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WieMmer Sagblatt

, <a Jahrgang. Verlag: Langgasse 27. ««»tigen-Prels r

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U-. 366

Donnerstag, den 8. Augnst.

1895

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

DezirkS-Frrnsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe.

Landwirt!)schakt und Volksschule.

Mit der Landwirthschaft beschäftigt sich seit Jahren das ganze politische Leben; die Landwirthe klagen über Noth; sie behaupten, daß sie ihre Produkte unter dem Selbstkosten­preise verkaufen müssen und daß sie ihrem Ruin entgegen­gehen I Die nothleidende Landwirthschaft ist daS Thema jeder Erörterung im Parlament und in der Volksversammlung, im Staatsrath wie im Gemeinderath. Die Berechtigung dieser Klagen soll hier nicht geprüft werden; nur ein Punkt mag herausgegriffen werden, der zur angeregten Frage in Beziehung steht: die landwirthschaftliche Vorbildung derjenigen Leute, die sich mit Landwirthschaft beschäftigen. Es ist leider allgemein feststehende Thatsachc, daß diese Vorbildung nicht überall eine derartige ist, wie sie die Landwirthschaft (und ihr rationeller Betrieb) unbedingt erfordert. Bei dem Großgrundbesitzer springt dieser Mangel mehr hervor, als bei dem Bauer und kleinen Büdner; vorhanden ist er jedoch überall.

Wie wäre es nun, wenn die Volksschule hier in die Lücke treten und nach Maßgabe ihrer Bestimmung und ihrer Begrenzung schon als Lehrerin der Landwirthschaft wirken würde? Die Volksschule wird ihren Zweck nicht ver­fehlen, wenn sie neben Bibel, Katechismus und Gesangbuch, Rechnen, Schreiben, Lesen, Turnen, Marschiren, Schwimmen auch etwas Ackerbau und Gartenbau, Landwirthschaft und Hauswirthschaft lehrt. Der Handfertigkeitsunterricht hat ja schon in so vielen deutschen Städlen seinen siegreichen Ein­zug in die Schulen gehalten, warum sollte mit dem ebenso wichtigen Haus- und Landwirthschaftsunterricht nicht dasselbe auch für das Land der Fall sein?

In Oesterreich ist man mit Einrichtung von Schulgärten versuchsweise vorgegangen, in denen die Kinder im Obstbau, Reben- und Waldkultur und Bienenzucht unterwiesen werden. Es heißt, daß Bayern diesem Vorgang folgen wird. Aber das ist doch noch nicht die richtige, praktische Landwirthschafts- lehre, wie sie schon seit Jahren mit großen Er­folgen in Frankreich geübt wird. In der Volks­schule, in Dorf und Stadl, erhalten dort die Kinder be­sonderen landwirthschaftlichenUnterricht. Zur praktischen Unter­weisung dienen der Schulgarten und das Schulfeld, die unter Leitung des Lehrers rationell bebaut werden. Von der Saat bis zur Ernte steht der Schüler in der praktischen landwirth- schaftlichen Arbeit täglich ein ober mehrere Stunden. Die Kinder lernen auf diese Weise die Bodenarten, Düngung, Anbau, Pflanzen, Sämereien re. kennen. Auch der Baumzucht liegt man fleißig ob: Pfropfen, Beschneiden, Spalieranlegen, Hacken, Jäten, Binden, Pflücken re. wird mit Eifer geübt. Einzelne Schüler bekommen auch bestimmte Beete den Sommer über zur Pflege anvertraut, die von ihnen unter den Augen des Lehrers zweckmäßig bebaut werden. Die dabei ge­sammelten Erfahrungen werden im elterlichen Garten oder Feld nutzbringend verwerthet. Für Mädchen sind in der Volksschule solche Belehrungen bestimmt, welche Gemüsebau,

Geflügel- und Schweinezucht, Kochen behandeln. Die französische Regierung hat durch Gesetz vom 16. Januar 1890 für solche Lehrer, die sich besondere Verdienste um den Landwirthschaftsunterricht erwerben, silberne Medaillen und Geldprämien ausgesetzt. Im Jahre 1893 konnten 53 Lehrer und 2 Lehrerinnen mit silbernen Medaillen geehrt werden.' Dazu erhielten noch 4 Lehrer Prämien von 300 Francs, 16 solche von 200 Francs und 33 Lehrer und 2 Lehrerinnen solche von je 100 Francs! Der landwirthschaftliche Verein in der Stadt Sedan ver­anstaltete letzten Herbst einen Wettbewerb für die Schülerinnen der verschiedensten Lehranstalten in ihren Kenntnissen der Hans- und Landwirthschaft, und Fragen wie: „Wie bereitet man die Butter? Was versteht man unter künstlicher Brütung? Was versteht man unter einem Milchkeller? Was ist bei der Aufzucht von Kaninchen zu beachten?" wurden in einer für die Lehrerinnen sehr ehrenden Weise von den Kindern beantwortet.

In Deutschland geschieht in dieser Frage so gut wie nichts. Das Seminar giebt dem Lehrer und der Lehrerin keinerlei genügende Vorbildung, daß sie im Stande wären, später praktischen Unterricht in Hans- und Landwirthschaft zu ertheilen, allein die von Dr. Götze geleitete Lehrerbildungs­anstalt für Handfertigkeitsunterricht in Leipzig hat in diesem Jahre auch einen landwirthschaftlichen Kursus in ihr Programm ausgenommen. Bayern allein hat — wie angedentet — an- gefangen, die Schulgärten einzusühren und daneben an Geistliche, Schullehrer, Thierärzte, Bürgermeister und Knliur- ingenieure für erfolgreiche und verdienstliche Bestrebungen zur Förderung der Landwirthschaft Preise zu verleihen. Hoffentlich kommt die Erkenntnis; von der hohen Bedeutung der Landwirthschaftslehre in der Volksschule so zur Geltung, daß allmählich der Lehrplan der Lehrerbildungsanstalten in dieser Hinsicht erweitert wird. Der Volksschullehrer muß ebenso der Pionier der Landwirthschaft werden, wie cs noch bis vor einem Menschenalter der Landpastor oder -Pfarrer war. Zn Ende des vorigen Jahrhunderts war dieser der Verbreiter eines rationellen Betriebes der Landwirthschaft. Es gab damals eine ganze darauf abzielende Liiteratur, die Landgeistlichen zu tüchtigen Landwirthen zu machen. Bis in die Mitte der 60er Jahre unseres Jahrhunderts sehen wir noch die Mehr­zahl der Landpastoren ihre Ländereien selber bewirthschasien; sie waren in der Lage, auch als Landwirthe ihren Bauern mit gutem Beispiel voranzugehen. Das hat sich jetzt aber leider geändert. Heute sind die Pfarrländereien überall verpachtet; die Geistlichen, die dem Büreankratlsmus zu viel Zeit opfern müssen mit Schreiben, Eingaben, gehorsamen Antworten und Auskünften, haben keine Zeit mehr, die Landwirthschaft praktisch auszuüben. Da ist denn der Dorfschullehrer der geeignetste Mann, an seine Stelle zu treten. Möchte auch in Deutschland der Frage einer systematischen Ausbildung der ländlichen Jugend in den Anfangsgründen der Land­wirthschaft durch die Volksschule näher getreten werden! Die praktische Beschäfkignng der Jugend mit dem Pflanzeil- leben ist nicht nur nach der wirthschaftlichen, sondern auch nach der ethischen Seite von großer Bedeutung.

Politische Tages-R«ndscha«.

— Hohenlohe-Golnchowski. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt in gesperrtem Druck: „Ein Korrespondent der „Neuen Freien Presse" schickte seinem Blatt unterm 4. d. M. aus Altanssee einen Drahtbericht über den Besuch des Grafen Golnchowski bei dem Fürsten Hohenlohe, der augen­scheinlich die .Tendenz verfolgt, die Begegnung als eine kühle hinzustellen. In demselben wird u. A. behauptet, die Ver­abschiedung der beiden Herren habe einen sehr gemessenen Charakter getragen. Demgegenüber wollen wir ausdrücklich konstatiren, daß die Begegnung selbstverständlich in derjenigen Herzlichkeit verlaufen ist, welche der langjährigen persönlichen Bekanntschaft der beiden Staatsmänner und den freund­schaftlichen Beziehungen der beiden Nachbarreiche entspricht."

— Der 12. deutsche Tischlertag berieth im Ver­lauf seiner Verhandlungen über den unlauteren Wettbewerb und den Bauschwindel. Es kam eine Resolution zur Annahme, in welcher den Handwerkern empfohlen wird, auf eine nähere Präzision des Betruges in der Gesetzgebung zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs und des Bau­schwindels zu bringen. Debattelos wurde schließlich eine Resolution angenommen, in welcher der Vorstand beauftragt wird, eine Petition an den deutschen Reichstag auszuarbeiten. In derselben möge darauf hingewiesen werden, daß das Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetz dahin umgeändert werde, daß die zwangsweisen Beitragszahlungen der Arbeit­geber durch eine einheitliche Steuer von allen schaffenden und besitzenden Klassen getragen wird, da der Handwerker dies auf die Dauer nicht tragen kann. Der Bundesvorstand wird ersucht, mit allen Handwerker- und Jnnungsverbänden sich bezüglich der Abfassung der Petition in Verbindung zu setzen und dann den hohen Reichstag um Umwandlung des Gesetzes zu bitten.

— Der römische „PoPolo Romano" sagt in einem Leitartikel über die deutschen patriotischen Feste, diese hätten nichts Demüthigendes für Frankreich, ober sie seien eine beredte Antwort auf Frankreichs ewige Nörgeleien betreffs der Rückerstattung von Elsaß-Lothringen. Dadurch, daß Frankreich diese Frage fortwährend anfwerfe, verschulde es die Unsicherheit der allgemeinen Lage und den ungeheuren Rüstungsapparat aller Staaten.

— Von autoritativer rumänischer Seite wird versichert, daß der Besuch des Königs Carol jedes politischen Beweggrundes entbehrt. Gleichzeitig wird versichert, daß Rumänien sich nicht in bulgarische Angelegenheiten mischen werde, da dies Rumänien nur Schaden bringen könne. Im llebrigeit halte aber der König von ganzem Herzen zu Oesterreich.

— Zur armenischen Frage. Von der ftanzösischen und russischen Botschaft in Konstantinopel wird die Antwort der Pforte auf die Vorschläge der Mächte, be­treffend Reformen in Armenien, als unannehmbar bezeichnet. Weder Frankreich noch Rußland werden sich in dieser Frage von England trennen. Weitere Schritte werden als er­forderlich erachtet.

(Nachdruck verboten.) Mas unsere braven Mitkämpfer erzählen. Persönliche Feldzugs-Erlebnisse.

Kon §t. Johann-Saarbrücken bl» Graoelotte.

Von Oberst-Lieutenant von Randow.

II.

Es ist am Abend des 17. August.

Am Rand des Bois de Vionville lagen unsere Jäger um die hell und lustig flackeren Biwakfeuer, doch still und ohne die gewohnte Fröhlichkeit hantiren die Söhne Rheinlands gleich gespenstischen Schatten um die Feuer herum.

Lagern wir doch auf dem Leichenfeld des 16. August.

Dort vor uns liegt in finsterer Ruhe das hart um­strittene Flavigny, wo jetzt so viele brave Märker den ewigen Schlaf schlafen. Weiter rechts treten die Umrisse von Rezonville deutlich hervor, und dahinter dehnt sich eine langgestreckte Feuerlinie, es sind die Lagerfeuer der Franzosen, und hin und wieder trägt der kühle Abendwind die lustigen Weisen Offenbachscher Operetten zu uns herüber, nach welchen die Rothhosen gleich indianischen Teufeln um ihre Feuer tanzen. So erzählt uns eben der Husaren- Offizier, der bis an das französische Lager herangeritten war und dem wüsten Schauspiel unbehelligt ans der Nähe zugesehen hatte.

Also dort leichtsinnige Ansgelaffenheit trotz der deutlichen Mahnungen des Gottesgerichts — hier ernste Sammlung zu dem für morgen bevorstehenden Entscheidungskampf. Mancher deutsche Krieger sieht scheuen Blicks nach dem vor­liegenden Schlachtfelde, welches der eben ausgehende Mond phantastisch beleuchtet. Das Feld sieht aus, als wäre es eben gepflügt worden. Doch sind jene Gräben, die dasselbe durchziehen, nicht Wunden, welche die friedliche Pflugschaar dem Erdboden geschlagen hat, sondern breite Furchen, welche die feindlichen Granaten gerissen haben, und anstatt

der Erdschollen steht man Leichen gefallener Krieger. Denn an eine Bestattung der Tobten konnte bisher noch nicht ge­dacht werden, da beide Parteien sich den ganzen Tag, Gewehr im Arm, gegenüber gelegen hatten.

Ich kann nicht umhin, mit meinem Lieblingskameraden, dem Lieutenant S., einen Gang auf das Leichenfeld vor uns zu machen. Dort beleuchtet der Mond das jugendliche Antlitz eines braven Fünfullddreißigers, welcher in seinen erkalteten Händen das erbeutete Chassepotgewehr noch fest hält, ein rührendes Beispiel der Treue, die noch im Tode daran denkt, die verderbenbringende Waffe dem Feinde zu entreißen und für die überlebenden Kameraden unschädlich zu machen. Weiterhin unter den ersten Gefallenen auf französischer Seite liegt ein äußerst korpulenter französischer Offizier, dem es nicht leicht gewesen fein mag, in der brennenden Augnsthitze den ftürmenben Seinen stets voran zu bleiben, wenigstens deutet das große entfaltete Taschentuch, welches die linke Hand an die Stirn gepreßt hält, daraus hin.

Doch nun zurück, um in wenigen Stunden Schlafs uns zu stählen zur schweren Arbeit des folgenden Tages. „Möchten wir uns morgen Abend wieder die Hände drücken können!" raunt mir noch Freund S. zu, dann entschlummern wir, und ein wohlthuender Traum spiegelt uns heitere Bilder aus der Heimath vor.

Der 18. August brach an, ein herrlicher sonniger Tag. Um 12 Uhr Mittags stand das Bataillon in Versammlungs­formation auf dem linken Flügel der Brigade, welcher es zugeiheilt war bei Villers aux Boix. Es bieß, die Franzosen seien abgezogen, und es werde heute nicht mehr zur Schlacht kommen. Da brach plötzlich von links her, aus der Richtung von Verneville, ein wahrhaft be­täubender Lärm los, und anhaltendes Gewehr- und Geschütz- feuer, in bas sich das rasselnde Getöse der französischen Mitrailleusen mischte, verkündete, daß das Nachbar-Corps, das IX., sich in ernstem Gefecht befand. Bald darauf

wurden auch bei uns die Fahnen enthüllt. Und wer dies selbst erlebt hat, kann den packenden Eindruck ermessen, welchen dieser Moment auf jedes brave Soldatenherz ausübt.

Noch einige Bewegungen in der Versammlnngsformation, dann werden die Bataillone auseinandergezogen und wieder in Compagnieen zerlegt, denn bereits begrüßen uns jene Artilleriegeschosse, nach ihrem Erfinder Shrapnels genannt, die hoch über unseren Köpfen platzen und deren weiße Wölkchen vom tiefen Blau des Himmels sich malerisch abheben, zunächst mehr unsere Neugierde als unser Grauen erregend.

Und nun drängten sich die Ereignisse.

Das vor uns liegende Dorf Grovelotte wurde besetzt und im raschen Anlauf die dahinterliegende bewaldete Mancc-Schlucht genommen. Die Entfernung vom Dorf bis zur Schlucht beträgt etwa 1200 m und wurde, ohne anznhalten, in einem raschen Lauf zurückgelegt. Diese enorme Leistung für unsere bepackten, ermüdeten, durch Entbehrungen jeder Art geschwächten Soldaten bei sengender Hitze war nur möglich infolge der aufs Aeußerste gesteigerten Nerven­spannung, in welche sich allerdings auch das so lange zurück- gehaltene Gefühl, sich nun endlich mit dem verhaßten Feinde messen zu können, mischte.

In der Schlucht eine kurze Athempause, bann ging es den jenseitigen steilen Hang hinan. Aber o weh! Der den Hang bedeckende Wald war so dicht und noch dazu mit Unterholz derartig durchwachsen, daß an ein flottes Vor­kommen nicht mehr zu denken war. Nun die Hirschfänger heraus, und die Jäger hieben sich selbst ihre Gassen durch den Wald. Die Franzosen, welche von unserem Anlauf völlig überrascht waren, wurden theils gefangen, theils liefen sie mit den Jägern um die Wette den Abhang hinauf. Hierbei mag sich manch blutiger Kampf Mann gegen Mann mit Kugel und Bajonett im Dunkel des Waldes abgespielt haben. Bei dem Heraustreten aus dem Wald empfing uns ein Hagels von Geschossen jeder Art, denn nun beftrnden