19. Dezember 18 94
Wrrsbabe»er Tagblatt (Margerr-Arrsgabe).
Us. 590. Kette 31.
Sonst hätte er es nimmer gethan, wenn auch die Kosten einer einzigen Ballnacht ausgereicht haben würden, dein Museum eine würdige Gestalt zu geben "nd die Erinnerungen an den alten Kohlenschuppen zu verwischen.
Derselbe Platz nämlich, der gegenwärtig den Muscumsgrund bildet und Tausende von Besuchern alljährlich nach Bulak lockt, war noch in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre der wöchentliche Sammelpunkt aller Reisenden, die sich vom Occident nach dem Orient begaben oder aus dem Orient die Heimreise nach dem Occident antraten. Er diente gleichsam als Stelldichein für die Weltreisenden aller Nationen. Eine Eisenbahn war in ganz Egypten damals nicht vorhanden, an die Möglichkeit, den Kanal von Suez zu graben, dachte wohl Niemand, und die Pilger nach Indien priesen es noch als ein besonderes Glück, daß der damals legierende Vicekönig Abbas, der im Jahre 1854 in trauriger Abgeschlossenheit von der Welt auf seinem Schlosse Benha von der Hand zweier Mameluken erdrosselt wurde, auf den Rath seiner englischen Freunde eingewilligt hatte, eine Dampfschiffslinie zwischen Alexandrien und Bulak zu eröffnen und eine Wüstenschnellpost zwischen der Chalifenstadt und dem Hafenorte Suez am Rothen Meere ins Leben zu rufen. Als Landungsstelle für die ankommenden Dampfer diente, wie gesagt, der Hof des gegenwärtigen Museums und als Kohlenschuppen für den Bedarf der Schiffe dasselbe Gebäude, in welchem gegenwärtig die Sammlungen der egyptischen Alterthümer in erdrückender Menge aufgespeichert liegen. Die sonderbare Verwandlung ging in kürzester Zeit vor sich und stand im engsten Zusammenhang mit den abenteuerlichen Schicksalen eines kaum gekannten jungen französischen Gelehrten, dessen Name nach Verlauf weniger Jahre einen Weltruf erreichen sollte.
August Mariette, dem vor wenigen Jahren seine dankbare Vaterstadt ein Denkmal in Erz errichtete, war am 11. Februar 1821 in Boulogne-sur-Mer geboren, hatte das dortige Gymnasium besucht und in seinem zwanzigsten Jahre die Stelle eines Lehrers an demselben angenommen. Seine Beschäftigung ließ ihm die nöthige Zeit, sich nebenbei seinen Lieblingsneigungen hinzngeben, um sein bescheidenes Einkommen zu vermehren und irgend wie und wo eine feste Stellung zu erringen. Mariette war eine poetisch-künstlerisch angelegte Natur. Er malte, schrieb Novellen, Romatle und humoristische Aufsätze, wurde Redakteur eines kleinen Lokalblattes und verfaßte zur Abwechselung gelehrte Abhandlungen über Gegenstände, welche die klassische Archäologie berührten. Auch in seinem späteren reichen Leben hat er diese Neigungen nie geleugnet, nachdem sie den eigentlichen Grund zu der aufsteigenden Bahn seines Glücksternes gelegt hatten. Kleine Ursachen erzeugen oft große Wirkungen. Ein bemalter Männersarg, der im Stadt- Hause von Boulogne als eine besondere Merkwürdigkeit aufbewahrt und den Besuchern gezeigt wurde, fesselte die Aufmerksamkeit des jungen Mariette. Von Neugier getrieben, den Inhalt der Inschriften und Darstellungen darauf kennen zu lernen, verschaffte er sich einige nothwendige Werke, die das System der hieroglyphischen Schrift der alten Egypter behandelten, fing an, sich dem Studium derselben mit allem Eifer hinzugeben und aus dem Schulmeister und Redakteur wurde über Nacht ein angehender Egyptolog. Paris und die egyptischen Sammlungen des Louvre zogen ihn mächtig an und es hielt ihn nicht länger in Boulogne. Dem Einfluß gütiger Gönner und Freunde gelang es, ihm eine Stelle als Direktorial-Assistent in der egyptischen Abtheilung der National- Museen mit der mäßigen Besoldung von 2000 Francs zu verschaffen, und so trat er, jung verheirathet und ohne Vermögen, mit Frau und Kindern die Reise nach Paris und, im Anfang des Jahres 1848, sein neues Amt in der großen Stadt mit ihren kostspieligen Lebensbedürfnissen an. Aber auch hier fand er die Befriedigung nicht, die er gesucht hatte. Sein unmittelbarer Vorgesetzter, der junge Vicomte Emmanuel de Rouge, einer der größten Förderer und Kenner der egyptischen Wissenschaft, wirkte ent- muthigend auf den neu angestellten Assistenten; ebensowohl die vornehme Haltung, als die hervorragenden Kenntnisse des Vicomte auf fast allen Gebieten der orientalischen Studien demüthigten den vorwärts strebenden Mariette, der harte Kampf um sein bescheidenes Dasein in der Weltstadt an der Seine lähmte feine Thatkraft und er fing an, sich mit dem Gedanken zu befreunden, dem Beispiele 1 vieler seiner Landsleute zu folgen tut Hehl Glück in Egypten zu ”
versuchen. Doch woher das nöthige Reisegeld nehmen, wie für die Familie sorgen, die er in Paris zurücklassen mußte?
Es war in der Zeit, als der Engländer Tattam die koptischen Handschriften in den Klöstern im Thale der Natronseen und anderwärts im Lande Egypten gründlich untersuchte und darunter gewaltig aufgeräumt hatte. Die reichen, von dem klugen Briten nach London geretteten Handschriften hatten die allgemeine Aufmerksamkeit Europas auf die koptischen Schätze im Nilthale hin- gelenkt und Mariette den Plan angegeben, es dem englischen Vorbilde nachzuthun. Der spätere Kaiser Napoleon saß damals, es war im Jahre 1850, auf dem Präsidentcnstuhle der französischen Republik, und Mariettes Person war ihm nicht unbekannt. Für den Gefangenen in Ham hatte der junge Gymnasiallehrer während seines Aufenthaltes in Boulogne artilleristische Zeichnungen an- gefcrtrgt und öfters Gelegenheit gehabt, Napoleon zu sehen und zu sprechen. Der Antrag auf seine Mission nach Egypten zur -Erwerbung koptischer Handschriften fand bei dem Präsidenten die bereitwilligste Unterstützung; Mariette erhielt die nothwendige Reiseunterstützung im Betrage von 8000 Francs und im Octobev des Jahres 1850 landete er zum ersten Male im Hafen von Alexandrien. Seine Bemühungen, in den Besitz der gehoffter^ koptischen Schütze zu gelangen, schienen von vornherein erfolglos zu werden. Tattams Rettungswcrk war nicht unbeachtet vorübergegangen, und der koptische Patriarch in Kairo hatte die strengsten Befehle erthcilt, um die noch vorhandenen handschriftlichen Sammlungen in den Klöstern vor europäischer Neugierde und fränkischem Wissensdurst zu schützen. Thatenlos saß Mariette vierzehn Tage lang in dem Hotel d'Orient am Esbekirchplatz zu Kairo, damik beschäftigt, die griechischen und römischen Klassiker, welche egyptifche Ueberlieferungen enthielten, eifrig zu lesen, oder bei seinen Ausgängen den Antiquitätenhändlern in der Stadt seine Besuche zu machen. Unter diesen nahm ein spanischer Israelit Fernandez die erste Stelle ein. Neben allen möglichen europäischen Handelsartikeln billigster Sorte enthielt sein vollgepfropfter enger Ladenraum ein ganzes Museum egyptischer Alterthümer, unter denen die Figuren liegender Sphinxgestalten aus der Wüste in der Nähe des Dorfes Sokkara auf Mariette, der in Alexandrien ähnliche zu sehen Gelegenheit hatte, eine besondere Anziehungskraft ausübten. Sie riefen ihm eine Stelle des Geographen Strabo in das Gedüchtniß zurück, wonach das Serapeum von Memphis an einem sandigen Orte in der Wüste gelegen war und die Köpfe von vergrabenen Sphinxen aus dem Boden hervorragten. Mariette begab sich auf eine Forschungsreise nach der Wüste von Sokkara, fand ihaisächiich die von Strabo beschriebenen Sphinxe und begann am 1. November 1850 seine Nachgrabungen, die schließlich zu der weltbekannten Entdeckung der 64 Apisgräber führten, deren Schätze, 7000 Nummern, gegenwärtig im Museum des Louvre in Paris zusammengestellt sind. Die französische Nationalversammlung votirte einstimmig eine bedeutende Geldsumme, um die begonnenen Untersuchungen zu Ende zu führen, die Mariette drei volle Jahre an den Aufenthalt in der Wüste fesselten und ihm fast täglich neue Uebcrraschungen und Aufregungen bereiteten. Hatte es Frankreich fitt eine Ehrenpflicht gehalten, dem glücklichen Entdecker die schwere Aufgabe zu erleichtern und ihm die ausreichenden Mittel für die Fortsetzung der Nachgrabungen zu gewähren, so hatte der sranzöfische Gelehrte tausend Kämpfe gegen die egyptische Regierung auszufechten. Das Gerücht hatte sich wir ein Lauffeuer verbreitet, er habe in der Wüste einen großen goldenen Schatz gefunden, und ein altes Verbot Muhammed-Ms wurde in Erinnerung gebracht, wonach Ausgrabungen im Lande nur auf Grund eines vizeköniglichen Firmans gestattet feien. Einen solchen besaß Mariette allerdings nicht und der französische Konsul bemühte sich vergeblich darum, denn der Bizekönig Abbas war wohl ein Freund der Engländer, aber kein Freund der Franzosen. Die unglaublichsten Hinderniffe und Schwierigkeiten wurden Mariette in den Weg gelegt, um seine unterirdischen Arbeiten lahm zu legen und die nächtlichen Transporte der Kfften mit ihrem Denkmälcrinhalt nach Alexandrien zu verhindern, allein mit tausend Listen wußte Mariette die Behörden und Aufpasser zu täuschen oder die Mehrzahl derselben sich geneigt zu machen, -so daß schließlich 7000 wertvolle Monumente des Seraprums unbehelligt ihren Weg nach Frankreich finden konnte?
(SchlaßsotM
