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Wiksbckmi Sagblatt.

48. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PrriS: 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

Verlag: Langgaffe 27.

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1895.

Freitag, den 12. IM

Mo. 320

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe.

(Nachdruck verboten.)

Mas veranlaßte 1870 den Krieg?

Von Adalbert von Hahnstein.

Selten ist den Uneingeweihten der Ausbruch eines Krieges überraschender gekommen als die Kriegserklärung, die nun vor fünfundzwanzig Jahren nach Deutschland gelangte. Hatte doch noch am 30. Juni 1870 der französische Premier­minister Ollivier die denkwürdigen Worte gesprochen:

„Ich erkläre, daß die Regierung keinerlei Besorgniß hegt, und daß zu keiner Zeit die Aufrechterhaltung des Friedens sicherer war als jetzt. Wohin man anch die Augen richtet, nirgends ist eine Frage zu entdecken, die Gefahren in sich zu tragen scheint."

Noch keine Woche verging, so sprach man in ganz Europa nur von der spanischen Frage und sah voll Erstaunen, wie die Verlegenheit der Spanier um einen König die deutschen Stämme in einen Krieg mit Frankreich trieb.

Diese sonderbare Veranlassung hatte allerdings kein Staatsmann voraussehen können, aber der Krieg selbst drohte, den Eingeweihten wohl erkennbar, mit unabweislicher Nothwendigkeit schon seit vier Jahren — mit unabweis­licher Nothwendigkeit, so lange der geistreiche Abenteurer auf dem französischen Kaiserthron noch sich zu behaupten ver­suchen wollte. Nicht freilich, als ob das französische Volk ihn zu solchem Kampfe gedrängt hätte — denn eine alte Unwahrheit ist die Behauptung, daß solche Kriege von den Völkern gemacht würden — aber Napoleon III. brauchte jene» Kampf, um das Einzige wiederzugewinnen, das er in den letzten Jahren mehr und mehr verloren hatte.

Es ist sonderbar, wie schnell eine Persönlichkeit in der Geschichte ihr Antlitz zu ändern vermag. Seit dem 2. Sep­tember 1870 ist Napoleon in den Augen der Franzosen nichts mehr als der „verachtete Mann von Sedan", und die jetzige deutsche Generation kennt, soweit sie nicht Geschichte treibt, in ihm nur den Gefangenen von Wilhelmshöhe. Ein Mann, derJahrzehnte lang die Politik Europas wie ein Diktator beherrscht hat, hinterläßt schließlich der Geschichte nur einen Moment für den Pinsel des Historienmalers — den Augen­blick, wo er gebeugt vor dem greisen Preußenkönig steht und ihm seinen Degen überreicht. Und doch hat er sich in den Zeiten seines Glanzes gewiß oft genug vorgestellt, wie im Kaisrrpurpur, einem römischen Cäsaren gleich, sein Bild auf die Nachwelt kommen werde. Hatte er doch auf dem Höhe- punkt seiner Macht einmal mit einem Neujahrsgruß von wenigen Worten die ganze Bevölkerung Italiens in ^)ubel versetzt, weil er ihnen ihre Freiheit und Einigung zu ver­sprechen schien. — „Die einzige Nation, die um einer Idee willen Krieg führt, ist gegenwärtig Frankreich" — so hatte er ein ander Mal demselben Volk warnend zugerufen.

Dieser Ausspruch war so recht charakteristisch für ihn, in defsen Kopf sich oft kluge Politik mit ganz romantischen Phantastereien mischte. Wie er schon bei einem seiner frühesten Versuche, die Dynastie seines Oheims in Frank­reich wieder auszurichten, sich lächerlich machte durch den theatralischen Apparat, den er dabei in Bewegung setzte, so konnte er sich auch später niemals von seltsamen Herrscher­träumen befreien. Es fehlte seinem Charakter nicht an Energie. Die Geistesgegenwart, mit der er den Sturz des Julikönig- thums im Jahre 1848 benutzte, um erst Deputirter und bald darauf Präsident und Kaiser von Frankreich zu werden, beweist es zur Genüge. Er hatte anch einen scharfen Blick für die Eigenthümlichkeiten seines Volkes. Er schmeichelte diesem wiederholt dadurch, daß er in so- zenannten Plebisziten die direkte Zustimmung der ganzen Bevölkerung Frankreichs für seine Absichten einforderte, und er wußte, daß ihm von seinen nervös erregbaren llnterthanen Alles, selbst der Staatsstreich, der Verfaffungs- bmch und die Gewaltherrschaft, verziehen würde, wenn er den äußeren Glanz des Landes zu heben vermochte; so maMe er es sich zum Gesetz, in allen politischen Fragen Emopas mitzusprechen. Im Krimkrieg bot sich ihm die erste Gelegenheit — die anderen Gelegenheiten wußte er zu suchen. Er erklärte sich für den natürlichen Schutzherrn der romanischen Rasse und begann Italiener, Spanier und Mexikaner unter seinen mächtigen Schutz zu nehmen; dabei machte er sich Nichts daraus, wie oft er sich in Widersprüche verwickelte. In Italien trug er der nationalen Partei eine Zeit lang das Siegesbanner voraus, mußte aber natur­gemäß aufhören nach halbverrichteter Arbeit, denn er wurde in diesem Kriege unwillkürlich zu einem Gegner des Papstes, dessen Freundschaft er doch im eigenen Lande sehr nöthig hatte. Er gab den Mexikanern m der Gestalt eines österreichischen Erzherzogs einen Katzer von seiner Gnade, ohne sich zu überlegen, daß er den llnglück­lichen nicht auf diesem künstlich erschaffenen Thron erhalten konnte. In demselben Jahre, wo drüben über dem Ocean der unglückliche Kaiser Max erschossen wurde und die französischen Truppen unter dem Hohn Europas siegreich sich rückwärts konzentrirten, war in Deutschland plötzlich eine

Entscheidung gefallen, die die ganze Geschichte Europas in neue Bahnen lenkte. Der allmächtige Imperator hatte so viel mit seinen Mexikanern zu thun gehabt, daß seinen sonst immer wachen Augen die Vorbereitung des größten Ereignisses der Epoche entgangen war. Grimmig pflegte er selbst und seine Minister dieses Ereigniß später kurzweg mit dem Namen Sadowa zu bezeichnen. Aber nicht diese eine Schlacht, die den Sieg der Preußen über die Oesterreicher entschied, war das, was den Franzosenkaiser erschreckte, sondern der Bruch mit einem ganzen politischen System, der sich nothwendig aus diesem Sieg ergeben mußte.

Die dreifache Stellung der österreichischen Monarchie, im eigenen Lande, in Italien und in Deutschland, war der eigentliche Kernpunkt für die meisten Verwickelungen der letzten Zeit gewesen. In den beiden Ländern, die sich seit lange glühend nach ihrer politischen Einigung sehnten — in Italien und in Deutschland empfand man diese Machtstellung Oesterreich-Ungarns als ein Hcmmniß. In Oberitalien war Venetien in den Händen des Habsburgischen Kaiserhauses — im deutschen Bundestage ließ es die Rivalität zwischen Habsburg und Hohenzollern zu keiner Klarheit kommen. Uhlands schöner Ausspruch von der Einigung der Stämme zu einem Palastbau mit den beiden Thürmen Deutschland und Oesterreich ließ sich nicht verwirklichen. Das wußte auch Napoleon, dem die Einigung Deutschlands das Un­erwünschteste in der ganzen Welt sein mußte. Er faßte feine Wünsche betreffs Deutschlands dahin zusammen, daß er für Preußen mehr Kraft und Abrundung im Norden, für die süddeutschen Staaten intimere Beziehungen untereinander und für Oesterreich die Aufrechterhaltung seiner Machtstellung in Deutschland verlangte. Es sollen also mit anderen Worten die drei verschiedenen Interessensphären noch schärfer voneinander getrennt werden, um ein einiges Zusammen­wachsen der deutschen Bruderstämme möglichst dauernd zu verhindern.

Aber der seltsame Kaiserphilosoph an der Seine ahnte damals noch nicht, wie üutt cst,^

und des schnellen Gedankens seine halb phlegmatischen, halb romantischen Spintisirereien durchkreuzen wurde. Bismarcks energische Politik hatte mit rücksichtsloser Entschiedenheit den Krieg als Weg zur Einheit und Zufriedenheit gewählt. Der deutsche Bruderkampf brach aus — leider nicht der erste, von dem die Geschichte weiß, aber zum Glück der letzte, von dem sie erfahren sollte. Napoleon sah diesen Krieg mit derselben Gelassenheit kommen, wie die meisten anderen europäischen Zuschauer. Er, wie alle Anderen, hielt den Sieg Oester­reichs für absolut ausgemacht und freute sich schon darauf, in diesem Falle den Preußen seine Bundesgenossenschaft theuer verkaufen zu können. Von gewissen „Abrundungen an der Rheingrenze" sprach er so wie so mit Vorliebe. Sollten die Preußen aber endlich Sieger werden — nun, so war doch mindestens ein außerordentlich langwieriger Krieg vorauszusehen, und ihm konnte cs schon recht fein, wenn die deutschen- Stämme sich gegenseitig vernichteten.

Und nun trat dieses unerhörte Ereigniß ein, das in der Geschichte des Jahrhunderts kaum seines Gleichen fand. Ein Krieg gegen drei Fronten zugleich geführt, der schon nach sieben Tagen in dem Blutbad von Königgrütz und Sadowa seine eigentliche Entscheidung fand. Preußen und Italiener hatten sich in diesem Kriege verbündet, Preußen chatte an Italien die Abtretung Venetiens im Falle des Sieges zu­gestanden, Preußen also sollte die Befreiung Italiens voll­enden, und der große Schutzherr der romanischen Race saß, mit seiner mexikanischen Blamage behaftet, thatenlos in der Stadt seiner plötzlich so uninteressant gewordenen Regierung. Auf „Prestige" hatte er gearbeitet, so lange er auf dem Throne Frankreichs saß, und jetzt sollte ihm dies Prestige plötzlich durch einen kleinen Nachbarstaat entrissen werden.

Der Kaiser von Oesterreich, durch die unglaublichen Fehler und Niederlagen seines einst so gefeierten Feld­marschalls Benedek zur Verzweiflung getrieben, warf sich aller­dings in Napoleons Arme und trat ihm Venetien ab. Aber der Imperator war auf keinen Krieg gerüstet, und auf seine bloßen Machtworte zu hören, hatten die neuen Sieger sich abgewöhnt. Selbst als es endlich zum Friedensschluß kam, konnte Napoleon nicht viel erreichen. Und als sich sein Ver­treter Benedetti einmal zu einer etwas kühneren Sprache aufschwang und die sofortige Kriegserklärung Frankreichs in Aussicht stellte, wenn Bismarck nicht in die Abtretung von Mainz und Umgebung an Frankreich willige, da erklärte der große Staatsmann mit eiserner Ruhe: „Gut, dann ist Krieg."

Es kam aber doch noch nicht zum Kriege, denn Napoleon kannte seine Schwäche und war für seine eigene Person weit entfernt von der Selbstüberschätzung, die an seinem Hofe grassirte. Immer deutlicher drang die Stimme der Unzufriedenheit in sein Ohr und ermahnte ihn daran, daß ein Usurpator nur so lange im Besitze seiner unrechtmäßigen Macht bleibt, als er den Rausch der Begeisterung für seine Person wachzuhalten weiß. Aber es gelang ihm nicht mehr, einen armseligen Kongreß nach Paris einzuberufen, und als Luxemburg herrenlos wurde und sich, ihm die schönste Gelegenheit bot, ein Stück Land zu erhaschen, bat

er Preußen sogar um seine Hülfe — aber die Bitte ward abgelehnt, und der einst so allmächtige Imperator ging wieder einmal leer aus.

Er sah sich seit dem Jahre 1866 in der ihm völlig un­gewohnten Lage, daß es einen Staat in Europa gab, der vor seinen Drohungen nicht zitterte und dem sein Liebes­werben gleichgültig war, und er ahnte das Schlimmere, daß dieser kühne Gegner nicht mehr Preußen allein, sondern bald ganz Deutschland sein würde, denn keinen Augenblick mehr konnte Bismarcks Politik länger unverstanden bleiben. In Preußen selbst war auf die Zeit des Konflikts zwischen Re­gierung und Parlament schnell die Zeit des Enthusiasmus gefolgt. Bismarck hatte vom Landtag Indemnität erbeten für die langjährige Regierung ohne Budget und hatte sie nun, da feine Thaten für ihn sprachen, gern erhalten. Unverzüglich ging er daran, von nun an in gemeinsamer Arbeit mit den Volksvertretern das große Werk der deutschen Einheit endlich zu begründen. Schnell ward auf den Trümmern des längst vermorschten und durch den Krieg völlig zersprengten alten Deutschen Bundes der neue, zunächst nur Norddeutsche Bund aufgerichtet und mit freier Verfassung und direktem Wahlrecht versehen. Gleichzeitig aber suchte man die süddeutschen Staaten zu gewinnen, und zur Erneuerung des gleichfalls zerstörten Zollvereins ward ein Zollparlament berufen, zu dem auch die süddeutschen Staaten ihre Vertreter entsandten. Man sprach schon hoffnungsvoll davon, daß aus dem Zoll-Deutschland bald ein Voll-Deutschland werden möge. Allerdings gab es auch noch Hindernisse zu überwinden. Von den süddeutschen Staaten war eigentlich nur Baden für die Einheitsidee gewonnen. In Württemberg hatte die partikularistische Partei noch ganz das Heft in den Händen, in Bayern mußte der preußenfreundliche Minister Fürst Hohenlohe dem Ansturm der altbayrischen Schaar weichen. Das Alles gab Napoleon den unglücklichen Gedanken ein, die süddeutschen Staaten seien seine natürlichen Bundes­genossen.

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„Rache für Sadowa!" — Was hatten die Franzosen damals zu rndien? Nichts, als den Verlust ihres Einflusses in Europa, und die durch die Politik des Kaisers aufs Aeußerste gereizte Eitelkeit begnügte sich nicht mehr mit dem Glanze einer Weltausstellung. Napoleon selbst war vielleicht noch der Unentschlossenste, als plötzlich ein Zufall auch ihn in die Kriegsgefahr drängte.

Die Spanier nämlich, die in dem Jahrhundert aus den inneren Gährungen überhaupt nicht mehr herauszukommen schienen, hatten ihre Königin, Isabella von Bourbon, ver­trieben. Aus französisches Gebiet geflüchtet, hatte sie von Schloß Pau aus einen fruchtlosen Protest gegen ihre Ab­setzung erlassen, während aus den einander befehdenden Parteien des Landes eine provisorische Regierung sich empor- gearbcitet hatte, die in Angst und Verzweiflung unter den nachgeborenen Prinzen an allen Höfen Europas Umschau hielt, ob sich aus keinem ein König von Spanien machen ließe. Nach mehreren erfolgten Absagen gelangten endlich die Unterhandlungen mit dem ältesten Sohne des Fürsten Anton von Hohenzollern-Sigmaringen, dem Prinzen Leopold, zu einem befriedigenden Abschluß. Auf ihn hatte schon früher eine vielbeachtete Denkschrift eines Deputirten der Cortes hingewiesen, der in diesem vieruuddreißigjährigen Prinzen wegen seiner stattlichen Erscheinung, seines persön­lichen Reichthums, seiner Bildung, seines glücklichenFamilien- lcbens, seines katholischen Glaubens, seiner Verschwägerung mit dem König von Portugal und seiner entfernteren Ver­wandtschaft mit dem König der Belgier und dem Kaiser Napoleon einen der glücklichsten Kandidaten für die herren­lose Krone gesehen.

Kaum aber war die zustimmende Antwort des Prinzen bekannt geworden, so brach in der französischen Kammer ein Sturm der Entrüstung los; der von Napoleon ursprünglich völlig unterdrückte Parlamentarismus hatte sich gerade in den letzten Jahren kräftig wieder entwickelt. Je mehr der Stern des Imperators erblaßte, desto mehr hatte ihm die Nation die geraubten parlamentarischen Rechte wieder ent­rissen. Mühsam hatte er im letzten Augenblick durch ein nur noch schwächlich gelungenes Plebiszit einen Theil seines Ansehens wieder gerettet, aber weder er, noch sein geschickter Helfershelfer Ronher konnten es länger hindern, daß der einst so absolute Herrscher seine Politik in scharfer Weise in der Kammer kritisircn hörte. Selbst schwer krank an einem Steinleiden, völlig unschlüssig und haltlos geworden, sah er plötzlich, wie ihm alle Elemente seiner Nation über den Kopf wuchsen. Die tiefverletzte Eitelkeit der Franzosen, die ihre dominirende Stelle in Europa mehr und mehr an die Nachbar­nation übergehen sahen, klammerte sich in echt franzötischer Ober­flächlichkeit an den bloßen Namen Hohenzollern und fabelte in echt ftanzösischen Phrasen davon, daß die Krone Karls V. an einen Verwandten des Preußenkönigs übergehen solle, lieber Nacht mar eine Kriegsparlci im Parlament erwachsen, die unter der Führung beS Herzogs von Gramont im Par­lament eine so maßlose Sprache führte, daß wenige Tage nach den oben angeführten Friedensversicherungen des Ministerpräsidenten der Krieg fast schon unvermeidlich schien.