Wiesbadener Sagblatt.
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1895
Mittwoch, den 31. Juli
Uo. 352
Bezirks-Fernsprechrr No. 52.
Brzirks-Ferusprecher No. 52.
Erinnerungen eines Diplomaten.
In der Pariser Zeitschrift „Le Correspondant" veröffentlicht der Herzog von Broglie einen Aufsatz über „Die Mission deS Herrn de Gontaut-Biron in Berlin (1872 bis 1878)*. In diesen Artikel sind zahlreiche Auszüge aus den bisher noch nirgends ver- Sffenllichten persönlichen Aufzeichnungen des ehemaligen Berliner Botschafters eingestreut, welche dem Herzog von Broglie von der Familie Gontaut-Biron mit« getheilt worden sind. Herr de Gontaut-Biron war, wie man weiß, der erste französische Botschafter, der in Berlin nach dem Kriege erschien. Er hatte die wichtigen Ver- handlnngen zu führen, welche die Räumung des französischen Gebietes durch die deutschen Truppen, die Zahlung der französischen Kriegsentschädigung, die Freilassung der in Deutschland gefangenen französischen Soldaten rc. betrafen. Ueber das Alles enthalten die Aufzeichnungen feflelude Mittheilungen. Man merkt es ihnen freilich an, daß sie unmittelbar nach dem Kriege geschrieben sind; das Mißtrauen und die Gereiztheit des Besiegten gegen dm Sieger tritt in ihnen deutlich zu Tage. Gontaut-Biron war niemals Diplomat gewesen. Als Mitglied einer alten royalistischen Familie hatte er unter dem Kaiserreich keine Rolle im öffentlichen Leben gespielt, und erst nach dem Zusammenbruch desselben nahm er ein Deputirtenmandat für die Nationalversammlung an. Thiers, der an den diplomatischen Posten die ältesten Namen des französischen Adels anzustellen liebte und der außerdem die verwandtschaftlichen Beziehungen der Gontaut-Biron in Preußen in Rechnung zog, trug dem ahnungslosen Abgeordneten eines Tages die Stelle eines Berliner Botschafters an. Gontaut-Biron wollte erst diese Mission ausschlagen, die ihm über alle Matzen peinlich schien, nahm aber schließlich auf den Ratb
seiner Freunde, besonders des Bischofs Dupanloup, die Stellung an und reiste nach Berlin ab.
In seinen Aufzeichnungen hebt er hervor, wie Alle, mit denen ihn in Berlin seine Amtspflichten zusammcnführten, die gleiche Beflissenheit zeigten, die Würde des Besiegten zu schonen und seine Stellung erträglich zu machen. Seine erste Audienz beim Kaiser Wilhelm I. schildert er solgendermaßen:
Als die Thüren des Audienzsaales sich öffneten, trat ich allein ein, und in der Mitte des Salons bemerkte ich einen großen Mann von martialischem und wohlwollendem Aussehen, der entblößten Hauptes aufrecht stand und den Großkordon der Ehrenlegion über seiner Brust trug. Ich ging auf ihn zu und verneigte mich tief. Er ging mir entgegen. Ich hielt nur eine kleine Rede, die unter den Augen des Herrn Thiers vorbereitet war. In der Rede sprach ich von der Loyalität, mit der ich mich bemühen würde, die friedlichen Beziehungen zwischen beiden Völkern wieder an- zuknüpsen, und sagte: ,Mn Friede mit Ehren ist ein wesentliches Gut für die Völker*. Beiden Worten „Loyalität* und „Ehre* neigte der Kaiser als Zeichen der Zustimmung leise den Kopf. Dann sagte er: „Alle diese Empfindungen sind auch die meinigen. Ich werde versuchen, Ihnen den Aufenthalt in Berlin so angenehm wie möglich zu machen.*
Nach dem Kaiser ging der Botschafter zur Kaiserin Augusta. Diese war besonders liebenswürdig und lud Herrn Gontaut-Biron entgegen der Etikette zum Sitzen ein. Sie sprach mit ihm von seiner Familie und seiner Mutter und sagte dann: „Offenbar haben Sie ein Opfer gebracht, als sie den Berliner Botschafter-Posten annahmen. Aber Sie haben Recht gethan, und Sie können auf mich zählen, ich werde das Meinige thun, damit sie Ihren Entschluß nicht zu bereuenhaben.* DerKronprinz that dem Botschafter gegenüber Aeußernngen, welche eine wahre Friedensliebe athmeten.
Abend-Ausgabe
Zur Lage in England.
Unser Londoner n-Korrespondent schreibt aus London, 29. Juli: Da nun die Wahlen diese Woche endlich zum Abschluß kommen werden und die bisherigen Resultate berfdben den Ministeriellen bereits eine größere Majorität im Unterhause geben, als irgend einer Partei seit 63 Jahren zu Gebote stand, so sieht man jetzt mit einer gewissen Ungeduld der Eröffnung des Parlaments entgegen. Man möchte nämlich in erster Linie aus dem Munde Balfours, des Führers der Unionisten, von seinem Platze im Unter- Hause aus erfahren, wie seine Partei die außerordentlich grotze Macht zu benutzen gedenkt, mit der sie von den Wählern betraut worden ist. Das Verlangen erscheint umso berechtigter, als das Kabinett weder bei seinem Amtsantritt noch im Laufe der Wahlen ein Programm offenbarte, sondern sich auf die Erklärung beschränkte, mit Vorsicht und Ueberlegung auf Mittel und Wege sinnen zu wollen, durch die der »othleidenden Landwirthschaft, sowie dem großen Heer der Arbeitslosen geholfen werden könnte. Eine solche allgMeine Aeußerung bedeutet indeß natürlich wenig oder gar nichts. Sie wurde aber auch seiner Zeit kaum beachtet und noch weniger bekrittelt. Die Radikalen scheuten sich nämlich, den Punkt der „Versprechungen* zu berühren, weil sie ihre Niederlage zum großen Theil dem Umstand zuschreiben, daß sie selbst in den entgegengesetzten Fehler verfielen, indem sie zu viel versprachen und zu wenig hielten, und was die Wählerschaft betrifft, so verlor dieselbe in der Aufregung über den Kampf der Parteien an der Wahlurne aUen Sinn für Erwägungen der politischen Zukunft desLandes. Im Weiteren ist es auch hohe Zeit, das Interregnum zu beenden, damit die fast zahllosen Angelegenheiten, welche sich beim Auswärtigen Amte in jüngster Zeit ansammelten, erledigt werden können. Die Konservativen widmen sich ja immer mit besonderer Vorliebe der internationalen Politik. Mit andern Worten, sie sind stets geneigt, sich in alle Vorgänge zu mischen, gleichviel in welchem Theile der Welt sie sich zutragen mögen. Wenn also die Radikalen in den inneren Verhältnissen zu viel auf einmal reformiren und umstürzen wollten und dadurch ihre Niederlage herauf- befchworen, so steht zu befürchten, daß die Unionisten dieselbe rastlose Thätigkeit in äußeren Angelegenheiten zur Schau tragen werden. So gelang es Salisbury bereits, das Nationalgefühl der Brasilianer dadurch in hohem Grade zu verletzen, daß er die anscheinend ganz unnöthige, militärische Besetzung der Insel Trinidad anordnete. Brasilien erbliöstdarin eine Verletzung seiner Selbständigkeit,und die Sache gab nicht nur Anlaß zu patriotischen und anglophobischen Reden in der Deputirtenkammcr in Rio de Janeiro, sondern gefährdet obendrein die Sicherheit der in Brasilien wohnenden Engländer und ganz besonders die der dortigen diplomatischen Vertreter Großbritanniens. Nach den letzten telegraphischen Nachrichten muß in Rio und in Sao Paulo nun eine ungeheure Aufregung herrschen. — Nicht ohne wesentliche politische
Politische Tages-Kund schau.
— Zur Frage der Rentengüter schreibt die offiziöse „Berliner Korrespondenz*:
„Die bei NentengutSbildimgen seither gemachten Erfahrungen haben ergeben, daß die Vorbedingungen für die Lebensfähigkeit der Rentengütcr mit größerer Beachtung der örtlichen Verhältnisie be- urtheilt werden müsse». Unter diesen Vorbedingungen sind es namentlich folgende, die einer besonders sorgfältigen Prüfung bedürfen: Die Größe der Rentengiiter mit Berücksichtigung der bestehenden Bodenvertheilnng in der betreffenden Gegend, die zweckmäßige Zusammensetzung der Kulturarten und der Bodengattungen für da« einzelne Rentcugut, der Umfang und die Bauart der erforderlichen Wohn- und Wirthschaftsgcbäude, der Umfangdes zur wirthfchaf t- lichen Ausstattung des NenteuguteS nothwendigeu lcbeudcn und tobten Inventars, die Angemessenheit der Kaufpreise, die Höhe der Betriebsmittel für die erste Einrichtung des Rcutenguts. Die Prüfung dieser Vorbedingungen lag bisher an erster Stelle den Kommissaren ob, es kann jedoch von ihnen zumal bei der Ausdehnung des Gcschäftsbezirks einzelner Kommissionen nicht unter allen Umständen eine so eingehende Kcnntniß der örtlichen Verhältnisse vorausgesetzt werden, wie sie in der betreffenden Gegend angesessenen, mit dergleichen landwirthschastlichen Fragen beruflich befaßten Personen beizuwohnen pflegt. Die Erfahrung solcher Personen nutzbar zu machen, liegt im Interesse einer gedeihlichen Entwickelung der Rentcugutsbildungen. Der Landwirthschaftsminister hat daher bestimmt, daß fortan bei Begründung von Rentengütern gemäß §12 deS Gesetzes vom 7. Juli 1891 die Kommissare der Regel nach über ave den wirthschastlichen
Bestand der Rcntengüter bedingenden Verhältnisse, insbesondere über die oben hervorgehobenen Punkte sich des Bciraths derjenigen Personen zu bedienen haben, die der Generalkommission auf ihr Ersuchen von den Vorsitzenden der Krcisausschüffe als hierfür geeignet werden bezeichnet werden. Aus dem nämlichen Gesichtspunkte erscheint es zweckmäßig, den KreiSausschüsscn eine Betheiligung als begutachtende Organe, vornehmlich bei Koloniebildungen, in Renten- gutssachen im Nahmen des für letztere geltenden Auseinandersetzungs- Verfahrens cinzuräumen. Die Generalkommifflonen sind daher mit entsprechenden Anweisungen versehen worden.*
— Wo die modernen Waaren-Bazare auskommen und nicht nur die kleinen Leute, sondern auch einen großen Theil aller Geschäfte überhaupt aufsaugen, indem sie Waaren jeder Art theilweise zu billigen Lockpreisen anbieten, da finden sie wachsende Anfeindung bei der übrigen Geschäftswelt und erregen auch starke Bedenken bei dem ernsten Sozialpolitiker. Der Senat von Illinois hat einen Gesetzvorschlag angenommen, wonach irgend ein Geschäftsladen, in dem mehr als eine Gattung von Waaren feilgeboten wird, als ein Gemeinschaden angesehen und demgemäß von der betreffenden Behörde behandelt werden soll. Die Volksvertretung war noch nicht in der Lage, über diesen Gesetzentwurf zu berathen. Begründet wird er mit Hinweis auf die Ergebnisse einer Untersuchung über die Rückwirkungen der großen Waaren-Bazare, die nicht dem allgemeinen Wohle dienten, die vielmehr zur Errichtung von Monopolen und zur Unterdrückung der Konkurrenz führten.
— Die italienische Kammer war gestern wieder einmal der Schauplatz großer Lärm au ft ritte. Die „Franks. Ztg.* berichtet darüber:
Während der Schlußberathung des Budgets des Schatz- ministcriums griff Jmbriani die Civilliste an und erregte dadurch großen Lärm. Der Präsident vereitelte geschickt eine Katastrophe. Gegen 5 Uhr begann die Berathung des Budgets des Innern. Die Linke hatte kurz vorher in einer Versammlung beschlosst», an der Berathung nicht theilzuuehmen, da gegen Cnspi ein Prozeß angestrengt sei. Der Sozialist Vandemini begann die Diskussion, indem er erklärte, auch feine Partei enthalte sich der Berathung, da der Minister des Jnnem angeklagt fei. (Unterbrechung.) Der Prozeß sei gesetzmäßig im Gange. Crispi ruft: Es ist kein Prozeß, es ist eine Infamie. Hierauf erhebt sich Crispi und sagt: Meine Gegner berufen sich auf das Land. Das Land ist mit mir, es ist befragt worden und hat zu erkennen gegeben, daß cs nicht auf der Seite der Gegner der Regierung stehe. Jeder Versuch meiner Gegner wird scheitern. Nach dieser Red' veranstaltet die Linke einen feierlichen Auszug, nur Bovio bleibt zurück, er mißbilligt es, daß die äußerste Linke ihre Plätze verlassen hat. Er hätte gewünscht, daß alle Angehörigen der Oppositionsparteien auf ihrem Platze geblieben wären. Crispi: Der Krieg seiner Gegner richte sich nicht gegen ihn, sondern gegen die Institutionen des Landes. Redner pries dann ferne Leistungen, daß er Ordnung geschaffen und die Anarchisten niedergcworfcn habe. Seine Lage sei schlimmer als die eines Galeerensklaven, mir aus Pflichtgefühl harre er auf seinem Posten aus. (Beifall.) Rudini: Ueber die Moralfrage werde er nicht sprechen, nur über die konstitutionelle Regierung. Diese habe die Verfassung verletzt. Er stimme gegen das Budget. Nicolini: So lauge Crispi sich von den gegen ihn erhobenen Anklagen nicht reinige, stimme er gegen das Budget. Crispi (den Redner unterbrechend): Die Anklagen sind das Werk von Vcrläumdern. Nicolini: Gott sei Dank giebt es noch Richter! Da auch die Rechte größtcn- theils aus dem Saal gegangen ist, wird die Generaldiskussion geschlossen. Hieraus wird eine Crispi freundliche Tagesordnung Solaris durch Aufstehen fast aller Anwesenden angenommen. Es folgt bann die Spezialdisknfsion mit Eilziigsfchnelligkeit, so daß bei
zu der jungen Großmacht im fernen Osten scheint der Umstand zu sein, daß Japan den Pariser Banken, die die Emission der großen von Rußland garantirten chinesischen Anleihe übernahmen, den Auftrag ertheilte, den ganzen Erlös der 400 Millionen Francs an die Londoner Bankiers des Mikados auszuhändigen. Die Regierung in Tokio verzögerte auch die Erfüllung verschiedener Bedingungen, die ihr von Frankreich und Rußland auferlegt wurden, sobald sie erfuhr, welchen Verlauf die englischen - Wahlen nahmen. Der Sultan verläßt sich ebenfalls auf das Wohlwollen Salisburys und beeilte sich deshalb, einen außerordentlichen Gouverneur für Armenien zu bestellen, der das Vertrauen des hiesigen Premiers genießen soll, sowie ferner, die armenischen politischen Verbrecher zu begnadigen. Diese verschiedenen Vorgänge mögen an sich befriedigend sein, doch sind sie gleichzeitig dazu geeignet, die englischen diplomatischen Beziehungen zu den Pariser und St. Petersburger Kabinetten zu erkälten und dadurch eine internationale Spannung hervorzurufen, die, wenn sie auch keine unmittelbare Gefahr in sich birgt, doch die bisherige Zuversicht auf den ferneren Bestand des Weltfriedens erschüttern muß. Die Börse ist in dieser Hinsicht am feinfühlendsten. Sie ließ denn auch bereits den Kurs der englischen Kousols um 1'/« pCt. fallen. Allerdings stand derselbe ja ganz unverhältnißmäßig hoch, was indeß die ungemeine Billigkeit des Geldes und der Ueberfluß des Anlage suchenden Kapitals rechtfertigte. Die Regierung wird aber nun in Bälde dem Parlamente Erklärungen wegen ihres Verhaltens abzugeben und ihre künftige auswärtige Politik in Einklang mit den Ansichten des Unterhauses zu bringen haben, doch müssen immerhin noch fast drei Wochen verlaufen, ehe die neuen Kammern zusammentreten können. Bis dahin herrscht jedoch Lord Salisbury auf eigene Faust.
„Unsere beiden Länder haben einen furchtbaren Aderlaß erlitten,* sagte er. „Jetzt müssen wir den Frieden aufrecht erhalten.* — „Wir haben einiges Verdienst, indem wir den Frieden wollen,* antwortete der Botschafter. „Denn dieser Frieden kommt uns theuer zu stehen. Aber er ist nützlich für Deutschland wie für Frankreich.* — „O ja, et ist gut für alle Welt*, warf die Kronprinzessin ein, indem sie „eine sauste Energie* in ihre Worte legte. Nur über Einen beklagt sich Gontaut-Biron in feinen Aufzeichnungen: über Bismarck. Diesem wirft er üble Laune und bösen Willen vor. Der Kanzler hatte den Botschafter empfangen „mit einer Brüskerie, der er den Anschein der Kordialität geben wollte*. Aber nach der ersten Audienz war er unsichtbar geworden. Gontaut-Biron behauptet, „systematisch* an den Minister des Auswärtigen, Herrn von Thiele, verwiesen worden zu sein, der „niemals* genügende Vollmachten gehabt habe, um die schwebenden Fragen zu lösen.
Eines Tages fügte es der Zufall, daß bei einem offiziellen Mahle der Botschafter neben dem Kanzler zu sitzen kam. Gontaut-Biron beschloß, die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen und die Frage der Kriegsgefangenen aufs Tapet zu bringen. Herr de Broglie erzählt darüber Folgendes an der Hand der Aufzeichnungen des Botschafters:
Man weiß, daß sein wenig einnehmendes Aussehen und die Riesenstatur, mit der er den zu ihm Sprechenden beherrscht, die Einleitung eines Gesprächs mit Bismarck immer erschweren. Herr de Gontaut-Biron entschloß sich trotzdem, diesmal sein Herz zu erleichtern. Aber nur mit großer Mühe kam er zum Ziele. Denn sein Tischnachbar, der jedenfalls sah, wo er hinaus wollte, schnitt ihm absichtlich das Wort ab durch einen langen Monolog über die beste Art, den Wein zu bereiten, und er behandelte dieses Thema mit einem unversieglichen Wort-
