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1893

Samstag, den 27. Inli

Po. 346

Bezirks-Fernsprecher Wo. 52.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Abend■Ausgabe

seinem Whiskyglase, schob ein neues Stück Primtabak zwischen

tftuicill &LHJl!OiyyiU|C/ jUJVV Vl»l HVUW ^lUU. ^lUlllUVUl JIVIIUJVH die Lippen und begann in seiner schwerfälligen Weise: „Vor etwa zwölf Jahren oder so, im Sommer, war's, daß

Napoleon sagt:

„Preußen, dem wir seit 1866 die versöhnlichsten Gesinnungen bezeugt hatte», hat von unserem guten Willen, von unserer Lang- mulh keine Notiz genommen Die glorreiche Fahne, welche wir wieder einmal Denen gegenüber entfalten, die uns fordern, ist dicselbe,welche durch ganz Europa die civilisatorischen Idee» unserer großen Revolution trug.--

Franzosen! Ich bin im Begriff, mich an die Spitze dieser tapferen Armee zu stellen, welche durch Pflichtgefühl und Vaterlandsliebe beseelt ist; sie weiß, was sie werth ist, denn sie hat gesehen, wie in vier Wclttheilen sich der Sieg an ihre Schritte heftete. Ich führe meinen Sohn mit mir; ungeachtet seines jugendlichen Alters kennt er die Pflichten, welche sein Name ihm auferlegt, er ist stolz, auch seinerseits theiluehmen zu dürfen an deuGesahrenDerjenigen, welche für dasVaterland kämpfen. Gott segne unsere Bemühungen! Ein großes Volk, welches eine gerechte Sache vcrtheidigt, ist unbesieglich!"

Ein Mann schnitt nahe der Grenze bei Saarbrücken Korn und wollte .sich beim Nahen der F.anzosen flüchten. Diese riefen ihm jedoch in Elsässer Mundart zn, er möge bleiben und ihnen um Gottes willen für Geld, welches sie ihm boten, Nahrungsmittel verschaffen, sie seien am Ver­hungern; es würde gar nicht für sie gesorgt. Da Forbach dicht an der Grenze liegt und Metz in anderthalb Stunden zu erreichen ist, so kann man sich einen Begriff der dort herrschenden Ordnung machen. Selbst unter den Soldaten, welche in Gersweiler waren, trugen einige Holzschuhe. Zwei Herren, welche gestern noch Saargemünd passirten, können nicht genug davon sagen, wie trostlos es mit der Equipirung der aus dem Innern anlangenden Regimenter aussehe. Di« Uniformen defekt und vor Allem das Schuhwerk in einem nicht zu beschreibenden Zustande; die Schuhe mit Bindfaden geheftet, Holzschuhe sind die Regel.

wem „Präsident" wieder einmal seine Fahrt machte. Und eine gute obendrein. Einmal nur war die See etwas böse, eS ist mir das in Erinnerung, da wir, etwa einhundert Meilen vom Lande, ein kleines Segelboot aufnahmen mit nur einem, noch dazu recht schlecht verproviantirten Insassen, der auf die offene See verschlagen worden war. Ungefähr eine halbe Stunde nach diesem Er- cigniß wurde ich benachrichtigt, daß einer der Passagiere mich in sehr wichtiger Angelegenheit unter vier Augen zu sprechen wünsche. Gleich darauf trat er in meine Kabine. Em kleines, mageres, verhutzeltes Männchen, das wie ein Schneider aussah und das meiner Beachtung an Bord bisher völlig entgangen war; freilich war es auch in jeder Weise unbedeutend genug, jetzt aber malte sich in seinem Gesicht eine Todesangst und Verzweiflung, die höchst auf­fallend war. Natürlich dachte ich, er sei betrunken und thatsächlich auf „dem Sprunge", wie die Aankees sagen, was so viel als delirium tremens bezeichnet."

„WeU, mein Mann, was giebt's?" sagte ich mit Strenge, „wir haben bald Land in Sicht und ich keine Zeit weg­zuwerfen."

Berlin. Am 2. August, Vormittags 10 Uhr, ist das kleine Detachement in Saar­brücken von drei feindlichen Divisionen angegriffen und die Sradt mit 23 Geschützen be­schossen worden. Um 12 Uhr wurde die Höhe des Exercir- platzes, um 2 Uhr die Stadt von dem Detachement geräumt und der Rückzug nach der nächsten Station angetreten. Die Ver­luste sind verhältnißmäßig ge­ring. Nach Aussage eines Gefangenen war der Kaiser der Franzosen um 11 Uhr vor Saarbrücken eingetroffen.

Weitere in Berlin einge­gangene Nachrichten melden: Ungeachtet des Feuers einer bedeutenden Artillerie ver­blieben unsere Vorposten in ihrer Stellung bis zur vollen Entwickelung des Gegners. Erst als dieser drei Divisionen entwickelt hatte und vorging, räumte die schwache preußische Vorposten - Abtheilung die Stadt und nahm dicht nörd­lich derselben eine neue Beobachtungsstellung.

(Nachdruck verboten.)

Der unheimliche Koffer.

Mach den Erlebnissen eines Kapitäns.

Von Ernst Thomas-Balham.

„Zum Wetter, man soll es nicht berufen,, aber auf meinen langen Fahrten habe ich Glück, viel Glück gehabt, und mein „Präsident Lincoln" hat stets sein Ziel erreicht, ohne je Schaden genommen zu haben. Nur einmal, ja, da dachte ich, wäre der Zauber unseres Glückes gebrochen."

„Erzählt, Kapitän, wie war's?"

Der alte Seebär nahm einen tüchtigen Schluck aus

„Das ist ganz richtig, Kapitän," antwortete er mit zitteriger Stimme und stark amerikanischem Accent, „aber Ihre Zeit wird noch kürzer werden, als Sie denken, wenn Sie nicht auf das hören, was ich Ihnen zu sagen habe. Sie werden überhaupt das Land nie wieder sehen, wenn Sie sich nicht entschließen, nach den Aufschlüssen, die ich Ihnen leben geben will, zu handeln. Versäumen Sie es — so ist Ihr Schiff" — er sah nach seiner Uhr — „genau in anderthalb Stunden auf dem Grunde des Meeres."

„All right, mein Mann," sagte ich, „Sie können gehen. Ich will Ihnen den Schiffsarzt senden, daß er nach Ihnen sieht", denn ich glaubte natürlich, er rede irre.

Was bis jetzt als bloße Angst auf seinem Gesicht sich zeigte, wurde plötzlich Todesschrecken — echter widerlicher Schrecken, wie ihn kein Schauspieler darzustellen vermöchte. Er warf sich auf die Knie, und die Hände angstvoll haltend, flehte er mich an, seine Worte nicht mit Ungläubigkeit auf­zunehmen.

„Warum sprechen Sie auch solch verdammten Unsinn über mein Schiff!" antwortete ich.,

„Weil es wahr ist, Kapitän," stöhnte er. „Es ist Dynamit an Bord und ein damit verbundenes Uhrwerk. So wahr ich lebe, wenn nicht sogleich nach dem Dinge gesehen wird, so wird das Schiff mit allen seinen Passagieren an Bord innerhalb der erwähnten Zeit in Atome zersprengt sein."

Ich gestehe, daß ich bei diesen Worten einen kalten Schauer über den Rücken rieseln fühlte, denn noch vor nicht langer Zeit hatte solch eine Katastrophe, wie die, deren er erwähnte, in — ich glaube — Bremerhaven staltgefunden und alle Schiffskapitäne, wie mich selbst in Schrecken ver­setzt. Irgend ein niederträchtiger Schurke halte einen Dampfer schwer versichert und sich das Mittel zu seiner Zerstörung während der Fahrt verschafft, ganz auf dieselbe Weise, nur war die höllische Maschine auf dem Kai schon gesprungen und hatte Dutzende von Menschen gelobtet, den Erfinder mit ihnen.

Paris. In der Schlacht bei Saarbrücken blieben auf unserer Seite 11 Todte, worunter 1 Offizier. Die Division Froffard kämpfte gegen drei preußische Divi­sionen. Saarbrücken ist theil- roetfe niedergebrannt. Die Mitrailleusen brachten eine außerordentliche Wirkung her­vor. Eine feindliche Ab­theilung wurde durch Mitrail­leusen mit Verlust der Hälfte ihrer Leute gesprengt, einer anderen feindlichen Abtheilung erging es ebenso; Bazainc hatte einGcfecht mit Plänklern, von denen mehrere getöbtet wurden. Die Höhen von Saarbrücken sind jetzt im Besitze der Franzosen, welche die Eisenbahn (am rechten Saarufer) bis nach Trier be­herrschen. Es wird versichert, daß zwischen Saarlouis und Saarbrücken250,000Preußen stehen.

30. Juli. Aus französischen Blättern: „France": „Die deutschen Soldaten müssen durch Gendarmen ins Treffen geführt werden. Bei der Landwehr ist diese Maß­regel fast immer nothwendig. Die Landwehr, der Mehrzahl nach Familienväter und Feiglinge, haben sehr oft Lust, ihre Gewehre wegzuwerfen und davonzulaufen." — „Figaro": „Die Preußen haben Furcht, große Furcht; denn wir sehen aus den Berliner Blättern, daß allein in der letzten Woche 211 Berliner am Durchfall gestorben sind. — Extrablatt in Paris: „Schlacht bei Thionville. Großer Sieg der Franzosen. Chassepot hat Wunder gewirkt. Ehe die Preußen einen Schuß abfeuern konnten, lagen sie schon hingestreckt wie die Siebten durch die Sense des Schnitters. Die Preußen verloren 7000 Todte und 15,000 Verwundete."

31. Juli. Paris. Nie zuvor ist in Frankreich ein Krieg mit geringerem Enthusiasmus oder mit größerem Mißtrauen ausschließlichen Erfolg unternommen worden, als der gegenwärtige. Die Massen auf den Boulevards, welche ausriefen, wie glorreich es sei, fürs Vaterland zu sterben, sind verschwunden. Die Truppen, welche durch Paris marschiren, um nach dem Kriegsschauplatz zu gehen, durch­ziehen die Straßen ohne Kundgebung. Hier und da sicht man Gruppen von Soldaten, die im Begriff sind, sich ihren Regimentern anzuschließen, sie sind in der Regel alle be­trunken, die Müßiggänger starren sie an und zucken die Achseln. Paris bietet einen Anblick, der nicht melancholischer sein könnte, wenn die Preußen schon vor den Thoren ständen. Der Enthusiasmus unserer „Patrioten" ist höchst bedenklicher Art, er ist eine Maskerade, welche durch die Bonapartistische Polizei organisirt wird und bei der in erster Linie die

Aus großer Zett.

(Zeitungsstinrme» aus dem Jahre 1870.)

28. Juli. Auf dem Kriegsschauplätze naht die furchtbar ernste Stunde, in welcher sich die Armeen zum ersten Male messen werden. In Berlin hat man darauf aufmerksam gemacht, daß die deutschen Heere zum Angriff übergehen

unb in Frankreich einmaschiren werben, unb seit bem 27. Juli ist ein lebhaftes Vorgehen ber französischen Truppen gegen bie Pfalz zu beobachten. Die feinblichen Truppen stehen an manchen Punkten sich so nahe gegenüber, daß ein Schuß, das Plänkeln von Patrouillen und Vorposten einen größeren Kampf Hervorrufen kann. Den Kaiser Napoleon, liest man, hat sein altes unaussprechliches liebel geschlagen, er konnte noch nicht zum Heere reisen. Der Herzog von Nassau hat sein 1866er Kreuz würdig und still getragen, heute verleiht ihm das deutsche Volk seinen hellsten Ehrenstern. Kaiser Napoleon schrieb ihm: „Stelle Dich unter meinen Schutz, ich gebe Dir Dem Land wieder." Der Herzog schrieb zurück: „Ich weiß, was ein deutscher Fürst seinem Vaterlande schuldig ist", und stellte sich sofort sammt seinem Halb­bruder, dem Prinzen Nicolas, dem Bundesoberfeldherrn zur Verfügung. — Graf Beust hat eine nachdrückliche Verwarnung an den Exkönig von Hannover in Gmunden erlaffen, alle feindseligen Agitationen gegen Deutschland einzustellen. — Italien rüstet gewaltig und allem Anschein nach — gegen Deutschland. Der Preis, den Napoleon für das Bündniß Italiens gezahlt hat, ist Rom. Die Franzosen räumen Rom. Die Italiener schicken den Franzosen ein Heer zur Hülfe. Dieser Vertrag soll so gut wie ab­geschlossen sein.

29. Juli. König Wilhelm und auch Napoleon haben Ansprachen an ihre Völker gerichtet.

Verlag: Langgafse 27.

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„Gott im Himmel, Mann! sagt mir Alles," schrie ich, „unb rasch!"

„Nein, das kann, das darf ich nicht," flehte er, „wenn ich nicht Ihr feierliches Versprechen habe, daß Sie mich nicht verrathen. Ich weiß, Sie sind ein Mann von Wort, und das genügt mir, Sie müssen mir versprechen, daß, was auch geschehen möge, Sie niemals auf unser jetziges Gespräch anspielen wollen oder es zu meinem ober Anberer Nachtheile mißbrauchen."

„Well,“ sagte ich, „ich verspreche. Wo aber ist bas ver­fluchte Dynamit?"

„Einen Augenblick, Kapitän, da Sie der Vernunft Gehör gegeben, haben wir ja noch Zeit genug, unb ich muß

Ihnen erst beweisen, baß ich, obwohl ich einst dem Satan mein Ohr geliehen, bereue und das Geschehene gern un­geschehen machte. Das Schiff ist in London — ganz gleich, wo unb wie — mit einer ungeheuren Summe versichert — und ich wurde überredet, es zum Sinken zn bringen. Ich brachte bie Maschine, bereit Uhrwerk genau auf biefen Tag gestellt ist, — Sie machten bie Fahrt rascher, als wir glaubhaft hielten, — in einem kleinen rinbsledernen Hand­koffer nach Liverpool, — unb er würbe noch bie« selbe Nacht an Bord geschafft. Es war ausgemacht worden, daß ich mit Ihnen absegeln unb Acht haben sollte, daß kein Hemmniß bie Ausführung bes Planes vereitele. Aber ich schwöre Ihnen, baß ich nicht sobalb bett Fuß aufs

Deck gesetzt hatte, als ich mich schon von Rene ergriffen fühlte. Ich wollte bas Gepäckstück in meine Kajüte gebracht haben, — fragen Sie nur Ihre Leute, ob es nicht so ist, — um eS bei erster Gelegenheit über Bord zu werfen. Aber matt hatte den Koffer bereits in den Gepäckraum geschafft, wo er freilich bei bem anberen Gepäck zu liegen bestimmt war. Es ist ein kleiner Handkoffer von Rindssell und sie hätten ihn mir ebenso gut in meine Kabine geben können."

Die Angst war aus bet Stimme des Menschen sofort,

Wilhelm sagt:

„Ich bin gezwungen, infolge eines willkürlichen Angriffs das Schwert z» ziehen, um denselben mit aller Deutschland zu Gebote steheude» Macht abzuwehren. Es ist Mir eine große Be­ruhigung vor Gott und den Menschen, daß Ich dazu in keiner Weise Anlaß gegeben habe. Ich bin reinen Gewissens über den Ursprung dieses Krieges und der Gerechtigkeit unserer Sache vor Gott gewiß. Von Jugend auf habe Ich vertrauen gelernt, daß an Gottes gnädiger Hülfe Alles gelegen ist. Auf Ihn hoffe Ich, und fordere Ich Mein Volk auf zu gleichem Vertrauen."

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48. Jahrgang.

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frechste Prostitution ber Marseillaise figurirt. , Dirnen von ber Art ber Mabemoiselle Theresa entweihen in ben (Safe» Chantants bas Lieb, mit bem einst eine Rachel bie Herzen bes Volkes zu entflammen wußte. In ben Lokalen ber Demimonbe veranstaltet man „patriotische Bälle unb tanzt patriotische Kaukans, bie trikolore Kokarbe vertritt die Stelle bes Feigenblattes.

3. August.

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