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WitMkmr (LagliLitt.

48. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». — BrzugS-Prri-r 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

Verlag: Langgaffe 27.

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1895

Montag, den 29. Iutt

Ms. 348

BezirkS-Fernfprecher No. 52.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe.

Die GrtreldeproduKtion.

Die Getreidebörse macht augenblicklich Schwankungen durch, die ihre Ursache kaum in den realen Verhältnissen haben können. Eine Preisbewegung beim Getreide nach unten, wie sie dieser Tage eingesetzt hat, widerspricht Allem, was, abgesehen von der Spekulation, bezüglich der Getreide­preisbildung zur Zeit in Betracht kommt, d. h. der augen­scheinlichen Abnahme der vorhandenen Vorräthe und den Ergebnissen der neuen Ernte. In letzterer Beziehung ist z« den bereits vorhandenen Momenten, welche auf eine künftige Preissteigerung Hinweisen, leider auch eine Ver­schlechterung der Aussichten für die diesjährige ein­heimische Ernte getreten. Der „Reichsanzeiger" hat vorgestern, wie mitgetheilt, die amtliche Uebersicht deS Saatenstandes im ganzen Reich für Mitte Juli veröffentlicht. Dieselbe thut dar, daß sich bei den Hauptgetreidearten im Vergleich zum Juni eine weitere, wenn auch nicht gerade bedeutende Verschlechterung der Ausfichten vollzogen hat, so daß besten Falles auf eine Mittelernte zu rechnen ist. Für Deuffchland steht mithin im Vergleich zum Vorjahr ein stärkerer Bedarf an ein­geführtem Getreide in Aussicht. Das Gleiche ist aber der Fall bei den übrigen wichtigsten Getreide-Einfuhrländern, namentlich in Frankreich, welches statt einer sehr guten Ernte im Vorjahr nur eine Mittelernte zu erwarten hat, «nd in England, wo die Ernte in diesem Jahr sogar unter mitte! bleiben dürfte. Diesem verstärkten Bedarf wird, «nd daS ist die Hauptsache, ein vermindertes An­gebot von Seiten der Ausfuhrländer gegenüberstehen. Dte Ursachen desselben find theils stetige, theils zufällige, vorübergehende. Die besten Kenner der Getreide-Weltwirthschaft sind sich längst darüber klar, daß die Zeit der Getreide-Ueberschüsse der Hauptausfuhrländer rascher beendet sein wird, als gemeinhin angenommen wird, und daß die Getreideernte der Erde thatsächlich auf dem besten Wege ist, unter den Getreidebedarf der Völker herab­zufinken. Die Abnahme der Getreideproduktion zeigt sich namentlich in den Vereinigten Staaten Nordamerikas und Ungarn. Neben der wachsenden Bevölkerungszahl wirkt dort auch das Steigen der Produktionskosten. Die ursprüng­liche- Kraft des jungfräulichen Bodens ist im Raubbau er­schöpft; die angebaute Fläche erfordert eine intensivere Arbeit. Eine weitere Ausdehnung der Extensiv-Wirthschaft verbietet aber der Mangel an geeigneten Verkehrswegen, der Mangel an Arbeitskräften. Diesen dauernden Ursachen der Steigerung der Getreideproduktionskosten wird sich also in diesem Jahre ein schlechterer Ernteausfall in den Exportländern zugesellen. Eine auf amtlichen Quellen beruhende statistische Aufstellung des russischen Finanzministeriums über die voraussichtliche Weizenernte dieses Jahres thut dar, daß die Vereinigten Staaten durch einen Rückgang der Ernte von über mittel im Vorjahr auf mittel einen Ausfall von 6 bis 7 Prozent, Ostindien durch

einen Rückgang von mittel auf unter mittel einen solchen von 8 Prozent, Argentinien bei einer Mittelernte statt einer vorzüglichen im Vorjahr ein Minderergebniß von 25 bis 30 Prozent, Ungarn bei einer Mittelernte statt einer guten ein solches von 6 bis 7 Prozent zu verzeichnen haben werden. Rußland selbst wird statt einer sehr guten nur eine Mittelernte, Rumänien statt einer guten Ernte ebenfalls nur eine Mittelernte in Weizen haben. Die ganze Weizenernte der Ausfuhrländer läßt sich nur als Mittel­ernte taxiren. Der Ausfall bei den zuerst aufgeführten fünf Exportländern wird im russischen Finanzministerium auf mindestens 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr geschätzt, was annähernd dem durchschnittlichen Jahresbetrage der Weizenausfuhr Rußlands oder der Vereinigten Staaten gleichkommt. Was dieser Ausfall bei einem gleich­zeitig gesteigerten Bedarf der Einfuhrländer bedeutet, liegt auf der Hand. Die noch vorhandenen starken Vorräthe der vorigen Ernte reichen zur Deckung nach Ansicht des russischen Finanzministers nicht entfernt aus. Die Richtigkeit dieser letzteren Ansicht möchten wir allerdings stark bezweifeln. Wenn die diesjährige Getreideernte den Weltbedarf an Brodfrncht nicht deckt, so müssen natürlich die vorhandenen Vorräthe der vorjährigen Ernte heran- gezogen werden. Das müßte eine Lichtung der stets auf dem Weltmarkt vorhandenen Getreidereserve nach sich ziehen, und die Wirkung einer solchen Lichtung müßte sich selbst­verständlich in einer Preissteigerung äußern. Nach der Fest­stellung dieserGcsichtspunkte würde man mitBezug auf den gegen­wärtigen Preisrückgang des Getreides vor einem Räthsel stehen, wenn die Erfahrung nicht lehrte, daß die Spekulation gerade zu der Zeit, wo die einheimische Ernte eingebracht wird, der Bauer also meist seine Ernte zu verkaufen sucht, durch ein momentan starkes Heranholen der vorhandenen überseeischen Vorräthe den Preis zu drücken in der Lage ist. Wir be­gnügen uns mit dieser Feststellung, behalten uns aber vor, die Frage näher zu untersuchen, ob und wie die deutsche Landwirthschaft sich gegen derartige Einflüsse schützen kann.

Politische Tagrs-R«ndschau.

— Neue Anklagen Cavallottis gegen Crispi. Die römischen Blätter „Don Chisciotte" und „Messaggero" veröffentlichen den Anhang zu Cavallottis Anzeige gegen Crispi, den Cavallotti dem Staatsanwalt übergeben hat. Die neue Anzeige behauptet, Crispi habe das Herzsche Ordensdekret vom König „erschlichen" und die Sache so eingerichtet, daß es aussah, als hätte der König Herz aus eigenem Antriebe dekorirt. So habe Crispi seine eigene Person durch die Person des Königs gedeckt. Crispi habe das Dekret — und nicht eine Kopie desselben — noch an dem­selben Tage an Herz abgesandt, obschon der König es durch Rattazzi dringend zurückfordern lieft. Dies sei eine Hinter­ziehung von Staatsdokumenten, gegen welche die Dokumenten­hinterziehung Giolittis zurücktrete. Cavallotti fragt schließ­lich , wo die von Reinach durch Crispis Ver­mittelung dem Pensionsfonds des Mauritiusordens überwiesenen, aber von diesem nicht angenommenen sechzigtausend Francs hingekommen seien. Er, Cavallotti,

könne dem Untersuchungsrichter hierüber allerlei Dinge er­zählen. Sodann fordert Cavallotti die gerichtliche Ver­nehmung Rudinis, des früheren königlichen Hausministers Rattazzi und des Großsekretärs des Mauritiusordens, Senators Berti. Bei seiner eigenen Vernehmung werde er, Cavallotti, noch weitere mündliche Mittheilungen machen. Inzwischen ist Cavallotti auf heute vor den Untersuchungs­richter geladen.

Deutsches Reich.

* Kof- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser ist Sonntag Abend, 7'/- Uhr, auf der Jacht „Hohenzollern", gefolgt von dem Kreuzer „Gefion", in Kiel eingetroffen. Die Strandbatterieen von Friedrichsort, sowie die im Hafen liegenden Schiffe feuerten Salutschüsse ab. Der Kaiser reiste 10 Uhr 25 Min. nach Wildpark weiter, wo er heute früh ciutraf. — Die kaiserlichen Prinzen besuchten am Sonntag unter Führung des Fürsten von Hohenzollern von Sigmaringen aus die Stammburg Hohenzollern.

Ausland.

* Kelgien. Aus Brüssel, 28. Juli, wird berichtet: Seit 8 Uhr Morgens treffen hier zahlreiche Züge von Liberalen und Sozialisten ein, um gegen das Schulgesetz Protest zu erheben. Ueberall ist Polizei ausgestellt, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. In der Umgebmig der „Maison du Penple" herrscht lebhafte Bewegung. Bis jetzt ist keinerlei Zwischenfall zu verzeichnen. — Die streikenden Kohlenarbeiter in Ostricourt haben, nachdem ihnen gewisse Zugeständnisse gemacht worden sind, die Arbeit wieder ausgenommen.

* Italien. In der Depntirtenkammer beantwortete der Minister des Aenßern, Baron Blanc, die Anfrage, betreffend die grausamen Mißhandlungen italienischer Unter« thanen Seitens der chilenischen Polizei in Santiago, und erklärte, entgegen den ersten Nachrichten scheine nach der eingeleiteten Unter­suchung die Annahme wahrscheinlich, daß die Gerüchte von Geißelungen falsch seien. Die Untersuchung dauere indeffen noch fort; nach Abschluß derselben werde darüber berichtet werden.

* Rußland. Der Kaiser und die Kaiserin find au» Kraßnoje« Selo nach Peterhof zurückgekehrt. — Die bulgarische Depu­tation ist in Kiew eingetroffen und von den Mitgliedern der slavischen WohlthätigkeitSvereins am Bahnhof empfangen worden.

* Bulgarien. Ans Sofia, 28. Juli, wird gemeldet: Die „Agence Balcanique" meldet: Infolge einer in den Straßen an­geschlagenen Proklamation, in welcher die Bevölkerung zur Theilnahme an einer Gedächtnißfeier für die Opfer des Prozesse» Beltschew aufgefordert wurde, wohnte eine zahl­reiche Menge heute Vormittag aus dem erwähnten Anlaß dem in der Kathedrale abgehalteiien Requiem bei. Eine große Anzahl der Theilnehmer begab sich alsdann nach dem Friedhof, wo an den Gräbern der betreffenden Personen eine religiöse Ceremo nie stattfand. Unter den dort gehaltenen Reden wurde namentlich die des bekannten Zankowisten Stankiew benierkt, welcher das Regime Stambulows brandmarkte und der Regierung Lob zollte, welche die Politik der Annäherung an Rußland inaugurirt habe. Die Menge wollte hieraus am Grabe Stambulows eine Demoustratwn ver­anstalten, stand aber auf Verlangen der Polizei, welche umfassende Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte, davon ab. Ein Zwischenfall ist nicht vorgekommen.

♦ Griechenland. Die Kammer genehmigte da» Budget mit 111 gegen 1 Stimme. Die Opposition enthielt sich der Abstimmung. — Der König ist nach Aix-leS-BainS abgereist. Während der Dauer seiner Abwesenheit übernimmt der Kronprinz die Regentschaft.

* Rumänien. König Carol reist im Laufe der Woche ins Ausland. Er wird dem Kaiser von Oesterreich einen Besuch abstatten. Diesem Besuch wird eine große politische Bedeutung bei­gelegt. — Der rumänische Gesandte in Konstantinopel be­richtet, daß der größte Theil der gefangenen aufständischen

(Nachdruck verboten.)

Marienbader Modeplaudrret.

(Eigener Bericht de» „Wiesbadener Tagblatt".)

Marieubav, 24. Juli 1895.

Marirnbad hat feit Jahren keine so belebte Saison gehabt wie Heuer; früh um 6 Uhr am Kreuzbrunnen schon die großartigste Modeausstellung. Man muß jetzt netto 30 Minuten warten, bis man zur Quelle gelangen kann. In drei großen Kolonnen stehen die Männlein und Weiblein, Schritt für Schritt vordringend, sich die Zeit, bis endlich die Hebe das Gesundheit spendende Naß in die Becher stießen läßt, mit allerhand Betrachtungen kürzend. Die Damen haben selbstverständlich das Hauptinteresse für das, was Diese und Jene heute „anhaben". Da zeigte man mir eine wohlbeleibte Kurgästin, die ihre 125 kg aus Kalüttta hierher befördert, im weißen Cr6pe de Chine-Bleibe mit länger schwarzer Spitzenboa und großem Manilla-Hnt, den vorn echte Brillantschnallen zieren, dort eine interessante listtgländerin, die täglich in einem anderen blonden Bastkleide erscheint, das so blond wie ihr seidenweiches Haar ist und — ganz demiere mode — mit gelben, aus Rohseide ge­fertigten Spitzen umrandet ist, denen bald blaue, rottje, braune, schwarze, weiße, havannafarbige Bänder unterschoben find. Die Mehrzahl der jungen Damen tragen steife, weiße Piquö-, Leinen-, Mohair-, Peü de cherre-ftleiber mit breit abstehenden Zwickelröcken, Blousen mit farbigen Einsätzen und weißen Revers, weißen Gurtbändern, mit Stickereien gezierten Ballonärmeln, die älteren Damen Pongee-, Foulard-, Bast-, Creponkleider in allen Farben mit Jaquets und Mantelets von gleichem Stoff, der entweder gelocht oder 6 la Madeira gestickt ist.

Eigentliche leger sitzende Brunnen-Toiletten, wie sie in früheren Jahren üblich waren, sieht man selten. Schon in

aller Gottesfrühe der größte Putz, der den wirklich Leidenden den Kuraufenthalt thatsächlich verleidet. Auch die langen, recht bequemen Brunnenmäntel, unter denen man auch be­quemes Neglige-Kleid gelten lassen konnte, sind wie aus- gestorbe»; es wird von früh an fast darauf los geschnürt, und wenn auch die Blousentracht Vielen bequem erscheint, den wohlbeleibten Marienbaderinnen ist sie es nicht, denn Korsett und Untertaille müssen gerade bei ihrer Korpulenz doppelt fest und anliegend sein, sonst ist die Blousen­tracht für sie absolut unverwendbar. — Die einfache Morgen­tracht besteht aus Piqnö- ober Alpaccakleidern mit kurzem Jaqnet, dem ein angeschnittener Zwickelschooß eine oft ganz unnöthige Rundung verleiht; vorn eingeschobenes Chemisett aus Seiden-Mouffeliue und Valenciennes, auS Cr6pe indäplissable ober ans steifgestärkter, farbiger Leinwand mit kokett geschlungenem Herrenschlips montirt. Solcher Plastrons kann man, will man nur einigermaßen fesch aussehen, nicht genug haben; sie werden zu den kurzen Enton- Jäckchen, zu offenen Jaquets, zu Capes rc. getragen, mit Brillantknöpfen vorn geschlossen, zu beiden Seiten von Moirö-Revers begrenzt. Weißer Moit« wird für dieses Genre viel verwendet, auch Moire-changeant, der im Grundton zu Rock und Aermeln passen muß. Die Taille ist zumeist abstechend gewählt, mit Mull, Spitzen, Tüll, Gaze bekleidet oder durchwegs ä jour gestickt. — Es ist nichts Seltenes, daß man schon ftüh hellseidene, wie für die Gesellschaft gearbeitete Kleider sieht, indeß Damen, die sich zu kleiden verstehen, verzichten darauf, ihre Faschings­garderobe hier aufzutragen; ein einfaches, aber bequem und modern gearbeitetes Leinenkleid sieht ftüh eleganter aus, als eine abgediente Moire-antique-9tobe, deren Machart, trotz Plisse-Jabot und eingesetzten Ballonärmeln, daran erinnert, daß sie bereits etliche Gesellschafts-Kampagnen mitgemacht.

Der zum Mittagskonzert bei der Waldquelle übliche Puh beschränkt sich in diesem Jahre auf Toiletten aus löcherig gesticktem Mull mit farbiger Unterlage, auf weiße Kaschmir- Kleider aus gewelltem Seidenkrepon, der in allen Farben, in Rosa, Hochroth, Cerise, Blaßblau, Kaiserblau, Olive, Cröme, Orange, zur Geltung kommt. Inmitten dieses dunkelgrünen Waldidylls wirkt die Farbenpracht der Toiletten wahrhaft faszinirend. Die großen, fesch gebogenen, reich mit hochstehenden Blumen und Febern garnirten Florentiner- Hüte passen trefflich zu den phantastischen Roben, die für schöne, elegante Erscheinungen ein wirkungsvolles Relief bilden, aber minder von der Natur Begabte oft abschreckend häßlich er­scheinen lassen. Indeß, das sicht man nicht oder will es nicht sehen, und so kleidet sich Alles, Alt und Jung und Schön und Häßlich nach einer Schablone, eine Unmanier, die nirgends krasser als gerade hier in der Region der Vollwichtigen zu Tage tritt. — Sieht man da beispielsweise Tag für Tag eine Dame in Begleitung ihrer bereits hcirathsfähigen Tochter in Hellen, auf Taille gearbeiteten Seidenkleidern, Taille ddcolletee mit Spitzenchemisett, das den fleischigen Hals durchschimmern läßt, — Ceinture von Silber- oder Goldband zum Mindesten einen Meter weit, Rundhut mit wallenden Federn je zu der Farbe des Kleides passend, Gazeschirm in gleicher Nuance ober pour comble de luxe Schmuck in so reicher Fülle, baß man — eine arme Familie zehn Jahre damit ernähren könnte.

Ohne Schmuck nach Marienbad zu kommen, ist über- Haupt sehr gewagt. Ich glaube, es wird Einem weniger verübelt, wenn man ohne Hemd, denn ohne Brillant- BontonS ausgeht. Erzählte mir doch da allen Ernstes eine junge Frau, die ich sonst stets in Begleitung ihres Gatten auf der Promenade gesehen, ihr Mann sei eilig nach Hause gegangen, et müsse ihr ihre Brillant-Ohrringe, die sie in der Eile anzulegen vergeffen habe, holen; sie wolle, bis er