41. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: «*o Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begonnen werden.
Verlag: Langgasse 27.
12,500 Abonnenten.
Anzeigen-Preisr
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reciamcn die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
Ko. 608.
Samstag, den 30. Dezember
1893.
Abend-Ausgabe.
Nene Romane.
Auch im kommenden Jahre wird das „Wiesbadener Tag- olatt" täglich zwei größere Itomansortlctznngen veröffentlichen, und zwar ist nach wie vor darauf Bedacht genommen, daß nicht ödem Sensationsbcdürfniß und platter Lesewuth Rechnung getragen wird, vielmehr haben wir uns zur Aufgabe gestellt, wie bisher nur literarisch werthvollen, gediegenen und interessanten Lrzählungsstoff zu bringen. Namen, wie Herman» Kerberg, Hheodor Storm f, Kans Koffmann, Kans Kopsen/ Marie v. Ebner-stschenbach, Alse Krapan u.'A. bürgten bisher für die Gediegenheit der gebotenen Auswahl. Auch künftig werden die ersten Schriftsteller mit Werken bei uns vertreten sein und veröffentlichen wir zunächst den hochsxannenden Romail
Das Geheimnitz des WohlLhäters
von Adolf Strechfuß
sowie die literarisch und kulturgeschichtlich äußerst interessante Arbeit
Altar und Kerker.
Lin Roman aus den dreißiger Jahren von Hlto Wülker.
Zar Jahreswende.
Wiederum geht ein Lebensabschnitt für die Menschheit zu Ende. Ernstere Gemüther pflegen am Jahreswechsel I einen sinnenden und prüfenden Rückblick auf die durchlebte | Spanne Zeit zu werfen und sich ins Gedächtnitz znrück- f zurufen, was sie uns gehalten und gebracht hat, ob wir | mit dem Schicksal und unserem eigenen Handeln zufrieden I sein dürfen. Und von der Rechenschaft über das eigene I Thun und die eigenen Erfahrungen schweift dann wohl der f rückschauende Blick auch auf die Erlebnisse und Ereignisse, i welche die Gesammthrit des Volkes betroffen haben.
Die Bilanz des Jahres 1893 ist keine günstige; das I Soll übersteigt das Haben, der Berlnst den Gewinn, wo in f aller Welt auch dieseBilanz gezogen wird. Die verhallenden r Klänge des Weihnachtsliedes, die „Friede auf Erden" ver- s kündeten, traten zu den Dingen dieser Welt in einen E scharfen Kontrast. Zwar Friede ist auf Erden, aber ein s ungemüthlicher, bewaffneter Friede, ein Friede, der ungeheure I „Kriegskosten" erfordert. Aus Gmndcn des Friedens ist I die Militärvorlage bei uns eingebracht worden, welche leider I einen so erbitterten Krieg zwischen Steuerzahlern und Re- I gicrung entfacht hat.
Auch sonst sieht es bei uns nichts weniger als friedlich I aus. Schroff stehen die Parteien einander gegenüber, und l die politische Lage ist durch die Auflösung des Reichstags f keineswegs geklärt worden. Die schwindsüchtigen Mehrheiten f „von Fall zu Fall" erweisen sich als sehr unzuverlässige, l schwache Stütze einer zielbcwußten Politik. Selbst die ge- | wohnheitsmäßigsten Wahrsager vermögen den dichten Nebel, i der den politischen Horizont umhüllt, nicht zu durchdringen, und Niemand weiß, „was uns der Morgen bringt, ob er i uns Sorgen bringt, Freud' oder Leid". Schwer lastet die i Ungunst der wirthschaftlichen Verhältnisse auf allen Klassen i der Bevölkerung. Der Zollkrieg mit Rußland schlägt ällenl- s halben tiefe Wunden, und noch immer ist dessen Beendigung f ungewiß. Der griechische Staatsbankerott hat die Unter- ° nehmungslust des Kapitals, desseil Muth durch die allgemeine ? Depression schon stark gesunken war, völlig gelähmt. Dazu | haben sich der bürgerlichen Gesellschaft schwere Besorgniß vor i dem Anwachsen der sozialistischen Bewegung und banges | Entsetzen vor dem Gespenst des Anarchismus, diesem Mittel- f ding zwischen Wahnsinn und Verbrechen, bemächtigt.
| So leben wir, wenn man selbst den Touloner Flotten- s besuch als harmlose Visite auffassen will, wenn man auch [ die Ereignisse in Melilla nicht als ein Aufrollen der marok- [ konischen Frage diagnostizirt, mitten im Frieden in scharfem I Kriege, in einem Kriege, dessen Beendigung völlig ungewiß [ ist und von Einflüffen abhängt, auf die unsere schwache [ Meuschenkraft keine Wirkung auszuüben vermag.
Allerdings, wenn es ein Trost ist, im Unglück Genossen fc zu haben, dann haben wir des Trostes genug. Wirthschaft» -1 Uches Darniederliegen, Unerträglichkeit der Lasten, Streit s und Zwist im Innern finden wir, soweit die Segnungen i der Kultur den Völkern zu Theil werden.
I In dem befreundeten Oesterreich-Ungarn tobt der Kampf s aer Nationalitäten fort, und das Ministerium Windischgrätz | hat seine vielfach bezweifelte Existcnzfähigkcit noch zu er- i; weisen. In Italien frißt das Erbübel, das finanzielle I Defizit, am Staalskörper fort, und noch ist es zweifelhaft, ob dem Arzt Crispi die Heilung des Uebels gelingt. In s Frankreich streiten sich die Weisen darüber, ob in dem ! r Lande überhaupt noch regiert werden kann; und die thönernen : Füße des von Hungersnoth und Mangel, von nihilistischen i und anarchistischen Verschwörungen heimgesuchten Kolosses Rußland drohen den Dienst zu versagen. England, wo Gladstone einen Kampf um Sein oder Nicht- ! sein führt, sieht sich, vom Zweibunde bedroht, : seufzend zu Rüstungen genöthigt. In Portngal und
Serbien ist mau nicht weit von dem Schicksal entfernt, mit dem der schlaue Grieche sich soeben höchst geschäftskundig abfindet. Die beiden feindlichen Brüder, Schweden und Norwegen, wetzen das Messer, mit dem sie das Tafeltuch zwischen sich zerschneiden wollen. In Spanien ist das einzige, was überhaupt noch Bestand hat, die — anarchistische Bewegung. Belgien steht an dem Vorabend der Revolution, die in etlicheit außereuropäischen Staaten soeben an der Tagesordnung ist.
Das Bild, welches bei einem Rückblick auf den verflossenen Zeitraum so vor uns tritt, hat also wahrlich der trüben Züge genug. Indessen verzagen und verzweifeln wollen wir darum nicht. DaS ziemt nicht ernsten und tüchtigen Männern und kann keinen Nutzen bringen. Wir wollen arbeiten und ringen, auf daß wir die schweren Aufgaben erfüllen, die das Leben den Menschen anferlegt. Ernst und Entsagung, Arbeit und Pflichtgefühl thut uns Allen noth. Trete Jeder mit dem ehrlichen Vorsatz, es an seinem Theil nicht fehlen lassen zu wollen, in den neuen Lebensabschnitt ein! Und in diesem Sinne möge für jeden ernst Wollenden und Strebendeir der allgemeine Wunsch in Erfüllung gehen:
Ein glückliches Neujahr!
(Nachdruck verboten.)
Iiickblick auf das Jahr 1893.
(Forlsctzung.)
Die verbündeten Regierungen traten unmittelbar nach dem Neichstagsschlusse betreffs der Kostendeckung der Heeresverstärkung 'n Unterhandlungen, in deren Bereich auch eine Umgestaltung der Neichsfiiiauzen gezogen wurde, welche eine gesundere Grundlage derselben, vor Allem eine Festlegung der Matrikularbeiträge, zu schaffen bezweckte. Mit. dem Entwürfe einer solchen Neichsfinanzreform, sowie der Erschließung netter Stenerquellen wurde der preußische Finanzminister Dr. Miguel betraut, welcher den Änfangs August in Frankfurt am Main zusammentretenden deutschen Finanzmiliiftern ein reichhaltiges Steuerbouquet zur Auswahl vorlegte. Mau entschied sich, allerdings erst nach langen und später in Berlin fortgesetzten Verhandlungen, für eine Reichsweinstener, eine Tabakfabrikatsteuer, eine Erhöhung der Börsensteuer und eine Vermehrung der reichsstempelpflichtigen Gegenstände. Das Bekannlwerdeit der beiden erstgenannten Stenerprojekte rief in den Kreisen der Interessenten eine lebhafte Beunruhigung und tiefgehende Erregung hervor, zumal die Last beider Steuern nicht von den tragfähigen Schultern, sondern fast ausschließlich von den minder bemittelten Volksklassen getragen werden müßte; gegen die Weinsteuer insbesondere, welche die ohnehin schwer gedrückte landwirthschaftliche Bevölkerung des westlichen und südwestlichen Deutschlands unverhältnißmäßig schwer treffen würde, erhob sich in den Kreisen des Weinhandels und der Weinproduzenten ein Sturm derEnlrüstnng, den: das Steuerprojekt zu erliegen scheint. Der am 17. November begonnenen zweiten Tagung des neugewähltenReichstages fällt im neuen Jahre die folgenschwere Aufgabe zu, die behufs Ausbringung der Kosten der Heeresverstärkung nothwendigen neuen Einnahmequellen zu erschließen; außerdem werden sie wohl von weiteren wichtigen Vorlagen das Reichs- seuchengesetz, sowie Vorschläge zur gesetzlichen Regelung des Handwerker- und Lehrlingswesens beschäftigen. Die Lage hat sich in der kurzen Tagung bereits so weit geklärt, daß von den großen Stenervorlagen die Weinsteuer sicher, die Tabakfabrikatsteuer höchstwahrscheinlich fallen und man andere, dankbarere und volksthümlichere Besteuerungsgegenstände, namentlich Luxusartikel, heranznziehen genöthigt sein wird. Der Reichstag nahm in dem kurzen Tagungsabschnitt vor Weihnachten den Handelsvertrag mit Columbien, ferner die Novelle zum Jnvalidengesetz, welche auch den Invaliden aus den Kriegen von 1864 und 1866 die Segnungen des Pensionsgesetzes zuwendet, an; sodann erledigte er den seit langen Jahren in jeder Tagung eingebrachten, aber nicht immer zur Verhandlung gekommenen Antrag desCentrums auf Aufhebung des Jesuitengesetzes dahin, daß er denselben mit 176 gegen 136 Stimmen annahm. Ob auch der Bundesrath der Wiederzulassung des Ordens zustimmen wird, erscheint allerdings sehr fraglich. Den Brenn- und Angelpunkt des kurzen Taguiigsabschniltes bildeten die Handelsverträge mit Rumänien, Serbien und Spanien, deren ersteren die Agrarier wegen des Rumänien zngebilligien ermäßigten Getreidezolles auf» Heftigste bekämpften. Die Abstimmung über diesen Vertrag, welcher am 13. Dezember mit 189 gegen 165 Stimmen, unter Spaltung der Nationalliberalen und des Centrnms, angenommen wurde, bildete eine Kraftprobe der Agrarier, die zu deren Ungunsten ausfiel. Die Verträge mit Spanien und Serbien faiibcn weniger Widerstand; nach der Annahme der drei Vertrüge in dritter Lesung ging am 15. Dezember der Reichstag in die Weihnachtsferien. Der bevorstehende Kampf um die Stenervorlageil dürfte nicht minder heftig werden als der um die Handelsverträge.
Die vorstehend erwähnten drei neuen Handelsverträge bedeuten einen weiteren wichtigen Schritt auf dem vom Reichskanzler Grafen Caprivi betretenen Gebiete der Handelsvertragspolitik. Aus den Verträgen mit Serbien und Rumänien ist als wichtigste Festsetzung zu erwähnen, daß diesen beiden Heinen Staaten der ermäßigte Zoll auf Getreide gewährt wurde. Die Verhandlungen mit Spanien stießen auf Schwierigkeiten, da die spanische Regierung sich weigerte, der deutschen Spriteinfuhr die geforderten Vergünstigungen zu gewähren, Nachdem am 1. Juli der deutsche Gcneraltarif gegen Spanien und der spanische Höchsttarif gegen Deutschland in Kraft gesetzt worden war, kam am 9. August, allerdings ohne die deutscherseits geforderte Vergünstigung, ein neuer Vertrag zu Stande, worauf der seitherige Vertrag einstweilen bis zum 31. Dezember verlängert wurde. Einen noch weniger günstigen Fortgang nahmen die zu Anfang des Jahres in Berlin begonnenen handelspolitischeit Verhandlungen mit Rußland. Die Vertreter des Zarenreiches erhoben von vornherein, von der falschen Voraussetzung ausgehend, daß Deutschland auf den Bezug russischen Getreides angewiesen sei, die Forderung, daß die den mitteleuropäischen Staaten gewährten ermäßigten Getreidezölle auch auf Rußland ausgedehnt würden. Deutscherseits konnte man sich, zumal mit Rücksicht auf die bereits erwähnte heftige Agitation des Bundes der Landwirthe, zu diesem Zugeständnisse nicht entschließen, wenn dasselbe nicht durch schwerwiegende Vergünstigungen für die deutsche industrielle Ausfuhr nach Rußland aufgewogen würde. An dem mangelnden Entgegenkommen Rußlands scheiterten die Verhandlungen, und so kam es zum handelspolitischen Bruche zwischen den beiden Nachbarreichen. Rußland setzte vom 1. August ab seinen neuen Höchsttarif gegen Deutschland in Kraft, welcher die deutsche Einfuhr völlig abschnitt; die deutschen verbündeten .Negierungen antworteten darauf mit dem deutschen Generaltarif, worauf russifcherseits eine abermalige 5Oqno$entige Erhöhung des Höchfitarifs folgte. Es zeigte sich im Verlaufe des nun entbrennenden Zollkrieges gar bald, daß der russische Finanzminister die Rechnung ohne den Wirth gemacht hatte; denn der russischen, auf die Ausfuhr nach Deutschland angewiesenen Landwirthschaft erwuchs durch den Zollkrieg ein ungeheurer Schaden, der die der deutschen Industrie zugefügten schweren Nachtheile sehr bedeutend überwog. Infolge dieser Wahrnehmung begann man in Petersburg mildere Saiten aufzuziehen und sich Deutschland wieder mehr zu nähern. Während der Zollkrieg seinen Fortgang nahm, begannen am 2. Oktober neue zollpolitische Verhandlungen zwischen Deutschland und Rußland, welche gegenwärtig noch andauern, und deren Endergebniß einstweilen noch nicht abzusehen ist.
Daß die deutsche Regierung bei diesen Verhandlungen sich nur schweren Herzens und nur gegen besonders schwerwiegende Zugeständnisse auf anderen Gebieten entschließen kann, der russischen Forderung auf Herabsetzung der landwirthschaftlichen Zölle zu entsprechen, erscheint sehr wohl verständlich, wenn man die außerordentlich gedrückte Lage in Betracht zieht, in welcher sich die deutsche Landwirthschaft gegenwärtig befindet. Für sie brachte das Jahr 1893 einen Nothstand, wie er seither selten zu verzeichnen gewesen ist. Im größten Theile Deutschlands fiel die Futterernte im Frühjahre gänzlich und infolge langer Trockenheit die Heuernte so dürftig aus, daß ein beispielloser Futtermangel eintrat, die Futterpreise sich verdreifachten und infolgedessen die Bauern genöthigt wurden, ihren Vieh- stand, den sie nicht mehr ernähren konnten, zn wahren Schleuderpreisen zn vermindern. Der Herbst brachte zwar eine Linderung des Futtermangels, trotzdem aber eröffnet sich den Landleuten ein trüber Blick in die Zukunft, sodaß es kaum wunder nehmen kann, daß die landwirthschaftliche Bevölkerung mit allen Kräften eine Verbesserung ihrer Lage anffrebt und sich, da sie dieses Ziel dadurch zu erreichen hoffte, der agrarischen Bewegung anschloß. Zweifellos erwächst dem Staate die Pflicht, nach Kräften auf die Verbesserung der Lage der Landwirthschaft bedacht zn sein. Ein Anfang dazu soll, wie es heißt, durch Errichtung von Lcmdwirthschaftskammern demnächst gemacht werden.
Die soz ial istische Bewegung hat im abgelaufenen Jahre nicht viele Lorbeeren geerntet. Die Massen wollen Thaten anstatt Redensarten und entziehen sich mehr und mehr der Führung der seitherigen Parteigewaliigen. Die im vorigen Jahre aus der sozialdemokratischen Partei ausgeschlossenen „Unabhängigen" haben einen weiteren Schritt nach links gethan, sich offen mit den Anarchisten verbrüdert und im Verein mit ihnen eine lebhafte Thätigkeit entwickelt, welcher jedoch die Aufmerksamkeit der politischen Polizei einen wirksamen Damm entgegensetzte. . In die Oede der sozialistischen Agitation suchte die Parteileitung im Anfänge des Jahres etwas Leben hineinznbringen durch Veröffentlichung einer Anzahl von Quittungen über von der Regierung des Fürsten Bismarck angeblich gezahlte Vergütungen und Belohnungen aus dem Welfenfonds. Allemder große Schlag, den man damit anszuführen gedachte, fiel auf die
