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41. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezngs-Preis: 50 Psennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

Verlag: Langgasse 27.

12,500 Abonnenten.

Anzeigen-Preisr

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

1893.

Donnerstag» den 28. Dezember

Ko. 604.

Abend-Ausgabe.

Nene Romane.

Auch im kommenden Jahre wird das „Wiesbadener Tag­blatt" täglich zwei größere Ziomanfortsctznngen veröffentliche», und zwar ist nach wie vor darauf Bedacht genommen, daß nicht ödem Sensationsbedürfniß und platter Lesewuth Rechnung ge­tragen wird, vielmehr haben wir uns zur Aufgabe gestellt, wie bisher nur literarisch werthvollen, gediegenen und interessanten Lrzählungsstoff zu bringen. Namen, wie Kermaun Keiöera, Theodor Storm f, Kans Koffmann, Kans Köpfen, Warte v. Ebner-Kfchenöach, Ilfe Krapan u. A. dingten bisher für die Gediegenheit der gebotenen Auswahl. Auch künftig werden die ersten Schriftsteller mit Werken bei uns vertreten fein und veröffentlichen wir zunächst den hochsxannenden Roman

Das Geheimnis des Wohlkhaters

von Adolf Streäifnß

sowie die literarisch und kulturgeschichtlich äußerst intereffante Arbeit

Altar und Kerker.

Gin Roman aus -en dreißiger Jahren von Htto Müller.

Zur Reform der Zmangsvoüstrecknng.

I In neuester Zeit erheben sich Stimmen für eine Reform der Zwangsvollstreckung im Sinne der Sicherung eines Existenzminimums für den Arbeiter. Diese Reform hat zweifellos eine große soziale Bedeutung und man muß sich nur wundern, daß sie nicht schon früher angeregt worden ist.

Was die Zwangsvollstreckung ist und wie sie durch­geführt wird, ist wohl allgemein bekannt. Der Gecichts- vollzieher hat nach ergangenem Urtheil im Auftrage und Interesse des Gläubigers dem Schuldner die vorhandenen -Bermögenöftücke wegzuuehmen mrd darf ihm nur die „un­entbehrlichsten" Möbel, Betten, Kleider, HandwerK- zeuge u. f. w. belassen. Was aber unentbehrlich ist, sagt das Gesetz nicht; hierfür entscheidet lediglich das Gutdünken des vollziehenden Beamten. Da die Gerichtsvollzieher auf die Kundschaft ihrer Klienten angewiesen sind, so ist es er­klärlich, daß sie sich an Schärfe und Strenge einander den Rang abzulaufen suchen. Zur Anrufung des Richters wegen zu großer Rücksichtslosigkeit des vollziehenden Be­amten hat kaum Jemand, der einmal bis aufs Mobiliar gepfändet ist, Zeit und Geld. Die Folge ist, daß bei Pfändungen vielfach in einer Weise vorgegangen wird, welche fast stets dauerndes wirthschaftliches Siechthnm herbeiführt. Dem Schuldner bleibt nichts als das aller- ungenügendste Mobiliar; eine geordnete Häuslichkeit, ein geordnetes Familienleben, ja oft ist die Aufrechterhaltung von Anstand und Sittlichkeit kaum noch möglich. Wenn der Gerichtsvollzieher z. B. die Zahl der unentbehrlichsten Betten zu knapp bemißt, so ergeben sich daraus geradezu furchtbare Härten; von dem Rechte des Bermielhers, bcm gepfändeten Micther eventuell auch noch die unentbehrlichsten Mobilien abzunehmen, sehen wir dabei ganz ab. Die außer­ordentliche Strenge des Verfahrens bei der Zwangs­vollstreckung muß in vielen Fällen den Schuldner zur Ver- »weiflung treiben, da sie den Arbeiter der Mittel beraubt, deren er zur Erhaltung feiner Existenz bedarf. Eine Aenderung unseres Exekutionswesens ist daher dringend nothwendig und man darf sich der Erwartung hingeben, daß durch eine Milderung der in Frage kommenden Bestimmungen der Civilprozeß-Ordnnng ein gut Stück sozialer Unzufriedenheit beseitigt werden wird. Schon der letzte Juristentag in Augsburg hat sich für eine Reform der Zwangsvollstreckung, durch die dem Arbeiter ein Existenzminimum gesichert wird, ausgesprochen und es wäre im höchsten Grade zu wünschen, daß der Reichstag bald veranlaßt wird, sich mit der Frage zu beschäftigen.

In einigen anderen Staaten, wie beispielsweise Frank­reich, wird die wirthschaftliche Existenzfähigkeit durch die 'Zwangsvollstreckung weit weniger als bei uns bedroht. In den Bereinigten Staaten von Nordamerika steht die Förde­rung eines ausgedehnten Schutzes des Mobiliarbesitzes sogar als Grundrecht in den Verfassungen und demgemäß hat der Schuldner das Recht, Mobiliargegenstände im Werthe von mehreren Hundert Dollars aus seinem, dem Gläubiger ver­fallenen Vermögen heranszunehmen; außerdem kann er dort noch eine kleine Liegenschaft, die Heimstätte, für sich und nach seinem Tode seiner Wittwe und seinen minderjährigen Kindern der Exekution entziehen. Hoffentlich wird nun auch bei uns den angeregten Reformbestrebungen auf Beschränkung des gesetzlichen Pfandrechts zum Schutze der Existenz des sogen, kleinen Mannes kräftige Unterstützung zu Thcil. Gerade auf diesem Gebiete ist für die materiellen Inter­essen der Arbeiter noch nichts gethan. Die Forderung, daß dem Arbeiter wenigstens ein Minimum seines Besitzes ge­sichert werden muß, erscheint umso berechtigter, als man

dem Arbeiter in Rücksicht auf seine Ehrlichkeit und seinen zu erhoffenden Verdienst kreditirt, nicht aber daraufhin, daß man ihm alle Möbel und Kleider pfänden kann. Gewiß gicbt es viele böswillige und leichtfertige Schuldner, aber zahlreicher sind immer die Fälle, daß der Schuldner deß- halb nicht zahlen kann, weil er in eine unvorhergesehene Nothlage geralhen ist. --——-----

Noch immer die Anarchisten.

(Von unserem Korrespondenten.)

w. Paris, 26. Dezember.

Wer da gehofft hatte, daß mit der Vertagung der Kammern endlich einmal die Aufmerksamkeit sich wieder ein weicig auch etwas Anderem als nur den Anarchisten zu- wenden werde, sieht sich in seinen Erwartungen arg ge­täuscht. Nach wie vor berichten die hiesigen Blätter in spaltenlangen Artikeln über dieselben und die Negierung scheint für etwas anderes überhaupt gar nicht mehr Sinn zu haben. Die Verfügungen des Ministers des Innern, Raynal, erstrecken sich einzig und allein auf Instruktionen an bie Präfekten und die Polizei, wie bie gegen die Anarchisten erlassenen Gesetze zu handhaben seien, die desJustizministcrs belehren die öffentlichen Ankläger darüber und fordern sie auf, möglichst scharf vorzugehen. Es ist sogar die Rede davon gewesen, ein besonderes Polizeiministerium einznrichten, aber Raynal hat dies als ein Mißtrauensvotum seiner Kollegen aufgefaßt und erklärt, dann aus dem Kabinet ausscheiden zu müssen, worauf man auf diese außergewöhnliche Maß­regel verzichtete. Die Instruktionen an die Polizeikommissäre scheinen übrigens durchaus von Nöthen zu sein, denn vor­läufig wissen dieselben entschieden noch garnicht, was sie eigentlich zu thun haben. Berufen die Sozialisten ober Anarchisten Versammlungen ein, so wohnen sie diesen aller- diirgs bei, aber ihre Gegenwart übt auf die Herren Welt­verbesserer keinen besänftigenden Einfluß aus. Im Gegeu- theil; dieselbe scheint diese nur anznfenern, ihre Theorien rn möglichst kräftigen Worten zu verkünden und bei einer dieser Zusammenkünfte erklärte sogar ein Redner, daß es ihm ein besonderes Vergnügen bereite, den Polizei­präfekten in Gegenlvarl seines Beamten mit einigen nicht gerade schön küugenden Benennungen zu belegen. Von weit besserer Wirkung sind schon die Gesetze gegen die Aus­schreitungen der Presse gewesen, weil diese keine Deutungen zulasscn und sicher scharf zur Anwendung gebracht werden soweit die Anarchisten und — wohl auch manche andere, — in Betracht kommen. Die revolutionären Organe haben bereits weit mildere Saiten aufgezogen. Der „Pera Peinard“ benachrichtigt feine Leser, daß er in Zukunft einige Vorsicht werde walten lassen müssen, denn Angesichts eines Gesetzes, das bie Verherrlichung des Verbrechens be­straft, sei es ihm nicht mehr möglich, seine Gedanken frei ansznsprechcn. Die „Eevolte“ hielt es zuerst für weiser, garnicht zu erscheinen, da sie aber doch ihre Abonnenten nicht ganz und gar einer so anziehenden Lektüre berauben zu könne» glaubte und diese ja nur an recht kräftiger Kost Geschmack finden, so ist sie auf ein sehr ingeniöses Aus­kunftsmittel verfallen, um ihnen solche doch vorsetzen zu können. Die diesmalige Nummer enthält nichis wie künst­lerische und litterarische Essays, die alle anarchistischen Theorien vertreten, aber diese Aussätze sind durchweg den Werken von Tolstoi, Henry Moret, Ernest Picard, Oskar Melönier re. entnommen. Das Gesetz wurde so geschickt umgangen, aber lauge wird der kluge Redakteur der „Re'volte“ sich in dieser Weise doch nicht helfen können.

Inzwischen ist der verhaßte Feind, der „Bourgeois“, nur darauf bedacht, wie er sich auch soust gegen die Pro­paganda durch die That schützen könne; er findet nun einmal keinen Geschmack daran, daß andere auf seine Kosten zu Märtyrern weiden, lieber die Vorsichtsmaßregeln, welche der Senat ergriffen, habe ich Ihnen bereits berichtet; jetzt ist die Börse diesem Beispiel gefolgt, indem sie die Wach­mannschaften verstärkte, einzelne Galerien schloß, die Metall- thüren erhöhte, damit man nichts hinüber werfen kann rc. Die Leiter der Oper haben erklärt, daß sie bie Verfinsterung dcS Zu- schanerraumes, bie in einzelnen Stücken häufig erforderlich, nun nicht mehr auf das Amphitheater ansdehneu, damit mau es sehen kann, wenn etwa eine Bombe von dort ge­schleudert werden sollte. Die Herren Anarchisten werden sich dies gesagt sein lassen und wohl die paar Franks an­wenden und sich auf einen besseren Platz begeben, wenn sie sich ihrer Lieblingsbeschäftigung widmen wollen. Die größte Aufregung herrscht aber im Hotel de Ville, trotzdem man dort die erhaltenen Drohbriefe als eine Mystifikation betrachtet und ja auch bie Stabtväter bie größte Rücksicht von ben Umstürzlern erwarten können, beiten sie boch stels bas größte Wohlwollen bewiesen haben. Welche Vorsichts­maßregeln man ergreifen soll, darüber ist man aber noch gänzlich im Unklaren und so macht sich denn ein gewaltiger Aufschrei uach der Polizei geltend, gegen bie ber Conseil municipal sonst eine so unüberwindliche Abneigung zeigte

und bie einzelne feiner Mitglieber sogar wiederholt als vollständig überflüssig bezeichneten. Die Deputirten allein ließen bis jetzt nichts darüber verlauten, wie sie sich vor dem Besuch unliebsamer Gäste im Palais Bourbon zu be­wahren gedenken, vielleicht ist dies ein Uebermaß von Klugheit, fie wollen die Anarchisten dadurch sicher machen; nur könnte dies einen solchen zu einem zweiten Versuch veranlassen, bei dem er allerdings der Gerechtigkeit in die Hände fallen dürfte, falls — das Palais Bourbon nicht vorher in die Luft fliegt. Das einzige oder vielmehr die einzigen Mittel, um den Anarchismus auszurotten, be­hauptet M. Dclahaye gesunden zu haben, der Deputirte, welcher sich während ber Panamaskandale zum Richter auf­geworfen hatte, bent die Franzosen aber so wenig Dank dafür wußten, daß sie ihn nicht wieder gewählt. „Gott und Cäsar", so meinte derselbe, seien einzig und allein im Stande, das Land zu retten und dies habe auch schon be­wiesen, daß es zu dieser Erkenntniß gelangt sei,. indem es sich dem Papst und dem Czaren in die Arme geworfen.

Potttischr Tages-Rnndschan.

— Nach ber Stimmung in Neichstagskreisen wird wenig Aussicht sein, bie neuen Marin eforderungen burdj* zubringen, obwohl sie nur eine eingeschränkte Wiederholung ber bereits in ber vorigen Session abgelehnten Forderungen sind. Es sind diesmal wieder gefordert erste Raten zum Bau des Panzerschiffs „Preußen". einesKrenzers und eines Aviso. Daneben ist auch das Ordiuarium um rund drei Millionen Mark erhöht durch Aufwendungen für Geld» Verpflegung, für Indienststellung und Judieusthaltnng der Flotte für Vermehrung des Personals. Diese letzteren Forderungen werden schwerer abzulehnen sein, wenn das Bevürftiiß nachgewiesen wird. Um die Schiffsneubanten aber wird nach Neujahr ein heftiger Streit entbrennen.

— Einer der wichtigsten Bestandtheile des Arbeitsstoffs in der bevorstehenden Landtagssession wird die Errichtung von LandwirthschaftSkammern sein. Die lange Sitzung des Staatsministcriums in der vorigen Woche, an welche bie Erfindungskunst einiger Berichterstatter allerlei Märchen von Friktionen und scharfen Auseinandersetzungen anknüpfte, hat sich, wie wir hören, vorzugsweise mit den Grundzügen zu einem Gesetz über Landwirthschaftskammern beschäftigt. Der Stoff bietet bei den großen landschaft­lichen Verschiedenheiten mancherlei Schwierigkeiten und er­fordert eingehende Untersuchungen und Erörterungen, lieber die Grundlagen, auf denen diese landwirthschastliche Ver­tretung errichtet werden soll, verlautet zur Zeit noch zu wenig, als daß man ein Urtheil über beit Nutzen und Werth ber Einrichtung abgeben könnte. Sie soll obli­gatorisch sein und ziemlich weitgehenbe Befugnisse haben. Das Bedürfniß nach einer besseren Vertretung ber laub- wirthschaftlichcn Interessen wirb nicht zu bestreiten sein. Die letzteren würben so zweckmäßiger und wirksamer zur Geltung gebracht werden können als durch eine heftige Agitation, wie fie gegenwärtig auf diesem Gebiet herrscht.

— Nach einer Zusammenstellung aller in dem Berliner Börsenkourszettel notirten Bank- und Jndustrie- paPiere stellt sich für das verflossene Jahr eine durch­schnittliche Dividende von 5,6 pCt. heraus, uud zwar bei Banke» 6 pCt., bei Baugesellschaften 6 pCt., bei Brauereien 6’/s pCt., bei chemischen Fabriken 10Vs pCt., bet Gas» und Wasseranlagen 7 pCt., bei Maschinen und Eisenbahn- bebarf 7 pCt., bei Papierfabriken 3'/spCt., bei Spinnereien und Tuchfabriken 5 pCt., bei Transportanstalten 4 pCt., bei Zuckerfabriken 4 pCt., bei Gummifabriken 10 pCt., bei Cemeutsabriken 4Vs pCt., bei Bergwerken 5 pCt. Gar fo arg kann es baitach mit bem Darnieberliegen ber Jnbustrie doch noch nicht feilt.

— Das Leichenbegängniß des ermordeten Mrva fand gestern Nachmittag in Prag unter großem Andrange des Publikums ohne Störung der Ruhe statt. Die altczechischen Blätter besprechen die Ermordung und machen dafür die jungczechischett Agitatoren verantwortlich, die, wie Hlas Naroda bemerkt, die ganze Nation verhetzt, alle Autorität vernichtet, die Gemüther verwildert und das ganze öffent­liche Leben entsittlicht haben; es werde nunmehr schwer fallen, bie Aufhebung beS Ausnahmezustandes zu verlangen. Ueber Mrva und fein Treiben noch nachfolgende Mit- theilungen:

Alois Mrva stand im 21. Lebensjahre und war bereits zwei­mal vor Gericht angeklagt. Zuerst war er vor etwa vier Jahren mit einer Anzahl anderer junger Leute der Geheimbündelei be­schuldigt. Man hatte ihnen zur Last gelegt, fcafc sie in Kellern Versammlungen abhielten, sich im BesiLe von Waffen befanden und verschiedene Diebstähle, insbesondere bei Mitgliedern des Adels und einem unterirdischen Einbruch in die Statthalterei, wo große Summen von Staatsgeldern vermuthet wurden, aussühreu wollten. Ter Geheimbund hieß „Das unterirdische Prag." Die Angeklagten wurden damals freigcsprocheu. Zum zweiten Male war Mrva bei den Straschitzer Arbeiter-Excessen verwickelt, wurde jedoch ebenfalls freigesprochen. Als nach der Verhängung des Ausnahmezustands die Verhaftungen der Mitglieder her Omladina begannen, wurde auch er verhaftet, aber nach einem Verhör wieder freigelassen. Seitdem ihn