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41. Jahrgang.

Verlag: Langgasse 27,

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Donnerstag» den 14. Dezemder

1893.

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Abend-Ausgabe.

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Denifcher Reichstag.

O Zerttn, 13. Dezember.

In der heutigen Fortsehuug der Handelsvertragsdebatte des Reichstags entwickelte zunächst 21 bg. Lieber den Standpunkt des für die Verträge stimmenden TheilS des CentrnmS. Der

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-PreiS: 60 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

i deS- hende «dem 1500.

Dw Kanal Kordranr-Narboane.

(Canal des deux Mers.)

Das Erscheinen eines russischen Geschwaders im Mittel­ländischen Meere, speziell der Besuch desselben im fran­zösischen Kriegshafen von Toulon, hat in Frankreich den alten Gedanken, einen Kanal von Bordeaux am Atlantischen Detail bis nach Narbonne am Mittelmeer herzustellen, von Neuem auf die Tagesordnung gebracht. Es ist einleuchtend, daß ein solcher Kanal, der, ähnlich wie dies für die deutsche I Kriegsmarine durch Schaffung des Nord-Ostsee-Kanals be- I wirft wird, der in zwei Meercsgebieten getrennten fran­zösischen Kriegsflotte jederzeit eine Vereinigung ermöglicht, von hoher militärischer und namentlich auch politischer Be­deutung für die Aktionsfähigkeit Frankreichs zur See sein A»ß. Und daher schreibt sich auch in der Gegenwart, wo der Nord-Ostsee-Kaual seiner baldigen Vollendung entgegengeht, das Interesse Frankreichs an diesem Projekt, zumal die maritimen Machtverhältnisse im Mtrelmeer dem Anschein nach durch Rußland einer gründlichen Aenderung tntgtgengehen werden. Wir bieten daher unseren Lesern heute eine i Kartenskizze des geplanten, tech­nisch außerordentlich bedeutenden Kanalnnternehmens, wozu Folgendes zu bemerken ist:

beit des Reichstags die Erhaltung des Getreidezolles auf der jetzigen Hohe für die Dauer der Handelsverträge als moralische Verpflich­tung anerkannt haben. Zu dem rumänischen Vertrage übergehend, erkannte er die überzeugende Beweisführung des Staatssekretärs 7.a J..'*6a ll sowohl wie den Mangel jedes Gegenbeweises an. Dabei führte er ausdrücklich aus, wie die nationalliberale Partei die Nothlage der Landwirthschast und die Rothwendigkeit der Ab- hulfe nicht, verkenne. Aufgabe des Reiches wie der Eiuzeistaaten werde es feilt, jebes mit den Interessen der Gesammtheit verträg­liche Mittel zu dieser Abhülfe in Anwendung zu bringen. Außer­dem |ei zu erwarten, daß die ausländische Konkurrenz, namentlich die amerikanische, nicht in der bisherigen Weise audauern werde. Für diese Fragen sei aber der heute zur Debatte stehende Vertrag vollständig gleichgültig. Dagegen sei die Judustrie eiumüthig für diesen Vertrag eiugetreteii. Angesichts der Thatsache, daß sachliche G mibe für bte Ablehnung bes Vertrages nicht angeführt seien, fragte Redner naä) dem wirklichen Grunbe. Wolle man

eine Kraftprobe machen? Ober glaube man Angesichts

der Stimmung im Lande dem rasenden See ein Opfer bringen zu müssen? Sehr eindringlich führte Redner

aus, wie weder das Eine noch das Andere zum Ziele fuhren werde. Dabei beklagte er den Niedergang des Reichstags und richtete an die Konservativen die ernste Ermahnung, nicht durch eine einseitige Intet essenvertretung das Ziisainmengehen von Landwirthschast und Industrie zu zerstören und nicht einen erbitterten Kampf unter den

Vertretern der bestehenden GesellschaftS- orbnung heraufzubeschwören in einer Zeit, wo die revolutionäre Gefahr von sozial­demokratischer und anarchistischer Seite immer bedrohlicher auftrete. Höhnische Zwischenrufe von der sozialdemokratischen Seite gaben dem Redner Gelegenheit, unter dein lebbastesteii Beifall des Hanfes mit einer höchst eindrucksvollen Verurtheilung der anarchistischen Verbrechen zu schließen. Der sozialdemokratische Abg. S ch ö n l a nk eiferte gegen das Junkerthiim und befür­wortete die Annahme der Verträge. Abg. Fürst Radziwill erklärte die Zu­stimmung der Polen zu dem Vertrage, weil sie die Schädigung der Landwirth- schaft nicht als erwiesen aiierfenneii könnten und andererseits nicht für eine unheilvolle Verschärfung der politischen und ökono­mischen Verhältnisse die Verantwortung übernehmen wollten. Nachdem noch der Abg. Kröber für, derAbg.Lutz und ein Antisemit gegen den Vertrag gesprochen, ergriff Reichskanzler Gras Caprivi das Wort, um den zahlreichen gegen ihn ge­richteten Vorwürfen gegenüber auf die eng begrenzte Kompetenz aufmerksam zu machen, welche die Reichsverfassung dem Reiche auf dem Gebiete der Landwirthschast gewähre. Dann fragte er, was werde, wenn die Verträge abgelehnt würden, und schloß mit der Versicherung, daß die verbündeten Regiernngeit auf ihrem Standpunkte ver­harren würden und die Verantwortung für die Folgen ablehnten. Der letzte Redner war der Abg. Sigl, der die Verträge vom bahiischen Standpunkte aus entschieden verwarf. Nach einer Reihe persönlicher Bemerkungen kam es zur nanteut- licheu Abstimmung über § 1 des rumänischen Vertrags, der mit 189 gegen

165 «Stimmen angenommen wurde. Von der nationalliberalen Fraktion ftinunten 12 Mitglieder mit Nein, 5 fehlten, die übrigen stimmten mit Ja. Vom Zentrum stimmten 43 für den Vertrag. Die solgenden Artikel des Vertrags wurden ohne Debatte ange- nommen. Morgen 1 Uhr: Juvalidengesetz, die Handelsverträge mit Spanien und Serbien und Wahlprüsungen.

Anzeigen-PreiSr

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französischen Küste des Atlantischen Oceans u. f. w. und den Mittelmeerhäfcn nicht mehr durch die Straße von Gibraltar, sondern durch denKanal der beiden Meere" vermittelt würde, so daß die Umschiffung der pyrenäischen Halbinsel vermieden werden könnte. Der Eingang in das Mittelmeer vom Westen her würde nicht mehr von Eng­land bei Gibraltar, sondern von Frankreich beherrscht, die Position von Gibraltar sowie im Weiteren überhaupt die ganze Machtstellung Englands im Mittelmeer ernstlich er­schüttert werden. Von dieser Einwirkung des Kanals giebt die Zeichnung oben rechts iu unserem Kartenbilde, wo die Fahrtverschiebung*) zwischen dem nördlichen Atlanti­schen Detail und dem Mittelmeer veranschaulicht ist, eine deutliche Vorstellung^

... ...................

Politische Tages-R«ndschon.

Der gegenwärtige Reichstag kennzeichnet sich durch die ungemein geringen Mehrheiten, mit welchen die wichtigsten Entscheidungen getroffen werden. So war es bei dem Heergesetz, bei dem Jesuitcnantrag und ist jetzt wieder bei dem rumänischen Handelsvertrag der Fall. Die Entscheidung über diese großen Fragen war bis un­mittelbar vor der endgültigen Abstimmung höchst zweifel­haft, und jeden Antisemiten, Polen, Elsässer undWilden" mußte man auf seine Stellungnahme genau ansehen, um sich ein Urtheil über die Aussichten einer Mehrheit für oder gegen zu bilden. Dabei fällt die zufällige größere oder geringere Präsenz auf dieser oder jener Seite ausschlag­gebend ins Gewicht, und Ueberraschungen aller Art sind nicht ausgeschlössen. Die Unberechenbarkeit der wichtigsten Entscheidungen wurde auch stets durch die Geheimthuerei des Ceutrums verstärkt. Vis zur letzten Stunde ist die Stärke der Opposition gegen den rumänischen Handels­vertrag im Centrum unberechenbar geblieben. Großes in der Verdunkelung ihrer Stellung zu den Handelsverträgen haben auch die Polen geleistet. Erst wurde auf Grund zuverlässiger Mittheilungen berichtet, die Polen würden dafür stimmen, dann verwahrte sich in der Kommission das polnische Mitglied entschieden gegen diese Angabe, bei der Abstimmung fehlte dasselbe, und schließlich stimmten, im Plenum die Polen doch für die Verträge. Ein erfreulicher und gesunder Zustand sind diese Entscheidungen durch so geringe Znfallsmchrheitcn nicht, und das Gewicht und An­sehen der Reichstagsbeschlüsse kann dadurch nur geschmälert werden.

Das Bedenkliche bei der anarchistischen Be­wegung ist die Thatsache, daß sich diePropaganda der

Mai 1886 wandte sich Deloncle im Ministerium Brisson der Arbeit wieder zu, eine eingesetzte Spezialkommission sprach sich enthusiastisch für die Aus­führung aus. Aber 1888 tauchte das Projekt eines Kanals Rouen-Paris auf, welches natürlich großen Anklang fand; der Gedanke, daß Paris See­stadt werde, erwärmte die Köpfe, die Veranschlagung der Kosten auf zwei Milliarden wurde kaum beachtet. Wieder hat die Sache fünf Jahre geruht, nun aber hat der Besuch des russischen Ge- 1 Hwaders in Verbindung mit den oben erwähnte« Umständen den Franzosen wieder scharf ins Bewußtsein gerufen, daß sie im Kriegsfälle ihre Flotten nicht vereinigen, daß ihre Panzer im Mittelmeer stch gefangen finden können. Das Kanalprojekt wurde der französischen Kammer in der Form eines Gesetzentwurfes (Projet de loi) von Herrn Bartissol vorgelcgt. Nach dem Entwurf soll der Kanal 327 Seemeilen lang, im Durch­schnitt 144 Fuß (43,8 Meter), an den Ausweichstellen 206 Fuß (62,8 Meter) breit und 27 Fuß (8,2 Meter) tief Werden und dabei 22 Doppeischleusen von je 600 Fuß Länge und 80 Fuß Breite bekommen*) Von den Docken jRBordeaux ausgehend, würde er eine beträchtliche i Strecke an der linken Uferseite der Garonne entlang ziehen, ! Wobei sich die ersten bedeutenden Bauschwierigkeiten zwischen '»affet und Castelsarrasiu einstellen würden. Von Saftet aus würde er an dem rechten Garonne-Ufer weiler- s Aführt werden und den Fluß nordwestlich von Toulouse Wieder durchsetzen, in welcher Stadt das Projekt die Anlage ö'oßer Marine-Etablissements im Auge hat. Sud- WW von Toulouse soll der Kanal den Fluß ein drittes Mal -'Jhtjen und bann durch die Pässe von Naurous se, Castel- -Baudary, Carcassonne, Moux und Monledon flehen und bei Narbonne im Golfe von Lion münden, unsere Leser finde« die Kanallinie in der Kartenskizze beute j stch verzeichnet, ebenso die sämmtlichen genannten Släbte.

Vm Allgemeine« folgt ber Canal des deux Mers ber Rich- Wg der Garonne bezw. des schon int Jahre 1667 auge- ''flten Canal du Midi, der damals mit Recht als das her- e°tragenbfte Bauwerk seiner Zeit galt. Die Ausführung lkoßartig projektirter Wasserbauten ist in Frankreich nichts außergewöhnliches.

K?3n den maritimen Verhältnissen des europäischen I Giftens würde die Ausführung dieses bedeutenden Kanal- »^vjektes eine ungeheure politische und wirthschaftliche Um- «wkzuug bewirken, da der Verkehr zwischen den Häfen der |~ft=, Nordsee, des Kanals La Manche, ferner zwischen der Al, *) Zum Vergleich seien hier bte entsprechenden Maße des i£*Odjen Nord-Ostfee-KanalS angeführt; derselbe ist 98,6 Kilometer 9 Meter tief, 65 Meter breit und hat nur zwei Enbfchleusen t**® Schutze gegen die Meeresfluthen.

Der französische Süd-West-Kanal, ober mich der Kanal der zwei Meere, wie dieFrance militaire ihn nennt, ist 1882 von dem Handelsmini st er berisson im Ministerium Ver- i Duclerc ausgearbeitet worden. Im

preußische Haudelsminister v. Berlepsch charakterisirte die Ver­träge als naturgemäße und sogar gewollte Konsequenz der Schutz­zollpolitik von 1879. Allein bind) Handelsverträge könne unserer Industrie ihr auswärtiger Absatzmarkt behauptet werden. Abg. v. Plötz meinte, daß die neulich von den Vertretern ber Reichs- regierung gegen den Bund der Landwirthe gerichteten Angriffe demselben sehr zu Statten gekommen feien. Er suchte die Vorwürfe zu widerlegen und die Art ber Agitation bes Bundes als durch die Haltung der offiziösen Presse heranSgefordert zu rechtfertigen. Dann wandte er sich gegen die HanbelsvertragSpolitik im All­gemeinen, der er alle Noch der Laubwirthschaft Schuld gab. Gegen den Vertrag mit Rumänien speziell brachte er kaum etwas Anderes vor, als baß mit seiner Annahme Rußland ein Schlag ins Gesicht versetzt werde. Staatssekretär v. Marschall vermißte Seitens des Vorredners jeden Beweis für die behauptete Schädigung der deutschen Latidwirthschaft durch den Vertrag mit Rumänien und trat seinerseits nochmals den Beweis an, baß, nachdem ber ermäßigte Zoll einmal für eine Reihe von Getreide produzirenben Säubern eingeführt sei, eine solche Schäbigung nicht eintreten könne. Gegenüber den bayrifd;en Befürchtungen einer großen Uederfchwem- mung mit rumänischem Weizen nur dem Donauwege bewies er durch Zahlen, daß der Export Rumäniens ans dem Donauwege gegenüber demjenigen auf dem Seewege verschwindend gering und daß die Fracht auf dem elfteren erheblich höher fei als auf dem letzteren. Zum Schluß wiederholte er den Ausdruck seiner auf die thatfächlicheu Verhältnisse gestützten lleberzengung, daß die Ab­lehnung des Vertrags der Landwirthschaft schlechterdings nichts nützen, aber 6070,000 deutsche Arbeiter brotlos machen würde. Abg. v. Bennigsen erkannte, an die Rede des-Abgeordneten v. Plötz anknüpfenb, das Recht der Organisation der Landwirth­schaft zur Vertretung ihrer Interessen durchaus an und tadelte die Weise, wie in ber Presse der radikalen Parteien der Bund der Landwirthe gleich bei feinem Auftreten mit Spott und Hohn überschüttet fei. Die Agitation gegen die vorliegenden Verträge aber vermochte er nicht zu billigen. In der gegenwärtigen Diskussion fei von dem Vertrage mit Rumänien selbst fast keine Rede gewesen, sondern die HandelSvertragSpolitik im Allgemeinen habe man zum Gegenstände der Kritik gemacht. Redner erinnerte au die große Mehrheit, mit welcher, unter Theilnahme von 20 Konservativen, an der Spitze der Führer v. Manteuffel, die Handelsverträge vor zwei Jahren angenommen seien, sowie an die damals für die erwähnten Kouservatioen maßgebend gewesene Anffaffung, daß die mit der HaiidelSvertragspolitik erreichte Stetigkeit sich auch auf den Getreidezoll von 3V- Mark erstrecken werde. Den leb­haften Zwischenrufen von ter rechten Seite gegenüber konstatirte Redner, daß damals die Regierung wie die große Mehr-

**) Die durch den Kanal hervorgernfenen neuenSchiffahrts- toege sind durch starke Strichlinien dargestellt.

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