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Witsbilükmr Tsgblck.

48. Jahrgang.

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N-. 362.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

1895

Dienstag» den 6. Augnst

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Dolitische Tages-Rnlt-schau.

— Der Großherzog von Baden hat auf dem badischen Kriegervereinstage in Karlsruhe am Sonntag eine bedeutungsvolle, den großen Erinnerungen dieser Tage geweihte Rede gehalten, die uns in folgendem Wortlaut übermittelt wird:

Vor Abschluß der Festlichkeiten liegt cs mir am Herze», Ihnen meine Gefühle auszusprechen. Die begeislerteu Worte und patrio- tffchen Gedanken, die wir eben mit Freudigkeit vernommen und denen Sie ziigejubelt haben, haben Ihr Herz tief erschüttert und er­füllt. Es bleibt darnach nichts mehr zu sagen übrig, waS die festlichen Empfindungen des heutigen Tages noch stärken könnte, und doch ergreift mich der Anblick so vieler Veteranen, so vielerTheilnehmer an dem Kriege von 1870/71 in einer Weise, daß ich erinnern muß au alle diejenigen Kräfte und Einrichtungen, welche uns wirklich zum Siege geführt haben. Sie haben eben vernommen, welches die Entwickelung der Zeit war bis zum Kriege und seit dem Kriege. Wir müssen aber auch zurückblicken auf die Unternehmungen, welche es möglich gemacht haben, zu siegen. Wir müssen ziemlich weit zurückgeheii, wenn wir die ganze Bedeutung Desten erfassen wollen, was wirklich zum Siege geführt hat. ^ch denke dab« zuerst an die großen und unsterblichen Verdienste Kaiser Wilhelms des Großen, der von früh an, als er noch Prinz von Preußen war und hier im Lande den Ausstand bekämvite, von da on seine ganze Kraft der Neugestaltung und Befestigung der Armee gewidmet hat. Die Erfahrungen, welche er damals gemacht, haben ihn veranlaßt, bei dem Könige Friedrich Wilhelm IV. Bestimmungen zu erwirken, die eine vollständige Veränderung des Ausbildungsmodus der Armee herbeigesührt haben. In diesen Gedanken die der damalige Prinz von Preußen kiindgegeben, liegen die Anfänge Dessen, was von nun an die Armee Großes unb Be­deutendes geleistet hat. Sein Gedanke war: jeder Einzelne muß nicht nur ausgebildet, sondern auch erzogen werden, und das ist durch- gesührt worden. Ich will mich auf Einzelnes nicht einlassen.

Abend-Ausgabe

.Figaro" und des ihm gleichwerthigen „Newyork Herald

Herold" als eitel

soeben wieder vom Petersburger

Neue entwickelt und entfaltet.

Früchte des köstlichen Friedens erfreuen.

P-

Dem Dreibund gegenüber hat sich zur angeblichen Er­haltung des Gleichgewichts der Zweibund konstituirt. Wer wollte leugnen, daß dieser Bund sich erheblich fester geknüpft hat, wenn auch die letzten sensationellen Enthüllungen des

Flunkereien nachgelviesen werden. In dem republikanischen Frankreich ist man jedenfalls „gutkaiserlich-russisch" gesinnt: und wenn man auch nicht in Rußland in gleicher Weise gut sranzösisch gesinnt ist, so regiert doch dort nicht der Czar, der den Regierungsgcschäften fern zu stehen scheint, sondern die Kaiserin-Wittwe, die gelehrige Schülerin des stramm panslavistischeu Oberprokurators Pobiedonoszew.

Wäre es überhaupt nothwendig, die Existenzberechtigung des Dreibundes zu beiveisen, so märe dieser Beweis im Vorstehenden gegeben. Die Politik des Dreibundes kann

wenig war es gewillt, sich ruhig in die Entwicklung zu schicken, die jenseits der italienischen Grenzpfähle vor sich gegangen. Zu diesen durch Frankreich aufgeworfenen Fragen trat die orientalische Frage. Wie Frankreich hypnotisirt nach den Vogesen blickte, so starrte Rußland nach dem goldenen Horn. Gegen diese beiden Mächte, die Fürst Bismarck einmal als die Hechte im europäischen Karpfenteich bezeichnet hat, ist der Dreibund als Hort des Friedens errichtet worden. Deutschland fühlt sich einem einzelnen Gegner gewachsen, aber es suchte Verbündete, um den Kampf überhaupt zu ver­meiden. Oesterreich-Ungarn und Italien aber sind durch dringende Nothwendigkeit zum Dreibund geführt worden. Die Herrschaft Rußlands auf der Balkan-Halbinsel würde die Grobmachtstellung Oesterreichs für immer vernichten, zugleich aber den Handel Italiens in empfindlicher Weise lähmen. Zwei Flotten, die russische im Osten, die französische im Westen, würden die langgestreckten italienischen Küsten bedrohen und zugleich Italien vor die Gefahr stellen, von Frankreich erdrückt zu werden.

So erweist sich der Dreibund als eine politische Noth­wendigkeit. An Deutschlands Bundestreue ist niemals ge­zweifelt worden, in Oesterreich hat der Kabinettswechsel nichts an der äußeren Politik zu ändern vermocht, und in Italien hat Crispis Dreibundpolitik erst in diesen Tagen einen glänzenden parlamentarischen Sieg erfochten.

welchem die genaue Trnppen- vertheilung bei Freund und Feind enthalten ist, deutlich zu erkennen.

Noch Abends ordnete General v. Steinmetz die Wiederher» fteßung der gelösten Truppen­verbände an. Einige derselben

hatten bis zu sechs Meilen znrück- gelegl, zwei aus Königsberg in Preußen aus der Eisenbahn an-

ganzen Hochfläche.

Die entscheidende Situation ist auf unserem Kartenbilde, in lenaue Truppen-

mit umso größerer Sicherheit ihre Geschäfte der Fricdcns- erhaltung besorgen, als ihm durch den Kabinettswechsel in England ein neuer Bundesgenosse geworden ist.

So kann die Lage in Europa trotz des Ausflammens in dem europäischen Wetterwinkel Alles in Allem als eine zufriedenstellende bezeichnet werden, lind in der Hoffnung, daß diese segenbringende Ruhe unserem alten Erdthcil fürder bewahrt bleiben wird, wollen wir weiter ungestört die Er­innerung an den großen Krieg feiern, während wir uns der

Wer dies erwägt, der wird uns Recht geben, wenn wir diese Feier einer Kriegs- nicht eine Siegesfeier nennen. Aber freilich, wie der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich, so war auch der Sieg des geeinigten Deutschland zu einer Nothwendigkeit geworden. Das lang gedrückte, gedemüthigte und verspottete Deutschland mußte den ihm aufgenöthigten Kampf um seine Anerkennung führen, und die jetzige Entwicklung der politischen Verhältnisse in Europa lehrt, daß unser Sieg kein blinder Zufall, daß er vielmehr eine Bedingung der europäisch-politischen Entwicklung, eine Noth­wendigkeit für die Herstellung des Gleichgewichts in Europa und die Grundlage für den Weltftieden war.

Aus dem Siege und der Einigung Deutschlands hat sich in logischer Konsequenz der Dreibund entwickelt. Frank­reich war, ob es auch in dem verlorenen Kriege nur ein­gebüßt, was es selbst unrechtmäßig besaß, nicht gewillt, sich bei dem statns qno der Dinge zu beruhigen; und ebenso

Schlncht bei Spichern.

An demselben Tage, an welchem die Armee des Kronprinzen im Elsaß die HeereSabtheilmig des Feldmarschalls Mae Mahon bei Wörth schlug, lieferte die I. Armee unter General v. Steinmetz der franzöfischen zwischen Saarbrücken unb Forbach eine siegreiche Schlacht und zwar in einem außerordentlich ungünstigen Terrain. Die Franzosen hatten sich auf den Spicherer Höhen postirt unb ihre Stellung nach Kräften durch Schützengräben u. bergt verstärkt. Sie erwarteten hier mit Zuversicht das Heramiahen der deutschen Armee. General Frossard stand mit dem II. Corps auf den genannten Höhen, dahinter befanden sich in einem Abstand von 2 bis 4 Meilen das III., IV. und V. Corps, weiter zurück das Gardecorps.

Auf deutscher Seite entschloß sich General v. Kam eke zum Angriff mit der 14. Division, die zuerst ans Saarbrücken vor- marschirte, und alsbald entwickelte sich ein heißer Kamps um die vortrefflich vertheidigten, steilen Höhen, bei dem die Angreifer enorme Verluste erlitten. Namentlich gestaltete sich die Situation bei dem als steiler Felskegel anfsteigenden Rothen Berg, -vrotzdem gelang es Anfangs, Fortschritte zu machen. Bald aber kam die lleberlegenheit des Feindes in heftigen Rückschlägen zur Geltung, und als die Brigade von Woyna auf dem Kampfplatz emgetreffeu war, mußte auch diese in beiden Richtungen Unterstützung leisten. So entstand früh schon eine SSermifdiung von Bataillonen und Compagnieen verschiedener Verbände, die durch jeden späteren Nach­schub nur noch vermehrt wurde und die einheitliche Leitung der Gefechte außerordentlich erschwerte.

Gleichzeitig mit den Flügel» war in der Front schon um 1 Uhr das Füsilier-Bataillon 74. Regiments unter verheerendem Feuer über die freie Ebene gegen den Rothen Berg vorgegangen und hatte sich, einige Deckung suchend, am Fuße der Felswand eingenistet. Als bann gegen 3 Uhr die preußische Artillerie den Gegner zwang, feine Geschütze auf der Höhe weiter zuruckzunehmen, begannen die Füsiliere, General v. Francois an ihrer Spitze, den Felshang zu erklimmen. Die sichtbar überraschten französischen Chasfeurs würben mit Kolben und Bajonett ans ben vorbersten Schützengräben vertrieben. Zunächst folgte bte 9. Compagnie 39. Regiments, unb

langenbe Batterieen ben Marsch bis auf das Gefechtsfeld fort­gesetzt. Natürlich warnt die Verluste auf Seiten des Angriffs größer als die der J^theidignng. Die Preußen büßten 4871, die Franzosen 4078 Mann ein; bezeichnend aber ist die erhebliche Zahl uuverwundeter Gefangener, welche auch hier dem Gegner abgenommen Wurden. Der Erfolg des Kampfes um Spicherit war der anfgewenbeten Mühen Würbig. Hatte am Abenb des Schlachttages die Dunkelheit einen klaren Einblick in die deutscher- feils gewonnenen Resultate verhindert, so durste die Genngthumig am Morgen des 7. Augnst umso rückhaltloser sich äußern. Die französische Armee hatte auf der ganzen Front Kehrt gemacht, unter Hinterlassung kolossaler Vorräthe den nächsten Ort auf ihrer Rnckzngs- linie, Forbach, geräumt, um erst unter dem Schutze von Metz neue Ausstellung zu nehme».

Krieg und Frieden.

Niemand vermag über seinen eigenen Schatten zu springen. Mau wird nicht viel Franzosen finden, die es verstehen, wie man die Erinnerung an glänzende, herrliche Siege feiern und dabei doch von inniger Liebe für den Frieden erfüllt sein kann. Wir reden nicht von den direktionslosen, jedes Gefühls der Verantwortung baren französischen Blättern; aber selbst ernsthaftere Blätter können mit wenigen rühm­lichen Ausnahmen nicht anders, als unsere Erinnerungsfeier einer Art Herausforderung gleich zu achten.

Ist eine größere Verblendung, eine größere Thorheit denkbar? Wie pflegt man in Frankreich Feste zu feiern? Sind nicht die Visite machenden ruMchen Seeleute in Frank­reich förmlich unter Blumen erstickt und in Sekt ertränkt worden? Und waren jene Berbrüderungsfeste nicht weit provocircnder, als es unsere Gedenkfeste sind?

Nie hat ein Volk sich mit größerem Rechte freudig der Vergangenheit erinnert und diese Erinnerung festlich ge­feiert als Deutschland das Jahr des großen Krieges, das für uns das Geburtsjahr des Deutschen Reiches be­deutet. Nicht die Niederlage Frankreichs feiern wir, sondern den Sieg in einem uns auf­gezwungenen Kriege, die Ab­wehr ungerechter Ansprüche und Anmaßungen, vor Allem aber die durch den Krieg herbeigesührte Einigung aller deutschen Stämme. Durch den Krieg, nicht etwa durch den Sieg! Und wäre jener Krieg verloren worden, er hätte das Werk der Einigung, das zur geschichtlichen Nothwendigkeit geworden war, nicht mehr gehindert. Auch in der Nieder­lage hätte Deutschland sich wiedergefunden und in der Vereinigung seine Kräfte aufs

mit dieser weiter »erstürmend fiel der tapfere General, von fünf Kugeln durchbohrt. Die kleine Schaar der Füsiliere behauptete sich aber standhaft auf dem engen Felsvorsprung. Eben jetzt, nm4Uhr, trafen fast gleichzeitig die Spitzen der 5. und 16. Division ein, nachdem ihre vorauseileudenBatterieen bereits in Thätigkeit getreten waren.

Der erheblich verstärkte linke Flügel drang nun wieder vor. General v. B a r n e k o w brachte nachhaltig Hülse auf den Rothen Berg, wo die Füsiliere fast ganz schon ihre Munition verschossen hatten, und warf die Franzosen aus allen ihren Laufgräben hinaus. Auch der rechte Flügel War unter lebhaften Kämpfen bis Alt- (SHering »orgebrungen unb näherte sich ber Nückzugrstraße bes Feindes, der Forbacher Chaussee.

Ader General Frossard hatte die ihm hier drohende Gefahr erkannt unb seinen linken Flügel bis auf l‘/i Divisionen verstärkt. Diese schritten um 5 Uhr selbst zum Angriff. Auf deutscher Seite fehlte es völlig an irgend einer geschlossenen Adtheilung, um dem Angriff zu widerstehen, und so gingen hier alle bisher errungenen Vortheile Wieder verloren. Judeß war doch die französische AngriffrbeWegnng inzwischen durch sieben Batterieen auf der Folster-Höhe zum Stehen gebracht, und unter General v. Zastrows persönlicher Füh­rung gelang es bann auch ber Infanterie, aufe Nene Fortschritte zu machen.

Wirksame Hülfe nahte aber schließlich von rechts her. General v. Go eben hatte alle noch nicht ins Gefecht verwickelten Bataillone der 16. Division in der entscheiden­den Richtung auf ©Hering vor­geschickt. Indem ein Theil der­selben gegen den Ort Front machte, erstieg der andere von der Chaussee aus die Schluchten des Spicherer Waldes, vertrieb im Handgemenge die Franzosen von dem ^im Rothen Berg sührenden Sattel und drängle sie mehr und mehr auf ben Forbacher Berg zurück.

Noch um 7 Uhr War auf dem rechten französischen Flügel die Division Laveaucoupet, unterstützt durch einen Theil der Division Vataille,zum Angriff vorgegangen u. nochmals in den bielbeftriiteiien Gisert-Wald eingebntugen, aber die Gefahr, welche jetzt dem linker Flügel vom Spicherer Walde her drohte, ließ dies Vorgehen er­lahmen. Bei Eintritt der Dunkel­heit wichen die Franzosen auf der

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