Wiksbsökner TsgM.
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K-. 340.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Mittwoch, den 24. Juli.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
1895.
(Nachdruck verboten.)
Ans dem Londoner Saison-Leben.
(Von unserem eigenen Korrespondenten.)
Landon, 21. Juli.
Mit der Londoner Saison geht es jetzt zusehends und schnell bergab. Was sie uns im Augenblick noch bietet, ist mehr ein eigenartiger Uebergang vom Stadt- zum Landleben, ich möchte beinahe sagen: ein großstädsisches Landleben, ein London auf dem Lande. Zwar giebt es noch manchen großen Ball, manche dinner parties, und auch die italienische Oper ist noch nicht geschlossen, aber es ist doch jetzt mehr die Zeit großartiger garden parties, Lawn-Tennis-Tourniere und Croquet-Gesellschaftcn. Ja, es ist wieder auferstanden, dieses Altweiber-Spiel. Croquet ist wieder Mode geworden, obschon wir doch nun das Lawn-Tennis haben, gegen das eS unstreitig noch weit zurücksteht.
Jetzt ist aber vor Allem auch die Zeit der erlesenen Cricket-Matches. Cricket wird zwar den ganzen Sommer hindurch gespielt. Aber Anfang Juli ist die Zeit des großherrlichen, großstädtischen Crickets. Da entsenden die Universitäten Oxford und Cambridge ihre elf hervorragendsten Spieler auf Lord’s Cricket Ground, sich in der Reichshauptstadt miteinander zu messen. Dasselbe geschieht auch vor Allem Seitens der aristokratischen Schulen von Eton und Harrow. Und alle Welt muß dabei sein. Vor Allem auch die lieben Schwestern — Mütter und Großmütter und Cousinen und der Cousinen Cousinen. Keine Dame, „die etwas auf sich hält", darf beim University Match — oder ’versity Match, wie es mit sportsmännischer Kürze heißt — fehlen, vorausgesetzt nur, daß sie „was anzuziehen hat", und diese leidige Klage ertönt bekanntlich am lautesten bei Denen, deren Truhen und Garderobe- 1
räume am reichlichsten gefüllt sind, bei denen das „Was" denn gewöhnlich bedeutet: etwas, das sie nie zuvorgetragen haben. Ja, so sind die Engländerinnen nun einmal. Oder kennt man das auch anderswo?
Aber was für einen erbaulichen Putz sie denn auch mit sich bringen! Welch ein Leben auf grünem Rasen! Und wie der Champagner strömt! Denn hier bringt man den ganzen Tag zu. Also muß man hier doch auch Erfrischungen einnehmen, ein Picknick Herrichten! Da tönt plötzlich ein vieltausendhändiges Beifallklatschen über die weite Rasenfläche und mahnt uns, warum wir eigentlich hier sind. Einer der Jünglinge hat den Ball besonders kunstgerecht getroffen. Welch eine Begeisterung! Und wie nun die Stifte der Berichterstatter über das Papier fliegen! Morgen steht's in allen Zeitungen zu lesen, was der junge Mann Großartiges geleistet! Glücklicher junger Mann!
Da lernt man denn auch verstehen, was für ein gar großer Mann ein Cricketspielcr sein kann. Und so giebt es im Augenblick hier keinen populäreren Mann als den Cricket-Veteranen Dr. Grace, der, trotzdem er jetzt 47 Jahre alt ist, zum zweihundertsten Male in seinem Leben über hundert „runs“ gemacht hat. Was das eigentlich heißt, mag zwar Mancher, der davon spricht, selbst nicht recht wissen, aber es mag uns genügen, daß es eine ganz ungewöhnliche Ballkünstler-Leistung ausdrückt, und so sann man denn auch auf eine ganz ungewöhnliche Auszeichnung für den Cricket-Doktor. Die Einen wollten ihn, den „Abgott der englischen Jugend", allen Ernstes in den Ritrerstand versetzt wissen, und als die Königin und ihre verantwortlichen Minister die Sache nicht ganz mit denselben Augen ansehen wollten, nahm eine hiesige Zeitung die Auszeichnung in die Hand, indem sie eine Sammlung zu einer nationalen Ehrengabe für Grace veranstaltete, die innerhalb einiger Wochen bis-
Abend-Ausgabe.
Kür August und September!
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Die Lage in Europa.
Alle die zahlreichen Artikel, welche in den jüngsten Tagen in der deutschen Presse die Erinnerungen an die glorreichen Jahre 1870 und 71 feierten, gedachten mit freudiger Genugthuung der Thatsache, daß jener Zeitraum den Frieden in Europa gefestigt, daß manche Wunde in jener langen Zeit geheilt und vernarbt sei, und daß zur Zeit die Ruhe und der Frieden Europas gesicherter seien denn je. Wenige Tage nur vergingen, und schon wurde mancher jener Propheten an seiner Prophetengabe irre. Der französische Chauvinismus, der von dem bei den Kieler Festen geholte» Nationalfieber noch nicht ganz genesen war, konnte sich, nervös erregt durch das deutsche Vorgehen gegen Marocco, einiger kleinerer Tobsuchtsanfälle nicht enthalten. Das im Allgemeinen — soweit dies bei französischen Blättern überhaupt angebracht ist — ernst zu nehmende „Journal des Debats" erging sich in einer Auslassung gegen Deutschland, deren naive Unverschämtheit nur übertroffen wurde durch bodenlose Unkenntniß aller diplomatischen Gepflogenheiten, von der jener Artikel strotzte. Die Auslassung des „Journal des Debats" rief eine Anzahl heftiger Entgegnungen in der deutschen Presse hervor, nicht zum Wenigsten von Seiten Derer, welche kurz vorher sich in Hymnen über die Sicherheit des Friedens ergangen hatten.
So aufrichtig wir den Frieden lieben, so sehnsüchtig wir wünschen, daß er unserem Lande für immer erhalten bleibe, so eindringlich predigen doch allezeit die Ereignisse — und am eindringlichsten oft dann, wenn es am wenigsten erwartet wurde — die traurige Lehre, daß alle Fortschritte der Kultur, alle Bemühungen der Diplomaten wie der Völker selbst keine völlig unbedingte Bürgschaft für die Sicherheit des Friedens geben. Haben doch gerade die jüngsten blutigen Ereignisse in Bulgarien gezeigt, wieviel des Zündstoffs in Europa aufgehäuft ist und wie leicht der Funke auffliegt, der jene Zündmasse zur Explosion bringt.
Wenn wir diese für jeden Freund des Friedens betrübende Thatsache feststellen, so geben wir deshalb die
Hoffnung auf einen dauernden Frieden nicht auf, aber wir verkennen nicht, daß die Unvollkommenheit der Dinge dieser Welt uns gebieterisch zwingt, die Möglichkeit eines Krieges stets im Auge zu behalten. Daß der Friede dauernd uns erhalten bleibe, darauf bauen wir „trotz alledem". So ernst die Ereignisse in Bulgarien sich anlassen, einen Grund zu kriegerischen Konflikten bieten sie nicht. Ob der Koburger sich des übrigens zweifelhaften Vergnügens, Fürst von Bulgarien zu sein, noch lange erfreuen wird, das ist nicht unzweifelhaft. Vielleicht hat der Fürst, dem man nicht übermäßigen Muth nachsagt, einige Bedenken,
den sicheren Aufenthalt am Karlsbader Brunnen mit dem ungemüthlichen in Sofia zu vertauschen. Der Mordwaffen giebt es in Bulgarien, trotz des ganzen Arsenals, das die merkwürdigen Mörder Stambnlows auf der Mordstälte deponirten, noch genug, und die Anhänger Stambulows wissen den Dolch nicht minder zu schwingen, als seine Feinde. Falls aber der Fürst diese begründete Abneigung gegen die Abreise von Karlsbad hegen sollte, was dann? Kann er das Land dauernd vom Brunnen aus regieren? Werden die Bulgaren sich dauernd mit einem Fürsten begnügen, der das Bild des an der Quelle sitzenden Knaben bietet? Die Entscheidung ist für den Fürsten keine leichte. In Karlsbad läuft er Gefahr, den so sauer erworbenen Thron, der ihn sehr viel Geld gekostet hat, in Sofia, das noch unersetzlichere Leben zu verlieren. Wer eine solche Wahl hat, der hat doppelte Qual. Doch wie auch des Koburgers Entscheidung ausfallen möge, und wie die Ereignisse in Bulgarien sich gestalten mögen, sie geben, dafür werden die Bemühungen der europäischen Diplomatie sorgen, keinen Anlaß zu Befürchtungen für den Frieden Europas. Hat doch Rußland, das unter einer schweren wirthschaftlichen Depression leidet, das Japan und nicht minder England in schwer gereizter Stimmung sich gegenübersieht, die allergrößte Veranlassung, jegliche kriegerische Verwicklung sorgfältig zu vermeiden.
So wenig wie die bulgarische Krisis bietet daS Vorgehen Deutschlands gegen Marocco Anlaß zu irgend welchen Unruhen, trotz der Hetze französischer Blätter. Man darf eben an die französische und ganz besonders an die Pariser Presse nicht den Maßstab legen, den unsere Presse zu beanspruchen hat. Die französische Presse arbeitet für
Sensationsbedürfuiß der Leser, und sie ist nur zu vielfach skrupellos in der Wahl der Mittel und allzu frei von dem Gesühl der ernsten Verantwortlichkeit.
Die deutsche Regierung wird gegen Marocco alle die Maßregeln anwenden, die sie für richtig hält, und welcher 2trt dieselben auch sein mögen, „so hat sich doch" — wie es in dem bekannten studentischen Trutzliede heißt — „kein Mensch, kein Mensch darum zu kümmern". Die Erinnerungsfeier, die wir soeben begehen, enthält ernste Lehren, die auch jetzt noch berücksichtigt werden müssen. Der Krieg von 1870/71 hat gezeigt, wie schrecklich der Zweikampf zweier Völker bei der modernen Kricgstaktik sich gestaltet, wie schwer und nachhaltig die Folgen eines verlorenen Krieges sich gestalten, und wie furchtbar und unwiderstehlich ein Volk ist, auf dessen Seite das Recht ist und das in den Kampf zieht für die höchsten und heiligsten Güter, für sein Dasein und seine Ehre.
Politische Tages-Rundschau.
— Vorsicht! Es ist bekannt, daß die Entwicklung der deutschen Industrie in recht vielen Zweigen sowohl nach ihrer technischen wie volkswirthschaftlichen Bedeutung vom Auslande mit größter Aufmerksamkeit verfolgt und studirt wird. Neuerdings setzen ausländische Regierungen sogar Preise für solche Studienreisen nach Deutschland aus. In mehreren Fachblättern wird gegenwärtig beispielsweise darauf aufmerksam gemacht, daß die schwedische Regierung, um die Industrie ihres Landes zu heben, Techniker nach Deutschland sendet, welche diejenigen Industriezweige studiren sollen, in denen bis jetzt ein Import nach Schweden stattgefunden hat. Mit Recht knüpfen daran die „Berl. Pol. Nachr." folgende Warnung: „Es ist ja an sich recht erfreulich, wenn die deutsche Industrie so weit vorgeschritten ist, daß das Ausland sich an ihr ein Beispiel nehmen will, andererseits wird nicht verkannt werden können, daß ein möglichst großer Absatz die Mühe belohnen soll, welche die deutschen Industriellen sich bei der Hebung der betreffenden Berufszweige gegeben haben. Jede von außen herrührende Schmälerung des Absatzes muß demnach als eine Verkürzung dieser Belohnung angesehen werden. Es ist deshalb nur zu empfehlen, nicht jeglichen „Wissensdrang" zu befriedigen. Deutschlands Export würde eine Schmälerung schlecht vertragen, im Gegentheil, eine Erweiterung desselben würde recht nützlich wirken."
— Zur Lage auf der Balkanhalbinsel. Ein Leitartikel der „Nordd. Allg. Ztg." bespricht die politische Lage auf der Balkanhalbinsel und warnt mit Rücksicht auf die dortigen unfertigen Verhältnisse vor „allzu großen Befürchtungen". Auf alle Fälle fei Deutschland von den Vorgängen in Bulgarien nicht unmittelbar berührt, wenn auch immerhin durch das Interesse verbündeter und befreundeter Reiche Anlaß gegeben sei, der weiteren Entwickelung der Dinge mit Aufmerksamkeit zu folgen. Der hierbei eingenommene Standpunkt der gegenwärtigen Reichsregierung sei unverändert derselbe geblieben, wie er „von den früheren Leitern der deutschen Politik mit Bezug auf die inneren Angelegenheiten der Balkanstaaten charakterifirt wurde". Der „macedonischen Frage" legt die „Nordd. Allgem. Ztg." keine Bedeutung bei, da eine gegen die Türkei gerichtete aufständische Bewegung von keiner Seite her ans dem Auslande auf Unterstützung oder Begünstigung zu rechnen habe." Ein Anlaß zu irgend welchen Maßnahmen Deutschlands liege nicht vor; im Gegentheil könnte eine deutscherseits getroffene Vorkehrung bis jetzt unbegründete Beunruhigungen Hervorrufen und nähren.
— England und die Buren. Hände weg! sollte die deutsche Regierung der englischen zurufen, die durch Einverleibung des Amatongalandes und des Pongolandes die uns befreundeten Burenrepubliken vollends vom Meere abzudrängen versucht. Hände weg! Der Artikel 34 der Generalakte der Berliner Konferenz vom 26. Februar 1885 giebt uns dazu die Befugniß. Er lautet: „Diejenige Macht, welche in Zukunft von einem Gebiete an der Küste des afrikanischen Festlandes, welches außerhalb ihrer gegenwärtigen Besitzungen liegt, Besitz ergreift oder welche, bisher ohne dergleichen Besitzungen, solche erwerben
lang das erkleckliche Sümmchen von über 70,000 Mk. erreicht hat. Wo wäre der Mann, für den die Nation im Augenblick aus freien Stücken eine ähnliche Summe aufzubringen sich bereit finden würde! Und so ist es gewiß nicht zu viel gesagt, daß Grace gegenwärtig der populärste Mann in England ist.
Eine andere Art von Ballspiel übt um diese Jahreszeit in „Hurlingham" eine große Anziehungskraft aus, jenem höchst exklusiven Klub für Damen und Herren der vornehmen Welt, der inmitten prächtiger Gartenanlagen in dem Vorstädtchen Hulham gelegen ist. Es ist dies „Polo", eine Art Fußball zu Pferde, von dem herab vermittels eines langen Hammers der Ball geschlagen wird, wobei in dem oftmals unentwirrbaren Knäuel von Rossen und Reitern allerdings wohl auch einer der Mitspielenden und noch öfter ihre armen Pferde getroffen werden. Hurlingham ist das beliebteste Endziel der Paradefahrten der prächtigen Viergespanne, die sich oftmals in einer Anzahl von drei bis vier Dutzend im Hydepark versammeln und dann in langer, stattlicher Reihe diesem Klub zusteuern, wo das „Lunch“ eingenommen, vielleicht auch einem Polo-Match zugeschaut wird und wo vor Allem die prächtigsten Toiletten zur Schau gestellt werden.
Dazu bietet denn auch wieder der Rudersports eine gar günstige Gelegenheit, der während der Saison seine ganz besonderen Festlichkeiten mit sich bringt, wie die eben zu Ende gekommene großartige Regatta bei Henley. Dieser Ort ist zwar mehr als fünfzig Kilometer von London entfernt, aber gerade deshalb hält er die roheren Elemente der Reichshauptstadt fern, während für die höher gestellten Kreise eine Entfernung von fünfzig Kilometern nicht viel besagen will. Sie kommen vielfach für die ganze Regatta, also auf mehrere Tage, nach Henley und finden zum Theil in
