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Montag, den 18. Dezember

1893.

No. 590.

Abend-Ausgabe.

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e Wiesbadener Tagblalk

Anzeiger für amtliche und nichtamtliche Bekanntmachungen der Stadt Wiesbaden und Umgegend

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„Allen die Erde!"

Von der Mehrzahl der Schriften gleicher Tendenz unter- : scheiden sich die „kritisch-geschichtlichen Darlegungen", die |JB. E. Backhaus kürzlich unter dem Titel: „Allen die Erde!" bei Wilh. Friedrich in Leipzig erscheinen ließ, dadurch, daß die Bodenreform-Bewegung hier nicht sowohl aus dem ; tvirthschaftlichen Bedürfniß als vielmehr aus der innersten | Natur des Menschenthums hergeleitel wird. Mil anderen Worten: das Buch ist rechtöphilosophisch. Verfasser weist nach, daß nicht etwa Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit oder dergleichen die Grundrechte des Menschen sind, sondern das Recht auf Existenz und das Recht auf Entfaltung der Persönlichkeit, und daß diese beiden Grundrechte Eins sind. Dieses Grund- und Ur-Recht ist aber dem Menschen verweigert, wenn er keinen Anspruch hat auf Nu^ng des EÄbodens. Und dieses ist ja das- kiägkiche Loos der großen Mehrzahl der „christichen Kultur­menschen", der „freien" Bürger des sogenannten Rcchrs- stgats. Wer die Erlaubniß, eigentlich das Urrecht, durch Produktion von Nahrungs- und Gebrauchsgütern sein Leben zu erhalten, erst dadurch erwerben kann, daß er dem Eigen- thümer des dazu benöthigtcn Bodens immer höher geschraubte Abgaben zahlt und durch die erdrückende Schwere dieses steigenden Tributs verhindert wird, ein menschenwürdiges Dasein zu gewinnen, der genießt das Grundrecht nicht. »Frei" und „gleichberechtigt" mag er dem Buchstaben nach heißen, tatsächlich ist er unfrei und unberechtigt; der Ge­fahr, immer noch in fühlbarerem Maße unfrei, rechtlos, hülflos und dadurch kulturlos zu werden, unterliegt er fort­während.

r Der Leser muß selbst die Beweiskette prüfen, mit welcher Backhaus darthut: die bisherige Organisation der Gesellschaft naturwidrig, ungerecht, verderblich; die Bodenbesitzreform ist der „einzige Retlungsweg" aus der drohenden Anarchie und Barbarei, sie ist gerecht, bricht nicht mit unserer ge-

i schichtlichen, nationalen Entwickelung, verletzt nicht gesetzes- , kräftig erworbene bürgerliche Rechte.

I Denn dieses ist charakteristisch, wie für die deutschen Bodenbesitzreformer überhaupt, so für Backhaus ganz be­sonders, daß in ihm gleichsam zwei Personen zur Einheit sich verbinden:. der loyale, konservative, deutsche Patriot und der furchtlos radikale Philosoph. Aus dieser Einheit tErklären sich die wirklichen Vorzüge und die schein­baren Schwächen des Werks. Der konservative Patriot Backhaus verwirft jeden Bruch mit der nationalen Ent­nickelung,, weil er ihn für unnöthig erkennt; daher seine schroffe Haltung den Sozialdemokraten gegenüber, die er gleichwohl als redliche Mitstreiter anerkennt. Der radikale Denker Backhaus verschmäht viele starke Beweis- und «gitationsmittel, weil er sie für weniger wesentlich erkennt, andere z. B. reden von den Pflichten der Christen, von den Rechten der Bürger, der radikale Denker Backhaus hält Man fest, daß die Rechte und Pflichten, welche aus dem -Ehristcnthum und dem Bürgerthum abgeleitet werden, schon bem Menschen als solchem zukommen. Geht so der Schrift- Wer Backhaus manches gewaltigen Arguments verlustig, y-'X Philosoph Backhaus gewinnt dabei nur.

Rach Backhaus konkurrirt mit der Bodenreform nur die Evzialdemokratie; dieser aber spricht er die Grundlage ab, welche eine gesunde Rcformbewegung sich bewahren müsse, fcte liebäugelt mit dem Kommunismus, bricht mit der Morischcn und nationalen Entwickelung, baut eine Zukunfts- ^sellschaft auf zum Theil zweifelhaften Theorieen auf, will, 661 die Klassenherrschaft zu stürzen, alle politische Gewalt ^ner thatsächlich bestehenden Klasse in die Hand legen u. s. w. » Auch Backhaus erkennt den Marxschen Satz an, daß die Löbauer der heutigen Erwerbsordnung nothwendig zur 5kvropriation der Besitzenden führen muffe; aber er findet von den Sozialdemokraten aus diesem Satze gezogene fische Konsequenz trostlos, kulturwidrig für Alle, ungerecht lligen die, welche bis dahin leiden müssen.

. Nicht nur diese Polemik gegen die Sozialdemokraten, Widern das ganze Buch gipfelt in dem Nachweis daß der .

„reine" Sozialismus ebenso unheilvoll wäre, wie der „reine" Individualismus, daß beide jedoch unmöglich sind. Diese Wahrheit ist nicht neu, aber Backhaus schafft ihr in ganz hervorragender Weise Geltung. Er begründet sie nicht nur theoretisch, sondern weist auch an Beispielen nach, daß das eine jener beiden sozialpolitischen Prinzipien das andere zwar stets bekämpft, aber niemals ganz unterdrückt hat, und daß auch in unserer „bürgerlichen" Gesellschaft von heute sozia­listische Kräfte neben den individualistischen in Geltung sind, nur nicht genügend.

Die Verstaatlichung des Bodens resp. der Bodenrente, sagt er z. B., unterscheidet sich von der Verstaatlichung der Eisenbahnen nicht anders, als wie das Große vom Kleinen.

Backhaus hat in früheren Schriften, z. B. „Schutz der Arbeit", „Schutt und Aufbau", gegen die Alleinherrschaft des Individualismus mit gewaltigen Waffen gekämpft, ist mit der Manchesterphrase und den Manchestermünnern sehr scharf ins Gericht gegangen. Umso mehr hat er nun auch das Recht zu der Warnung, das an sich heilsame, nur durch Uebergewalt verderbliche Prinzip des Individualismus nicht völlig und blindlings zu verwerfen. Indem erden Sozial­demokraten diese Warnung vor dem Extreme zuruft, er, der doch als radikaler Forscher zu den tiefsten Quellen dringt, fordert er sie auf, sich mit allen übrigen Streitern der sozialen Gerechtigkeit unter dem gemeinsamen Banner der Bodcnbesitzreform zu vereinigen. Es ist die Wieder­holung des Flürscheinschen Rufes: „Helft uns die Zwing­burg Privatbodcnbesitz erstürmen, dann habt ihr den vollen Sieg; fände sich aber dennoch, daß Himer jener noch eine stärkere Citadelle der Ausbeutung sich erhöbe, dann wollen wir weiter mit euch stürmen!" Bcachtcnswcrth ist in der That, daß in neuerer Zeit die Sozialdemokratie mehr Ge­wicht als früher auf.den Gemeinbodenbesitz leist, den sie früher nur als „eine-Maßregel", und nicht als -die ent­scheidende, zu bezeichnen pflegte.

Wer dicscs-Bnch von Backhaus, dem ältesten der lebenden deutscher! "Soziaftreformer, dem bis zur Vollvidung fort- geschrstkenen Schuler von Rodbertus und Karl Marko, auf­merksam liest, lernt einen selbständigen Denker ersten Ranges kennen. Er erkennt dann auch die Nichtigkeit und Phrasen- haftigkeit der unter uns bestehenden und ohne Sprengeffckt sich zersetzenden politischen Parteien. Diese Erkenntniß ist die Vorbedingung einer besseren Zukunft. Dr. K. Sch.

Politische Tages-Rundschau.

— Die geschäftlichen Dispositionen im Reichstag nach Neujahr sind, wie verlautet, so getroffen, daß am 9. Januar kleine Regierungsvorlagen, am 10. An­träge aus dem Hause und am 11. Januar die Tabak- steuervorlage zur Verhandlung kommen.

— In der Abstimmungsliste über den rumänischen Handelsvertrag dürfte die landschaftliche Ver- theilung der Gegner und Freunde von Interesse fein. Ostpreußen hat 4 Freunde, 12 Gegner gestellt, West­preußen 6 Freunde, 5 Gegner, Berlin 6 Freunde, Branden­burg 5 Freunde, 11 Gegner, Pommern 2 Freunde, 12 Gegner, Posen 10 Freunde, 2 Gegner, Schlesien 19 Freunde, 15 Gegner, Provinz Sachsen 8 Freunde, 11 Gegner, Schleswig-Holstein 7 Freunde, 2 Gegner, Hannover 11 Freunde, 5 Gegner, Westfalen 10 Freunde, 7 Gegner, Hessen-Nassau 6 Freunde, 6 Gegner, die Rhein­provinz 27 Freunde, 6 Gegner, Hohenzollern 1 Freund, zusam men Preußen 122Freunde, 94 Gegner. Bayern hat 9 Freunde, 44 Gegner gestellt, ist also das Kcrnland des Widerspruchs, Königreich Sachsen 11 Freunde, 12 Gegner, Württemberg 12 Freunde, 3 Gegner, Baden 8 Freunde, 3 Gegner, Hessen 2 Freunde, 4 Gegner, Mecklenburg 1 Freund, 6 Gegner, die kleineren Fürsteuthümer 15 Freunde, 6 Gegner, die Hansestädte 4 Freunde, Elsaß-L o Ihringen 5 Freunde, 1 Gegner.

— Zwischen Württemberg und Preußen handelt es sich nicht um eine Militärkonvcntion nach badischem Muster, sondern um die Aufstellung einer Skala, nach welcher in Zukunft die Abkommandirung württembergischer Offiziere nach Preußen und preußischer Offiziere nach Württemberg sich vollziehen soll. Jetzt bringt auch der volkspartcilichc Stuttgarter „Beobachter", der bisher stets von allerhand dunklen preußischen Plänen in diesem Be­tracht gemunkelt hat, eine aufklärende Mittheilung, wonach der Aufenthalt des württembergischen Kriegsministers Schott v. Schottenstein in Berlin in Zusammenhang mit einer an­geblich unterzeichneten Vereinbarung zwischen der preußischen und der württembergischen Militärverwaltung stehe, wonach in Zukunft 120 preußische Offiziere nach Württemberg und umgekehrt die gleiche Anzahl Württemberger nach Preußen idmmandirt werden sollen. Das mag militärisch eine prak­tische Maßnahme sein. Jedenfalls ist danach von einer geplanten Vergewaltigung Württembergs durch Preußen,

mit der die Partikularisten sich graulich zu machen Der» suchten, nicht die Rede.

— Sämmtliche östreichische Blätter stellen fest, daß die innerpolitische Lage Oesterreichs sich vollständig geklärt, hat. Die neue Regierung besitzt, wie der Verlauf der kurzen Herbstsession des österreichischen Reichsraths beweist, das vollste Vertrauen der maßgebenden Parteien des Abgeordnetenhauses. Die Presse schreibt, wenn die Entwicklung in diesem Sinne sich weiter vollzieht, dürfe man erwarten, daß der Koalitions­gedanke dort, wo er bereits Wurzel gefaßt hat, sich be­festigen und kräftigen werde, daß er Freunde erwerben und Gegner versöhnen werde.

— Der Untersuchungsrichter Capriolo, welcher den Prozeß der B anea romana leitet, hat unter den Akten­stücken, welche der Direktor der Bank Tanlongo bei einem Notar deponirt hatte, weitere wichtige Schriftstücke entdeckt, unter ihnen sind eine Menge Briefe ehemaliger Minister, welche die Intimität der Beziehungen zwischen dem Gouverneur der Banca romana und der Regierung darthuen. Ferner befindet sich darunter ein Notizbuch, in welchem Tanlongo mit eigener H^ud seit 1881 die Verluste, welche die italienischen Renten erlitten, ausgezeichnet hat. Aus diesen Notizen geht hervor, daß Ende 1888 die Verluste sich be­reits auf 18 '/z Mill, bezifferten, ferner, daß der Bankier Alatri für Rechnnng der Banea romana 17 Millionen aus­gegeben hatte. In Paris wurden, um die Kurse der Renten zu befestigen, 25 Millionen verausgabt. Die Enthüllungen haben große Aufregung hervorgebracht.

Spionenprozeß.

R. 8. Leipzig, 16. Dezember.

Heute früh wurden die Verhandlungen wieder ausgenommen. Die Angeklagten werden vom Präsidenten aufmerksam gemacht, daß unter Umständen außer dem Gesetz tont 3 Juli 1893 der tz 92 des Reschtzsträfgesetzbitchs bei ihrer Aburtheilung in Betracht kommen kann. Per lckrtheidiger bestreitet die Möglichkeit der Anwendung des Spionmgesetzes vom 3. Jtili 1893, da es sich nur’ um Ver­schaffung fremder Schriften und oon Nachrichten über nicht bewegliche > Gegenstände handle, erklärt aber, daß der Versuch eine» Landes- ? verrathsverbrechens nach § 92 des NeichrstrafgesetzbuchS vorliege, und beantragt daher, auf alle Fälle mir auf Festungshaft zn erkennen, da die Angeklagten nicht aus ehrloser Gesinnung gehandelt hätten, jedenfalls um das geringste Maß der Zuchthausstrafe. Oberreichs­anwalt Tessendorf widerlegt auf Grund der Entstehungsgeschichte des Gesetzes vom 3. Juli 1893 den Vertheidiger und hält die von ihm gestellten Anträge allenthalben aufrecht. Die harte Strafe solle den Franzosen gerade zeigen, daß deutsche Festungen und Küsten keine Versuchsstation für Olfiziere der französischen Marine und daß deutsche Kriegshüfeu keine Freihäfen für französische Spionage sind.

Zum Schluß wird den Angeklagten noch das Wort verstattet. Degouy bemerkt mit ruhigen, eintönigen Worten, denen man nicht anmerkt, daß die Verhandlung geeignet gewesen sei, ihn ans seiner unerschütterlichen Rude zu bringen, und mit anscheinend leichter Ironie, auf den militärischen Theil der Ausführungen des Ober- reichSanwalts könne er nicht eingehen, wendet sich dann in wärmerem Tone an die deutschen Marineoffiziere, an deren Edelmuth er appellirt, mit der Bitte, seine Entgegnungen auf ihre Ausführungen ihm nicht zu verübeln. An den höchsten Gerichtshof gewendet, er­klärt er, daß die Trümmer seines Schicksal«, einer ehrenvollen militärischen Laufbahn von 24 Jahren, in seinen Händen liegen; er hoffe, er werde nicht zuaeben, daß tapfere Offiziere eine ent­ehrende Strafe erleiden müssen. Schließlich bittet er um Nachsicht in noch erhöhtem Grade für einen unglücklichen Kameraden. —, Als auch Delguey - Malavas zum Worte verstattet würde, erklärte er mit trotzig - festem Tone, er habe nichts hinzu- zufügen. Ter Senat trat hierauf in Berathuug. ES wurde dann beschloffen und verkündet, daß die Publikation des Urtheils auf heute Nachmittag 5 Uhr angesetzt sei. — Das Unheil des Reichsgerichts in dem Laudesverrathsprozeß lautet, wie schon telegraphisch gemeldet: Degouy 6 Jahre und Delguey 4 Jahre Festungshaft. In der UrtheilSbegründung wird auS- geführt, die beiden Angeklagten Degouy und Delguey feien des ver­suchten Verbrechens gegen § 1 de« Spionengesetzes vom 3. Juli 1893 schuldig befunden. Festgestellt fei, daß die Angeklagten Spiouen- dienste geleistet und Auszeichnungen und Bemerkungen von erheb­licher Wichtigkeit, deren Geheimhaltung geboten war, gemacht hätten. Landesverrath liege nach § 92 de« Strafgesetzbuches nicht vor, da eine besondere Handlung in dem Spionägegesetz unter Strafe ge­stellt fei. Bei Abmessung der Strafe sei erwögen worden, daß die Angeklagten zwar in uneigennütziger Absicht, nur um dem Vater­land zu dienen, gehandelt hätten, anderseits seien aber die besondere Gefährlichkeit und der weite Umfang der Spionage berücksichtigt. Die Untersuchungkhaft wird nicht in Anrechnung gebracht.

NaelMtrogen ist noch, daß nach Schluß der Hauvtverhand- lung die als Sachverständige geladenen deutschen Marineoffiziere an die Angeklagten herantraten und ihnen nach treu­herzigem Seemanusbrauch kameradschaftlich die Hand schüttelten; sie sprachen ihnen ihr Bedauern zn ihrer Lage aus, was um so bemerkenswerther war, als eben erst die Verhängung einer mehr­jährigen Zuchthausstrafe gegen die Angeklagten befürwortet worden war.

Deutsches Reich.

* Berlin, 18. Dez. Die hochkonservative „Kreuz­zeitung" bringt in ihrer Morgen-Ausgabe vom Samstag einen stark polemischen Artikel gegen die Regierung, worin sie ausführt, der Sieg der Regierung sei ein Pyrrhus­sieg. Der Schlußsatz ist an Caprivi gerichtet und lautet: „Sage mir, wer Dich parlamentarisch unterstützt, so will ich Dir sagen, wer Du bist".

* Nlndviehzucht in Preußen. Dem Vernehmen «ach hat nach amtlichen Ermittelungen die Nindviehzucht in Preußen wab-

<1. Jahrgang.

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