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41. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-Preis: 50 Pseunig monatlich für beide Ausgaben zusammen. Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

Ko. 594.

Verlag: Langgasse 27

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Mittwoch, den 20. Dezember 1893.

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WesteÜ'ungen auf das ^Wiesbadener Tagblatt E. Anzeiger für amtliche und nichtamtliche Bekanntmachungen der Stadt Wiesbaden und Umgegend

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Staatsbankerotte.

. Der griechische Staatsbankerott, welcher seit einem Jahre rin offenes Geheimniß war, durch die am Freitag Seitens her Volksvertretung des Landes erfolgte Genehmigung des sogenanntenfinanziellen Arrangements" aber jetzt auch kgricchischcrseits unumwunden und mit dreister Stirn zu- i gestanden wird, legt die Frage nahe, welche Rechtsmittel den Betrogenen, denn um betrügerischen Bankerott handelt es sich hier, zu Gebote stehen.

? Es haben sich neuerdings Ausschüsse zur Wahrnehmung der Interessen von Gläubigern fremder Staaten gebildet. Aber diese Ausschüsse sind rein privater Natur und jenen Staaten gegenüber völlig machtlos; es kann sich für diese Ausschüsse höchstens jener begeistern, der für sein gutes banres Geld gnn tönende Resolution-n eintauscht, und dieser Liebhaber ßiebt es nur wenige.

Aber auch die Bankhäuser, welche seiner Zeit so zuvor­kommend waren, ungezählte deutsche Kapitalien, Spargroschen, an denen Schweiß und Thräuen kleben, auf sflrmmerwieder- sehen ins Ausland zu entführen, auch diese Bankhäuser rühren sich. Sie legen einen Protest ein, eine Einlage, die allerdings bei Weitem billiger ist als jene, welche die betrogenen Gläubiger gemacht haben! Im Uebrigen wascht das Bankhaus, das seinen Tantiemen und Dividenden einen erklecklichen Zuwachs zugeführt hat, seine Hände in Unschuld. Es hat keine Ahnung von der schlechten Finanzlage jenes Landes gehabt; wie hätte es auch sonst . . . honny soit qni mal y pense!

; Sind diese papierenen Proteste und Resolutionen ein schwacher Trost für die Betrogenen, so fragt es sich, ob nicht andere Mittel und Wege zu Gebote stehen, ihnen zu helfen.

Der Privatmann wird wegen fahrlässigen oder betrüge­rischen Bankerotts ins Gefängniß oder Zuchthaus gesteckt, gegen sein Vermögen wird die Exekution vollstreckt. Ein zahlungsunfähiges Staatswesen ist strafrechtlich garnicht, privatrechtiich nur in außerordentlich beschränktem Umfange verantwortlich zu machen. Denn wenn auch schon Beschlag­nahmen fremden Staatscigenthums zu Gunsten eines Staatsgläubigers erfolgt sind, so kann dies doch nur ge­schehen, soweit jenes Eigenthum innerhalb des Machtbereichs der inländischen Gerichte sich befindet, und nur dann, wenn der Gegenstand jenem Staate, nicht aber Bürgern desselben als Privatcigenthum gehört. Dieser Fall kommt jedoch praktisch so gilt wie garnicht in Betracht, denn zahlungs­unfähige Staaten pflegen im Auslände keine Vermögensstücke zu haben. Auf dem gewöhnlichen Rechtswege ist für die Gläubiger ebenfalls nichts zu erhoffen, da der betr. Prozeß bei den Gerichten des bankerotten Staates selbst anhängig gemacht werden muß. Das Bedauerlichste aber und Bedenk­lichste hierbei ist, daß die Bankerotteure nicht einmal ihren Kredit verlieren. Haben doch verschiedene europäische Staaten, so Portugal, und die meisten süd- und mittel- amcrikanischen Republiken schon wiederholt bankerott gemacht Knd trotzdem immer wieder zum Schaden der Gläubiger jielb erhalten.

Bieten so die bisherigen Rechtswege kein Mittel, bankerotte Staaten zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen zu zwingen, so gilt es neue Mittel und Wege zu finden. Ansätze hierzu sind schon des Ocfteren gemacht worden, wir erinnern nur an die Repressalien Englands gegen Griechen­land in der Parcisico-Angelegenheit des Jahres 1850. Gegen berschiedene amerikanische Republiken ist die Anerkennung bon vermögensrechtlichen Forderungen einzelner Unterthanen schon wiederholt durch Flottendemonstrationen, auch von Seiten Deutschlands, durchgcsetzt worden. Zu gemeinsamem «orgehen haben sich ferner seiner Zeit die Großmächte gegen­über Egypten und der Türkei geeinigt. Diese beiden Staaten haben es der damals von den Großmächten eingesetzten Brcngcn Finanzkontrolle zu danken, daß sie wieder zu ge­ordneten Verhältnissen gelangt find.

Es sollte schleunigst darauf hingearbeitet werden, daß we europäischen Mächte sich zu einem neuen derartigen

Vorgehen vereinigten. Weigert der bankerotte Staat sich, auf jene Finanzkontrolle einzugehen, so giebl es Mittel ge­nug, ihn dazu zu zwingen; wir erwähnen als eines der sanftesten nur den gemeinsamen Zollkrieg gegen ihn. Wes­halb sollte es zu einer Zeit, da der örtliche und geistige Verkehr, die Bekämpfung der Cholera und auch beinahe die der Anarchisten international geregelt sind, nicht gelingen, auf diesem doch nicht mehr so uugewöhnlichcu Wege auch Staatsbankcrottenre zu fassen!

Aber das betonen wir ganz besonders auf keinem Gebiet ist wie gerade ans diesem um so viel wirksamer als die Staatshülfe die Selbsthilfe. Niemand wird den Satz bestreiten, daß, wer keine ausländischen Papiere kauft, auch teilte Verluste daran erleiden kann. Es ist die ernste Auf­gabe der unabhängigen Presse, das leichtgläubige Publikum, das gerade in den mittleren und unteren Klassen zahlreich vertreten ist, eindringlich zu warnen, wie es auch in unserem Blatte häufig genug geschehen ist, oft sehr zum Aergcr jener unserer Leser, die Besitzer ausländischer Papiere waren, und znm Kummer der Herren Bancjniers. Es ist eine unum­gängliche Pflicht, derartige Börscnmanöver, wie sie beispiels­weise in den letzten Tagen in Berlin zu Gunsten des eben­falls dem Staatsbankerott sich nähernden Mexiko ausgeführt worden sind, schonungslos aufzudcckcn. Wer der zwei bis drei Proccnt wegen, die er mehr erhält oder vielmehr in Wahrheit nicht erhält, seine sauer erworbenen Spargroschen statt dem heimischen Staate einem unsicheren fremden an- vertraut, der handelt noch unrentabler als die Hannoverschen Makaofrennde/ die doch wenigstens größere Gewinnchancen haben. Wie von den Menschen, so gilt auch von deren Vermögen bas Wort: Bleibe im Lande und nähre dich redlich l

* * *

Berlin, 19. Dez/ In Börsenkreiscu wie in d« Presse hat der Protest der deutschen RcichSregiernng gegen die willkürliche Verkürzung der Rechte der deutschen Gläubiger in Griechenland üllflemeiue Befricdiflinifl hervorgemfcn Die Voss. Zeitung" zweifelt an dem Erfolg de« formellen Einspruchs des deutschen Gesandleu in Athen. Das Blatt hält eine von den vcischiedenen Regierungen unterstützte energische Aktion der vereinigten Gläubiger Griechenlands für allein wirkungsvoll. An griechischen Anleihen wurden nach derStaatsbiirger-Ztg." von deuticheu Banken übernounneu: 1) 4 pCt. Monopol-Anleihe von 1888 durch Erlanger n. Söhne in Frankfurt n. M. für 12 Millionen Mark, Emissions- knrS 72,20, hiuanfgetrieben bis 82,80, heutiger Kurs 30,75! 2) 5 pCt. Anleihen von 1881 und 1884, cingeflihrt 1888 durch die Nationalbank für Deutschland für 88 Millionen Mark, Emissions- kurS 82, hinausgetrieben bis 95,60, heutiger Kurs 29! 3) 4 pCt. Monopol-Anleihe durch die Nationalbank für Deutschland für 108 Millionen Mark, EmissiouSknrS 770«, hiiiausgetriebcii bis82,90, hentiger Kurs 31,50! 4) 4 pCt. Gold-Anleihe durch S.Bleichröder für 100 Millionen Mark, Emissivnrknrs 77'/«, heutiger Kurs 26! 5) 5 vCt. Gold-Anleihen (Piräus-Larissa) durch die Natwnal- bauk für Deutschland für 106 Millionen Mark, Emissions­kurse 92°/« und 91, heutiger Kurs 28! Es sind demnach von diesen Baukhänsern für den deutschen Markt griechische Anleihen im Nennwertb von inSgesammt 414 Millionen Mark übernommen worden, und sollte cs gelungen sein, alle diese Anleihcpapiere in Deutschland unterzubringen, so würde das deutsche V o l ks v e r m ö g e n durch den Kurssturz der griechischen Papiere infolge des Staatsbankerotts um die ganz ungeheuerliche Summe von rund 213 Millionen Mark geschädigt worden sein. Angesichts dieser Verluste darf man wobl die Frage ausmerfen: Wie war es mög­lich, daß jene Bankhäuser auf den deutschen Markt für 414 Mill. Mark zweifelhafte Papiere eines Staates bringen lonnten, der zehn Jahre vorher erst seine Gläubiger mit einem,Neuntel ihrer Fordc- riingen abgefnnden hatte, dessen Zahlungsfähigkeit demnach von vornherein im Zweifel stand?

London, 19. Dez.Telegraph" undTimes" wenden sich in heftigen Leitartikeln gegen die griechische Unehrlichkeit und den Ministerpräsidenten Triknpis, der wie ein Seeräuber die auswärtigen Aktionäre plündere.Daily Telegraph" glaubt, daß in Griechen­land jetzt Alles feil fei. England solle sich nicht wundern, wenn Griechenland Korfu oder andere Inseln an Rußland oder Frank­reich verkaufe oder verpachte.

politische Tages-Rundschau.

Wir empfangen von beachtenswerther Seite folgendes Stimmungsbild: Der neue Kurs unserer Handels­politik schließt unverkennbar die Gefahr in sich, daß das, wenn auch nicht formell, so doch thatsächlich lange Jahre bestandene Bündniß zwischen Industrie und Land wir thschaft gelockert wird oder ganz in Auflösung kommt. Auf diesem Bund der beiden großen prodinliven Stände hat unsere Handelspolitik bis dahin beruht und in ihm einen festen Halt gehabt; auf dem Boden ihrer ge­meinsamen Interessen wurzelte unser nationales Erwerbs­leben. Jetzt hat sich bei den besoudern Vertretern land- wirthschaftlicher Interessen thatsächlich ein Gefühl heraus­gebildet, daß diese Interessen in der neuesten Wirthschafts- politik nicht mehr die gebührende Beachtung und Berück­sichtigung gegenüber der bevorzugten Industrie finden. Es ist Mißtrauen und Mißstimmung gegen den alten Bundes­genossen eingeriffen. In den jüngsten Reichstagsverhand­lungen sind in dieser Hinsicht beachtenswerthe Andeutungen und Stimmungsäußerungen gefallen. Es ist noch nicht lange her, daß die Vertreter der deutschen Landwirlhschaft durchweg freihändlerisch waren; man kann jetzt in der

agrarischen Agitation häufig Stimmen hören: Bröckelt man unsere Schutzwehren ab, so liegt uns auch andemZollschutz für die Industrie nichts mehr, und ein bedeutender Bestandtheil Derer, die jetzt zu den handelspolitischen Stützen der Regierung gehören, dürfte auch für industrielle Schutzzölle keine besondere Vor­liebe besitzen. Das könnte weiter in der Abtragung des bisherigen Systems führen, als es Vielen lieb ist, die bis jetzt mitgemacht haben. Wir glaubten, auf diesen Gedanken­gang aufmerksam machen zu sollen, weil er anscheinend ein­flußreiche Kreise zu ergreifen anfängt. Auf der anderen Seite fehlen freilich auch nicht Andeutungen, daß sowohl die Regierung als die konservativen Agrarier das Unbehag­liche und Unnatürliche der gegenwärtigen Situation zu empfinden anfangen. Anzeichen davon sind schon in den letzten Reichstagsverhandlungen zu Tage getreten oder aus sonstigen anscheinend inspirirten Mittheilungen zu entnehmen. Die Abschwächung der Tonart in der letzten Reichstags- sitzung fiel allgemein auf. Es giebt außer den hohen Ge­treidezöllen auch noch andere laudwirthschaflliche Interessen, beim Branntwein und Zucker, beim Identitätsnachweis und den Staffeltarifen. Der Reichskanzler hat neulich int Reichstag sogar erklärt, er sei in der Währungsfrage nicht unbelehrbar, wenn er auch immer noch von der Trefflichkeit unserer be­stehenden Währung überzeugt sei. Wer weiß, was für neue Wendungen in der Agrarfrage und der allgemeinen politischen Situation noch eintreten!

lieber die weitere geschäftliche Behandlung der Steuervorlagen im Reichstag steht so viel fest, daß zunächst, am 11. Januar, die erste Lesung der Tabak­steuer statlfindet, daran wird sich die erste Bsrathnng der Weinsteuer anschließen und zuletzt der allgemeine Finanz­reformplan folgen Alle diese Vorlagen werden natürlich einer Kommissionsberathung unterzogen werden, und zwar werden sie wahrscheinlich in dieselbe Kommission verwiesen, die berests für die Stempelsteuer eingesetzt ist. Die Frad- lioneit würden sich dabei aber Vorbehaltes je nach dem 'Gegenstand der Berathung Wechsel in ihrer Vertretmitz vorzunehmen. Die Einsetzung einer einzig«« Kommissio« droht allerdings die Berathungen noch stärker in d!^ Länge zu ziehen als die Verweisung an mehrere Kommissionen, indessen wird für jene Maßnahme der innere Zusammen­hang geltend gemacht. Auf alle Fälle wird man gefaßt fein müssen, daß noch Wochen und Monate bis zur vollen Erledigung der Angelegenheit vorübergehen.

Es bestätigt sich, daß dem preußischen Landtag in seiner bevorstehenden ersten Tagung, außer dem Etat, Vorlagen ersten Rangs nicht zugehen werden. An kleinerem Arbeitsmaterial wird es darum nicht fehlen und ebenso wenig an Stoff zu weiteren Auseinaiidersetzungen über die großen politischen Zeitfragen. Man wird erwarten müssen, daß die Konservativen den Kampf um die landwirth- schafllichcn Interessen alsbald im Abgeordnetenhause wieder aufnehmen, wo für sie ein bedeutend günstigerer Boden ist, als im Reichstag.

Ausland.

* ©rftrrreidi-lluoar«. Der Bischof von Raab, Dr. Zalka, hat die Geistlichen seines Bezirks in einem Schreiben aufgefordert, bei den Abgeordneten ihrer Bezirke dahin zu wirken, daß sie gegen die Kirchenpolitik der Regierung Stellung nehmen. In dem Schreiben heißt es:Wir wollen nicht, daß das protestantische Eherccht nenn Millionen Katholiken an den Hals gehängt wird; wir halten unentwegt an den Satzungen der Kirche des heiligen Stephan fest. Die Jurisdiktion über die Ehe gebührt ausschließlich der Kirche." In dem Orte Rakouitz bet Prag wurde heute Abend das Haus des Advokaten Dr. Wolf durch eine Dynamitexplosion vollständig zerstört. Die Manern zerrissen, Thiiten und Fenster wurden heraurgehoben; auch die Nachbarhäuser sind furchtbar zugerichtet worden. Dr. Wolf, towie dessen Frau und zwei Töchter wurden in ihrer Wohnung ohn­mächtig aufgcsuuden, jedoch unbeschädigt. Dr. Wolf erzählte, daß er nach dem Nachtmahl Brandgeruch verspürt habe; unmittelbar daraus sei eine furchtbare Explosion erfolgt. Ta dieser Tage ans einem Prager Pulververschleiß 32 Kilogramm Dynamit gestohlen worden sind, nimmt man ein anarchiitischcS Attentat an. Die Aufregung der Bevölkerung ist groß; die Untersuchung ist angeordnet. Authentische Nachrichten aus Pola bestätigen, daß die Ver­lobung der Erzherzogin Carolina Maria Immaculata mit dem Prinzen August von Coburg erfolgt ist.

* Frankreich. Der Kammer wird ein von zweihundert Ab­geordneten unterschriebener Antrag vorgelcgt, Ausländern den Erwerb von Grundstücken in derNähe aller Bescsttguugen, Hafen und Küsten zu verbieten.

* Rußland. Laut einer Meldung desStandard" aus New-York hat Rußland in Amerika bei der Remington Company große Lieferungen von Patronen, Kriegsmaterial tc. bestellt.

Türkei. An« Angora in Kleinasien kommt die Meldung von einem Aus st and. Die muhammebanische Bevölkerung hat sich dort gegen den Gouverneur erhoben. Letzterem, einem geborenen Griechen, wird vorgeworfen, die Christen zu begnnsttgeu. Eine Anzahl von Christen ist getödtet worden.

* Amerika. Nach Depeschen aus Rio de Janeiro hat am 16. Dezember ein allgemeiner Kampf zwischen den Regierungs­truppen, den Forts und der Flotte stattgefunden. Peixoto besetzte die Insel Bom-JesuS, wo die Aufständigen bisher Wasser holten. DerAquidaban" ist nach Rio znriickgekchrt; er trägt deutliche Spuren des ihm durch das Feuer der Forts zugcsügten Schadens,