WieMemr Tsgblck
41. Jahrgang.
Verlag: Langgaffe 27.
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Ko. 546.
Dienstag, den 21. November
1893.
Abend-Ausgabe
I nicht bloß alles Gold aus dem Verkehr, sondern die feste I Grundlage der Währung geht verloren; man behält einen I Wcrthmesser, dessen eigener Werth von einem Tage zum I andern schwankt, welchem die wichtigste Eigenschaft aller I Maße, die Beständigkeit, mangelt.
Doppelwährung, wie unsere Silbcrleute sie verlangen, I d. h. unbeschränkte Prägung und gesetzlicher Gleichwerth beider Edelmetalle als Zahlungsmittel in einem Verhältniß, welches dem Silberdollar einen höheren Werth, als dem ihm in Wirklichkeit innewohnenden, verleiht, führt noih- weudig zur Eiuzclwährung zurück, allein nur zur Einzelwährung des Silbers. Ein schlechter Wcrthmesser tritt an die Stelle des besseren; er verändert die Grundlage aller Verträge und bewirkt eine Steigerung der Preise aller Bedürfnisse, von der, wie wir gesehen haben, Niemand Vor- I thcil ziehen kann. Die einzigen Gewinner sind die Besitzer von Silberminen und solche, die eine vorher auf der Goldbasis eingegangene Verpflichtung nunmehr in einer minder- werlhigcn Münze ausgleichen können. Die Verlierer sind in erster Reihe die Arbeiter, deren Löhne sich nur ganz allmählich dem neuen Wcrthmesser anpassen werden und die inzwischen höhere Preise für ihre sämmtlichen Bedürfnisse bezahlen müssen. Wäre man nun gewiß, daß von jetzt an der Werth des Silbers beständig der nämliche bliebe, so könnte man wenigstens sagen, daß nur während des Uebergangs von der Goldwährung zur Silberwähruug, d. h. bis sämmtliche Verhältnisse sich dem neuen Wcrthmesser angepaßl hätten, die Interessen der Arbeiter geschädigt und daß die Löhne nach einiger Zeit von selbst in die Höhe gehen wurden. Denn daß wir bei einer stabilen Silberwähruug, wie Viele | meinen, dem Auslande gegenüber, das nur Goldwährung besitzt, nothwendig in Nachtheil gerathen müßten, glaube ich nicht. Allein der große Nachtheil der Silberwährung ist ebcn^daß uns jede Garauiie gegen einen ferneren Rückgang des Silberwerthes stehlt, daß vielmehr Niemand weiß, wie tirf derfilbe noch finken kann. Die gegenwärtige Silberförderung übersteigt bei Weitem den Bedarf, und wenn dieselbe nicht freiwillig auf längere Zeit eingestellt wird, wozu durchaus keine Wahrscheinlichkeit vorliegt, ist an Beständigkeit des Silberwerthes nicht zu denken. Eine vernünflige Finanzpolitik muß daher um jeden Preis am Goldmonometallismus festhalten, wenn nicht das Land einer wirth- schaftlichen Kalamität verfallen soll, gegen welche unsere heutige Krise wie ein Kinderspiel aussehen würde.
Im Uebrigen brauchte kein einziger Golddollar wirklich im Umlauf zu sein, wenn wir auch ohnedies überzeugt sein könnten, daß alle Werthe nur nach dem Golddollar, nach der Einheit, welche derselbe bildet, gemessen würden. Die Einheit kann eine durchaus ideelle sein, vorausgesetzt, daß ihr kein anderer Begriff, als der des Golddollars, zu Grunde liegt. Es hat in der Geschichte ähnliche Beispiele von Münzeinheiten gegeben, welche in der Wirklichkeit gar nicht vorhanden waren, sondern nur die Grundlage bildeten, auf welcher sich der Waarenanstausch vollzog. Für die Prosperität einer Nation ist es gleichgültig, ob sie viele Umlaufsmittel besitzt, oder wenige. Worum es sich bei jedem Einkauf oder Verkauf handelt, ist der einfache Austausch zweier Produkte. Den Werth derselben zu fixiren, I ist das Wesentliche: Dazu gehört ein Drittes, eine Werth- I einhcit, nach welcher jedes einzelne Produkt gemessen werden I kann. Zu einer solchen Wertheinheit eignet sich besonders das Gold, weil dessen eigener Werth am beständigsten ist; allein es ist darum keineswegs nothwendig, daß bei dem I Geschäft des Austausches Gold selbst zur Verwendung gelange. Fast unser gesan'.mter Handel, ja nahezu sämmtliche Ausgleiche der Banken untereinander vollziehen sich ohne Beihülfe von Gold, höchstens, daß ein verhältniß- I mäßig unbedeutender Saldo in baarcm Gelbe ausgeglichen wird. Gustav Müller.
Deutsches Keich.
~ * 8»f- «n> Perfonal-Uachrichten. Ein in früheren I Jahre» vietgenannler Parlameularier, Graf Be thu sy-Huc, I Begründer und langjähriger Führer der freikonservativen Partei, I ist gestorben, ein Mann, der eine bedeutende und wohlthätigeWirk- I sanikeit in der Richtung einer gemäßigt-konservativen Politik auS- I geübt hat. — An demselben Tage ist auch in Lübeck der Senator Fehling gestorben, der von 1887—1890 feine Vaterstadt als Mitglied der nationalliberalen Partei im Reichstag vertrat.
* Berlin, 21. Not). Zu dem gestrigen Kongreß der deutschen Tabakarbeiter waren über 200 Delegirte aus allen Theilen Deutschlands erschienen. Den Vorsitz führt Reichmann-Bremen. Vor Eintritt in die Tagesordnung verliest der Vorsitzende ein Antwortschreiben des Reichskanzleramtes auf das Ersuchen des Tabakarbeiter-Verbandes, der Reichskanzler möge zu den Verhandlungen einen Regiernngskommissar entsenden. In der Antwort heißt es, die Bitte des Verbandes müsse abgelehnt werden, jedoch sei die Mittheilung des Ergebnisses der Verhandlungen erwünscht; ferner wird in dem Antwortschreiben erklärt, daß । die Behauptung des Verbandes, der Tabakverbrauch sei zurückgegangen, nach statistl'schen Ergebnissen unrichtig sei. — Im weiteren Verlauf des Tabakarbeiter-Kongresses kam es zu heftigen Debatten gegen die geplante Tabakfabrikatsteuer. Heute erfolgt die zweite Sitzung. — Es wurde ein deutsch-englisches Abkommen unterzeichnet, nach welchem das südliche Tsedseeufer an Deutschland definitiv übergeht. — Nach dem „Neichsanzeiger" darf man, da in Hamburg und Altona seit mehreren Tagen kein neuer Cholerafall vorgekommen ist, annehmen, daß die Cholera in diesen Elbhäfen erloschen ist. — Der „Reichsanzeigcr* meldet, daß der Fernsprechverkehr zwischen Berlin und Köln eröffnet morden ist. — Die Bruttoeinnahmen der Reichspostverwaltung betrugen im Oktober 24,171,805 Mk., gegen denselben Zeitabschnitt des Vorjahrs 1,274,292 Mk. mehr. Der reine Ueberschuß betrug int Oktober 4,221,296 Mk., mehr 459,030. Der reine Ueberschuß für den Zeitraum April bis Oktober betrug 16,898,268 Mk., mehr 3,669,121.
* A«r Geschichte der Entlastung des Fürsten Kisuiarch im Marz 1890 checkt Hans Blum der „Straßb. Post" einen Auszug aus, einer (grfjrtft von ihm mit. Danach soll Minister v. Boetticher zum Kaiser gesagt haben: „Wenn Majestät dem Große» Friedrich nachstreben, so müssen Sie vor Allem den Fürsten Bismarck befettigen." Weiter berichtet Hans Blum über den nächsten Anlaß zu der Entlassung Folgendes: Sobald der Kaiser von dem vielbesprochenen Besuche WiudlhorstS bei Bismarck erfuhr, sandte er de» Ches des Civilkabinets v. Lucauus an den Reichskanzler mit dem Gebot: der Kaiser fordere vom Fürsten Bismarck, daß dieser dem Kaiser zuvor Bericht erstatte, meint er Abgeordnete
Kolkswirlhschriftliche Plaudereien.
VII. Werth und Währung.
(Schluß.)
Ein Stück Tuch mißt man mit einer Elle und erfährt dadurch seine Länge, einen Laib Brod legt man auf die Wagschale und erfährt dadurch sein Gewicht. Gleichwie Elle und Wage Maß und Gewicht bestimmen, so bestimmt das Geld den Preis, den Tauschwerth eines Gegenstandes oder einer Leistung. Es ist so wenig der Gegenstand oder die Leistung selbst, es repräsentirt den Gegenstand oder die Leistung so wenig, wie die Elle und die Wage dss Tuch oder das Brod repräsentircn. Beide , dienen nm dazu, gewisse Eigenschaften, Länge und Gewichte der Gegenstände, zu ermitteln. Die Anzahl Ellen oder Pfunde ist der Ilus- druck dieser Eigenschaften, und ebenso ist die Anzahl Dollars, die ein Gegenstand kostet, der Ausdruck seines Werthes in Bezug auf alle übrigen Gegenstände. Daß dieser Werth- mesfer nicht schwanke, daß die Elle nicht bald länger, bald kürzer, das Gewicht nicht bald schwerer, bald leichter sei, ist eine wesentliche Erforderniß aller Maße; im Uebrigen jedoch ist es gleichgültig, ob der Maßstab länger oder kürzer, schwerer oder leichter, wcrthvoller oder werthloser sei, so lange nut seine wesentliche Eigenschaft: Länge, Gewicht, Werth, unverändert bleibt. Deshalb kann man auch nicht zu gleicher Zeit und an demselben Orte zwei verschiedene Werthmesser haben, so wenig als man zwei Ellen von verschiedener Länge, zwei Pfunde von verschiedenem Gewichte haben kann. Man messe nach Zollen oder nach Fußen, nur darf ein Fuß nie mehr noch weniger als zwölf Zoll halten, wenn nicht in der kürzesten Frist das ganze Maßsystem des Landes in Verwirrung gerathen soll. Man kann nicht gleichzeitig und an demselben Orte zwei verschiedene Werthmesser haben, von denen der eine aus Gold, der andere aus Silber besteht, weil das Werth- verhältniß beider Metalle zu einander kein sich gleichbleibeudes ist. So lange Silber nur als Hiilfsmünze dient, deren Kaufkraft nicht durch den ihr initewohneudeu Metallwerth, sondern durch ihre Einlösbarkeit in Gold im Betrage ihres Nennwerthes bestimmt wird, so lauge besteht lhatsächlich j flut ein einziger Wcrthmesser, das Gold; gerade wie wenn in einem Lande zwei Ellen von verschiedener Länge cxistirten, von denen mau aber übereingekommen wäre, eine größere Anzahl der kürzeren einer kleineren Anzahl der längeren gleichzuachten. In dem Augenblicke jedoch, wo man einer gewissen Menge Gold und einer gewissen andern Menge Silber gesetzlich einen künstlichen Gleichwerth giebt, chut man dasselbe, als wenn man zwei Längemaße ein- lührt, von denen das eine bald länger, bald kürzer, ober zwei Pfundgewichte, von denen das eine bald schwerer, bald I stichlet als das andere ist. Geschieht es aber überdies, daß I /ft eine Werthmesser in seinem Verhältniß zu dem andern «crthmesser nicht bloß schwankt, sondern beständig werth- loser wird, während er demungeachtet seine ihm gesetzlich zuerkannte Eigenschaft alsoollwerthigesZahlungsmittelbeibehält, |® ist die unausbleibliche Folge, daß dieser Wcrthmesser ienen andern verdrängt, denn wenn ich hundert Dollars schulde, die ich nach meinem Belieben in Gold oder Silber vezahlen kann, iirdeß der Werth des Silberdollars allmählich ?uf achtzig Cents in Gold gefallen ist, so gebe ich nicht I Wnbert Golddollars her, um meine Schuld zu tilgen, soii- ocrn ich verkaufe achtzig Golddollars bei einem Geldwechsler I ?tr Wallstreet, der mir hundert Silberdollars dafür giebt, a mittlerweile das Agio auf Gold auf fünfundzwanzig I x^zent gestiegen ist, und bezahle mit diesen meinen Gläubiger. I
der Goldmünzen besitzt, wird dieselben entweder ein» A""lzen lassen oder zu Zahlungen an das Ausland per- I «üben, sobald der Metallwerth des Siiberdollars unter den | fnK f^!DC.r^ Golddollars fällt, mit anderen Worten, I IWb ein Agio auf Gold entsteht; alsdann verschwindet I
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— In der Fluth von Initiativanträgen, die dem Reichstag bereits ztigcgangcn sind, ttehmen diejenigen beiden, über welche wohl die heftigsten Redekämpfe entbrennen werden, die ersten Stellen ein: der Jesuitenantrag des Ccnlrums und der Antrag der Konservativen auf Verbot der Einwanderung ausländischer Juden. Der erstere wird voraussichtlich am 29. November, der andere acht Tage später auf die Tagesordnung gesetzt werden.
— Die Etats der Schutzgebiete weisen für das nächste Jahr nicht unerhebliche Mchrfvrderungeir auf, namentlich ist der Reichszuschuß für Ostafrika um 1 Million Mark, der für Südwestafrtka um 732,000 Mark erhöht, hauptsächlich für die Verstärkinig der Schntzlruppen. Die Rothwendigkeit dieser Forderungen zur Sicherheit und zum Schutz unserer Kolonien wird nicht zu bestreiten sein. Im Uebrigen geben die Etats mit den zahlreichen beigefügten Erläuterungen das Bild einer trotz großer Schwierigkeiten und Hindernisse stetig und ruhig fortschreitenden aussichtsvollen wirthschaftlichcn und Kulturcntwickluug, deren volle Früchte freilich nicht im Verlauf des ersten Jahrzehnts unserer kolonialen Unternehmungen erwartet werden dürfen. Der neue Reichstag wird den letzteren gewiß nicht weniger freundlich gegenübcrstchen als feine Vorgänger. Für eine besonnen fortschreitende, von Abenteuern und Ausschreitungen sich fernhaltende Kolonialpolitik, die mit den realen Verhältnissen und erreichbaren Möglichkeiten wie mit dem Deutschland auferlegten Gebot der Selbstbeschrättkung auf diesem Felde rechnet, ist auch im neuen Reichstag eine ansehnliche Mehrheit gesichert.
— Die von verschiedener Seite als offiziös angesprochene „Gazetka Piemontese" in Turin bringt sensationelle Mit- theilungen. Durch den bisherigen Dreibund, schreibt das Blatt, sei Italien nur verpflichtet gewesen, Deutschland mit einem Landheer zu unterstützen. Der Zweck der Reise Kaluokys nach Monza sei die Ausdehnung eines entsprechenden Vertrags auch auf Italien und Oesterreich gewesen ; dafür erhalte Italien im Ernstfälle eine territoriale Entschädigung. (?) Die „Deutsche Zeitung" behauptet hingegen, daß es sich bei dem Besuche des Grafen Kaluoky in Monza mehr um energische Schritte gegen die immer mehr aceeutuirte Haltung des Papstes gegen den Dreibund, als um eine Militär-Konvention und Finanz-Geschäfte gehandelt habe.
Politische T,rges - Rundschau.
— Im Hinblick auf die bevorstehende, zum ersten Male nach neuem Gesetz stattfindende Bußtagsfeier ist es nicht ohne Interesse, festzustellen, von welchem Erfolg bis jetzt die sich seit ungefähr 20 Jahren hinziehcndeu Bestrebungen für Einführung eines gemeinsamen deutschen Bußtages begleitet sein sollten. Prinzipiell ausgeschlossen von der Verfolgung eines solchen Planes haben sich von vornherein die süddeutschen Staaten und Hessen-Darmstadt. Die norddeutschen Bundesstaaten haben sich einstinimig einverstanden damit erklärt, daß ein solches Ziel erstrebenswerth sei, mit Ausnahme von Mecklenbnrg-Strclitz und Renß ältere Sinie. Die Regierung von Mecklenburg-Schwerin war bereit, die Landesbußtagsfcier auf denselben Tag mit der preußischen zu legen, stieß aber auf Widerspruch im Landtage, was umso weniger leicht zu verstehen ist, als nur eine Verlegung um 12 Tage in Frage stand. Ein thatsächlicher Anschluß an die preußische Bttßtagsfeicr ist bereits erreicht im Königreich Sachsen, in Anhalt, Sachsen-Altenburg, Waldeck, Braunschweig, einem Theil von Oldenburg (den Fürsteu- thümern Lübeck und Birkenfeld) sowie den Hansestädten.
