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Wiesbadener Tagblatt.

«8. Jahrgang.

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Ko. 316. Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe.

Sir Charles Dilke «der Englands iinßere Politik.

Der Londoner Redakteur der Waldauschen Welt­korrespondenz hatte dieser Tage eine Unterredung mit Sir Charles Dilke und schreibt uns darüber Folgendes:

Das Parlament besorgt jetzt seine Geschäfte wie im Fluge, und wer nicht pünktlich ist, dem kann es passiren, daß er trotz noch so kleiner Verspätung das Haus bei seiner Ankunft bereits vertagt findet. So erging :s mir gestern, aber ich war glücklich genug, Sir Charles Dilke noch innerhalb der geheiligten Hallen, in denen man Englands Gesetze schmiedet, anzutreffen und ihn über seine Meinung hinsichtlich der unmittelbaren Aus­sichten in Englands äußerer Politik unter der Leitung der neuen Regierung befragen zu können. Sir Charles ist im Augenblick ganz ungemein beschäftigt, denn die Vor­beratungen für die Neuwahlen, die so plötzlich und un­erwartet nothwendig wurden, nehmen die Parlaments­kandidaten dieses Mal mehr denn je in An­spruch. Mein hervorragender Gewährsmann hegt natür­lich hinsichtlich des schließlichen Ausfalles derselben, wie wohl Jedermann, nicht den geringsten Zweifel, und wen» er daher auch in Bezug auf die innere Politik unter dem neuen Regime die unbehaglichen Gefühle seiner radikalen Freunde theilt, so zweifelt er doch nicht daran, daß das neue Ministerium in äußeren Angelegenheiten in der Bahn fortfahren werde, in der sich Lord Rosebery resp. Lord Kimberley bewegte. Auf meine Bemerkung, daß gewisse Organe der Presse die vermeintliche Erkältung der russisch- deutschen Beziehungen mit der Erwiderung der freundschaftlichen Gefühle in Bern» in Verbindung bringen, die Lord Salisbury stets für Deutschland an den Tag zu legen schien, versetzte Dilke kopfschüttelnd, daß eine solche Behauptung entschieden zu weit hergeholt sei. „Lord Salisbury", sagte er, „liebt es, große Versprechungen nach allen Seiten hin zu machen und Sympathieen zu zeigen, die zwar nichts bedeuten können, aber stets Anlaß zu allerhand Auslegungen gebe». Die neue Regierung", so fuhr jener erfahrene Politiker fort, „sieht sich aber, nachdem sie kaum die Zügel in die Hand genommen, einer Schwierigkeit ernstester Natur gegen­über, die durch den jüngsten französisch-chinesischen Vertrag heraufbeschworen wurde. Englands Interessen in Siam und in China werden nämlich durch denselben in einer Weise gefährdet, daß es gezwungen ist, energischen Protest einzu­legen." Diese Acußerung Sir Charles' verdient als umso bemerkenSwerther bezeichnet zu werden, als er ein ent­schiedener Freund Frankreichs ist und sich zum Beispiel in der egyptischen Frage stets auf die Seite desselben stellt. Der ftanzösische Gesandte in Peking hat bekanntlich China zum Abschluß eines Vertrages veranlaßt, durch den dieses sich damit einverstanden erklärt, daß sich die Grenze Tongkings mit der Iunnans fortab vom Laoki bis nach dem Mekong erstrecke. Die „Döbats" nennen das die Rektifikation der rong- kinestschen Grenze, aber die Engländer erklären, daß weder Frankreich ein Recht habe, jenes Terrain zu beanspruchen, noch

Mittwoch, den 10. Inti.

China es zu vergeben, da diese Schan-Staaten zu dem englischen Birma in einem Vasallen-Verhältniß stehen. In 1892 trat England Tschieng-Kheng an Siam und in 1894 Tschieng-Hung an China unter der Bedingung ab, daß jene Gebiete niemals einer anderen Macht überlassen würden. Diese Kondition ist auf Anstiften Frankreichs verletzt worden, und wenn jene „Pufferstaaten" auch im Augenblick wenig kommerziellen Werth besitzen, so wird sich das in Zukunft jedoch gewaltig ändern, da das Thal des oberen Mekong die Straße nach dem südlichen China bildet, der England Neutralität zu sichern wünscht.

Was die Ernennung Chamberlains zum Kolonialminister anbetrifft, so glaubt Sir Charles, der bekanntlich die süd- afrikanischen Hinterland-Erwerbungen mißbilligt, daß Eng­land nun in jenen Gebieten eine noch energischere Vorwärtspolitik betreiben werde als bisher. Es muß das natürlich die Beziehungen zu Frankreich ferner trüben, sodaß also Alles in Allem genommen Englands auswärtige Politik unter der neuen Regierung in bewegteren Wassern treiben dürfte als seit langer Zeit. Dilke, der selbst ein entschiedener Monometallist ist, bestätigte übrigens meine unlängst bereits ausgesprochene Ansicht, daß sich das Koalitionskabinett der bimetallistischen Bewegung gegenüber ablehnend verhalten werde.

Von anderer, nicht genannt sein wollender Seite wurde mir gestern im Parlament die interessante Mittheilung gemacht, daß Mr. Goschen zugleich mit Mr. Chamberlain bei der Vertheilung der Portefeuilles Anspruch auf das Schatzkanzleramt erhob. „Doch da Keiner von den Beiden leiden wollte, daß der Andere für ihn zahle, zahlte Keiner von den Beiden", und Lord Salisbury vermied einen ernsten Konflikt nur dadurch, daß er Sir Michael Hicks-Beach berief.

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Preußischer Landtag.

O Serttn, 9. Juli. Herrenhaus.

Das Herrenhaus wählte heute für den verstorbenen Staats­minister v. Friedberg den Staatsminister v. Schelling zum Mit­glied der Staatsschuldenkommission und nahm sodann den Bericht ber Matrikelkommisfion zur Kenntniß. Hieraus wurde das Jagdschein- gesetz nach kurzer Debatte angenommen. Schlietzlich wurde der Staatsregierung die Petition des Magistrats zu Staßfurt, daß das Ortsstatut der Stadt Staßfurt über die Zusammensetzung der Schul­deputation daselbst der Stadt erhalten bleibe, zur Erwägung, die Petition des Magistrats und der Stadtverordneten ju Dortmund wegen gründ­licher Acndernug der Eisenbahnverhältuisse Dortmunds zur Berück­sichtigung und die Petition desMagistrat4zuWormditt um Wciter- siihrung der Eisenbahn Marienburg—Mohruugen—Wormditt nach Heilsberg als Material überwiesen; über die Petition des Fischcrei- pächter» Kraaz zu Stralsund wegen Abänderung des Fischereigesetzes und über diejenige des Dr. med. Sternberg in Charlottenburg um Wicderaufhebung des über ihn vcrhängtenEntmündiauugsvcrfahrenS ging das Hans zur Tagesordnung über. — Nächste Sitzung Mittwoch, 11 Uhr: Eisenbahuvorlagen.

Politische Tages-Rrmdschan.

— Zum Schutze jugendlicher Ziegelarbeiter. Daß in Ziegeleien die Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeiter bisher vielfach ungebührlich überanstrengt und mit Arbeiten beschäftigt worden sind, die sie gesundheitlich und sittlich gefährdeten, und daß auch die Wohnungs­verhältnisse der Ziegelarbeiter häufig zu schweren Bedenken in sittlicher und sanitärer Hinsicht Veranlassung gegeben

Bezirks-Feriisprecher No. 52. 1895.

haben,, ist eine Thatsache, die seit langen Jahren immer wieder zu Maßregeln der Behörden Veranlassung gegeben und auch den Bundesrath bewogen hat, die in der Bekanntmachung vom 27. April 1893 veröffentlichten Schluß­bestimmungen für Arbeiterinnen und jugendliche Arbeiter in Ziegeleien zu treffen. Da aber die Klagen über jene Miß­stände trotz dieser Maßnahmen nicht verstummt sind und auch in den Jahresberichten der Aufstchtsbeamten fortgesetzt wiederkehren, so hat der Minister für Handel und Gewerbe kürzlich die Provinzialbehörden von Neuem ange­wiesen, die Ziegeleien mit besonderer Sorgfalt und Strenge zu überwachen. Wie die Erfahrung gelehrt hat, sind die erwähnten Mißstände am schwersten in solchen Ziegeleien zu bekämpfen, die vorwiegend mit aus­ländischen — belgischen, holländischen und russisch-polnischen — Zieglern arbeiten und größtentheils auch von Aus­ländern geleitet werden oder doch ausländische Aufseher verwenden. Da diese Personen häufig der deutschen Sprache nicht mächtig sind oder doch dann, wenn sie mit den Behörden in Berührung kommen, Unkenntniß der deutschen Sprache vorschützen, so ist es den Polizei- und Gewerbe­aufsichtsbeamten vielfach beim besten Willen nicht mög­lich, die Innehaltung der zum Schutz der Arbeiter bestimmten Vorschriften gehörig zu überwachen. Auf Anordnung der zuständigen Minister werden deshalb in Zukunft in allen Fällen, wo die Annahme gerecht­fertigt erscheint, daß jugendliche ausländische Ziegelarbeiter in gesetzwidriger Weise beschäftigt oder schlecht behandelt werden, diese jugendlichen Ausländer von Landespolizei wegen aus dem preußischen Staatsgebiet ausgewiesen werden. In gleicher Weise wird nöthigenfalls auch die Ausweisung aus­ländischer Betriebsleiter und Aufseher erfolgen. Daß jugend­liche Ausländer des nöthigen Schutzes gegen Ausbeutung durch den Arbeitgeber entbehren, soll in der Regel auch ohne weitere Beweismittel dann angenommen werden, wenn sie nicht von erwachsenen Verwandten begleitet sind. Auf besonderen Wunsch der belgischen Regierung werden jugendliche Ziegelarbeiter belgischer Nationalität aus­nahmslos ausgewiesen werden, falls sie sich nicht in Be­gleitung ihrer Eltern befinden.

— Deutschland und Marokko. Aus Tanger tuirb gemeldet: Der französische Gesandte in Fez hat Auf­trag erhalten, Alles aufzubieten, um eine schleunige gütliche Beilegung der Differenzen zwischen Deutschland und Marokko herbeizuführen. Dieselben entstanden bekanntlich dadurch, daß Graf Tattcnbach sich gezwungen sah, Truppen zu landen, um die Mörder unserer Landsleute zu verhaften, und im Weiteren, weil Deutschland, das die Niederlande diplomatisch vertritt, Genugthuung für den Angriff auf die holländische Barke „Anna" verlangt. Es wäre den Franzosen nun sehr unlieb, falls es zu einer deutschen Flottendemonstration käme, weil eine solche ihrem Prestige schaden müßte, da sie sich hier gewissermaßen als die Beschützer des Sultans gebärden, was ihnen in ihren Handelsbeziehungen viel nutzt. Immerhin darf auf eine sofortige Verständigung nicht gerechnet werden, denn die Regierung glaubt genug gethan zu haben, daß sie den Prinzen Monlai Arafa mit der Untersuchung des Vorfalls betraute. Der Genannte hat zwar seine Energie bereits in

(Nachdruck verboten.)

Die Kunst seinen Durst ?« stille«.

Von Dr. Heinrich von Kleinstadt.

In den Tagen großer Hitze, in den Monaten Juli und August wird stets eine Frage aufgeworfen, die mehr, als man eigentlich glauben sollte, auf das Allgemeinbefinden einen großen Einfluß hat; es ist dies die Frage: „Wie stillt man im Sommer seinen Durst?" Will ich aufrichtig sein, so muß ich, selbst auf die Gefahr hin, einem oder dem andern der geschätzten Leser ein ungläubiges Lächeln zu entlocken, gestehen, daß fast kein Mensch es versteht, während des Sommers auf richtige und angemessene Art seinen Durst zu stillen. Man trinkt theils aus Gewohnheit, theils aus Uebung; aber die Einen trinken zu viel und die Andern nicht genug; Einige kaum so viel, daß sie sich bei Kräften erhalten können. Andere wieder derartig, daß sie sich schwere Krankheiten zuziehen. Es ist daher ebenso unerläßlich, richtig trinken, wie vernünftig essen zu lernen.

Ein erheblicher Theil aller Krankheiten und körperlichen Beschwerden, an denen die Menschheit im Sommer leidet, ist auf keine andere Ursache zurückzuführen, als auf die im Uebermaß genossenen Erfrischungen. Wir wollen heute nicht auf die Qualität der Getränke, welche hauptsächlich zur An­wendung gelangen, näher eingehen, fonbern versuchen, die Theorie des Trinkens mit einigen Worten zu erläutern.

Ist das Trinken gefährlich, wenn man stark erhitzt ist?

Stillt man den Durst, wenn man viel trinkt, oder reizt man ihn im Gegentheil dadurch noch mehr?

Wie muß man trinken, um die wirkliche Qual zu lindern, die in der Trockenheit des Mundes und der Kehle ihre Aufangsursache hat?

Das find die Punkte, die immer noch nicht genügend aufgeklärt sind und die wir uns ein wenig näher betrachten wollen.

Gewöhnlich wird uns das Trinken verboten, wenn wir stark erhitzt sind, man fiirchtct, die Einführung kalter Getränke in den in Schweiß befindlichen Körper könne Er­kältungen, ja sogar Brustfellentzündungen im Gefolge haben, und in der That hat der Genuß von kaltem Wasser schon manchmal tödtliche Krankheiten herbeigeführt.

Sehen wir uns nun die Fälle etwas genauer an.

Wenn man in sehr heißem Zustande kaltes Wasser trinkt, so geht folgende Wandlung im Organismus des Menschen vor sich. Die Kälte, welche in das Innere dringt, stößt das Blut der Eingeweide nach der Hautoberfläche zurück, die Hitze dringt nach außen, die Transpiration wird stark beschleunigt, und man fühlt, wie Einem die Wärme ins Gesicht steigt. Verzehrt man z. B. eine Portion Eis oder trinkt ein Glas sehr kaltes Wasser, so wird sich unmittelbar darauf der ganze Körper mit Schweiß bedecken. Trinkt man zwei bis drei Glas Wasser hintereinander, so wird die Wirkung eine ganz besonders starke sein, und man wird sogar einige Minuten später einen Schauder empfinden. Ist die eingeführte Menge nicht besonders groß gewesen, so kehrt das Blut, nachdem es zur Haut geströmt, in das Innere zurück. Diese doppelte Bewegung des Blut-Eingangs und -Rückgangs ist, im Grunde genommen, dem Menschen durchaus nicht nachtheilig, aber es kann dennoch gerade hierin eine Gefahr liegen.

Die Temperatur des Menschen ist bis auf wenige Zehntel stets dieselbe, nämlich 38 Grad. Das Uebermaß der Hitze, welches die Temperatur im Sommer erhöhen würde, wird durch den Abgang wärmender Materie, den man der Ver-

flüchtung des Schweißes verdankt, kompensirt. Es ist bekannt, daß, wenn man sich ein wenig Alkohol, Eau de Cologne oder Aether auf die Hand oder auf die Stirn gießt, man sogleich eine Empfindung von Kälte verspürt; daraus ersieht man, daß alles Flüssige, um zu verdunsten, den umgebenden Körpern Hitze entnimmt. Jedes Gramm, welches verdunstet, läßt auf der Oberfläche des Körpers eine deutlich wahr­nehmbare Kälteempfindung zurück. Unter normalen Be­dingungen ist es das Nervensystem, welches die Verflüchtung des Schweißes nnd, daran anschließend, den Abgang der Wärmematerie regulirt. Das Nervensystem zwingt den Körper mit Rücksicht auf die äußere Temperatur zu erkalten, und so bleibt derselbe unverändert in einer Temperatur von 38 Grad, wie eine Maschine, deren Kessel vom Heizer regulirt wird.

Setzt man sich aber in erhitztem Zustand einem Luftzuge aus, so wird die Verflüchtigung des Schweißes nicht mehr allein durch das Nervensystem regulirt; die Luft führt den Schweiß fort und verarbeitet ihn in stärkerer Quantität, als nöthig wäre; ist dieselbe sehr stark, so zieht man sich Rheumatismus, Brustfellentzündung rc. zu. Man sieht also daraus, je mehr Wasser an der Oberfläche der Haut, desto mehr transpirirt man.

Nicht das genossene Wasser ist gefährlich, sondern die Außcnluft, welche den erhitzten Körper überfällt. Jede Gefahr schwindet, wenn man, statt sich unbeweglich zu ver­halten und stehen zu bleiben, weiter geht. Die Bewegung, welche man sich verschafft, bringt von Neuem Wärme und Schweiß hervor.

So kann man auf einem Balle, selbst wenn man erhitzt ist, ruhig trinken oder Eis essen, ohne etwas Nachtheiiwej befürchten zu müssen, nur darf man sich nicht der Kälte