Wiksbs-kllkr (LdiiliLitt.
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1893
Montag, den 5* August
U-. 360
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Bezirks-Fernsprecher No 52.
Abend-Ausgabe.
lUiirtl).
Das elfte Corps im Uirdrrmaldr und bei Glfaßhansen» (Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Von Br. C. Spielman«.
„Das war zu Wörth der heiße Tag, Als wir die Blntschlacht schlugen; Wie krachte von ihrem Donnerschlag Das Kaiserreich aus den Fugen! Das war zu Wörth der beifee Tag, Die Höhen waren erstürmet;
Aus weiter, blutiger Heide lag Des Todes Saat gethürinct."---
Friedlich und ruhig lag sie da, die elsässische Landschaft, in den ersten Augusttagen des Kriegsjahres 1870. Ein langer, von Norden nach Süden sich erbreiternder Thal- grund, der vom Sauerbache und seinem Zuwässerchen, dem Sulzbächel, durchflossen wird, — beide Gemässer vereinigen sich bei dem Städtchen Wörth, das in des Thales Milte liegt. Die östlichen Höhen senken sich allmählich zur Sauer, eine breite Straße läuft von Osten nach Westen, an den Dörfern Dieffenbach und Görsdorf vorbei, hinab nach Wörth; südlich des letzteren sind bei Spachbach, bei der Bruchmühle und bei Gunstett, da, wo der Bach sich ostwärts biegt, Uebergänge. Dann zwischen der Sauer und den ivestlichen Höhen ein bis zu tausend Schritten breites Wiesenthal, südlich von Wörth. Au dieser Höhen Fuße entlang läuft parallel mit dem Saucrbache die Chaussee von Hagenau nach Weißenburg, durch Wörth führend; die westliche» Höhen selbst sind steil, terrassenförmig ansteigend, die gegenüberliegenden beherrschend, weil höher. Südlich, Gunstett schräg gegenüber, bemerkt man das Dorf Morsbronn an der Chaussee; auf der Höhe dahinter die weißen Gebäude des Albrechtshäuser Hofes, noch weiter zurück das Dorf Eberbach. Gegenüber von Spachbach liegt der dichte Niederwald, westlich von Wörth auf der Höhe Elsaßhausen, nördlicher, ans der höchsten Terrasse, Fröschweiler, dahinter Neuweiler; zwei Straße» führen von Wörth durch Hohlwege nach den beiden ersteren Orten hinauf. Gemüse-, Wein- und Hopfengärten bedecken die Hänge, wo sie nicht, wie Spachbach gegenüber und im ganzen Norden, dicht bewaldet sind.
Und doch war die Ruhe im Saucrthale nur scheinbar. Auf den Höhen des Westens stand die französische Hauptmacht der Armäe dn Sud, das sogenannte Afrikanische Ärmeecorps unter dem Marschall Mac Mahon, Duc de Magenta, versammelt, um die Deutschen zu erwarten: von Morsbronn bis zum Niederwalde Division Lartigue, von da bis Elsaßhausen Division Naoult, um Fröschweiler in Hakenstellung nordwestlich, gegen den dichten Wald im Norden Division Ducrot, zwei andere Divisionen, Pelle und Conseil-Dumesnil, in Reserve, dazu die Kavallerie; Elsaßhausen und Frösch- weiler waren stark befestigt. Der Marschall mit seinem großen Rapphengste hielt mit dem Stabe unter dem historischen Nußbäume vorwärts von Elsaßhansen. Mehr als vierzigtaufend Franzosen, die besten Truppen des Kaiserreichs, befanden sich in furchtbarer Stellung.
Und nun gegenüber die Deutschen. Die ganze Südarmee des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, hundertdreißigtausend Mann, war im Anmarsche. Im ersten Treffen nördlich das zweite bayrische Corps (Hartmann), im Centrum das fünfte preußische (Kirchbach), südlich das elfte preußische (Bose); im zweiten Treffen nördlich das erste bayrische (v. d. Tann), südlich das württembergisch-badische (Werder). Also die überwiegende Menge Süd- und Mitteldeutsche: Bayern, Württemberger, Badenser, Nassauer, Hessen, Thüringer, nur das fünfte Corps meist Polen — aber: „ein Leib, ein Geist, ein Wille". Die französische Armee fasse», umfassen, erdrücken oder zersprengen, nicht eher schlagen, als bis Alles heran ist! — so lautete der Befehl.
Am Samstag Morgen, den 6. August, nach regnerischer Nacht, kam zuerst das fünfte Corps auf den östlichen Höhen gegenüber Wörth an. Nur Rekognoszirung war beabsichtigt; allein bereits nm 7 Uhr entspann sich ein so heftiges Gefecht um das Städtchen, daß, da die Franzosen gegen dieses, das unbesetzt war, mächtig vorstießen, die Artillerie eingreifeu mußte. Gegen 9 Uhr ließ General v. Kirchbach den Kampf abbrechen; da aber die feindlichen Massen sich stärker entwickelten, glaubte er, weil nun ein Rückzug ohne große Verluste nicht mehr möglich war, auf eigene Verantwortung die Schlacht annehme» zu müssen, und ließ die beide» Flügelcorps, das elfte (südlich) und das zweite bayrische (nördlich), die auch schon engagirt waren, zur Unterstützung auffordern. Das furchtbare Feuer der mehr als achtzig Geschütze starken konzentrirten Corpsartillerie brachte die gegenüberstehenden französischen Batterieen zum Schwelgen und zur Abfahrt. Dann gingen die Brigaden des fünften Corps zum Sturm auf Wörth und die dahinterliegenden Höhen vor. Ein erbitterter Kampf entspann sich, bis die tapferen Polen, von dem Offensivstoße der gesamniten Division Raoult getroffen, ins Thal zurückgeworfen wurden. Gleichzeitig drangen die Bayern nördlich durch die dichten
Wälder über das Sulzbächel gegen die Division Ducrot vor und griff südlich das elfte Corps, die Division Lartigue an. Eine Reihe Einzelgefechte hatten sich entspannen, bis um 1 Uhr der Kronprinz mit General v. Blumenthal und dem Stabe auf der Höhe von Görsdorf eintraf. Sofort wurde die Schlacht angenomnien und nun einheitlich geleitet.
Wir machen den Ringkampf in den Reihen unserer Landsleute mit. Das elfte Corps unter General v. Bose brach um 6 Uhr Morgens von Sulz auf.*) Die 21. Division unter Geuerallieutenant v. Schachtmeyer war zum Bivouac bei Hölschloch, östlich von Gunstett, bestimmt und bildete die Avantgarde, die 22. unter Geuerallieutenant v. Gersdorff die Arriercgarde. Um 7 Uhr vernahm man auf dem Marsche den Kanonendonner von Wörth herüber, und beim Austritt aus dem Walde gewahrte die an der Spitze rückende 41. Brigade das französische Lager ans den gegenüberliegenden Höhen und bemerkte das Gefecht von Abtheilnngen des fünften Corps (Fünfziger Regiment) mit de» Franzosen bei Spachbach und Gunstett. Sofort fuhr die Artillerie der Brigade auf und begann ihr Feuer gegen die Gegner, und die Brigade selbst ordnete sich um 9 Uhr zum Angriff. Die fünf französischen Batterieen, darunter eine Mitraillensen- batterie, wurden zum Schweigen gebracht. Zwei Bataillone der Achtziger und die Elfer Jäger gingen nach Gunstett, das dritte Bataillon der Achtziger und die Siebennndachtzigcr rückten in drei Treffen unter den Obersten v. Koblinsky nnd Grolman rechts nach Spachbach und der Brnchmühle zum Uebergang über die Sauer. Der Bach war durch den Regen angeschwollen und rauschte in gelben Wellen dahiu; Brücken nnd Stege hatten die Franzosen abgeworfen. Ein bleierner Regen, die weittragenden cylindro-konischen Chassepotgeschosse, empfing die Deutschen; der Feind war nicht zu sehen. Bei Spachbach rannten die Erstangekommencn der Siebennndachtzigcr einen großen Leiterwagen ins Wasser, legten ansgehobene Schenncnthore darüber und begannen auf dieser schwanken Brücke den Uebergang. Andere setzten mit Hülfe von Hopfenstangen und Wellenbäumen, watend oder schwimmend, hinüber. Kleine Stute wurden von größeren getragen; die Offiziere waren an der Spitze ihrer Mannschaft. Oberst Grolman und sein Adjutant blieben zu Pferde, die Sauer durchschwimmend, die Andern, auch die Majore Kasch und Schulz sprangen ab; Hauptmann Cäsar, ein großer und starker Mann, stand mitten im Bache, seine Leute unterstützend. Der Wiesengrund wurde im Laufschritte durchmessen, a» der Chaussee das Gepäck abgelegt, und nach nothwendiger Ordnung der Compagnieen drangen diese, mit den Fünfzigern vom fünften Corps untermischt, in den Niederwald ein.
Die östliche Waldgrenze war unbesetzt; allein als die Siebenundachtziger ins Innert vordrangen, stießen sie ans das vorrückende algerische Tirailleur-Negimcnt (Turkos) der Division Pellö. Ein lebhaftes Feuergefecht entspann sich; gewandt wie die Katzen sprangen die Turkos von Baum zu Baum, ein Nückzugssignal, das ein nassauischer Hornist den Franzosen abgelernt hatte nnd das nun geblasen wurde, scheuchte sie zurück, nnd mit Hurrah setzten die Deutschen nach durch den Wald aufs Feld hinaus. Allein hier sahen die Turkos die Biinderzahl der Gegner. Alsbald saninielten sie sich zum Gegenstöße. Unter der wehenden Trikolore, mit aufgepflanztcm Aatagan, unter gellendem Geschrei stürzte sich das ganze Regiment der braunen Afrikaner in den blauen Uniformen und den weißen Turbanen ans die erschöpften, durcheinander gekommenen, ohne Unterstützung gelassenen Deutschen. Nach einem wüthenden Bajonettgefechte wurden diese zum Walde hinausgeworfen; flüchtend erreichten sie den Thalgrund und eilten über die Sauer zurück; nur etwa anderthalb Compagnieen warfen sich jenseits in einen Hopfengarten und behauptete» sich dort durch ihr Feuer. Ans dem blutberonnenen Waldboden lagen Hauptmann Cäsar, die Lieutenants v. Lindeiner, v. Rühle und Hambachs und viele Unteroffiziere und Soldaten tobt und viele Andere verwundet.
Ungefähr gleichzeitig waren bei der Bruchmühle diegrüncn Elfer Jäger auf schwankem Stege über die Sauer gegangen und hatten sich drüben im Gelände eingenistet. Da aber warf sich das ganze Znavenregiment der Division Lartigue in
*) Zusammensetzung de? Corps nach den beiden ersten Haupt- waffen: . „ ,
XI. Corps General v. Bose.
21. Division: G.-L. v. Schlachtmeyer.
141. Brigade: Ob. v. Koblinsky.
80. (Hess.) Regiment: Ob. v. Colomb.
87. (Rass.) Regiment:. Ob. Grolman.
42. Brigade: G-M. v. Tbilc.
82. (Hess.) Regiment: Ob. v. Dorrie«.
88. (Nass.) Regiment: Ob. Köhn v. Ja?!!.
11. (Hess.) Jägerbataillon: Maj. v. Johnston.
14. (Hess.) Husarenregiment: Ob. v. Berimth.
22. Division: G.-L. v. Gersdorff.
43. Brigade: Ob. v. Kontzki.
95. (Thiiring.) Regiment: Ob. v. Beckedorff.
32. (Thiiring.) Regiment: Ob. v. Foerster.
44. Brigade: G.-M. v. Schkopv.
94. (Tburing.) Regiment: Ob. v. Befiel.
83. (Hess.) Regiment: Ob. Marschall v. Bi-berstem. 13. (Hess.) Husarenregimem: Ob.-Lt v. Hendnck.
seinen abenteuerlichen Uniformen mit den sprunghaften Bewegungen auf die Vorgedrungenen. Aufgescheucht, eilten die Jäger nach der Mühle zurück, die unter den französischen Granaten aufflammte. Die Achtziger und Siebcnundachtziger nahmen die Fliehenden auf und setzten der Attacke der Franzosen durch einen Gegenstoß Ziel; dabei fielen der Hauptmann Melior und Lieutenant v. Lettow und viele Unteroffiziere und Gemeine.
Mittlerweile war's 11 Uhr geworden — da erschien der kommaudirende General v. Bose auf der Höhe vonMinstett, wo die gesummte Divisions- und bald darauf Corpsartillerie versammelt war. Es war dies nun die Zeit, als General v. Kirchbach an die Flügel die Aufforderung zur Unter» stützung seiner Offensive ergehen ließ. Alsbald beorderte General v. Bose, der hier einen Schuß in die rechte Hüfte empfing, ihn aber nicht achtete, die 22. Division links und die 21. rechts zum neuen Angriffe. Um 12 Uhr, nachdem ein furchtbares Feuer der massirteu Batterieen die französischen Linien erschüttert hatte, gingen die beiden Divisionen zum Angriffe über die Sauer, rechts bei Spachbach die Regimenter 87 und 88, in Jber Mitte bei der Bruchmühle die Regimenter 80, 95 und Jägerbataillon 11 (es verlor den Hauptmann v. Marschall und die Lieutenants v. Elverfcld und Horstmann), links bei Morsbronn die Regimenter 83, 94 und 32; Regiment 82 blieb zur Deckung der Artillerie.*) Der rechte Flügel drang in den Niederwald, der linke eroberte Morsbronn, die Mitte stürzte sich die Höhe hinauf gegen den Albrechtshäuser Hof. Unter dem verheerenden Granalscuer unb bem Gerassel der sprühenden Mitrailleusenbatterieen wurde dies Gehöft genommen, wobei Lieutenant Protzen von den Siebenundachtzigern fiel. Alle Bataillone waren durcheinander- gekommen; aber was marschiren konnte, war mitgestürmt; der Sergeant Rennspeck, Fahnenträger des zweiten Bataillons der Siebenundachtziger, hatte Stiefel und Strümpfe aus- gezogen, um besser fortznkommen. Um die drei Fahnen der Mitte ordneten sich gerade die Erschöpften, während eines heftigen Geschützfeuers, als plötzlich die französische Kavallerie-Brigade Michel unter General Duhesme in voller Slttole, gegen den linken Flügel des Corps auf Morsbronn niederbrauste. Der Divisionär Lartigue hatten sie heranbeordert, um sich von dem Umfaßtwerden rechts zu schützen. Drei Treffen bildend — in den beiden ersten je ein Kürassier-, im letzten ein Lancier-Regiment — das Flankenfcuer vom Albrechtshänser Hofe nicht achtend, brachen die Reiter, zwölfhundert Pferde stark, auf die thüringischen Regimenter ein. Allein der mit Gräben durchzogene, mit Baumstümpfe» übersäcte Boden war dem Bergabritte nicht günstig. Die Pferde stolperten, die Schwadronen gcrielhen auseinander und jagten ziellos dahin. Ohne Karrees oder auch nur Knäuel zu bilden, empfingen die Thüringer die feindliche» Reiter mit verheerendem Zünd- nadelschnellfeuer. Zuerst das erste Kürassier-Regiment, das sich vor Morsbronn spaltete und znm Theil in das Feuer der Achtziger gcrieth, dann das zweite, endlich die Lancicrs. Unbeholfen hu Schwenken irrten die Reiter südwestlich rechts ab, und hier stürzten die hessischen Dreizehner Husaren über den Rest her unb jagten ihn auseinander. Die ganze Brigade war beinahe vernichtet, eine Menge Offiziere, Mannschaften nnd herrenlose Pferde fiel besonders den Achtzigern in die Hände, während die Deutschen außer den Husaren fast keine Verluste hatten. Aber die Division Lartigue war gerettet; während des heroischen Angriffs hatte sie sich über Ebcrbach zurückziehen können.
Sofort nach diesem Kavalleriegefechte, es war 1 Uhr, geschah ein neuer Sturm eines Zuaveu-Regiments auf den Albrechtshänser Hof. Die Wucht des Stoßes war so gewaltig, daß das Gehöft aufgegeben werden mußte. 9iun aber nahten die Regimenter des linken Flügels mit theil- weise frischen Bataillonen von Morsbronn herauf. Ein wütheuder Gegenstoß warf den Feind in den Niederwald zurück, wohin auch ein anrückendes Turko-Regiment, das dabei seine Fahne verlor, zurückgewiesen wurde; ganz links geriethe» die Zweiunddreißiger nach Eberbach, wo sie Mac Mahons Bagage erbeutete«. Die übrigen sechs Regimenter (80, 83, 87, 88, 94, 95) warfen sich in den Niederwald und durchstürmten diesen unter dem heftigsten Granatfcuer von Elsaßhansen her. Und nun erschienen auch das Regiment 32 von links und das in der Reserve gebliebene 82ste, sowie die gesammte Corps-Artillerie ans dem Plateau. Das konzentrische Feuer der letzteren richtete sich gegen Elsaßhausen, das bald auf- flammte. Eine Zeit lang hörte man nichts als das Brüllen der sich dnellirenden Batterieen.
Um diese Zeit, es war gegen 2 Uhr, hatte das fünfte Corps die Höhen hinter Wörth erstürmt, das zweite bayrische vor Fröschweiler Fuß gefaßt, zwischen beiden rückwärts rückte eine Division des ersten bayrischen Corps, zwischen dem fünften unb elften die würtlembcrgische Division ein. Die allgemeine Offensive begann; die beiden französischen Flügel sollten auf die Mitte geworfen werden. Alsbald
*) Die Angaben: Regimenter und Bataillone find allgemeine, auf die Compaainevertheilung kann, Raummangel» halber, nicht eingegangen werben.
