Wiesbadener TagbM
48. Jahrgang.
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Dienstag, den 30. Juli.
Uo. 350
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
1895
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe.
Zur Kage in Bulgarien.
Das Berliner „Kleine Journal" veröffentlicht das Interview seines nach Sofia entsandten Spezial-Berichterstatters mit dem bulgarischen Finanzminister Geschow. Der Bericht ist Sofia, 26. Juli, datirt und lautet:
Der Leiter der bulgarischen Finanzen wohnt ganz in der Nähe des fürstlichen Palais in einem stattlichen zweistöckigen Hause, von dessen Fenstern man einen hübschen Ausblick auf die Ebene von Sofia und den hochragenden Witosch genießt. Dnrch die freundliche Vermittlung des Ministerpräsidenten Stoilow war ich auch mit Herrn Geschow bekannt geworden und gestern Morgen erhielt ich von diesem ein sehr liebenswürdiges Kärtchen mit der Aufforderung, ihn um elf Uhr Vormittags in seinem Hause aufzusuchen. Auf einer breiten, mit blühenden Topfgewächsen geschmückten steinernen Treppe steigt man zu den im ersten Stock gelegenen Wohnräumen hinan. Ein Diener führt mich in ein geräumiges, zweifenstriges Zimmer, wo ich einige Minuten auf den Hausherrn warten muß. Ein freundlicher Salon — der Berliner würde ihn vermuthlich die „gute Stube" nennen —; eine rothbraune Ripsgarnitur mit den obligaten sechs Fauteuils, an den Wänden Familienphotographieen, ein Pianino mit einer Menge Noten auf einem Ständer daneben, auf kleinen Tischchen eine Anzahl Nippes — es fehlt nur noch die „Servante" mit den geblümten Porzellantassen und dem Silberzeug, um den etwas altmodischen, aber unendlich ge- müthlichen Eindruck einer deutschen Bürgerwohnung mit täuschender Aehnlichkeit wachzurufen.
Die Thür vom Korridor öffnet sich und herein tritt ein kleiner, hagerer Mann mit kurz geschnittenem grauen Kopfhaar und gleichfalls schon ergrautem Knebelbart. Es ist Herr Geschow. Er trägt einen einfachen grauen Sommeranzug, und das gelbliche Gesicht zeigt einen etwas müden und leidenden Ausdruck. WiemirHerrGeschowgleichdarauferzählt.haterseitgestern mit ziemlich heftigem Fieber zu kämpfen, weshalb er auch an den beiden letzten Sitzungen des täglich versammelten Ministerrathes nicht theilnehmen konnte.
Das Gespräch lenkte sich zunächst auf die gegenwärtige Lage Bulgariens, über die Herr Geschow, trotz der „Mnements däplorables“ vom letzten Sonnabend, sehr zuversichtlich denkt. Er sowohl, wie neulich Herr Stoilow, betonte ausdrücklich, daß die bulgarische Deputation, die in diesen Tagen von Petersburg aus wieder in Sofia eintrifft, durchaus d’accord mit der Regierung gehe. Er erklärte es als absolut unrichtig, daß die maßgebenden Kreise Rußlands Herrn Klement in einen gewissen Gegensatz zu den übrigen Mitgliedern der Deputation gebracht und eigentlich nur ihn als den berufenen und Rußland genehmen Vertteter Bulgariens behandelt hätten. Der Czar habe die gesammte Deputation, nicht bloß Herrn Klement allein empfangen. Für Bulgarien sei
die endliche Anerkennung des Fürsten Ferdinand durch Rußland eine Nothwendigkcit, die immer dringlicher werde, und nach der nahe bevorstehenden Rückkehr der Deputation werde sich ja zeigen, welche Früchte sie gezeitigt. Auch die Unruhen in Macedonien flößen Herrn Geschow keine Besorgnisse ein. Die Nachrichten über alle möglichen Gefechte, die von dem hiesigen macedonischen Comitö verbreitet würden, seien durchaus übertrieben, und, wie schon so oft, werde die Bewegung auch diesmal im Saude verlaufen. Als ich das Gespräch auf die Armee brachte und von den Gerüchten sprach, wonach ein bedeutender Bruch- theil des Offizier-Corps dem Fürsten Ferdinand sehr wenig geneigt sei, meinte Herr Geschow, auch das fei Alles leeres und unbegründetes Gerede. Die Offiziere dächten in ihrer überwiegenden Mehrheit gar nicht daran, sich überhaupt um Politik zu bekümmern, denn sie hätten damit bei der Entfernung des Fürsten Alexander doch gar zu traurige Erfahrungen gemacht.
Nach diesen aktuellen politischen Betrachtungen kam Herr Geschow auf die finanzielle Lage Bulgariens zu sprechen. Er gedachte dabei zunächst Stambulows: „Es ist gewiß wahr, man soll von den Tobten eigentlich nur Gutes sprechen, aber ich muß doch konstatiren, daß Stambulows Einfluß auf die finanzielle Entwicklung des Landes kein heilsamer gewesen ist. Er machte bei jeder Gelegenheit rücksichtslosesten Gebrauch von extraordinären Krediten, die in der Zeit seiner Regierung auf mehr als hundert Millionen Francs anschwollen. So oft er Geld brauchte, ließ er einfach neues Geld prägen und brachte es damit so weit, daß das Goldagio zuletzt auf die unnatürliche Höhe von nenn Prozent hinanfgeschraubt wurde. Erst jetzt nähern wir uns in diesen Beziehungen wieder normalen Verhältnissen. In den vierzehn Monaten, seitdem Herr Stoilow und das jetzige Ministerium am Ruder sind, haben wir noch nicht einen Centime außerordentlichen Kredits verlangt und gebraucht. Ich habe den Versuch gemacht, durch die Einführung indirekter Steuern die bulgarischen Finanzen zu regeln und zu heben. In unserem Budget figuriren die Einnahmen ans direkten Steuern jetzt mit 42 Millionen Francs, die Erträgnisse bet indirekten Steuern mit 22 Millionen. Die Erfahrungen, die wir mit diesem Systemwechsel in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres gemacht haben, waren allerdings nicht sehr er- muthigcnd, denn die Erträgnisse der indirekten Steuern sind in diesem Zeitraum erheblich hinter den Voranschlägen zurückgeblieben. Das ist aber hauptsächlich auf den Umstand zurückzuführen, daß es schon seit dem Oktober vorigen Jahres bekannt war, die Steuern und Zölle würden vom 1. Januar an für die verschiedensten Erzeugnisse und Maaren erheblich erhöht werden. Infolge dessen wurden noch in den letzten beiden Monaten des vergangenen Jahres Maaren in gewaltigen Mengen über die Grenze hereingeschafft, sodaß in den darauf folgenden Monaten der Import naturgemäß bedeutend sinken mußte. Ich bin jedoch überzeugt, daß diese
Verhältnisse sich am Schluß des Jahres vollständig zu unseren Gunsten geändert haben werden."
Herr Geschow leitet bekanntlich nicht allein die bulgarischen Finanzen, sondern er steht auch an der Spitze der Ressorts für Handel und Laudwirthschaft. Und auch auf diesen Gebieten ist et mit redlichem und rastlos schaffendem Eifer bemüht, die friedliche Entwicklung des Landes zu fördern und gedeihlichen Zielen entgegenzuführen. Diese ruhige und wahrhaftproduktive Arbeit ist für Bulgarien jedenfalls nützlicher und fruchtbringender als die geräuschvollen politischen Deklamationen, mit denen die Gcmüther nur erregt und die Parteien gegeneinander gehetzt werden. Herr Geschow erzählte mir, daß er eine ganze Reihe von Gesetzen durchgebracht habe, mit deren Hülfe Bulgarien mehr und mehr auf die Stufe der übrigen Kulturnationen gehoben werden solle. „Nons ne sommes pas un peuple de sauvages,“ meinte er lächelnd, „wenn auch eine gewisse Presse diese Anschauung nach wie vor in Europa zu verbreiten sucht. Ich habe Handelskammern ins Leben gerufen, ich habe umfassende Vorkehrungen getroffen, um den heimischen Ackerbau und die heimische Industrie zu heben. Und die Früchte zeigen sich schon jetzt, denn es find in Bulgarien eine ganze Menge Fabriken entstanden, und Handel und'Wohlstand heben sich zusehends. Außerdem habe ich zur Regelung der Kreditverhältnisse unserer Bauern und Geiverbetreibeudeu im Lande in den särnmtlichen zweiundsechzig Arrondissements, indieBulgarien getheilt ist, Bankstellen eingerichtet, die mit eigenem Kapital arbeiten und zugleich mit der bulgarischen Nationalbank hier in Sofia in regelmäßiger Verbindung stehen. Gerade diese Einrichtung hat sich für die Hebung des Unternehmungsgeistes in den Provinzen als ganz besonders vortheilhaft erwiesen."
Herr Geschow macht den Eindruck eines außergewöhnlich intelligenten und klarblickenden Mannes, der zugleich mit warmem Herzen auf die gedeihliche Fortentwicklung seines Vaterlandes bedacht ist. Da dem Leidenden das anhaltende Sprechen augenscheinlich physisches Unbehagen verursachte, so kürzte ich unsere Unterredung möglichst ab und verabschiedete mich schon nach einer halben Stunde von dem bulgarischen Finanzmiuister. Ich habe jetzt binnen wenigen Tagen die beiden maßgebenden Intelligenzen der augenblicklich am Ruder befindlichen bulgarischen Regierung kennen gelernt. Die Geschicke des Landes befinden sich bei ihnen offenbar nicht in schlechten Händen. Gelingt es ihnen nun auch noch, mit starkem Willen der Bande von Hetzern Herr zu werden, welche die Mehrheit des bulgarischen Volkes lerrorifiren möchte, so dürfte sich die Weiterentwicklung Bulgariens sehr wohl auch ohne gewaltsame Eruptionen und innere Kämpfe vollziehen.
* * *
D.B.H. Kerliu. 30. Juli. Der Sofiaer Korrespondent der „Volfischen Zeitung" hatte eine Unterredung mit dem liberalen Parteiführer Radorlawow. Dieser erklärte die gegenwärtige Lage als das Land und die Krone gefährdend und beftritt das Vorhandensein der zwingenden Volksstimiuung zum Anschluß an
(Nachdruck verboten.)
Der Thurklopfer in England.
(Eigener Bericht.)
W. London, 29. Juli.
Daß Loudon teilte schöne Stadt ist, steht wohl bei Allen, mit Ausnahme bet Eingeborenen, benen der Lokalpatriotismus dieselbe in prächtigeren Farben erscheinen läßt, fest, und doch sind es eben gerade die Farben ober vielmehr dn Mangel derselben, in der Luft sowohl als an den Gebäuden, durch welchen die Metropole ihr düsteres, ungemüthliches Gepräge erhält. Allerdings kommt auch noch hinzu, daß der Engländer zwar behauptet, sein Haus sei seine Burg, aber nicht das Geringste dafür thut, um ihm ein großartiges Aussehen zu verleihen. Obgleich man dem Briten durchaus nicht zum Vorwurf machen kann, es fehle ihm an Gemeinsinn, sieht er eS doch nicht für seine Pflicht an, etwas zur Verschönerung der Stadt beizuttagen, indem er sein Haus äußerlich schmückt; nur daß es drinnen bequem und behaglich sei, ist die Aufgabe, die dem Architekten gestellt wird und die dieser auch meistens recht gut erfüllt. WaS Paris sein vornehmes Gepräge verleiht, sind die prächtigen monumentalen Bauten, das schöne Material, aus welchem diese hergestellt werden; Wien besitzt Straßen, in denen ein Palast sich an den anderen reiht; Berlin setzt seinen Stolz darein, sich mit originellen, oft freilich etwas zu buntbemalten, allzu vergoldeten Häusern zu schmücken, die aber, wenn sie auch im Einzelnen manchmal gegen den guten Geschmack sündigen, doch die Stadt belebt und abwechslungsreich gestalten. In London nichts von alledem, ein Haus reiht sich an daS andere, seinem Nachbarn so ähnlich, daß man glauben könnte, an jeder Seite der Straße ziehe sich nur ein langes, niedriges, kasernenartiges Gebäude hin.
gab jedoch eine Zeit, wo der Brite wenigstens auf einen Gegenstand etwas gab, der zur Außenseite seines Hauses gehört, und das war der Thürklopfer. Einen möglichst schönen und originellen „Knocker“ zu besitzen, war einst der Ehrgeiz jedes Hauseigenthümers; zwischen den Be
wohnern derselben Straße herrschte eine Art Rivalität in Bezug auf dieselben, und Derjenige, dessen Thür der prächtigste und besonders eigenthümlichste Klopfer gierte, genoß dadurch ein gewisses Ansehen. Heutzutage ist das aber nicht mehr der Fall, Knockers giebt es zwar nach wie vor, aber man kümmert sich nicht mehr um die Form derselben, ja viele sind nicht mehr wie einst in leuchtendem Messing, sondern schwarz angestrichen, damit das Sauberhalten weniger Mühe verursache. Dies beweist schon, wie wenig Beachtung dem Thürklopfer noch geschenkt wird, und daß er nur noch als ein nützlicher Gegenstand und nicht mehr als ein Schmuck des Hauses gilt.
Infolge dieses Umschwungs in der Mode hat sich die Zahl der Artikel, die entgegen allem gesunden Menschenverstand für einen Theil des Menschengeschlechts eine so große Anziehungskraft besitzen, daß sie nie genügend davon haben kann, in England um einen verringert. Die Großväter der heutigen Briten nahmen, wenn sie zuerst in eine öffentliche Schule gesandt wurden, eine möglichst große Menge von Thürklopfern mit, und wer gar keinen oder nur wenige aufzuweisen hatte, war als eine „Milchsuppe" verachtet. Die Zahl allein aber that nicht Alles; Knockers roaren Trophäen und, wie bei all solchen, erzielte Der die höchsten Ehren, der sie mit größter Gefahr errungen. Wenn noch ein Stück der Thürfüllung daran hing, so war dies ein besonderes Glück, denn dadurch konnte man doch klar beweisen, daß der Klopfer nicht gekauft, sondern erobert worden. Ein kleiner, dünner Knocker erbrachte wenig Ansehen, denn man schloß daraus, daß nur Mädchen in dem betreffenden Hause dienten, und diesen Trotz zu bieten, dazu gehörte wenig Muth; aber ein vierpfündiger setzte schon männliche Dienstboten voraus und ein fünfpfündiger einen eigenen Portier, der sich beständig im Hausflur aufhält und der daher eine drohende Gefahr bedeutete. Sehr schön und künstlerisch ausgeführte Knockers wurden gleich Schätzen behütet; der Kenner seufzte nach ihnen wie jetzt ein Bibliophile nach der seltenen Ausgabe eines Buches, das zu erwerben die Umstände ihm nicht gestatten.
Die Vorliebe für das Sammeln von Klopfern fand auf sehr prosaische Weise ein Ende. Einem mehr praktisch als heroisch angelegten Polizisten ging plötzlich die originelle Idee auf, daß das Abreißen und Sich-aueiguen von Thürklopfern nicht mehr und nicht weniger als Diebstahl sei, und er arretirte daher die Helden, welche auf solche Eroberungen ausgingen. Die Richter schlossen sich seiner Ansicht an, die Sache wurde lächerlich und unangenehm und so dieses Raub- ritterthum zu Grabe getragen. ,
Ist aber der Knocker fein Beweis mehr für die soziale Stellung des ursprünglichen und keiner des Heldenthums für den sich ihn aneignenden Besitzer mehr, so hat sich seine Zahl doch nicht verringert, und fast jede Hausthür Londons weist einen solchen auf. Das Geräusch, welches man mit demselben hervorbringt, ist zwar nichts weniger als melodisch und entschieden unangenehmer als das unserer modernen Klingeln, trotzdem muß der Thürklopfer als eine sehr bequeme Einrichtung gelten ober ist hier wenigstens zu einer solchen gemacht worden. Je nach der genau vorgeschriebenen Art des Klopfens erkennen nämlich die Bewohner beS Hauses, wer es ist, ber da Einlaß begehrt, b. h. ob ein Gast, ber Briefträger ober ein eine Waare abliefernder Bote aus einem Geschäft. Letzterer giebt nur einen, ber Briefträger einen Doppelschlag, ein Gast dagegen läßt dem erstmaligen, etwas kräftigen kurz hintereinander mehrere zartere Schläge folgen, und giebt es auch hierin noch feinere Nuancen, aus benen man merkt, ob ber Besucher männlichen ober weiblichen Geschlechts sei. In einem Schlag mit dem Knocker liegt eben Charakter, und mit feinem Gehör Begabte lernen in Bezug auf ihre häufigeren Gäste erkennen, wer da kommt, und können ihr Gesicht danach in die nöthigen Falten legen, ihm einen kälteren ober herzlicheren Ausdruck geben. Die elektrische Klingel gewährt diesen Vortheil nicht; für Vornehme und Geringe, Gerechte und Ungerechte läutet sie mit demselben Ton, und so werden wohl die Briten ihren Knocker beibehalten, bis vielleicht Edison eine Klingel erfindet, die Den, welcher sie zieht, zugleich abkonterfeit und so noch einen besseren Anfz schluß über feine Persönlichkeit ertheilt als ber Klopfer.
