fein, nicht helfen zn können. Die Nacht hat sich über bie Erbe gelagert, aber Ruhe giebt es nicht auf bem Schlachtfeld, die haben nur bie Tobten. Truppen ziehen noch vorüber, es kommen auch Wagen mit Proviant, geführt von französischen Bauern mit abgeradertem Vieh; Rufe und Kommanbo» hört man, aber Alles übertönen die Hülferuse der Verwundeten. Die ganze Nacht blieben bie Krankenträger in Thätigkeit, in aufopferndster Weise leisten sie Hülfe, wo sie nur können, aber es ist nicht möglich, Allen die nöthige und so unendlich heiß ersehnte Hülfe zu bringen. Schulen, Kirchen, Scheunentennen, kurz nur alle vorhandenen Räume, sind zu Verbandplätzen hergerichtet, wer von ben Truppen noch Kraft hat, hilft Verwimbete tragen. Alles genügt nicht, sie sinb nicht Alle fortzubringen, Tauseube müffen noch währenb der Nacht unverbunden in ihren Schmerzen liegen bleiben.

Da» ist die erste Nacht auf bem Schlachtfeld, morgen wird'», wenn Gott will, besser.

Ans Stadt und Land.

Wiesbaden, 9. August.

— Kurhaus. Das Engagement des Velociped-Spiralfahrers Herrn Leonce für bas gestrige Gartenfest war für bie Kurbirektion mit außerorbentlichen Opfern verbunben. Da bie Spirale nunboch einmal hier aufgebaut ist, so hat bie Kurbirektion bicse Gelegenheit benutzt, Herrn Leonce noch für einige weitere Tage zu verpflichten. Der Künstler wirb baher — ohne daß besonderes Entree erhoben wirb — morgen, Samstag, währenb bes Abeud-Kouzertes unb am Sonntag während des abendlichen Doppel-Konzertes, jedesmal um 9 Uhr (günstige Witterung vorausgesetzt), auf Hochrad die 60 Fuß hohe Spirale durch Flammenfeuer besteigen. Jedenfalls dürste den beiden Kurgarten-Abenden dadurch besondere Anziehung gegeben fein. Herr Leonce hat s. Z. auch im Hippodrom in Pari» große Erfolge gehabt und bisher noch keinen Nachahmer gesunden. Die Gelegenheit, diese einzig in ihrer Art dastehende Produktion zu sehen, dürste wohl für hier nicht mehr wiederkehren.

— Militärisches. Heute Früh um 5'/< Uhr ist das hiesige 1. Bataillon des Regiments v. Gersdorff (Heff.) No. 80 mit flingenbem Spiel ausiuarschirt, um an den Regiments- unb Brigade - Excrciren in Mainz Theil zu nehmen. Diese Hebungen, während welchen das Bataillon in Baracken einquartirt ist, dauern bis zum 27. Angusi. Alsdann beginnt das Manöver in der Gegend von Limburg. Aus dem Marsch in das Manövcrgelände wird das 80. Regiment unsere Stadt passiren. Das 4. Bataillon rückt nur zu bem Manöver aus, wird aher vorher durch Reservisten auf ein Bataillon verstärkt.

— Ausflug. Der „Lokal-Gewerbeverein" veranstaltet — wie au» dem Juseraientheile des heutigen Blattes ersichtlich — am Sonntag, de» 11. August, einen Ausflug nach Heidelberg. Der dortige Gewerbeverein hat während des ca. 10-stündigen Aufent­haltes bie Führung bind) bie schöne Neckarstabt mit ihren vielen Seheiiswürbigkeiten übernommen. Die Mitglieber, beten Familieu- Augehörige (auch Damen) unb Freiinbe beS Vereins sind zu recht zahlreicher Betheiligung eingelaben, mit bem Bemerken, daß eine bedeutende Fahrpreisermäßigung erwirkt ist, auf welche jedoch nur diejenigen Anspruch machen können, welche sich bis Samstag, Nach- niittags 4 Uhr, auf bem Bureau beS Gewerbevereins gemeldet haben.

— Gmulbus Wiesbaden-W,rldhäusche». Wie uns Herr K. MÜtler, Restaurateur zum Waldhänschcn, mittheitt, eröffnet er am Freitag, ben 9. August d. I, bie von König!. Polizei und Magistrat genehmigte Omnibuslinie Wiesbaden (Aarstraße, Villa Lahneck)-Nestaurant Waldhäuschen. Die Fahrzeiten sind vorläufig wie folgt festgesetzt: Abfahrt Waldhäuschen: 3“, 516 unb 716, Ab­fahrt Aarstraße (Villa Lahneck): 4 und 6 Uhr Nachmittags. Der

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befunden habe, aber es ist dies nicht wahr. Er hatte Anfälle von Delirium, aber zu anderen Zeiten war er feiner Sinne vollständig mächtig. Et trug mir auf, in das andere Zimmer zu gehen unb ihm bald Sodawasser, bald Gießhübler ober reines Wasser zu holen. Bei einer Gelegenheit, währenb ich bas Glas hielt, waren seine Zähne krampfhaft geschloffen, und da wußte ich, daß Meningitis (Gehirnhaiit-Eiitzüiibung)eingetreteu war, denn ich hatte dasselbe Symptom beim Tode unseres ältesten Sohnes beobachtet. Er verlangte von mir, daß ich sein ganz mit Bandagen bedecktes Gesicht frei mache, allein ich erklärte ihm, daß die Aerzte dies ver­boten hätten. „Thue, wie ich Dir sage; ich will die Welt nod) ein­mal sehen." So hob ich den Umschlag auf und wusch bas geronnene Blut von feinem Singe. Er richtete es fest auf mich. Ich fragte ihn: „Siehst Du mich?" Thränen traten ihm aus beni Auge, als er ant­wortete: „Ich sehe Dich." Wir riefen ben Metropoliten herein, unb mein Mann schien bamit zufrieden zu fein, obgleich er nie ein religiöser Mann gewesen ist. Er versuchte das Zeichen bes Kreuzes zn madjen, aber ich mußte es für ihn thun, womit er zufrieden war. Als wir wieder allein waren, sagte er: „Es ist Alles vorüber, ich werde bald tobt fein. Wenn ich gestorben bin, nimm nichts vorn Palaste au. Hörst Du mich?" Ich antwortete: „Ich höre." — „Beuge Dich denn nieber unb küsse mich." Das waren seine letzten Worte, aber er war noch einige Zeit später bei Bewußtsein, denn als er mich stöhnen hörte, feuszte auch er als Antwort. Wa» in ben nächsten beiben Tagen sich ereignete, ist mir eine furchtbare Erinnerung. Hunberte unb Tausende strömten in bas Haus, Hohe und Niedere, Blumen unb Anderes bringend. Nicht ein uneforerbictigeB Wort wurde gesprochen und keine ungehörige Geste gemacht. Dann kam bie skanbalöse Scene bei ber Beerdigung. Wenn nicht bie fremben diplomatischen Agenten zugegen gewesen wären, weiß ich nicht, was sich ereignet hätte. Man hatte absichtlich störrische Pferde vor den Leichenwagen gespannt unb bie Bolzen an bett Räbern entfernt, damit ber Sarg währenb des Fahrens heruuterfalle. Wir würben jeboch durch einen Polizeikommiffar gewarnt. Am Grade bildeten eine Anzahl junger Offiziere ans Tirnowo einen Ring um uns, unb hinter diesen stand der Mob. So lange die kirchliche Eeremonie dauerte und bie Offiziere anwesend waren, wurde ber Pöbel in Schach gehalten, als wir aber fortsuhren, riefen sie nach Getränken unb tanzten in Gegenwart ber Polizei um bas Grab bie Hora, wobei sie schmutzige Lieber fangen. Es ist schrecklich, daran zu denken! Dann kam bie grausame Ironie mit dem Kranz bes Fürsten. Es ist gemelbct worden, baß ich benselben mit beleibigenbeu Ausdrücken znrückgewiesen habe. Ich bin jedoch keine Fran, die Insulten an- wendet. Thatsäckilich kamen uadjeiuanber aus dem Paläste Graf de Fora», Hofdamen ber Prinzessin Clementine unb ber Fürstin Marie, viele von biesen meine eigenen Freuubiunen unb selbst Ver­wandte, ebenso Telegramme vom Fürsten, auf bie ich keine Antwort gab. Der Fürst hatte verstehen sollen unb mir bie Ablehnung bes Kranze» ersparen können. Ich that bies in den einfachsten Worten, indem ich erklärte, daß es meines Mannes Wunsch war, nichts vom Palaste anzunehmen, und ich bat den Kapitän Sawow, den Kranz wieder mit sich zu nehmen."

— Zwischen Serbien und der Türkei finden Unterhandlungen über den Abschluß einer Militär-Konvention statt. Serbien erklärte sich bereit, eventuell 60,000 Mann zu stellen.

— Die abessynische Gesandtschaft reiste vor­gestern Abend von Petersburg ab. Der Stadthauptmann, der Leiter der asiatischen Abtheilung und andere Persön­lichkeiten geleiteten die Gesandtschaft nach dem Bahnhof. Jemand aus dem Publikum nahm das Wort; er hob die geistliche Einigkeit des russischen un8 abessynischen Volkes hervor, drückte den Wunsch aus, daß die Bande, die die beiden glaubensverwandten Nationen verknüpfen, sich festigen möge», und überreichte dem Prinzen Damto Salz und Brod.

— D ie Vorgänge in China. Nach einer Neuter- meldung aus Hongkong wurde dort vorgestern anläßlich der Vorgänge in Futschau eine Versammlung abgehalten, welche eine Resolution annahm, die den überlebenden Missionaren sowie den Angehörigen der Opfer das Beileid der Versammlung ausspricht und der Entrüstung über das Verbrechen Ausdruck giebt. Die Resolution verurtheilt ferner die vermuthliche Begünstigung dieser Verbrechen durch die chinesischen Behörden und spricht sich in harten Tadels­worten über die Gleichgültigkeit der englischen Negierung aus, die den Ernst der Lage nicht erkannt und es unter­lassen habe, ausreichende Maßregeln zum Schutze ihrer Unterthanen und zur Bestrafung der Mörder zu ergreifen. Eine Geldentschädigung sei völlig unzureichend, dagegen ein schnelles und strenges Vorgehen dringend geboten.