Abend-Ausgabe.
41. Jahrgang.
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1893.
Wie wir gesehen haben, kommt das gesammte flüssige Kapital den Arbeitern in der Gestalt von Löhnen zu Gute, ebenso wie alles scstgelegte Kapital, Gebäude, Maschinen, Geräthschasten u. bergt., denn diese sind ebenfalls Produkte der Arbeit, für welche Lohn bezahlt worden ist. Daher besteht in letzter Instanz alles produktiv angelegte Kapital von Anfang bis zu Ende aus Löhnen, und hieraus folgt wiederum, daß der Gewinn des Kapitalisten, sein Unternehmergewinn oder -Lohn, einerseits durch die Größe des Produktes, also durch die produktive Kraft der Arbeit, andererseits durch die Größe des Antheils der übrigen Arbeiter an dem Produkt bestimmt wird. Also steht der Unternehmergelvinn im umgekehrten Verhältniß znm Antheil der übrigen Arbeiter; je größer der letztere, desto kleiner der erstere, Ze höher die Produktivität der Arbeit, desto größer wird der Antheil des Kapitalisten resp. Unternehmers daran sein. Allein nian soll die Produktivität der Arbeit nicht mit der Höhe der Einzellöhne verwechseln. Bei hohen Löhnen wird unter Umständen weit billiger, also mehr, produzirt, als bei niedrigen Löhnen, wenn nämlich Intelligenz, Fleiß und Geschicklichkeit bei dem hochbezahlten Arbeiter größer sind, als bei seinen niedrigbezahlten Kollegen. Wir wissen ans Jakob Schönhoffs vortrefflichen Untersuchungen, daß in den Vereinigten Staaten die Arbeitslöhne in den meisten Handwerken und Gewerben beträchtlich höher sind, als in Europa, daß aber demungeachtet die amerikanische Arbeit billiger zu stehen kommt^ weil der hiesige Arbeiter durchschnittlich bedeutend mehr produzirt, als sein europäischer Vetter im gleichen Zeitraum. Wenn ein hiesiger (New-Aorkcr) Arbeiter- bei einem Taglohn von szchs Dollars in einem Tage ebenso viel Werthe herstellt, wie ein deutscher oder englischer Arbeiter bei einem Taglohn wn vier Dollars in zweien, ist ersterer der billigere' Arbeiter, obwohl sein Lohn ein viel höherer ist. Der Gewinn -des Unternehmers hängt also sowohl von der Produktivität der Arbeit, als von der Höhe des Lohnes ab; er fällt mit abnehmender Produktivität und steigendem Lohn und steigt mit zunehmender Produktivität und fallendem Lohn.
Gustav Müller.
jl-. 520.
Montag, den 6. November
Uolkswiethschastttche Plaudereien.
w. Gewinne.
John Stuart Mill, der ausgezeichnete englische National- ökonom und Philosoph, nennt in seinem berühmten „Principles of Political Economy“ Gewinn (profit) den Antheil des Kapitalisten an der Gntererzeugung. Er zerlegt denselben in drei Elemente:
1. Zinsen (Remuneration of abstinence).
MT 2. Risiko oder Assekuranz.
Ws! 3. Unternehmergewinn (Profit de l’entrepreneur).
«eich' letzteren er auch wages of superintendence nennt. Tie Ursache des Gewinnes ist nach Mill, daß die Arbeiter mehr hervorbringen, als zu ihrem Unterhalte nothwendig ist. „Der Grund, weshalb im Landbau angelegtes Kapital einen Gewinn abwirft, ist der, daß der Mensch mehr Nahrungsmittel hervorbringen kann, als er während der Zeit ihrer Hervorbringung zu seinem Unterhalte bedarf, einschließlich der zur Herstellung der Geräthschasten und zu allen übrigen Vorbereitungen erforderlichen Zeit. Hieraus folgt, daß, wenn ein Kapitalist es unternimmt, Arbeiter zu ernähren, unter bei Bedingung, daß das Produkt ihm überlassen werde, ihm nicht bloß seine Vorschüsse ersetzt werden müssen, sondern ihm auch noch ein Ueberschuß verbleiben muß. Mit anderen Worten: Das Kapital wirft Gewinn ab, weil Nahrung, Kleidung, Rohmaterial und Werkzeuge längere Zeit andauern, als zur ihrer Herstellung erforderlich war, sodaß, wenn der Kapitalist die Arbeiter mit diesen Gegenständen versorgt unter der Bedingung, daß ihm das Produkt ge- hören soll, die Arbeiter nicht bloß ihre sämmtlichen Bedürfnisse und Geräthschasten reprvduzire», sondern auch noch Zeit übrig haben werden, nm für den Kapitalisten zu produziren. Wir sehen also, daß Gewinn entsteht, nicht' mfolge eines Aktes des Austausches, sondern durch die produktive Kraft der Arbeit und daß Mithin der Gesammtgewinn eines Landes immer von der produktiven Kraft der Arbeit abhängt, einerlei, ob Austausch stattfindet, ober nicht. Gäbe es keine Thcilung der Arbeit, so gäbe es auch Weber Einkauf noch Verkauf, aber Gewinn ßäbe es gleichwohl immer noch. Wenn bie Arbeiter eines Üutbeg särnmtlich 20 pCt. mehr hervorbringen, als ihr Lohn beträgt, wird auch der Gewinn 20 pCt. betragen, gleichviel, wie die Preise sein mögen. Durch Preisveränderungen mag B geschehen, daß zu einer Zeit der eine Produzent mehr erhält als 20 pCt., der andere weniger, indem in Bezug °uf alle übrigen Erzeugnisse die eine Waare über, die andere unter ihrem natürlichen Werthe steht, bis sich die Preise ieber adjustirt haben; allein der auf alle zusammen entfallende Gewinn wird immer genau 20 pCt. beiragen."
Daß diese Darstellung des berühmten englischen Volks- *i«hes in Bezug auf den Ursprung alles Dessen, was er M> mit ihm die Meisten, Laien sowohl als Schriftsteller, «kwinn nennen, durchaus dem Sachverhalte entspricht, mag ahne Weiteres eingeräumt werden. Allein hier muß sich, ^chdcn bisherigen Ausführungen dieser Blätter, der aufmerksame Leser sofort bie Frage vorlegen: Siebt es beim i«erhaupt einen Gewinn im volkswirthschaftlichen Sinne, ®!e es einen Gewinn im landläufigen Sinne giebt? Haben Ir® Vicht gesehen, daß alles Produkt der Arbeit, alle Werthe, Wche Arbeit, Land und Kapital geschaffen, den drei Fak- Mtl Arbeit, Land und Kapital zu Gute kommt? Und Men wir nicht dieses Produkt zerlegt in Lohn, Rente und Msen? Was bleibt da noch für den Gewinn übrig, und ist derselbe zu finden?
P Diese Fragen sind sehr berechtigt, denn wenn nicht Were ganze bisherige Untersuchung verfehlt gewesen ist, ^ffen wir allerdings zu dem Schlüsse gelangen, daß Gc- ">nn im volkswirthschaftlichen Sinne nicht existirt. Gewinn Wi cin Begriff, der gar nicht in die Volkswirthschaft hincin- ^ört, der aber gleichwohl aus dem gewöhnlichen Leben in übergegaiigen ist, wo er auch eine gehörige Verwirrung angerichtet hat. Gewinn ist nur und kann nur was Einer auf Kosten eines Andern erhält; Dieb- 1^1 Raub, Glück im Hasard- und Börsenspiel gehören in RÄe Kategorie. Es ist eine bloße Uebertragung von W«erihen vom Einen auf den Andern ohne Gegenleistung; W Wechseln des Besitzers, das, wirthschaftlich betrachtet, ohne Weiche Bedeutung ist und den allgemeinen Wohlstand weder »rermehrt noch vermindert. Daß Mill dies bis zu einem griffen Grade ebenfalls, wiewohl nicht klar genug, eiu- ■gwicn hat, beweist seine Eintheilung des Gewinnes in g3illfen, Risiko und Unternehmergewinn, den er bald als de l’entrepreneur (weil profit of the undertaker“ Manschen Ohren sonderbar klingen würde), bald als wages bezeichnet. Daß der Unternehmergewinn Mffächlich nichts Anderes als Lohn ist, den der sein eigenes Mchäft führende Kapitalist für seine Mühewaltung bezieht,
(ebenso wie er diesen Lohn einem Angestellten bezahlen müßte, der sein Geschäft statt seiner für ihn führte, ist nach unfern Ausführungen so einleuchtend, daß es gar keiner weiteren Erläuterung bedürfen sollte. Der Rest des dem Kapitalisten zufallenden Antheils an dem Gesammtprodukte, oder vielmehr der einzige Antheil, der ihm in feiner Eigenschaft als Kapitalist zufällt, besteht ausschließlich aus Zinsen, und diese steigen oder fallen unter Anderem allerdings auch mit dem größeren oder geringeren Maße des Risikos, mit der Gefahr des Verlustes, der das Kapital in einer beliebigen Beschäftigung ausgesetzt ist; allein darum die Zinsen in zwei verschiedene Elemente, in die eigentlichen Zinsen und in Assekuranz, zerlegen zu wollen, scheint mir überflüssig. Die Zinsen schwanken 1. mit der Größe des Risikos, 2. mit der Menge des anlagesuchenden Kapitals, die in der Regel im umgekehrten Verhältniß zu der Größe des Risikos steht, weshalb auch in Zeiten schwerer wirthschafllicher und politischer Erschütteningen das flüssige Kapital, der wages^fund, sich häufig ganz aus dem Verkehr zurnckzieht und lieber ans jede, auch die höchsten Zinsen verzichtet, als daß es sich der Gefahr iheilweiscr ober gänzlicher Zerstörung aussetzt. Daraus folgen bann: Schließung der Fabriken, Massen- Entlassungen von Arbeitern, rheilweise oder gänzliche Einstellung der Produktion, unerschwingliche Zinsen, kans- mämiische und industrielle Bankerotte imb das ganze „grauenvolle Heer" jener traurigen Erscheinungen der Noth und des Elends, womit uns die Erfahrungen der letzten Monate (in Amerika) sattsam vertraut gemacht haben.
Die Höhe des Unternehmergewinnes, wie wir die wages of superintendence unter dem Vorbehalt, daß darunter jederzeit wirklich NM Lohn zu verstehen ist, immerhin nennen können^ hängt 'einerseits von der Intelligenz und Geschicklichkeit des UnterMmers, andererseits von der Produktivität ■ der AÄwil im Allgemeinen ab, da der Unternehmergewinn den Antheil des Unternehmers an dem allgemeinen wages- fund bildet. Die großen Unterschiede in der Höhe des Unternehmergewinnes in verschiedenen Benifsarten sind schon Adam Smith ausgefallen; er erklärt z.B. die aiißerordeillliche Höhe der Apothekergewinue damit, daß diese eigentlich als ärztliches Honorar anfzufassen seien, wogegen sich aber vielleicht einwenden ließe, daß der meist geringe Werth der einzelnen Arzneimittel, die verhältnißmäßig seltenen Verkäufe und der dadurch bedingte niedrige Gesammtiimsatz die prozentualische Höhe des Nutzens auf die einzelnen Drognen bewirkt haben. Denn wo der Umsatz ein geringer ist, muß der Prozentsatz des Nutzens ein desto höherer feilt, um dem Gewerbetreibenden den durchschnittlichen Gewinn ab-
wersen zu können, der im klebrigen feiner Intelligenz, Geschästskenntniß und Erfahrung proportional sein
wird. Daher auch umgekehrt der Prozentsatz des Nutzens desto kleiner ist, je größer der Umsatz, und wo, wie in großen Bankhäusern, im Laufe eines Jahres riesige Millionenziffern umgesctzt werden, sinkt der Prozentsatz des Unternehmergewinns auf ein Minimum, oft nur auf einen kleinen Bruchtheil von einem Prozent, herab. Denn alle Profite wären sich in allen Kapitalanlagen unbedingt gleich, wenn sich die menschlichen Fähigkeiten und Eigenschaften in ihrer Wirkung auf die verschiedenen Rohstoffe gleich wären, und sie sind nur kraft der Verschiedenheit dieser Fähigkeiten und Eigenschaften verschieden; ihre Tendenz muß daher immer der Ausgleich der Unterschiede sein, die in den verschiedenen Berufsarten hinsichtlich ihrer Höhe bestehen. Alle Kapitalanlagen werfen, wie Mill sehr richtig bemerkt hat, zwar keineswegs den gleichen Gewinn ab, aber sie versprechen den gleichen Gewinn, wenn mau eine etwaige geringere Annehmlichkeit ober Sicherheit des betreffenden Betriebes dabei in Anschlag bringt. Sobald wesentliche Unterschiede in der Rentabilität verschiedener Betriebe entstehen, vollzieht sich der Ausgleich durch ein Ueberfließen des vorhandenen Kapitals ans der einen Beschäftigung in die andere, ober durch das Einströmen neugeschaffenen Kapitals in die gewinnbringendste Anlage, denn jede Ersparniß der Menschen sucht durch die gewohnten Kanäle der Sparbanken, Aktiennnter- nehiuungcu u. s. w. alsbald nach der vortheilhaflesten und sichersten Verwenduiig. Durch diesen sich beständig vollziehenden und immer wieder erneuerten Prozeß wird der Ausgleich herbeigeftihrt, ohne daß dadurch Störungen im Erwerbsleben nothwendig zu entstehen brauchten, welche allerdings eintreten können, wenn irgend ein besonderer Berns (z. B. durch eine ihn verdrängende neue Erfindung, Regierungseingriffe u. bergt.) dauernd geschädigt wird. Wenn man von den Monopolen, Patenten re. absieht, deren große Gewinne ihrer Natur nach nicht in die Kategorie der Löhne, sondern in diejenige der Rente gehören, kann zur selben Zeit und am nämlichen Orte in den verschiedenen Gewerben kein wesenllicher Unterschied der Rentabilität bestehen, wie bedeutend immer der Unterschied im Verdienste verschiedener Individuen auch innerhalb desselben Gewerbes sein maa. —
Die Kabylen vorn Riff.
_ Der Zeitungsschreiber, welcher das Sensationelle liebt, hätte an stelle dieser bescheidenen Ueberschrist die packenden Worte gewählt: „Die marokkanische Frage!" und er hätte seinen schwungvollen Leitartikel mit beit effektvollen Worten begonnen: „Sie ist auf- gerollt . . ." — Zn einer derartig pessimistischen Auffassung der Ereignisse in Melilla ist jedoch vorläufig noch kein Grund vorhanden, obwohl sich, einer Drahtmeldnng vom Mittwoch zufolge, sowohl englische als auch französische Blätter bereits in größeren Artikeln über das Ausrollen der niarokkanischen Frage ergehen. Immerhin ist aber der Kabyleukrieg ganz unerwartet zn einem solchen Umfange, und zwar in einer für die Spanier höchst ungünstigen Weise, angewachsen, daß es angezeigt erscheint, diesen Vorgängen einige Aufmerksamkeit zuzmveuden.
Das in den letzten Tagen vielgenannte Melilla ist ein kleines, kaum 3000 Bewohner zählendes Städtchen, das, auf einer felsigen Landzunge an der Nordküste Marokkos gelegen.zwischen Festungswerken und Horts ein kümmerliches Dasein fristet und außer einem mtferablen Hasen weiter keine Sehenswürdigkeiten anfweist. interessanter als dieses Städtchen und seine Einwohner find die Riffbewohiter, die Kabylen. Bon jenem libyschen Kriegsvolk ab- stanimend, das einst den Karthagern, den Römern, den Byzantinern, den Germanen und später den Arabern tnuthig und mir Glück die Spitze bot, find die Kabylen ein kriegsgewohutes, tapferes und durchweg vorzüglich und modern bewaffnetes Volk. Bereits einmal, bei Gelegenheit des marokkanischen Thronwechsels im Jahre 1859, kam es zu einem Kriege zwischen Spanien und den Kabylen. Derselbe endete nach heftigen Kämpfen zu Gunsten der Spanier: aber damals war die Bewaffnung der Kabylen für die heutige Art der Kriegsführung völlig unzureichend, heute verfügen sie über fast alle Mittel der modernen Kriegskunst. Der Ausgang des Streites ist also ein durchaus zweifelhafter, umso mehr, ba zu ber natürlichen Kriegslast in biefem Falle ber religiöse Fanatismus der Kabylen tritt.
Die Kabylen sind Muhammedaner, und zwar gehören sie zu beit eifrigsten, begeistertsten Anhängern bieser Religion. Ist ihnen schon so jeder Europäer als Ungläubiger em Greuel, so ist ihr Haß gegen die Spanier durch jahrhundertelange blutige Kämpfe besiegelt worden. Dieser Haß wird ständig aufs Nene geweckt dadurch, daß die Spanier noch einen Rest des von ihnen den Kabylen entrißenen Gebietes, vier Festungen an der marokkanifchen Nordküste, behauptet haben. Zu dieser historisch gewordenen Feindschaft tritt jetzt noch der Umstand, daß der neueste Streit mit den Spaniern direkt aus religiösen Ursachen entstanden ist.
Die Spanier, welche soeben damit beschäftigt sind, Melilla mit Forts zu umgeben, bauten eines derselben in nächster Nähe eines niuharnmedanischen Friedhofs. Dies betrachteten die Kabylen als eine Verhöhnung ihrer Religion; sie überfiele» die Mannschaften des im Entstehen befindliche» Forts und töbteten und verwundeten mehrere derselben.
Dieser Uebersall forderte Genugthnung. Von dem Sultan von Marokko, der angeblich die Oberhoheit über die Kabylen hat, aber froh ist, wenn diese ihn in Ruhe leben lassen, war eine solche Genugthuung nicht zu erlangen. Das svanische Ministerium mußte deshalb dem ungestümen Drängen des Volke«, das sich an die kriegerische» Lorbeer» früherer Jahrhunderte erinnerte, nachgeben.
Der bisherige Verlauf des Kriegszuges ist ein für Spanien höchst unglücklicher. Wenn die Nachrichten auch einander widersprechen, steht doch eine große Niederlage der Spanier mit nicht geringen Verlusten außer Zweifel. Daß bie Lage bedenklich ist, geht schon aus dem Beschlüsse des spanischen Ministerraths hervor.
