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VirsbÄkmr Tagblck.

48. Jahrgang.

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1895

Dienstag, den 23. Juli

N». 338

Bezirks-Ferufprecher No. 52.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

AbendAusgabe.

KerautivortUchKett der Gmisstonshanser.

Wir befaßten uns in einem früheren Artikel mit den Maßregeln, die gegen das Emporblühen des Staatsbankerott- Geschäfts vorgeschlagen werden, und wandten uns zugleich gegen die über das Ziel hinausschießenden Ansprüche, die hierbei an die Mitwirkung der Staatsgewalt gestellt werden. Es gießt nicht Wenige, welche kaltlächelnd verlangen, daß die Staaten gegen einen derartigen bankerotten Kollegen" ftisch, frei, froh, fromm einen Krieg eröffnen im Interesse der Moral, d. h. der geschädigten Gläubiger. Wir möchten derartige Forderungen, die immer häufiger auftreten, als anmaßend und unsinnig zurückweisen. Ts ist unsinnig, zu verlangen, daß ein ganzes Volk Gut und Blut einsetze, um einer Anzahl von Leuten, die aus reiner Gewinnsucht die hochverzinsten und dafür entsprechend unsicheren exotischen Anleihen kauften, ihr Geld zu retten. Wo hoher Gewinn, da hohes Risiko; der Staat aber ist nicht dazu da, Privatleute in unsicheren Geldgeschäften zu unter­stützen. Im Gegentheil, diese staatliche Sicherung der auswärtigen Kapitalsanlage würde eine Massenauswanderung des Kapitals herbeiführen, so lange der Zinsfuß im Auslande noch höher ist. Damit würde aber dem Heimathstaate selbst das Anlage werbende Kapital entzogen. Je kräftiger also der Staat fetae Kapitalisten bei ihren auswärtigen Borggeschäften schützt, umso weniger kann er daraus rechnen, daß dieses Kapital im Lande und da der heimischen Produktion und dem heimischen Staatsbedarfe zur Verfügung bleibe. Und je mehr Kapital den Finanzministern Serbiens, Griechenlands und anderer fremder Staaten zur Verfügung gestellt wird, umso höher muß der Zinsfuß für die eigenen Anleihe-Bedürfnisse des Reiches und seiner einzelnen Staaten gesteigert werden.

Es ist nun neuerdings zum Schutz gegen Staats­bankerotte ein anderer Vorschlag gemacht worden, über den sich eher diskutiren läßt, ja, der auf den ersten Blick sehr bestechend erscheint. Der Vorschlag geht dahin, die Emissions­häuser für die pünktliche Zinszahlung der von ihnen ein- giführten ausländischen Anleihen gesetzlich haftbar zu machen. Prinzipiell würden wir uns nicht einen Augenblick besinnen, diesem Vorschläge zuzustimmen. Das Bankhaus macht das Anleihegeschäft, um einGeschäft" zu machen. Ist das Risiko ein sehr großes, so ist es Sache der Bankleiter oder der Aktionäre, ob sie dasselbe auf sich nehmen wollen. Ungerecht aber erscheint es, daß die Bankhäuser den Vor- theil, das Publikum aber das Risiko tragen soll. Entweder erscheint der anleihebedürftige Staat sicher, dann kann den Lanken die Uebernahme der Bürgschaft nicht schwer fallen, oder er ist es nach der Ansicht der Bankgeschäfte nicht, er Serdient keinen Kredit, dann ist es unbillig, dennoch das Geschäft zu machen und dieProvision" einzustecken, dem Publikum aber unsichere Werthe anzubieten.

Wir hätten somit gegen diese Maßregel prinzipiell nichts einzuwenden, doch müssen wir auch die Kehrseite der Medaille, die praktischen Wirkungen jener Maßregel, hervorheben. Sollen die Bankhäuser die Garantie für die Anleihe über­

nehmen, so müssen sie selbstverständlich letztere zu einem höheren Kurse ausgeben, um ihr Risiko zu decken. Sie würden also den Ausgabekurs nm die Versicherungsprämie erhöhen, mit anderen Worten, cs würde damit für das Kapitalistenpublikum ein gewisser Versicherungszwang statuirt. Das Papier würde sich mithin betreffs seines Kurses von den sicheren inländischen Fonds wenig oder garnicht unterscheiden, also das wegfallen, was heute zum Erwerb exotischer Papiere veranlaßt. Die Emissionshäuser würden sich vielleicht durch Rückversicherung decken; dies vermag aber auch schon jetzt der einzelne Kapitalist zu thun, da manche Versicherungsgesellschaften die Versicherung für pünkt­liche Zinszahlung übernehmen.

Die Wirkung jener Maßregel wäre also die, daß die Verluste aufhörten, mit diesen freilich auch der hohe Gewinn. Wir würden Letzteres nicht beklagen, sondern mit den Wirkungen der Maßregel vollauf zufrieden sein, wenn die Sache nicht einen Haken hätte, und zwar einen recht großen. Wir setzten bisher voraus, daß die Bankhäuser im Stande sind, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Wer wollte aber im Ernste glauben, daß dies immer der Fall sein wird? Die soliden, gut fundirten Bankhäuser werden klug genug sein, nur einigermaßen gesicherte Anleihen zu übernehmen; die Staaten aber, in denenetwas faul" ist, werden sich an diefaulen" Bankhäuser wenden, die auf alle Fälle ein derartiges Geschäft, bei dem mit dem Risiko eben der Gewinn wächst, machen wollen. Mit dem Staatsbankerott wird dann der Bankerott des Bankgeschäfts zusammen­fallen. Staatsbankerotte pflegen sich doch stets nur bei allgemein schlechten, kreditlosen Zeiten zu ereignen; zu solchen Zeiten verlieren aber auch die größten Banken an Sicherheit; geschweige erst die kleinen, weniger soliden. Das Publikum ist dann so wie so hineingefallen; ja, durch die zweifelhafte Garantie der Banken wird die Verlockung, in auswärtigen Papieren zu spekuliren, umso größer.

Man sieht also, daß die Heranziehung der Emissions­häuser in der Praxis nicht geringen Bedenken unterliegt, ebenso wie alle die übrigen den Staatsbankerotten gegenüber vorgeschlagenen Maßregeln. Die Hauptsache wird immer bleiben, daß der Einzelne selbst i.ch bemüht,gescheidt" zu werden, und nicht vor lauter Gewinn die Gefahr übersieht, und daß die unabhängige Presse das Publikum rechtzeitig warnt. Gelegenheit zu diesem Liebesdienst der Presse gegen das Publikum bietet sich soeben, da man sich anschickt, den deutschen Geldmarkt mit einer chinesischen Anleihe zu be­glücken. Was dabei vonSicherungen" gesprochen wird, ist leeres Gerede; alle Verpfändungen bestimmter Ein­nahmen als Sicherheit für die Anleihe haben nicht mehr Werth als das Papier, auf dem sie geschrieben sind. Denn kein Bankhaus hat die Machtmittel, die Regierung an der Zerreißung der Verträge zu hindern, sobald sie diese nicht mehr erfüllen kann ober will. Das Publikum sei also hier­mit gewarnt!A

Politische Tages-Rundschau.

Rudolf von Gneist ist gestern Morgen, 1 Uhr, wenige Wochen vor dem 13. August, an dem er das 79. Lebensjahr vollendet hätte, gestorben. Mit ihm ist ein

Mann dahingegangen, der an der politischen und geistigen Umgestaltung Deutschlands in der zweiten Hälfte des Jahr­hunderts hervorragenden Antheil genommen hat und auf einem der wichtigsten Gebiete der staatlichen Reform der bahnbrechende Führer gewesen ist. Der Entschlafene war der geistige Urheber der preußischen Selbstverwaltung, wie sie heute zur Befriedigung der Bevölkerung zum Theil besteht. Ein Kenner des öffentlichen Rechts Englands, dem in diesem Lande selbst kein Zweiter ebenbürtig zur Seite stand, hat er das dort Erforschte für den Heimathsstaat nutzbar gemacht, nicht als Schablone, sondern in praktischer Anpassung an die hier gegebenen Verhältnisse, wie denn die Verschmelzung von Wissenschaft und Leben ein Merkmal des gesammten Wirkens Gneists gewesen ist. Wir sahen ihn diese gerade in Deutschland nicht häufige Fähigkeit als Schriftsteller und Gesetzgeber auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens belhätigen: bei der Justizgesetzgebung des Reichs, im preußischen Finanzwesen, in kirchenpolitischen und in Wehrfragen. Noch im höchsten Alter hat er wohl- thätigen Einfluß auf die Gesetzgebung geübt. So ist die Uebertragung der letztinstanzlichen Entscheidung über Steuer­beschwerden an das Oberverwaltungsgericht (statt an einen besonderen Steuergerichtshof, wie ihn die Regierung vor­gesehen hatte) auf einen glänzend begründeten Antrag Gneists zurückzuführen. Noch in frischer Erinnerung stehen seine lichtvollen Abhandlungen über die Zedlitzsche Schul­vorlage, die dieses Attentat auf die Staatsautorität vom rechtlichen Standpunkt beleuchtete. Der politische Leit­stern des Verstorbenen war ein national-schöpferischer Liberalismus; auch in der ersten Hälfte der sechziger Jahre, die ihn in den vordersten Reihen einer energischen Opposition sahen, hatten entschieden festgehaltene verfassungs­rechtliche Ueberzeugungen ihm nicht den Blick für die materiellen Voraussetzungen einer Lösung der deutschen Frage zu trüben vermocht. Die nationalliberale Partei verliert in Gneist einen ihrer hervorragendsten Mitarbeiter. Er hat ihr als Parlamentarier im preußischen Abgeordnetenhause, in das der Verstorbene schon 1858 eingetreten war, bis 1893 und im Reichstag von 1867 bis 1884 angehört.

lieber den äußeren Lebensgang Gneists das Folgende: Rudolf Gneist wurde am 13. August 1816 in Berlin geboren. Seine Gymnasialbildung erhielt er in Eisleben; mit 17 Jahren ging er nach Berlin zur Universität und habilitirte sich dort als Dozent mit 23 Jahren, noch vor dem Asseflorexamen, das er erst 1841 bestand. Im Jahre 1844 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt, zwei Jahre später auch zum Hülfsrichter bei dem Ober­tribunal, aus welcher Stellung er infolge der Reaktion 1850 aus­schied. In den fünfziger Jahren beschränkte er sich auf die Lehr- thätigkeit und aus die Abfassung der oben gewürdigten Werke über das englische Verfassungs- und Vcrwaltungsrecht. Die neue Aera führte ihn in das politische Leben; er wurde 1858 in den Landtag und 1867 in den Reichstag gewählt und ist bis in die achtziger Jahre hinein im Besitz beider Mandate geblieben. Daneben bethätigte er sich an öffentlichen Bestrebungen der verschiedensten Art; er war unter den Gründern des deutschen Juristentages und seit 1868 dessen Vorsitzender; er leitete viele Jahre den Central­verein für das Wohl der arbeitenden Klassen und trat 1872 an die Spitze der Bewegung, aus der die Vereinigung für Sozialpolitik (Kathedersozialisten) hervorging, er führte das Präsidium der Saviguhstiftung, des Victoria-Lyceums und anderer wissenschaftlicher und gemeinnütziger Veranstaltungen. An äußeren Ehren und Aus­zeichnungen hat es ihm nicht gefehlt, er wurde Geheimer Rath und Exeellenz, Kaiser Friedrich verlieh ihm den Adelstitel, und die

(Nachdruck verboten.)

Amerikanische Erinnerungen an den deutsch-französische« Krieg.

Bon Edm. F. Rethwilm (Washington).

Trotzdem inzwischen schon 25 Jahre verflossen sind, werde ich doch niemals den Morgen vergessen, an dem zahl­reiche, sichtlich erregte Amerikaner in meine Wohnung stürmten, um mir die Nachricht zu bringen, daß Frankreich an Deutschland den Krieg erklärt habe, und zugleich ihr aufrichtiges Bedauern über das Elend auszudrücken, dem nun mein altes Vaterland in kurzer Zeit ausgesetzt sei. Da der Lärm des französischen Säbelgerassels bis in die fernsten Winkel der Vereinigten Staaten gedrungen war, so war damals jeder Amerikaner fest davon überzeugt, daß Deutsch­land durch den bevorstehenden Krieg zu einem zweiten Spanien oder Irland herabgedrückt und rettungslos an den Bettelstab gebracht würde.

Die Amerikaner, die es gewöhnlich infolge ihres unermeßlichen Nationaldünkels unter ihrer Würde halten, sich um europäische Angelegenheiten zu bekümmern und die Lewohner der alten Welt meist nur nach den dahier herum­laufenden Exemplaren derselben beurtheilen, ergriffen nun auf einmal entschieden Partei für Deutschland, aber nicht, wie ich bald ausfand, weil sie dasselbe besonders hoch­schätzten, sondern nur, weil sie Mitleid mit ihm hatten, da nach ihrer einstimmigen Ansicht die langsamen, phlegmatischen und schwerfälligen Deutschen nicht im Stande waren, den Anprall der quecksilbernen, unerschrockenen und kampf- geübten Franzosen auszuhalten. Von der Schlagfertigkeit und der Organisation des deutschen Heeres hatten die Amerikaner nämlich nicht die geringste Ahnung.

Alle aaben bereitwillig zu, daß Frankreich von jeher der

Störenfried Europas gewesen sei und auch den jetzigen Krieg ohne genügende Ursache beginne; trotzdem aber ward es ihnen schwer, ihre Hochachtung für dasselbe zu verhehlen, zu deren Begründung sie gewöhnlich auf die von Frankreich den Vereinigten Staaten während des Unabhängigkeitskrieges geleisteten Dienste hinwiesen, wobei sie natürlich auch nicht zu bemerken vergaßen, daß damals deutsche Fürsten den Engländern Hülfstruppen lieferten. Letztere Thatsache wurde damals hauptsächlich von den demokratischen Zeitungen Amerikas breitgetreten, denn dieselben durften schon, um ihre irländischen Leser nicht zu verlieren und sich der Abonnentenschwindsucht auszusetzen, an Deutschland kein gutes Haar lassen. Diese waren es auch daher, welche hauptsächlich in Amerika die französischen Kriegslügen ver­breiteten und die deutschen Siege entweder ignorirten, oder, wenn dies beim besten Willen nicht angiug, als höchst un­bedeutende Aktionen hinstelllen. Die tonangebenden, von vorurtheilsfreien und kenntnißreichen Amerikanern redigirten republikanischenZeitungen hingegen standen treu zu Deutschland und veröffentlichten auch, ihren deutschen Lesern zu Liebe, spaltenlange Kriegsberichte und Leitartikel in deutscher Sprache. Zu gleicher Zeit gaben sie sich auch die redlichste Mühe, die niederträchtigen Lügen über Deutschland und sein Heer, die damals irländische Redakteure zur Erbauung gleich­gesinnter Hohlköpfe veröffentlichten, ausführlich zu wider­legen und den allgemein verbreiteten Wahnglauben, als sei nur von Frankreich das Heil der Civilisation zu erwarten, gründlich zu zerstören.

Als nun die deutschen Waffen mit beispielloser Schnellig­keit Sieg auf Sieg erfochten, zeigte es sich auch sehr bald, daß die anfängliche Sympathie der amerikanischen Masse für Deutschland doch nichts als billiges Mitleid gewesen war, das bald in das Gegentheil umschlug, wozu dann auch

der Umstand wesentlich beitrug, daß die Deutsch-Amerikaner plötzlich anfingen, auf ihr früheres Vaterland stolz zu sein, und diesen Stolz oft in einer den Iankee beleidigenden Weise zur Schau trugen.

Der Amerikaner liebt den Frieden als die erste Bedingung zur kulturellen Entwickelung eines Landes; auch vindicirt er jedem Volke das Recht, sich seinen Herrscher und seine Regierungsform selber zu wählen. Spanien hatte sich in Portugal, Italien in England vergeblich nach einem Könige umgesehen, und da die orleanistischen Prinzen Frankreichs nicht in Betracht zu ziehen waren, hatte es schließlich bei einem deutschen Prinzen angeklopft, der die Wünsche ernstlich in Erwägung zog, ohne dabei Napoleon vorher um Erlaubniß zu fragen. Dadurch nun, daß sich der französische Kaiser das Recht anmaßte, sich ungefragt in die Angelegenheiten eines fremden Volkes zu mischen, verscherzte er sich die Sympathie der besseren Amerikaner gleich im Anfänge; auch hatten dieselben nichts für eine Nation übrig, die einem waghalsigen und prinziplosen Abenteurer bereitwillig Gut und Blut zur Verfolgung seiner egoistischen Pläne zur Verfügung stellte.

Die meisten Amerikaner hatten bisher geglaubt, die deutsche Armee bestehe hauptsächlich aus _ Taugenichtsen, entlassenen Sträflingen und ähnlichen Gesellen, die für jedes ehrliche Gewerbe unbrauchbar seien. Als fie nun aber zu ihrem größten Erstaunen hörten, daß in demselben Heere Landmann, Handwerker, Kaufmann, Professor und Student Schulter an Schulter standen, und daß Alle die Waffen mit gleicher Meisterschaft und Sicherheit handhabten, da erklärten sie offen, sich bisher in Deutschland und im deutschen Charakter gründlich getäuscht zu haben, und zollten der Intelligenz der deutschen Offiziere und der Leistungs- fähigkeit der deutschen Truppen das höchste Lob.