1895
Samstag, den 13. Juli
Vezirks-Ferilsprecher R-. 52.
322.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
am Rhein. Nicht um einen leeren Thronsessel wird sie geschlagen, sondern um die Frage, ob wir endlich einmal Frieden haben sollen auf dem ererbten Boden unserer Väter. Es handelt sich nicht um den Zollverein und nicht um die Schutz- und Trutzbündnisse; unsere Freiheit, unser Leben steht auf dem Spiele." („Augsb. Allg. Ztg.")
18. Juli. Zum Ueberfall hat Napoleon den Augenblick gewählt, wo in dem Lager von Chalons die neuen Divisionen zur Ablösung der alten angekommen, also beide vereinigt sind. Diese Armee soll 200,000 Mann zählen. Die Westbahn soll sich verpflichtet haben, sämmtliche Soldaten, Pferde und Kanonen in 16 Stunden an die Grenze zu schaffen. Die ersten Truppen aus Algier sind bereits in Frankreich eingetroffcn. Wie in den meisten französischen Feldzügen wird Süddeutschland den ersten Anprall auszuhalten haben. Die französische Armee wird sich zwischen dem Norden und Süden dazwischen zu schieben, also auf Mainz vorzugehen und längs des Main sich aufzustellen suchen. In Berlin glaubt man, daß von Luxemburg und von der Pfalz resp. Straßburg her die ersten Vormärsche der Franzosen erfolgen werden. Die Aufgabe der deutschen Festung wird sich rächen. Der genaue französische Feldzugsplan ist: Einen raschen Stoß nach Hessen hineinmachen, um die drei Mächte des Südens zu neutralistren. Frankfurt losreißen und sich dort befestigen. Das ganze preußische Gebiet auf dem linken Rheinufer rein fegen. Dann in Westphalen eindringen und seine Linke auf Hannover und Dänemark stützen. Preußen wird über die Elbe zurückgeworfen. Endlich einen deutschen Bund (Rheinbund) wieder auftichten, von welchem Oesterreich und Preußen ausgeschlossen wären. — Der alte Moltke in Berlin hat im Minister- und Kriegs- rathe in Uebereinstimmung mit dem Kriegsminister v. Roon erklärt, daß Preußen hinsichtlich seiner Heeresverfassung, Ausrüstung, HülfSmittel rc. noch nie in der Lage gewesen sei, mit solcher Aussicht auf Erfolg einen Krieg anzunehmen, wie gegenwärtig. Er sei sehr genau über den Fortschritt der französischen Rüstungen unterrichtet, und demnach fei eine militärische Ueberrumpelung Seitens Frankreichs nicht zu fürchten. — In der schlimmsten Schreckcnszeit der ersten Revolution wurden die Menschen, welche man mit der Guillotine nicht schnell genug hinrichten konnte, haufenweis mit Kartätschen niedergeschossen. Man nannte dies mitrailler (mit Kartätschen hinrichten). In ähnlicher, nur noch schauderhafterer Weise sollen jetzt die Deutschen mitraillirt, d. h. mit Kartätschen hingerichtet werden. — Die Mitrailleuse, dieses neue Vernichtungsinstrument, ist in» dessen den preußischen Heerführern nicht unbekannt, und sie werden jedenfalls daran gedacht und dafür gesorgt Haber wie demselben zu begegnen sein wird. Ob noch mehr der artige HülfSmittel von den Franzosen im Geheimen vorbereitet sind, muß sich bald zeigen. So viel muß man aber nach seinem seitherigen schroffen Vorgehen erwarten, daß Napoleon keine Rücksicht auf Humanität und völkerrechtliche Bestimmungen abhalten wird, die gräßlichsten Mordwaffen so oft wie möglich anzuwenden. Deutscher Muth und deutsche Umsicht wird ihm hoffentlich zu begegnen wissen und seine Berechnungen zu Schanden machen.
Ruhig setzt sie ihm den Teller wieder hin und gießt dem Kinde; aber auch das ist dem Vater nicht recht.
„Der Junge kann gefälligst warten, bis ich mir genommen habe."
„Aber Du nimmst Dir ja nicht", sagt sie in vorwurfsvollem Ton.
Einen Augenblick scheint es, als wenn er heftig werden will, aber er bezwingt sich. Er nimmt ein Butterbrod, beißt ab und legt es dann wieder auf den Teller: „Ich habe keinen Appetit, ich mag nicht essen."
„Du solltest Dich etwas schlafen legen," räth sie, „Du bist übermüdet und überanstrengt von der gestrigen Sitzung; sie scheint ja wieder sehr schwer gewesen zu sein."
„Wieso meinst Du das?" fragt er grollend.
„Nun — ich meine eben nur. Du fühlst Dich doch heute sehr angegriffen, Du weißt doch, daß Dir das lange Ausbleiben nie gut bekommt."
„Wer «erntet hat, hat auch Pflichten", entgegnete er in hoheitsvollem Ton.
„Gewiß," bestätigt sie, „aber vergiß nicht, daß Du in erster Linie die Pflicht hast. Dich für uns gesund zu erhalten. Du solltest Dich wirklich etwas schlafen legen, es wird Dir gut thun."
„Meinst Du?" fragte er. — Sie thut, als wenn sie den halb lauernden, halb forschenden Blick, den er ihr zuwttst, nicht bemerkt, sondern sagt: „Gewiß, komm nur."
Etwas schwerfällig erhebt sich Otto der Große, unb sie begleitet ihn nach seinem Zimmer, ^ie legt ihm bte Schlummerrolle auf der Chaiselongue zuruck und öffnet die nach dem Hintergarten führende Glasthür, damit die lchone frische Sommerlust in das Zimmer hineinströmen kann. Um die Sonne abzubalten, zieht sie die Staates vor und geht bann, nachdem sie ihm die sorgenvolle Stirn geküßt hat, leise, unhörbar auf den Zehenspitzen heraus.
ich muß bann roiebcr bis spät in bie Nacht arbeiten, um zu verdienen, was wir durch Euern Leichtsinn verloren haben!"
Zu wem et spricht, ist nicht ganz klar, Bertha hat bei den ersten Worten die Küchenthüt fest zugemacht und poltert am Herd mit den Kochtöpfen, um nur nichts zu verstehen. Die Frau, die eben bei dem Jüngsten war, bleibt erschrocken auf der Treppe, sodaß sie nicht zu sehen ist, unb Otto, btt vierjährige Sohn, versteckt sich hinter Mamas Kleid, denn empfindsamer wie alle Andern trifft ihn zuweilen Papas Zorn.
Einen Augenblick bleibt die Frau noch oben auf dem Treppenabsatz stehen, dann eilt sie ihm völlig unbefangen entgegen: „Ah, da bist Du ja endlich, Otto, komm nur, das Frühstück ist fertig."
Sie führt ihn in das Eßzimmer, wo der Tisch gedeckt ist; der Thee ist bereits eingeschenkt, damit er abkühlt, bie Flasche Pilsener Bier steht aufgezogen baneben, dasButtet- btod ist schon gestrichen unb belegt, unb die Cigarre, die er sich stets hinterher anzuzünden pflegt, liegt auf der Streichholzschachtel daneben.
Er läßt seine prüfenden Blicke über den Tisch schweifen: „Wie oft habe ich Dir nicht schon gesagt, Emmy, daß Du nicht soviel auf den Tisch stellen sollst! Wer kann denn das Alles essen und bezahlen? Ich finde überhaupt, daß wir in der letzten Zeit seht viel Geld gebrauchen."
Sie schweigt, aber ihr Gesicht nimmt einen traurigen Ausdruck an, sie hatte gehofft, gerade heute seinen Beifall zu finden; sie kennt ihn zu gut, um nicht zu wissen, daß Widerspruch unnöthig seinen Zorn erregen würde. Sie thut daher, als wenn sie seine Worte überhört hätte, sie nimmt seinen Teller und schickt sich an, ihm wie stets aufzulegen: „Was darf ich Dir geben, Otto?"
Aber Otto bet Große antwortet nicht, fonbern blickt vor sich hin; sie wiederholt ihre Frage, zornig fährt er sie an: „Wenn Du auf meine Bemerkungen nicht antwortest, brauche ich auf Deine Fragen auch wohl nicht zu antworten."
Ans großer Zett.
(Zeitungsstimmen aus dem Jahre 1870.)
Es ist in diesem Jahre ein Vierteljahrhundert seit dem Kriege von 1870/71 verflossen, und überall regt sich die Erinnerung an Viesen Entscheidungskampf lebhaft. Das beste Mttel, sich in den Geist der bewegten Zeit zu versetzen, und hochinteressant dazu ist das Blättern in Zeitungsnummetn, die unter der Auftegung, dem Fürchten und Hoffen jener Tage entstanden sind. Diesen Genuß eigener Art, den sich wohl nur Wenige verschaffen können, sollen außer unseren ständigen Tageserinnerungen die Auszüge vermitteln, die wir von jetzt an allwöchentlich, dem Gange der Ereignisse folgend, in unserem Blatte erscheinen lassen und in der Hmrptsache deutschen, soweit es nöthig, aber auch ftan- zöflschen Zeitungen entnommen sind. Wenn der Leser dabei Manches finden wird, dessen prophetische Treffsicherheit ih« überraschen wird, so wird ihm andererseits auch Manches irrig oder übertrieben ober gar lächerlich erscheinen. Doch bedenke er, daß ihm nicht voruttheilsfreie, abgeklärte Geschichtsschreibung geboten werden soll, sondern daß er Zeilen liest, bie zum Theil in leidenschaftlicher Erregung, zum Theil in Siegesjubel, der nicht forscht und wägt, geschrieben sind. Aber gerade diese Unmittelbarkeit wirkt wie ein frischer Hauch, der bei den Alten die Stimmung wieder hervor- zaubert, von der sie damals beherrscht waren, während die Jungen daraus die Gefühle eines Volkes kennen lernen können, das um seine Ehre und Existenz kämpft.
* * *
15. 3ul i. Paris, 15. Juli. Minister Ollivier erklärte in der Kammer: „ . . . Wir verlangten, daß der König von Preußen sich dem Verzichte des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Königsthron anschließe. Wir verlangten, daß er sich verpflichte, wenn die Krone neuerlich den Hohenzollern angeboten würde, die Genehmigung zur Annahme zu versagen. Unsere Forderung war eine gemäßigte, und das Ausland bewunderte bie Gerechtigkeit unserer Gründe. Umso größer war unsere Ueberraschung, als wir erfuhren, der König von Preußen habe sich geweigert, Benebetti zu empfangen, und die preußische Regierung habe dies amtlich bekannt gemacht. Zu gleicher Zeit erhielten wir bie Nachricht, der preußische Gesandte von Werther sei abberufen worden; wir erfuhren auch, daß Preußen rüste. Unter diesen Umständen wäre es ein Vergessen unserer Würde und eine Unklugheit gewesen, keine Vorbereitungen zu treffen. Wir haben uns bereitet, den Krieg, den man nns anbietet, anzunehmen, indem wir Jedem seinen Autheil an der Verantwortlichkeit hierfür überlassen." — Die Mobilmachung der gesammten norddeutschen Armee ist an- georbnet. Aus den Bahnen nach dem Rhein finden Kanonentransporte statt. — Der General der Infanterie Freiherr von Moltke ist von seinen Gütern gestern Abend nach Berlin zurückgekehrt.
16. Juli. Was zu erwarten war. Der Krieg steht vor der Thür und gut, daß es endlich zur Entscheidung kommt.
Denn wenn Norddeutschland die Demüthigungeu und schmachvollen Beleidigungen, mit welchen man uns von Frankreich ans seit ein paar Wochen überhäuft hat, ruhig ertragen hätte, so würde der Norddeutsche Bund zum Spott und Hohn der Völker geworden sein. Die Zurückweisung der französischen Unverschämtheit durch König Wilhelm war daL Mindeste, was geschehen konnte. Denn, daß es den Franzosen nur darauf ankommt, Krieg zu beginnen mit uns, weil sie von Haß, Neid und Raubgier erfüllt sind, das sieht jedes Kind jetzt ein, auch die Offiziösen in Berlin, die noch bis vor Kurzem von den guten Beziehungen zu Frankreich sprachen. Hoffen wir, daß unsere zünftigen Diplomaten, Graf Bismarck nicht ausgeschlossen, von den Vorgängen in Frankreich nicht überrascht worden sind. Fast scheint aber das Gegentheil der Fall, wie ans der Nachricht, daß Bismarck auf sein Gut in Varzin wieder znrückkehren wollte, nachdem Prinz Leopold entsagt, hervorzugehcn scheint. Man stützt sich so viel auf Preußens korrekte Haltung, auf seine Mäßigung in dieser Sache. Das ist ganz gut, wenn die Mäßigung nur nicht eine zu große war unb man in der Lage ist, einem militärischen Ueberfall Frankreichs mit Energie zu begegnen. Denn barauf scheint es in der ganzen Sache abgesehen: Frankreich will uns überfallen! Deshalb der vom Zaune gebrochene Streit. An der Nation ist cs nun, einmüthig und fest zusammenzustehen gegen Frankreichs frechen lieber« muth und unter Preußens erprobter Führung den unvermeidlichen Krieg durchzukärnpfen bis zum letzten Mann unb zum letzten Thaler, damit Deutschland und Europa endlich einmal zum dauernden Frieden kommt! — Von heute an theilen die deutschen Zeitungen keine militärischen Maßregeln und Truppenbewegungen mehr mit.
17. Juli. Es ist gut, baß sich bie Politik Frankreichs in ihrer ganzen Hinterlist, Frivolität und Brutalität immer mehr entpuppt, baß sie zeigt, es sei ihr nur um den Krieg und die Demüthigung Preußens und Deutschlands zu thun: Millionen Augen werden gewaltsam geöffnet über diese ewige Bedrohung des Friedens durch Frankreich und die unersättlichen Napoleons, und in alle deutschen Herzen zieht der gleiche Grimm ein. Das ganze geeinigte Deutschland wird den Franzosen in Waffen gegenüberstehen wie ein Mann. Die französische Spekulation auf Süddeutschland ist fehlgeschlagen, Bayerns Regierung hat erklärt, daß das bayrische Volk und sein König sich von dem übrigen Deutschland nicht trennen werden. Für Württemberg hat der Minister Varnbüler dem französischen Gesandten erklärt: „Die letzten Gramontschen Forderungen (an den König von Preußen persönlich) trotz des Hohenzollerschen Verzichtes haben das nationale Gefühl tief verletzt und gegen Frankreich aufgeregt." Der Gesandte, setzte er hinzu, sei ermächtigt, dies nach Paris zu schreiben. — „Jetzt muß sich erweisen, wie Viele von uns über dem kläglichen Treiben der Parteien noch die Fähigkeit bewahrthaben,unterallen UmständenbasNothwendige zu thun. Nothwendig aber ist nur eins: ber Glaube und das Bewußtsein, daß wir vor einer Episode unserer nationalen Entwickelung stehen; ob wir überhaupt eine Nation sind, waren und sein werden, das ist bie, Frage. Es wirb eine Schlacht fein im Styl von Zülpich und Soissons; vielleicht heißt sie bet unseren Söhnen die Schlacht
(Nachdruck verboten.)
Gr schlaft!
Humoreske von Graf Günther Rosenhagen.
Gestern Abend hat der Vater in seiner Eigenschaft als Bice-Präsident des städtischen Feuerlöschwesens eine geheime Sitzung gehabt. Erst spät in der Nacht ist er heimgekehrt, und wichtige Dinge müssen es gewesen sein, die auf der Tagesordnung standen, denn der Vater ist heute von der verwünschten Sitzung angegriffener denn je, klagt über seine Nerven und über Kopfschmerz unb ist von so übler Laune, baß das ganze HauS vor ihm zittert unb Bertha, das Mädchen für Alles (mit Ausnahme der Kinderwäsche) nicht zu bewegen ist, die im Souterrain gelegene Küche zu verlassen. Der Vater kämpft einen schweren Kampf, ob er in das verflixte Büreau gehen ober sich krank melden soll, aber endlich siegt das dem preußischen Beamten innewohnende Pflichtgefühl, und er ergreift Hut und Stock, während die Familie erleichtert auf- ailmet. Seine Frau ist die Tochter eines Arztes und weiß, wie heilsam für alle Leiden frische Luft und Bewegung sind, und sie freut sich auf den Augenblick, da er wieder heimkehrt.
Die Stunden gehen dahin, es ist ein Uhr, ber Vater . müßte schon da sein, er hat sich das Frühstück zu dieser Zeit bestellt; gegessen wird erst unt sechs Uhr, wenn er mit dem Dienst ganz unb gar fertig ist. Endlich, als die Kartoffeln nur noch mit Anwendung allen Scharfsinnes vor dem Anbrennen geschützt werden können, wirb die Hausthür geöffnet, und gleich darauf hört man eine scheltende Stimme: „Zum Donnerwetter, was tst bas hier schon wieder für eine Wirtschaft im Haus? Wie ost habe ich nicht schon gesagt und ausdrücklich besohlen, daß jederzeit die Sperrkette vorgelegt werden soll, aber man kann sagen, was man will, Ihr werdet nicht eher klug, als
bk Diebe Euch das ganze Haus aufgeräumt haben, unb
Verlag: Langgasie 27.
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