«1. Jahrgang.
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N«. 554.
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Wrr nun? Mas mm?
(Von unserem Korrespondenten.)
Uom, 24. November.
„Es regnet — Diebsrcgierungeii!" Dies ilalicuifche Sprichwort besagt, daß hier die Regierung an Allem schuldig sei, für Alles verantwortlich gemacht werden soll. Es ist dies eine unglückselige Eigenschaft des italienischen Volkes, welche wenigstens zum Theil die Thalsache erklärt, daß man hier zu Lande di« Ministerien — um ein Wort des seligen Depretis zu gebrauchen — wechselt wie die Hemden.
Wiederum ist uuu ein Hemd wechsel vorgeuvmnvcn ivorde», das Miuistolüim Gwlitti hat rein Todlcnhcmd au- Stzogen. Es ziemt sich, die Ursachrn dkOS Mtzkichrn Todes Pt erforschen.
[ Große Dauer versprach dir Konstitution dcS Kabiwctö Gwlitti schon am Tage seiner Geburt nicht, obwohl cs als s Sonntagskind geboren wurde. II ministerio Crispi senza ? Crispi (ein Ministerium Crispi ohne Crispi), taufte cs damals ein italienischer Staatsmann. Anfangs entwickelte sich der schwächliche Neugeborene über alles Erwarten gut; kaum im Besitz drrSprache,wußte er zuredcnund von sich reden zu machen. Damit aber hatte Giolitti die Grenze seiner Leistungsfähigkeit erreicht. Seine heiligen Versprechungen, das Gleichgewicht im Budget herzustcllen, die finanziellen Wirren zu lösen, find - vielleicht ohne Giolittis Schuld — Vcr- : i sprechungen geblieben. Der Ministerpräsident kann sich mit den Worten rechtfertigen: „Wächst mir ein Kornfeld auf der stachen Hand?"; aber auch auf dem Gebiet der ans- ' bärtigen Politik hat das Kabinet Giolitti keine Lorbeer« gepflückt. Die wenig schneidige Abwicklung der Affairc von Mgues-Mortes hat dem Ministerium dcu ersten Stoß versitzt und cs bei allen Parteien unbeliebt gemacht. Dazu traten der Niedergang der italienischen Rente, die An- imndigung neuer Steuern, besonders der progressiven Ein- t «ur.menfkucr, die bei der kleinen aber mächtigen Partei
.oberen Zehntausend heftige Erbitterung erregte, und lchiicßlich noch die Nachmchen des Panamino-Skandals, die Mt endlich auch den zählebigen Giolitti in ihre» Strudel kniffen haben.
MU November vorigen Jahres, wo ihr die Lage der Banken «ht mehr unbekannt sein konnte, eine Bankvorlagc eins
L Es muß eigentlich merkwürdig erscheinen, daß gerade sPiolitti, der zuerst den Kampf gegen den Bankschwindel «»sgenoiiimen hat, ein Opfer dieses Kampfes werden mußte. Mber wenn dem Ministerium Giolitti auch das Zcugniß Wht versagt werden kann, daß cS bei feinem Vorgehen ^«chcsliebe und Thalkraft gezeigt hat, so kam doch diese rhatkraft um etliche Posttage zu spät.
, Daß eine Bank ihre gesetzlich bestimmte Notenausgabe M nm das Doppelte überschreiten konnte, ohne daß die ^gierung dies erfuhr, erschien den Meisten unbegreiflich. Wwcr siel es auch ins Gewicht, daß die Regierung noch
....... ' -----......... | V... VUIV uvuuyv VUK- Möchte, welche den vorhandenen Zustand um sechs Jahre ^r'ängern sollte; und noch gravireudcr war die Erneniiung E® Baukdirektors Tanlongo zum Senator. Eine „systematische Arglosigkeit", sonst im Wesentlichen nichts, wirft der Wnkbericht dein Ministerpräsidenten vor. Nicht Bcgchungs- Mdcn, aber desto größere Unterlassungssünden belasten Wlittis Konto. Diese Sünden, eigentlich die Sunden
Vorgänger, zwingen Giolitti vom Schauplatz ab- Meten, denn an einer Genehmigung des Eu-lassuugsgcsuchs ” kaum zu zweifelii.
».Es ist kein bedeutender Staatsmann, der soeben vom Wlhl des Ministerpräsidenten herabsteigt. Giolitti war £ Mann von zweifelloser Ehrenhaftigkeit und «in treuer des Dreibundes. Er verstand es, eine starke Partei zu schaffen, er hatte den besten Willen, diesem Willen fehlten die Thatkraft und die noth- W»digen Fähigkeiten.
Verlag: Langgasse 27.
K2-GOO Alronnenlrn.
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Montag) den 27. Uovembrr
1893.
Ist somit Giolittis Fall an sich kein übergroßer' Verlust, so erhebt sich doch jetzt die Frage: Was nun? Wer nun?
Der Anwärter für die eingetretene Vakanz sind genug vorhanden. Aussichtslos erscheinen die Vemühungen Rndinis, des DreibundgegncrL, dessen Programm in einer Verminderung der Wehrfähigkeit Italiens besteht; die etwa 70 Manu starke Rechte, ans die er sich stützt, ist zu schwach, als daß.sie für die Regierung in Betracht käme. Wie die Parteiverhältnisse liegen, kann sich die Regierung nur au die Linke stützen. Eine vielfach vermnthete Lösung der Krisis ist die Berufung Zauardcllis, des treuen Freundes von Giolitti, aber es erscheint fraglich, ob die Anhänger Giolittis, Brins iuib Crispis sich mit den 170 fortschrittlichen Abgeordneten, den Parteigängern Zanardellis, vereinigen werden. Da diese Lösung nicht allzu aussichtsreich ist, kann vielleicht, um Zeit zu gewinnen und die eigentliche Krisis hinauszuzieheu, an ein UebergmigLministerium Brin oder Rieotli gedacht werden. Auch der Präsident des llntersuchllngsanöschusfes Mordini, der Sonnabend Vormittag eine längere Besprechung mit dem König halte, käme vielleicht für ein Verlegenheitsmiuisterinm in Betracht. Aber Zanardclli wie Brin und Ricotti sind nur Firmen — wenn deren Eintragung in das Firmenregister geschehen sollte — für ein Nebergangsstadinm. Jyi Hintergründe der Wirrcit hebt sich immer deutlicher die Gestalt des Mannes ab, von dem allein eine endgültige Lösung des Knotens zu erwarten ist. Crispi, Italiens größter, ja vielleicht einziger Staatsmann, der treue Freillid des Dreibunds und energische Gegner des Zweibunds, rüstet sich, die schlecht verwaltete Erbschaft Giolittis zrr übernehmen. ES ist noch nnbestimmt, ob er diese Erbschaft jetzt gleich antreten wird. Unter welcher Etiquettc man aber auch in den nächsten Tagen ein Brrt«Heuh«itönunijtcrilUU ctzireii mag, Crispis Berufung ist u»r noch eine Frage der Zvt, vjrlleicht der allcr- nächstim.^eit.- ------------------i ■ i ■ ■ ■>
Denifcher Keichstag.
O 25. November.
■ Zn der lumiigen Fortsetzung d<r ÄeichStagSdebatte nahm Abg. v. Hamm er st ei» die Ä.iSeiuandersctznng der fünfer ixitibcn Partei mit dem Reichskanzler wieder auf. Richt der Person, dem Charakter des Grafen Caprivi, sondern dem Reichskanzler und dessen Politik gelte die Bekämpfung Seitens der konservativen Partei. Gegen diese Politik wiederholte der Redner lediglich die scholl von feinen Vorgängern erhobenen Beschiildignngen. Ziemlich ausführlich beschäftigte er fiel) dann mit dem rumänische» Handelsverträge, dessen grüildliehc llntersuchung in einer Kommission er forderte. Was er mit dieser Prüfung beabsichtigt, crgiebt sich ans feinem Schlußworte: „Prüfen wir, und lehneli mir ab!" — Staatssekretär v. Marschall sprach seine Enttäuschung darüber aus, auch von dem Lorredner noch nicht den Nachweis der Schädigung der Landwirthschast durch die vorliegenden Handelsverträge gehört zu haben. Sehr scharf maildte er sich gegen die unkonservative Agitation des Blindes der Landlvirthe, iusdelondere gegen die Anfstelluugen dcZ Preßoigans derselben, tonne gegen die angeblichen landwirthfchastlicheli Stimmnngsbilder der „Krenz- zeilnng". Einzelne Bchauplungen des Vorredners über
die vorliegenden Handelsverträge wies er als unbe
gründet nach, im Nebligen verlvies er auf die Kommission, als deren Ergebniß er im Gesammtinleresse des Vaterlandes die Annahme der Verträge erhofft. — Abg. Ha in mach er (nat.-lib.) machte znnächst darauf aufmerksam, daß auch in der national- liberalen Fraktion eine Anzahl Mitglieder zur Zeit nochnicht für die Handelsverträge cintreten könnte, daß einzelne sogar selbst von einer Kommissioiisberatlmng nicht die Beseitigung ihrer prinzipiellen Bedenken erwarten zu diirseu glaubten; die uber- lviegeude Mehrheit der Fraktion iheilc den gesteru von dem Abg. Paasche vertretenen Standpunkt, verlange aber auch eine gründliche Prüfung in der .Kommission. Redner verbreitete sich daun über die Verl)ältnisfe Rumäniens und zeigte namenllich, wie wenig empfehlenswert!) der von Herrn v. Hammersteiu borgefchlagene Zollkrieg mit diesem Lande für uns fein würde. Er zeigte, daß rumänisches Getreide zum Zollsatz von 5 Mk. bei uns überhaupt nicht eiugehen, die bisherige Einfuhr von dort aber aus meist- begüustigten Ländern reichlich crietzt werden würde. Für die Landwirthschast würde also die Feruhaltung des rnmäuischen Getreides keinen Nntzett bringen, nufere Industrie aber mürbe dllrch die Ansfchließnng vom rumänischen Markte aus das Schwerste geschädigt werden. Ter Bciiläilgeluiig der von Rumänien für unsere Industrie erlangte« Zollermäßignngeu, Seitens des Herrn v. Hammersteiu trat der Redner mit dem entsprechenden Material elltgegeu und verwies außerdem auf das ilribtil des Abg.' v. Stumm wie der zahlreichen
besragteu industriellen Sachverständigen über den Werth der in Rede stchendeu Zugeständnisse. Er schloß mit einer ernsten Ermahnung an die Konservativen. die bedenkliche Belveguug im Lande nicht noch zu schüren. — Aba. v. Kardorsf bedauerte, daß in der Agitation gewisse Maßlosigkeiten vorgekonuuen seien, vollzog indeß anch seiuciscilS an der gesannuten WirthschaftSpolitik der Regierung eine sehr absälliae Kritik. Die Hanptursache der Verarmung der Landwirthschast fand er, wie gewöhnlich, in der Goldwährung. Gegen die vorliegenden Verträge sprach er sich entschieden ans und stellte Frankreich als volkswirthschaftlichcs Mnstcrland hin. — Abg. Alex. Meyer befürwortete die Annahme der Verträge ohne Kommissionsberathiing. — Mit Heftigkeit erklärte sich Abg. Böckel Namens der Antisemiten gegen die Verträge. Weaen eines gegen Landräthe, Bürgermeister in» Gendarmen gerichteten VoiwnrsS der Banerufchiuderei wurde er zur Ordnung gerufen. — Gegen die Verträge erklärte sich auch der Redner der Polen Abg. v. Dzicinbo w ski. — Schließlich wandte sich noch der Abg Schnitz- Lnpitz (freifottf.) zn einer persönlichen Rechlscrtiguitg sehr scltarf gegen die dcmngogtsche Agitation de« Bundes der Land- wirthr, was dann nocl> eine scharfe persönliche Auscinandersetznug mit dem Abg. v. Plötz zur Folge hatte. Sie Handelsverträge
wurden einer Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen. Montag: Etat. Der Präsident wollte damit die elfte Beralhniig des Finanz- refonngesetzes verbinden, zog seinen Vorschlag aber wegen zahlreiche» Widerspruchs zurück.
Dolttlsche Tüges-R»ttdschau. -
. — Die Folgen der schlechten Finanzlage der Einzelstäa len, die im Falle des Scheiterns der Reichs- stenerreform sich noch weit bedenklicher gestalten würden, treten, wie in Bayern und Baden, auch in Mecklenburg zu Tage. Der Landtag wurde bei seiner Eröffnung mit dcr Kunde überrascht, daß statt der bisher üblichen 7 oder 8 Zehntel der Landcsstcncr zdes „Ediktes") 13 Zehntel erhoben werden müßten wegen des starken Anwachsens der Matrikularbciträge und dcr zwcifclhasteu Aussichten der Reichsstcuerreform. Aus denselben Gesichtspunkten be- lenchlcte in dcr sächsischen Kammer Staatsininister v. Thümmel die Nothweudigkcit der Neichssteuerrrform. Die ans einem negativen oder ungenügenden Ergcbiliß der lctztcren- solgeudcn Zustände stellen sich überall unerwartet rasch und klar dar.
— Auf Italic» ist nun auch, der Schnupfen steckt ja an, Frankreich mir einer Kabinetskrise gefolgt. Ans der änßersten Rechten solvohl wie auf Seiten der Radikalcn und Sozialisten brachte man, wie die Kammer- Verhandlungen dieser Tage hinreichend ergaben, dem Programm des Ministeriums Dupuy rückhaltslose Feindschaft entgegen. Die Krise, die erst nur auf einige Ministcr sich zu erstrecke» schien, dann aber das ganze Kabiuct in ihren Strudel zog, hat sich sehr schnell entwickelt. Am Samstag kam cs in dcr Kammer wieder zu einem stürmischen Zwischenfall. Die Radikalen verlangten Anfschluß über dir Gerüchte vou jener partiellen Demission. Ministerpräsident Dupny venve^erte denselben .jedoch, worauf der Antrag-^ steiler Millemud feute JMerpellariou zurückzog. GlcichL darauf bcgabert sich sämmlliche Minister nach dem Elysee, üut die'DcmWon des gesmnmteu Kabincts zu überreichen.^ Caruot »ahm dieselbe au «nd ersuchte die Minister, dke laufenden Angelegeichcitcn zu erledigen. Wie verlautet, beabsichtigt Carnot zunächst, Dupuy als Kabinctschef bei- zubchaltcn und die radikalen Minister durch gemüßigte zu ersehen. Präsident Carnot empfing die Präsidenten des Senats und der Kammer. Mit Casimir Pcrier konferirtr er fünf Viertel Stunde». Dieser legte dar, die Krisis sei nicht gegen Dupuy gerickuct gewesen; im Gegemheil, wen» man abgesliinint hätte, wurde Dupuy eine große Majorität erhalte» habe». Da Dupuy das Programm gemacht und den Kamps gegen den Sozialismus veraulaßt habe, würde cs einet» Zurückweichc» glcichschcu, wen» man ihn nicht bei der neuen Kombination als Chef oder als Mitglied behielte.
Deutsches Deich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser ist «amstag Abend um 11 Uhr von demJagdansstng nach-derGöhrde nach Potsdam zitrückgekehrt. — Von maßgebender Seite wird behauptet, daß Prinz Heinrich nächsten Sommer zum Kommandaiite» eines der neuert Panzerschiffe „Wörth" oder „Brandenburg" ernannt werden soll. — Der Herzog vou Kobnrg, der ursprünglich be- absichtigte, bis Anfangs Dezember in London zu bleiben, ist plötzlich, ohne die Königin noch einmal gesehen zn haben, abgereist.
27. Nov. Auf der am Freitag staitgehaöten Versammlung der a n ti sem i t - s ch e n Bo lk S pa rte i wurde nach einem Referat Werners «in« Rejolution angenommen, in welcher auf das Entschiedenste gegen die Tabaksteuer irotestirt und an Stelle derselben die progressive Ein- koinmenstcuer und die Mchrbclasrnng der Börse verlangt wird. Werner befürwortete außerdem eilte Champaguer- teucr. Die auwesrndrn Sozialisten und Freisinnigen griffen heftig Werncr an und warfen ihm Inkonsequenz vor. — Dcr Tabakarbeiter-Kongreß wurde Samstag Mittag nach sechstägiger Dauer geschlossen.. Im Schlußwort hob Elm hervor, daß dcr Kongreß hoffentlich dazu beigetragcn haben werde, das Atteutat auf die Existenz dcr Tabakarbeiter abzuwcndcu. Unter dreimaligem Hoch auf die inlcrnatiouale, revolutionäre Sozialdemokratie und nach der Abslngung dcr Arbeitcrmarseillaise erfolgte der Schluß des Kongresses. — In einem Leitartikel legt der „Vorwärts^ die Gründe dar, welch« die Sozialdemokraten veranlasse», gegen die Börscnsleuer zu stimmen. Die Börsensteuer würde — so wird ausgeführt — das unsolide Geschäft nicht hindern, das Arbitragcgeschüft zerstören, mehr das Publikum als die Banquiers belästigen und eine Erschwerung und Einengung des Verkehrs bedeuten; ferner würde» durch sie dem Militarismus die Mittel geliefert werde».
* Rnttdfrha« im Reiche. Die Domänendirektion bewilligte 797,000 Mk. für die Erneuerung des Schlosses zn Mannheim. — Die Nichtbestäligung des Professors Langen-Bonn als Mitglied der Akademie der Wissenschaften in München erfolgte im Wege der Weglassung des Namens in der Bestätigungsliste. Die Akademie will die Sache nicht auf sich beruhe» lassen. Langen wurde deshalb nicht bestätigt, weil et AUkatholik ist.
