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2. Beilage zum Wiesbadener Tagülatt.

43. Jahrgang. 1895.

Mittwoch, den 17. Juli.

Uo. 327. Morgen-Ausgabe.

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Die Reichspost im Kriege 187071.

In dem jetzt in dritter Auflage vorliegendenBuch von der Weltpost" (von Vcredarius, Berlin, Verlag von Herm. Meidinger) findet sich folgende Mittheilung über die erfolgreiche Wirksamkeitder deutschen Reichspost im Kriege 1870 bis 1871. Obwohl der Verwaltung durch die Verwendungen im Feldpostdienste und durch die Einstellungen in das Heer im Laufe des Krieges 5000 Köpfe aus ihrem für gewöhnlich gehaltenen Personal entzogen wurden und die Haupt­verkehrsadern des Landes durch die Beförderung von Truppen und Kriegsmaterial fast ausschließlich in An­spruch genommen waren, gelang es doch, die Ordnung im Postverkehr überall aufrecht und daneben die Heere im feindlichen Lande unausgesetzt mit der Heimalh in Verbindung zu erhalten. Trotz der Schwierigkeiten, die die Feldpost bei Unterhaltung der Verbindungen zwischen den Relais und den Truppen zu überwinden hatte, und ungeachtet der Anstrengungen und Gefahren, denen das Personal der Feldpost ausgesetzt war, wurden dem Heere Massen von Briefen und selbst Palleten zugeführt, deren Bewältigung unter ähnlichen Verhältnissen bis dahin für unmöglich gehalten morden mar. Die deutsche Feldpost beförderte bis zum 31. März 1871 jm Briefen und Postkarten nicht weniger als 89,659,000 Stück, ferner Geldsendungen im Werthe von zusaminen 179,596,860 Mk., außerdem an Zeitungen 2,354,310 Exemplare. Als im Laufe des Krieges der Wunsch und das Be- dürfniß nach Zuführung von Privatpacketcn an die Heere sich immer dringender geltend machte, unterzog sich die Post mit Bereitwilligkeit und Eifer auch dieser neuen Aufgabe und versorgte die im Felde flehenden im Ganzen mit 1,853,680 Stück Packctsendnngen. Und dabei bewährte sich die Sicherheit und Regel­mäßigkeit der Post im Felde wie daheim im vollsten Maße; niemals trat eine völlige Unterbrechung des Postenlaufes ein. Beispielsweise trafen am Tage der Schlacht von Noisseville (31. August 1870) die Posten zn der vorher bestimmten Stunde bei den Fcldpostaustalten des 1. und 7. Armeecorps ein, die sich im Biwak nahe dem Schlachtfelde be­fanden. Schon in der frühen Morgenstunde waren die an­gekommenen Briefe geordnet, den abholenden Truppenthcilen übergeben oder ihnen von den unermüdlichen Feldpostillonen zugeführt. Am Tage nach Gravelotte (18. August) schlug die Feldpost beim ersten Morgengrauen mitten unter Tobten und verwundeten ihre Feldtische auf, und so konnten Tauswde, die der Tod verschont hatte, gleich vom Schlacht­feld« iveg mit der frohen Kunde des Sieges Trost und BeruWung der Heimath zusenden.

Besonders bei solchen Gelegenheiten zeigte sich der un­schätzbare Nutzen der eben erst eingeführten Postkarte, die in ihrer Handlichkeit dem Soldaten ein unentbehrlicher Be­gleiter war. Die Feldpost hatte denn anch bereitwilligst große Mengen von Postkarten unter die Truppen vertheilt. Der letzte Schuß ist kaum verhallt, javiellcicht mitten im Kampfe, sowie hier oder dort eine kurze Pause eintritt, wird die Postkarte herausgeholt, die flache Hand, der bloße Erdboden, der Tornister oder der Rücken eines Kameraden dient als Tisch, und mit Bleistift sind die Züge hergcstellt, die, so schief auch die Buchstaben übereinander purzeln, den Lieben in der Heimath die ersehnte Kunde bringen. Aus dem Schlacht­feld- von Sedan haben Feldpostbcamte und Schaffner ganze Säcke von Postkarten mitten int Kugelregen eingesammelt.

Rechnet man hierzu noch die Korrespondenz der Gefangenen des gegnerischen Heeres, die mit gleichem Entgegenkommen wie die Angehörigen des eigenen Heeres behandelt wurden, ferner die Leistungen nach erfolgtem Friedensschluß, beim Rückmarsch und bei der Demobilmachung, daneben die Ab­wicklung des Erpeditionsdienstes auf Märschen, in Quartieren und im Biwak bei Sturm und Regen, so gewinnt man erst einen annähernd richtigen Begriff von den Leistungen und Leiden derPost im Kriege".

Denischrs Keich.

* Offiziers-Uniformen. I» den letzten Jahren sind manchertei Abweichungen in der Beklcidnng der Offiziere eingetreten, die auch an enlichcidender Stelle die vollste Mißbilligung fanden. Die Bcstiminnngen über die Offiziers-Bekleidung waren fo zerstreut und theilweife in den Sitten vergraben, daß ein Zurechtfmden erschwert war. Diesem Uebelstand ist nun durch Herausgabe einer Bekleidungsvorschrift für Offiziere und Sanitätsoffiziere des königlich preußischen Heeres" abgeholfen worden, welche den Truppcntheilen zunächst als Entwurf zur Begutachtung zugegangen ist. Sie bildet beit zweiten Thcil derOfsiziers-Bkkleidungsvorschrift und hat den Zweck, durch Beschreibung der einzelnen BekleidungS- nnd Ausrüstungsstücke, dnrch Vorschriften über bereit Abmessungen, Sitz- und Tragtweise bie für bett Solbaten unbedingt gebotene Gleichmäßigteit herbeiznführen. Die neue Vorschrift, die für zahl­reiche Gewerbetreibende unentbehrlich ist, kann durch den Buchhandel bezogen werden.

Aus Knust und Leben.

* Zcheficl-U-nümal. Dem Sänger desheiligen Veit von Staffelstein" beabsichtigt die dankbare Einwohnerschaft des freund­lichen Städtchens Staffelstein, wie man derT. R." schreibt, ein schlichtes Tenkmnl auf dem Staffelberg, dem Berg des heiligen Veit von Stastelsteui, zu letzen. Das Modell, von einem jungen Bildhauer, Hoiäus in München, gefertigt, zeigt auf einem, dem Charakter des Berges aitgenteffenen, pyrantidal leicht aufgebauten Sockel von Felsstücken die überlebensgroße Brnstbüste Scheffels m stottgehallener Reisekleidung, den sinnenden Blick in das Thal gerichtet. Die Ausführung der Büste und Widtnungstafel soll tn Bronze erfolgen, das Denkmal 2.'i m hoch werden.

* Kicnrn ohne Klachrl. In letzter Zeit sind dem Zoologischen Museum in Berlin viele der stachellosen Bienen der Gattung Melipona aus Afrika zugegaugen, darunter auch Melipona togoensis, die nm so interessanter ist, als ihr Sammler, Conradt, ans Bismarckburg im Togolande auch den Nestbau dieser Art mit- drachle. In einer vom Geheimrath Möbius kürzlich der Berliner Akademie vorgelegten Abhandlung beschreibt vr. H. Stad elma nn das in mancher Beziehung recht merkwürdige Nest. Es war in einem hohlen, wagerecht verlaufenden Baumast angelegt. Am ganzen Bau kann mau drei Theile unterscheiden: 1. das eigent­liche Nest mit den Brutwaben, 2. die Blütheitstanb- und Homg- töpse und 3. bie zum Flugloch führende Flugröhre. Das eigentliche Rest ist 24 cm laug unb von bunfelbrcuner Farbe. Die von einer Hülle umschlossenen Brntwaben sind im Gegensatz zu denen unsrer Honigbiene wagerecht angelegt. Sie enthalten nur eine einzige Schicht von Zellen. Unter einander sind bie einzelnen Waben durch ein Balkenwerk verbunden. Die einzelne Brutzelle hat einen Durchmesser von 21/« bis 3 mm und ist 5 mm lief. Ihr Onerdiirchfchnitt ist entweder ein unregel­mäßiger Kreis oder ein unregelmäßiges Sechseck. Eine regelmäßige sechseckige Anordnung wie bei unserer Honigbiene ist aber nicht vorhanden. Die Waben des von Dr. Stadelmann untersuchten Nestes waren mit Brut besetzt und enthielten fast durch­gängig schon zum Ausschlüpsen reise Thiere. Die Hülle, welche bie Brutwaben umgiebt, ist papierdünn unb unregelmäßig gefaltet. Dicht neben bem beschriebenen eigentlichen Neste sanden sich in demselben hohlen Aste die Honig- und Blüthenstaub- töpfe. Sie sind offenbar als die Vorrathskammern der Bienen anznsehen. Die Töpfe haben eisönnige Gestalt und verschiedene Größe; sie erreichen 15 bis 20 mm Länge und 10 bis 15 mm Breite. Auch sie sind durch Pfeiler, die ihnen zur Stütze dienen, miteinander verbunden. In einem Theile der Töpfe befand sich Pollen, im andern Honig. Der Honig ist nach den Angaben des Herrn Conradt gelb, dünnflüssig und von stark aromatischem, an­genehmem Geschmack. Er wird von den Eingeborenen mit Vorliebe gegessen. Der Honig, den Dr. Stadelmann in Berlin den Töpfen entnahm, war sehr^ stark eingedickt, bnnfelbraun itnb hatte seinen aromatischen Geschmack noch beibehalten. Es stellte sich jedoch nach einiger Zeit ein unangenehmer, scharfer, etwas ranzigerNachgeschmack ein, der dem frischen Honig fehlen soll. Da die Meliponen viel Honig sammeln, so empfiehlt Dr. Stadelmann, in Afrika mit ihnen Zucht­versuche anzustellen, lieber den Verlauf der zum Flngloche führenden Röhre konnte nichts Nähere? festgestellt werden, da sich von ihr nur noch ein abgebrochenes Stuck vorfand, das 55 mm lang, etwa« gebogen, schwarz und steinhart war. Die Masse, aus der das Nest gebaut ist, besteht aus Wach?, das die Bienen mit Harz und erdigen Bestandtheilen vermischen. In dein untersuchteli Neste wurden nur Arbeiterinnen vorgefunden. Die Thiere verlassen ganz hellbraun gesärbt bie Wabe. Zuerst wird der Hinterleib allmählich bunfler, bann folgt ber Kopf, unb erst nach.längerer Zeit Brust und Seine. Die völlig ausgefärbten Thiere sinb schwarzbraun bis schwarz; ihre durchschnittliche Länge beträgt 5 mm.

* Der Unterricht in den modernen Sprachen in Frankreich, namentlich im Deutschen, hat in den öffentlichen Schulen Frankreichs seit dem Kriege von 1870 die größten Fortschritte gemacht. Man hat sogar eine eigene neue Art von Mittelschulen gegründet, wo man durch Deutsch, Englisch und eventuell Spanisch unb Italienisch eine gleichwerthige Geistesbildung und ein gleich-

werthigcs Neisezeugniß zn erreichen sucht, wie in den Lyceen durch Latein und Griechisch mit Deutsch ober Englisch als Nebenfach. Während über vor dem Kriege die erste fremde Sprache, an deren Unterricht man dachte, das Englifche war, hat ihm heute das Deutsche vollständig den Rang abgelaitren. Es kommt das zum großen Theil daher, dag zwei der vornehmsten Spezialschulen, bie Ecole Polytechnigne, die nicht nur von künftigen Ingenieuren, sondern auch von künftigen Offizieren besucht wird, und die Offiziersschule von Saint-Ehr das Deutsche in der Aufnahme- Prüfung als obligatorisch erklärt haben. Zufolge dessen drangt füfj Alle? in beii Lyceen zu dem deutschen Unterricht, und ber englische Unterricht wird vernachlässigt. Man sagt sogar, b>e Zogllnge lernen in den Lyceen kein Deutsch, weil bie deutsche Klasse überfüllt lei, und kein Englisch, weil die englische Klasse er bleibe. Dieser Uebelstand hat nun Eltern, die aus Ueberlieferung oder ans besonderem ^nterelse am Englischen festhallen möchten, veranlaßt, eine Petition an den Senat zu richten, damit in den Aufnahme-Prüfungen für die beiden genannten Schulen, die das Ziel des Ehrgeizes io vieler Fanulien sind, das Englische dem Deutschen gleichgestellt werde, so daß die Kaiididaten nach ihrer Wahl im Englische» ober im Deutschen zu eraminiren wären. Der Senat hat sich nut btefer Petition noch nicht besaßt. Ihm ist ber Pariser Lchulrath durch em großes Zugeständnis; an bie Anglomanen zuvor gekommen, üibem er bem Kriegsminister, der in letzter Instanz über bie beiden hohen Offiziersschulen befiehlt, den Wunsch ausgesprochen hat, das Englische möchte au Stelle des Deutschen fakultativ im Examen zugelassen werden, jedoch in Anbetracht, baß bas Dentlche schwieriger zu erlernen und für einen künftigen Offizier bes Land- Heeres wichtiger fei, mit einer geringem Anzahl von Punkten. Gegen diese Entscheibnng ber Schulbehörbe bes Pariser Kreises erhebt sich aber so viel Widerspruch in der Presse, daß der Kriegsminister kaum in ber Lage sein bürste, bem Wunsche der Petenten unb des Schul- raths zn willfahren. Sowohl vorn pädagogischen als vom patriotilch- militärischen Siaudpuiikt ans wird der Vorschlag bekämpft. Durch feine Annahme würde, so macht mau imTemps", in denDsbats unb in Fachblättern geltenb, bas Deutsche in ben Lyceen noch mehr vernachlässigt werden, als heute das Englische, weil dieses viel leichter erlernt wirb. Fünf ober auch zehn Punkte mehr für bas Deutsche würden nicht genügen, um bie Zöglinge zum Erlernen dieser dornenvollen Sprache zn bringen, da sie sich in drei Monaten eine ungefähre Kenntniß de? Englischen aneigneii können. Die Folge bavon wäre baher, baß bie Offiziere sich im Kriegsfälle ebenso wenig ber Sprache ihrer Gegner zu bcbieuen vermöchten, wie vor 25 Jahren. Der Sieg in biesem Kampfe zwischen Deutsch und Englisch wirb ohne Zweifel bem Deutschen bleiben, wenn auch nicht gerabe ans Liebe zur dentscheu Litteratur.

* Ans die Ucrschlebunaen der Flüsse infolge der Erd­umdrehung haben fast gleichzeitig zwei hervorragende Gelehrte hiu- geiuieleii, 1859 ber Franzose Babinet, welcher btefe Möglichkeit für alle Flüsse begründete, unb 1860 ber Dentschrusse E. von Baer, welcher solche Verschiebungen zunächst an nteribional fließenden Flüssen nachwics. Er faßte seine an ben Strömen Rußlanbs beobachteten Thatsachen in eine allgemein zugängliche Form, so batz man vielfach von einem Baerfchen Gesetze spricht, beinzufolge meribional fließende Flüsse durch die Achfenbrehung der Erde auf ber norblichen Halbknael eine Ablenkung nach rechts, ans ber ,üblichen nach links erfahren, lieber biefe Ausführungen Babmets und BanS entspannen sich namentlich in Frankreich unb Deutschland lebhafte Erörterungen für und wider, schließlich nilißte man die Ver­schiebungen der Flüsse durch bie Erbbrehungen ziigesteheu, erkannte aber auch an, baß anbtre Ursachen, wie Unebenheiten unb Ver­schiedenheiten in ber Härte ber Erdschichten die Laufrichtung der Flüsse weit mehr beeinflussen. In seiner kürzlich erschienenen .Morphologie der Erdoberfläche" giebt Professor A. Peuck eine umfassende Uebersicht über den heutigen Stand der Frage und führt zum Beweise der Ablenkung des fließenden Wassers unter der Einwirkung der Erdunidrehmig einige interessante That­sachen aus Meßergebnissen an strömen auf. Da die Kraft, mit welcher die fließenden Wasfertheilchen seitwärts, auf ber nörblichen Halbkugel also nach rechts, gebrängt werden, von ber Strorngefchwinbigkeit abhäiigt, so werben bie rascher bewegten Wassertheilcheii ber ©trommitte stärker an das rechte liier gepreßt, als bie langsamer bewegten, so daß auf be­redten Seite bcS Strombettes größere Geschwinbigkeiten aufttefeu. als auf ber linken, was eine größere Ausspülung bes rechten Ufer» nach sich zieht. Außerdem wird der Flußspiegel schräg gestellt un? erhält einen Anstieg nach rechts. Je geringer das Stromgefaue. befio stärker wirb bie Kraft, mit welcher bie Fliifse seitwärts gedrängt werden, wirken. Das Seitwärtsrücken wirb also im Mittel- und Unter­laufe der Ströme am reinsten zur Entwicklung gelangen, unb infolge bet Fliehkraft stellt sich ber Wasserspiegel schräg nach rechts. Dies ist thatsächlich burch Veobachtnngen von Fontös erwiesen worben, welcher bie Querneignug bes Spiegels der Baiffe genau so fand, wie er nach der Rechnung sein sollte. Die rechten Prellstellen der Flüsse sind somit stärker auSgeuagt, als die linken, oder die Schlänge­lungen nach recht? mehr entwickelt, als die nack; links. In der Tbat sind die Prellstelleu des regulirten Rheins zwischen Straßburg unb Maxau im Mittel 6,23 m, die linken nur 5,98 m tief, jene also um 4 v. H. tiefer; bei Maxau selbst sind erstere 7,4 m, letztere 6,8 m tief.

(Nachdruck verboten.)

Gin Besuch in der Blindenschule.

Eigener Aufsatz für dasWiesbadener Tagblatt" von Hans Preutz.

Nur wenige Stufen und ein kurzer, durchaus nicht steiler Weg bergan führen von der Walkmühl straße zur Wiesbadener Blindenanstalt, einem schmucklosen, aber in seiner schlichten Form durchaus ansprechenden und repräsen- tablen Bau auf der Höhe zwischen Platterstraße und Walkmühlweg, welcher die umliegenden Thäler und Höhen prächtig beherrscht und den Blick schweifen läßt über die blauen Kuppen des Taunus, hinunter ins gesegnete Rhcin- gau, über die vielthürmige Stadt bis nach Süden zum duftverklärten Odenwald.

Gastlich öffnen sich vor jedem Aukiopsenden die Pforten des Blinden-Asyls, und unter freundlicher Leitung, welche meist der Inspektor und langjährige erste Lehrer der An- stakt, Herr Baldns, selbst übernimmt, durchwandert der Besucher die Schul- und Arbeitszimmer, die Wohn- und Schlafrüume der Blinden, und wohl Niemand wird diese Heimstätte unserer unglücklichen Schwestern und Brüder Verlassen, ohne einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck mit nach Hause zu nehmen. Nicht, daß dieser Eindruck ein unangenehmer wäre, wie ihn etwa der Besuch eines Kranken­hauses hinterlaffen kann; im Gegcntheil, die augenfällige Sorgfalt, welche auf das körperliche Wohl der Blinden ver­wandt wird, die unablässige Mühe, mit welcher die leitenden Kräfte bestrebt sind, ihre Schützlinge an den Eindrücken un' Genüssen der ihnen verschlossenen Außenwelt Theil nehmen ui lassen, die großartigen Vorschritte der Lehrmethoden und

Lehrmittel und nicht zuletzt die rührend hingebende und herzgewinnende Art der Unterrichtenden im Verkehr mit ihren Schutzbefohlenen wecken fast freudige Em­pfindungen bei dem Besucher, Empfindungen wenigstens, mit welchen sich die beruhigende Ucberzcugung ver­bindet, daß hier geschieht, was nur irgend menschen­möglich ist, um das Loos dieser armen Bedauernswerlhen so erträglich zu gestalten, als es Barmherzigkeit und opfer­willige Nächstenliebe möglich machen.

Als int Jahre' 1891 der fertiggestellte Neubau der Blindenschule feierlich eingcweiht wurde, ist an dieser Stelle von den Thatsachen der Einweihung :c. eingehend Notiz genommen worden, zumal auch die Anstalt gleichzeitig daS Fest ihres 30-jährigen Bestehens feierte. Eine EntwickelungS- geschichte der Anstalt ist jedoch unseres Wissens bisher noch nicht der breiteren Oeffentlichkeit zugänglich gemacht worden, wenigstens nicht in der Ausführlichkeit, welche ein Unter­nehmen von so einschneidender Bedeutung voraussctzen darf. Auf die Gefahr hin, hier und da schon Bekanntes von Neuem vorzubringcn, sei uns gestaltet, an der Hand des Rechenschaftsberichts des hochverdienten Vorsitzenden, Herrn Stadtrath Guido Steinkauler, welcher dieses Ehrenamt als Nachfolger des Landesdirektors Sartorius im Jahre 1877 übernahm und heute noch innehat. Folgendes anzuführen:

Am 23. Oktober 1861 entstand die Blindenanstalt unter sehr bescheidenen Verhältnissen. Das erste Domizil war in einer kleinen, in jeder Hinsicht beschränkten Mieths- wohmntg an dcr Dotzheimerstraße. Dort wurde die Anstalt mit drei Zöglingen eröffnet. Das Personal bestand aus einem halberblindeten Lehrer und einer Haus­hälterin. Aber selbst diese für eine Blindenanstalt so un­

genügende Behausung, die so dürftige Einrichtung konnte nur nach unsäglichsten Mühen geschaffen werden, und nur der wahrhaft aufopfernden und hingehenden Thütigkcit, des hochverdienten Gründers und mehrjährigen Leiters der Anstalt, des Freiherrn Moritz v. Eagern, gelang es endlich, alle Hemmnisse zu überwinden. Erfreulich war es zu sehen, wie schnell sich die neue Gründung die Theilnahme nicht allein der Bewohner Wiesbadens, sondern des ganzen da­maligen Herzogthums Nassau zu erwerben wußte. Oeffcnt- liche Sammlungen, namentlich auch in den Schulen, wurden veranstaltet, Jeder wollte sein Scherflein dazu beitragen, um den Aermsten der Armen, den Bedauernswerthen, die lichtlos durchs Leben wandern müssen, eine Heimstätte zu schaffen, wo auch sie wie andere Menschen Unterweisung zu Nutz und Frommen dcr Gesammtheit empfangen sollten. Das Gefühl, sich seiner blinden Mitmenschen anzunehmen, ihnen nach Kräften zu helfen, ist, so lange es diese Unglücklichen giebt, unter allen Völkern rege gewesen und trat auch bei Gründung dieser Anstalt wieder lebhaft zu Tage. Das gemiethete Lokal erwies sich auf die Dauer als voll­ständig ungeeignet für die Zwecke einer Blindenanstalt, und da inzwischen ein auf dem Nietherberg gelegenes Grundstück dem Verein geschenkt wurde, so entschloß sich der Vorstand, auf diesem damals allerdings sehr abgelegenen und schwer zugänglichen Platze der Anstalt ein eigenes Heim zu erbauen. Waren auch bie, zu diesem Zweck zur Verfügung stehenden Mittel gering, so gelang es doch mit Hülfe der Freunde der Anstalt, das erforderliche Baukapital zum größten Theile zu beschaffen. Am 9. November 1864 konnte das Haus bezogen und in Anwesenheit vieler Freunde und Gönner der Anstalt zu seinem Zweck in