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4S. Jahrgang.
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1895.
Ko. 308
Freitag, den 5. Juli
BezirkS-Fernsprecher No. 52.
Bezirks-Fernsprecher N«. 52.
stets, als unerschütterlicher Royalist, für den Thron eingetreten, wenn auch nicht immer mit den lautersten Mitteln. Aber immerhin stand er der Fortschrittspartei am nächsten, und so suchte er sein Regiment auf diese zu stützen. Die Wahlen wurden mit den in Serbien üblichen Mitteln so „geleitet", daß eine fortschrittliche Mehrheit zu Stande kam und die Radikalen und Liberalen in verschwindender Minderheit blieben. Christitsch war „den Bösen los", aber „die Bösen" waren geblieben. Als solche entpuppten sich nämlich die Fortschrittler, die es Christitsch nicht vergessen mochten, daß er so lange ohne ein verfassungsmäßig zu Stande gekommenes Budget regiert hatte. Auch hatte es Christitsch nicht so gemeint, daß er ohne Weiteres das thun solle, was die Fortschrittler wollten; er wollte auch einen Willen haben und hatte deshalb die Redewendung von dem „parteilosen" Ministerium aufgebracht. Diese Idee Christitschs war eine Thorheit. Ein über den Parteien stehendes Ministerium wäre allenfalls in einem Lande denkbar, dessen Parlament in einer größeren Anzahl von Parteien gespalten ist, deren jede für sich keinen Ausschlag gebenden Faktor bedeutet, und die sich gegen einander ausspielen lassen. Davon sind aber die Zustände in Serbien das gerade Gegentheil. Das Volk bekennt sich in seiner weit überwiegenden Mehrheit zur radikalen Partei; die liberale Partei ist ohnmächtig, und die Fortschrittler können ohne die rücksichtsloseste Vergewaltigung der Wähler keine Mehrheit in der Skupschtina erlangen.
Nun sie aber einmal in den Besitz der Macht gerathen, waren sie weit davon entfernt, sich diese ohne Weiteres aus den Händen winde» zu lassen. Da es nun kein Mittel giebt, eine Majorität zum Abdanken zu bringen, so blieb dem Ministerpräsidenten nichts Anderes übrig, als dies selbst zu thun.
Der König betraute nun gestern Simitsch mit der Neubildung des Kabinetts. Falls diesem — er hat sich bereits mit den Führern der Radikalen vertraulich berathen — die Kabinettsbildung gelingt, ist eine Auflösung der Skupschtina nöthig, aber nichts ist leichter, als in Serbien eine Negierungsmajorität zu erzielen. Wie es freilich mit der Dynastie der Obrenowitsch werden soll, wenn die mit dem Prätendenten Karageorgemitsch liebängelnden Radikalen ans Ruder gelangen, das ist eine Frage. Eine Frage übrigens, die von den europäischen Mächten ernstlich im Auge behalten werden muß, stellt doch Serbien förnilich einen Wettlauf mit Bulgarien an um die Ehre, das „Streichholz" genannt zu werden, welches das europäische Pulverfaß in Brand zu setzen droht.
Politische Tages-Rnn-schau.
— Ar beite n des Landtags. Nachdem die Herreuhaus- Kommission das Stenipelstcuergcsctz in der Fassung der Kommission angenommen hat und da der dortige Verlauf der Angelegenheit die Befürchtung, daß das Plenum auf die Herabsetzung des Fideikommißstcmpels zurückkommen werde, ausgeschlossen erscheinen läßt, wird der Rest der Landtagsgcschäfle sich rasch und glatt abwickeln. Der im Abgeordnctenhause beschlossene Jniliativcntwurf, betr. die Grundsteuer-Enischädigungen, ist im Herrenhause schon angenommen, und die Interpellation Rintclen wegendes katholischen Religionsunterrichts zählen wir nicht zu den aufregenden Verhandlungsstoffen. Erst neuerdings sind Zahlen bekannt geworden, welche hinsichtlich der geistlichen Leitung dieses Unterrichtsein EntgcgeukommenderUnterrichtsverwaltungausdrücken, das keinerlei Beschwerde rechtfertigt. Außer der Vorlage über die Vcrpflegungsstationen ist nun auch der Entwurf, betreffend die Entschädigung für Verluste durch Schweine- krankhciten, durch den ablehnenden Beschluß der zweiten Kammer aus der Zahl der Gegenstände, mit denen sich das
Vergessenheit gerathen. Wer wüßte, außer wenn ihn Beruf oder Neigung zu genauerem Studium unserer Litteratur veranlaßt, mehr von ihm als höchstens den Namen, und vielleicht diesen nicht einmal. Diese Vergessenheit verdient der Dichter der Jobsiade schon allein um jener oben angeführten Scenen willen nicht, und darum erscheint gerade jetzt, wo 150 Jahre seit seiner Geburt verflossen sind, der geeignetste Zeitpunkt, seiner zu gedenken. Unsere Litteratur ist an wahrhaft komischen Dichtungen von hervorragendem Werthe nicht so reich, als daß man Kortüms vergessen sollte, dessen Hieronymus Jobs unter dem eisernen Bestände unserer komischen Helden einen unvergänglichen Ehrenplatz verdient.
Karl Arnold Kortüm wurde am 5. Juli 1745 zu Mühlheim an der Ruhr geboren. Die Kortnms, eine alte und angesehene Familie, stammten aus Friesland, wo sie reich begütert gewesen waren, ohne es jedoch hindern zu können, daß der Besitz allmählich zerbröckelte. Der Vater unseres Dichters besaß eine kleine Apotheke in Mühlheim; doch brachte ihm seine Gattin Maria Helene Severin aus Bochum so viel zu, daß er, als schon nach vier Jahren sein Tod die Ehe löste, über das materielle Loos der Familie unbesorgt sein konnte. Karl Arnold war das einzige Kind dieser Ehe. Er zeigte anfangs so geringe Begabung, daß die Lehrer über die Schwierigkeit, ihn in die Geheimnisse des Alphabets einzuführen, schier verzweifelten, bis endlich einer auf den sinnreichen Gedanken kam, beim Bäcker Buchstaben zu bestellen, die der Knabe nach erworbener Kenntniß zum Lohne verzehren durfte. Der Unterricht, den er in seiner Vaterstadt und später auf bcm Gymnasium zu Dortmund erhielt, lief im Wesentlichen, wie es der Zeiten Brauch mit sich brachte, auf die Dressur in der lateinischen Sprache hinaus.
Von individuellen Zügen berichtet die Jugendgeschichte Kortüms so gut wie nichts. Wir hören nur, daß er, nachdem ihm das Lesen einmal im wahren Sinne des Wortes schmackhaft geworden war, mit förmlichem Heißhunger alle Bücher, deren er habhaft werden konnte, verschlang, namentlich, wenn sie dem heiteren Genre angchörten. Ferner soll ihn einer seiner Lehrer in Dortmund ermahnt haben, die Neigung zu Witz und Spott, die in Kortüms freien Arbeiten zu Tage trat, zu unterdrücken, sie würde ihm nur Feindschaften zuziehen. Glücklicher Weise richtete der Zögling sich mehr nach den Thaten als nach dem Rathe, der ihm ertheilt wurde: auch seinem Lehrer wird eine komische Ader nachgesagt, der manches Scherzgedicht und manche Satire entströmte.
Im Jahre 1763 ging Kortüm nach Duisburg, um auf der dortigen Universität, einer Schöpfung des großen Kurfürsten, Medizin zu studiren. Als er sein medizinisches Triennium vollendet und dann seine Kenntnisse in Berlin erweitert hatte, ließ er sich in Duisburg als Arzt nieder. Der Ruf tüchtiger Fachbildung war ihm vorausgegangen, den er bald durch glückliche Kuren in einer bedeutenden Praxis zu bestätige» reiche Gelegenheit fand. Von verschiedenen Städten der Nachbarschaft anfgcfordcrt, sich unter den günstigsten Bcdingnugcn in ihren Mauern als Arzt niederzulassen, gab er vor allen Bochum, der Heimath seiner Mutter, den Vorzug und siedelte 1770 dorthin über. Hier ist er in hohem Alter in der Nacht vom 15. zum 16. August 1824 gestorben. Aus Bochum hat er sich die Gattin geholt, mit der er 1818 die goldene Hochzeit zu feiern das Glück hatte.
Seiner verdienstlichen Leistungen wegen hatte ihm schon vorher (1816) bei der Feier seines fünfjährigen Doktorjubiläums König Friedrich Wilhelm III. den Charakter als I Hofrath verliehen. Die höchste Ehrung aber, die ihm zg
in Kraft treten sollten, den ihm daraus zufallenden Betrag von über 16,000 Mk. für einen gemeinnützigen Zweck zur Verfügung stellen. Auf Antrag des Abg. Rickert (freis. Ver.) fand, wie schon bei der zweiten Lesung, namentliche Abstimmung statt, und der Gesetzentwurf wurde mit 141 gegen 127 Stimmen angenommen. Der Abstimmung enthielten sich die Abgg. Prinz Arenberg ((Str.), Frhr. v. Erffa (kons.), v. Köller (kons.) und Frhr. v. Zedlitz (frei« kons.). Die Verkündigung des Ergebnisses wurde auf der Rechten mit Beifall, auf der Linken mit Zischen aufgcuonimen. — Abg. Ning (kons.) erstattete den Bericht der verstärkten Agrarkommission über seinen Antrag, betreffend die Sperrung der städtischen Vieh- und Schlachlhofes in Berlin. Der LandwirthschaftSminister Freiherr v. Ha m m er st ei u-Lox te n gab im Lauf der Debatte die Erklärung ab, daß es hinsichtlich der bisherigen Uebelstände auf dem Berliner Vieh- und Schlachthofe dank des Entgegenkommens des Magistrats wie der Stadtverordneten zu einem befriedigenden Ergebniß gekommen sei und die von der Stadt bewilligten Mittel hinreichten, alle nothwendigen Neueinrichtungen zu treffen. Der Berliner Magistrat habe ein weiteres Entgegenkommen bewiesen, wonach in Rnmmelsburg ein allen Anforderungen entsprechender Markt für Magervieh errichtet werden würde, der, selbst wen» der Berliner Viehhof einmal gesperrt werden mühte, allen Ausorderungen genügen werde. Ferner erklärte der Minister zu dem Anträge A 1 der Kommission, dah der Bundes« rath bereits die Einführung einer Seeqnarantäne beschloffen, die Quarantäne an der Binnengrenze aber für unthunlich erklärt habe; zu A 2, daß über die Einführung der Untersuchung von Fleisch und Eingeweiden Maßregeln berathen und baldigst ein« gesührt werden würden; zu B 1, daß die Kontrolle des Hansir- handels mit Vieh bei Seuchengefahr stets angewandt würde; zu B 3. daß die allgemeine Einführung von Ein- und Verkaufsbüchern bei den Viehhändlern der Gewerbeorduung»uwiderlaufe,im Falle unmittel« barer Scucheugefahr jedoch nach dem Zustandekommen der Novelle zur Gewerbeordnung veterinärpolizeilich angeordnet werden könne; ju 0, daß die Sammelställe überall, wo sie nöthig seien, in zweckmäßiger Weise errichtet und kontrollirt würden, daß regelmäßige Reinigung der Rampen rc. überallerfolge und die Desinfektion derselben bei Seuchen« gefahr angeordnet werde. Den Forderungen zu E endlich werde bei der Organisation der Landwirthsschaftskaminern Rechnung getragen, wie überhaupt die StaatSregierung in loyalster Weise allen durch die Anträge gegebenen Aliregungen Folge geben werde. Die Er- klärutigen des Ministers wurden mit Beifall begrüßt und die Anträge der Kommission angenommen. — Nächste Sitzung Freitag, 11 Uhr: Dritte Lesung des Jaadscheingesetzentwiirf»; Interpellation Rintelcn, betreffend den katholischen Unterricht in den Volksschulen; Antrag Hobrecht, betreffend Umwandlung der Ablösungsrenten reiitenpslichligcr Stellenbesitzer in neue Amortisationsrenten.'
Preußischer Landtag.
Q Kcrlin, 4. Juli.
Abgeordnetenhaus.
Sm Abgeordnetenhause veranlaßte heute die dritte Berathung .setzcntwurfs, betr. die Aufhebuug der §§ 18 bis 27 des Gesetzes wegen Aufhebung direkter Staalssteuern — Rückzahlung der Grund-undGebändesteuer-Entschädiglingeii au? der Staatskaffe —, eine erregte Auseinandersetzung. Finanzminister Miquel ersuchte, wie schon bei der zweiten Lesung, nochmals das Hans, die Lösung der Rechtsfrage zu vertagen, bis sich die Wirkungen der neuen Steuergesetzgebung übersehen ließen. — Abg. v. Bülow- Eckernförde (kons.) erklärte, daß er persönlich gegen das Gesetz fei, aber im Interesse seiner bäuerlichen Wähler dafür
stimmen mufft; er werde jedoch, wenn die Rückerstattungen
(Nachdruck verboten.)
Der Dichter der Jobfiade.
Zur Erinnerung an Karl Arnold Kortüm (geb. am 5. Juli 1745).
Bon H. I. Dieckmann.
Die Jobsiade! Mit innigstem Behagen wird Jeder 7?«rfüllt bei der Erinnerung an die köstliche Scene, wo der Kandidat der Gottesgelahrtheit Hieronymus Jobs mit wunderbarer Unwissenheit, Unbefangenheit und Schlagfertigkeit beim Examen auf die schwierigsten Fragen der Professoren und Examinatoren die verblüffendsten Antworten bereit hält, daß jedeSmal
lieber diese Antwort des Kandidaten JodseS Geschah allgemeine« Schütteln des Kopses!
Der Inspektor sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem.
Nicht minder beifällig wird man den prächtigen Brief belächeln, den der Student Jobs in die Heimath sendet und worin er mit derselben unfehlbaren Treffsicherheit, wie Wippchen aus Bernau, seine klassischen Kriegsberichte mit dem Gesuch um Vorschuß beginnt, jeder Mittheilnng als stehenden Refrain die immer dringendere Bitte um Geld anschließt. Gewiß, diese Scenen werden, so lange Witz und Humor im deutschen Volke Werth behalten, unvergessen bleiben! Kein Wunder, wenn die heitere Muse, der wir die Jobsiade verdanken, einen verwandten Geist zu bildlicher Darstellung begeisterte: das Examen, von Hasenclcvers Meisterhand gemalt, gilt mit Recht in jeder Hinsicht für eine der Dichtung kongeniale Leistung. Und doch, die Jobsiade verfehlt auch [[ heutzutage im Kreise vergnüglicher Leser ihre erheiternde Wirkung nicht und bereitet dem Frennde derben Humors f wie dem litterarischeii Feinschmecker gleichen Genuß: — | aber es ist. wie so oft, über dem Geschöpf der Schöpfer in
Abend-Ausgabe.
Krifis in Serbien.
Das Ministerium Christitsch hat seine Entlassung ein« gereicht, weil die auf die Parole der Regierung hin gewählte ' fortschrittliche Majorität die Heeresfolge verweigert. Die Frage der Anlehensvorlage ist hierbei natürlich nur Mittel zum Zweck. Die Fortschrittler fühlen sich im Besitz ihrer Macht, zu der ihnen die auf einen bösen Leim gegangene Regierung verhülfen hat, und sie wollen diese Macht redlich, ober vielleicht sagt man richtiger unredlich ausnutzen. Der König hat die Demission bereits angenommen, ver- muthlich, weil er in der bisherigen Bethätigung staatsstreichlerischer Gelüste ein Haar fand. Und das Kabinett Christitsch ist ja auch lange genug am Ruder, um das Schicksal der Simitsch, Dokitsch, Gruitsch, Paschitsch rc. zu theilen, denn wie alle serbischen Minister die gleiche Endung haben, so haben auch alle serbischen Ministerkreisen das gleiche Ende, nämlich ein sehr frühzeitiges und plötzliches.
DieDinge in Serbien nehmen aber den Verlauf, welcher «ach den kühnen Staatsstreichen des jungen Königs ohne Sehergabe vorauszusehen war. Die durch den ersten Staatsstreich zur Herrschaft gekommenen Radikalen führten ebenso wenig wie die Liberalen ein verfassungsmäßiges Regiment. Hatten die Fortschrittler das Land in Schulden gestürzt, indem sie demselben im Sturmschritte das Aussehen westeuropäischer Civilisation zu geben suchten, so zerrütteten die Radikalen die Finanzen durch lüderliche Steuerwirthschast, indem sie die Abgaben nur von ihren Gegnern eintrieben. Zudem mußte der junge König die Erfahrung machen, daß nicht er, sondern die radikale Parteileitung das Ministerium am Gängelbande führte.
Die Erkenntniß zeitigte den zweiten Staatsstreich, die vom König einseitig verfügte Aufhebung der rebibirten Verfassung vom 3. Januar 1889 unb ihre Ersetzung durch die ulte vom 11. Juni 1869. Nun hatte man eine Verfassung, aber — keine Regierung. Selbst die Fortschrittsführer zeigten geringe Neigung, jetzt in die Lücke zu treten. Die Radikalen standen in schärfster Opposition zur Negierung, und die Liberalen traten infolge der Bevorzugung der Fortschrittler, der früheren Geschäftsgenossen Milans, welcher mit ihnen gemeinsam zehn Jahre hindurch Serbien auf europäischen Fnß reorganifirt und das Land bei diesem Werke dem Bankerott nahegeführt und gehörig cms- geplündert hatte, zur Opposition über und machten mit den Radikalen gemeinsame Sache. In dieser Roth wandte sich Alexander an Vater Milan, und dieser wußte Rath. Wenn er sich, was ja häufig genug der Fall war, mit allen Parteien überworfen hatte und nicht mehr ein noch aus wußte, bann wandte er sich allemal an Christitsch, beffcn feste, vor feiner Gewaltthätigkeit zurückschreckende Faust allemal die Ordnung wiederherzustellen verstand. So wurde denn der alte 75-jährige Christitsch wieder an die Spitze des Staates berufen.
Nikola Christitsch ist kein Parteimann, er hat sich nie einer der bestehenden Parteien angeschlosseii, sondern ist
