Abend-Ausgabe
Viksbsökner Tsgblstt
41. Jahrgang.
Verlag: Langgafse 27.
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N-. 513
Mittwoch, den 1. Uooember
1893
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Politische Tages-Rundschau.
— Die Denkschrift zur Reichssteuerreform, welche dem Reichstage gleich nach dem Zusammentritt zu- gehen wird, bringt einschneidende finanzielle Verbesserungen in Vorschlag. Vor Allcni sollen vorläufig auf 5 Jahre die Finanzen des Reichs in ihrer Beziehung zu denjenigen der Einzelstaaten festgelegt werden. Das Reich wird in Zukunft seine Ausgaben aus eigenen Mitteln b e st r e i t e n. Mätrikularbciträge und Frankensteinsche Klausel werden zwar formell beibehalten, doch dürfen die Einzelstaaten nicht mehr als 40 Millionen jährlich vom Reich erhalten. Erzielt das Reich Uebcrschüsse, so werden dieselben in einem verzinslichen Fonds zur Deckung von Fehlbeträgen späterer Jahre angelegt. Der Fonds darf die Höhe von 40 Millionen nicht überschreiten. Wächst er über die Grenze hinaus, so wird der Ucberschuß zur Schuldentilgung verwandt. Von den 100 Millionen, welche die Militär-Vorlage erfordert, sollen 50 Millionen durch die Tabaksteuer, 36 Millionen durch Erhöhung derReichsstempel- abgabcn und der Rest durch die Weinsteuer aufgebracht werden. Von den Reichsstempclabgaben wird die sogenannte Börsenstcuer, also der Stempel aus Kauf- und Anschaffungsgeschäfte , Werlhpapiere und Lotterieloose vermnlhlich im Allgemeinen verdoppelt und für die Umsätze in nichtdculscheu Werthen wahrscheinlich noch weiter erhöht werden. Außerdem steht ein Stempel von 10 Pfennig auf Frachi- briefe und ein gleich hoher Stempel auf alle Quittungen über 20 Mark in sicherer Aussicht. Daß die Weinsteuer im Bundcsrath durchgeht, unterliegt keinem Zweifel.
— Die Urwahlen zum Preußischen Landtage sind gestern überall vollzogen worden und zwar, wie vorauszusehen war, meist unter einer erschreckend geringen Be- theilignng der Wähler. Die Gründe liegen, wie schon dar
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Das Trinken ans den deutschen Univerfitaten.
Bekanntlich hat Herr Geheimrath Binz auf der Düsseldorfer General-Versammlung des deutschen Vereins zur Bekämpfung desMißbrauchs geistiger Getränke die Besprechung der Frage eingeleitet: Was kann auf den Universitäten in der Mäßigkeitssache gethan werden? Dem den ungefähren Wortlaut bringenden Bericht der Neuen Bonner Zeitung entnehmen wir Folgendes.
GiordanoBruno, der inder zweitcuHäifte des 16. Jahrhunderts mehrere deutsche Universitäten besuchte und in Wittenberg und Helmstadt docirte, lobt Deutschland und seine Wissenschaft in den höchsten Ausdrücken. Aber auch das folgende Urtheil über unsere Vorfahren hat er niedergeschrieben: „In Deutschland wird die Trunksucht gefeiert, geehrt und unter die Heldeutngenden erhöht, die Betrunkenheit zu den götstichen Eigenschaften gerechnet. Dort wird mit Trinken und Zutrinken, Vorkommen und Nachkonimen, Vonsichgeben und Wiedertrinken nsque ad regargitfctionem utriusque juris, das Schwein der Schweine als Fürst von Thoren bejubelt."
{< Diese drastischen und harten Worte, bei denen ich auf den Doppelsinn des lateinischen jus aufmerksam mache, be- ziehen sich offenbar auf die Trinkgelage an den von Bruno besuchten Universitäten, und sie können zum Theil leider noch heute auf solche bezogen werden. Den, der die Verhältnisse kennt, brauche ich nur an die Kommandos des „Fuchsmajors", an das Hinuuterstürzen der „Bierjungen" und an die „Speibecken" offizieller Kneiplokale zu erinnern.
Wer als Student an Körper, Geist und Charakter widerstandsfähig genug ist, der erträgt die wüsten Ausschreitungen einer an und für sich wohl berechtigten Lebenß- und Geselligkeits-Lust ohne dauernden Nachtheil; wer das nicht ist, legt durch sie auf der Hochschule oft genug den «rund zu dauernder Zerrüttung.
So weit meine Erfahrung reicht, lassen die akademischen Wer, die dazu Gelegenheit haben, diese nie Vorbeigehen, ohne gegen den Uebergenuß der geistigen Getränke vom j ^«Üheder her ihre warnende Stimme zu erheben. Das sind E ^rer der Moraltheologie, die National-Qekonomen und
Allem die Mediziner. Wie das praktisch und mit Aus- gS* auf Erfolg weiter entwickelt werden könnte, vermag ich I W zu sagen. Auf den schweizerischen Universitäten hat «an von Seiten einiger Lehrer die Bildung von Temperenz- «reinen angeregt und auch zu Stande gebracht; über ihre "ismngen besitze ich keine eigene Anschauung.
Die Lernfreiheit der Universitäten ist ein schönes Gut;
ein sie bedarf wie jede andere Freiheit auf der Erde der I ^ems-Vorrichlungen. Dazu dienen in erster Reihe die von I E akademischen Lehrern zu handhabenden Prüfungs- I ^«Mungen. Ein Theil der Prüfungen, die jetzt noch längere Wh "."ch ?>cm Verlassen der Universität abgehalten werden, I lute in die akademischen Jahre hineingelegt werden, so wie I l5 6ei den Medizinern schon der Fall ist. Solche Prü-
erleichtern dem jungen Mann die Bewältigung des I Mrmaterials und zwingen ihn insbesondere, schon in den I «J*11' leichtsinnigen Semestern sich daran zu erinnern, daß I 7® akademische Leben doch nicht aus Pflastertreten, Trink- I
und Ausschlafen der Räusche allein besteht, sondern I t§. neben dem vernünftigen Genüsse der Freiheit den
£?®ci6 _ber lernenden Berufsarbeit verlangt. „Sauere | - Frohe Feste," das gelte auch hier als Zauberwort. I L,a'Vt ist nicht klar, warum die vorgesetzte Behörde den I ^^chen Juristen auf unfern Universitären ein solches I Seh'•en’®iame? lu'e die „ärztliche Vorprüfung" der I
das frühere Tentamen physicam, nicht längst ein- I jayct hat. Auch den Studirenden der verschiedenen I ^lophischen Fächer würden solche Zwischen - Examina 1 b« 9ut bekommen. Je größer die Zahl der Arbeitsstunden I »er Universität, um so kleiner die der Frühschoppen und I ^"ugelagc.
Meile Mittel ist die fortwährende Einwirkung der I ffwtoen öffentlichen Meinung. Wo immer sie sich zu i M« hat, besonders in der Presse, hat sie das Rohe und I
I Widerliche bei seinem richtigen Namen zu nennen und ihm nicht den falschen Mantel der Poesie und Jugendlust umzuhängen. Solche andauernde Erziehung wirkt langsam, aber sie wirkt sicher. Ihr zum Theil haben wir es auch auf diesem Gebiete zu danken, daß die Zustände viel besser geworden sind, als sie es früher waren. Wer die Schilderungen des Lebens und Treibens der'Universitäten in vergangenen Jahrhunderten an den Quellen nachschlägt, kann sich davon leicht überzeugen. Ich erinnere nur daran, daß jene von Bruno gegeißelte Trink-Ceremonie des „Fürsten von Thoren" heute wohl kaum mehr aufgeführt wird. Und daß sogar die letzten Jahrzehnte einen Fortschritt zum Bessern darbieten, läßt sich aus dem Verschwinden der „FnchStaufe", eines Trinkgelages wüster Art, wenigstens von mehreren Universitäten deutlich erkennen. Das Welttrinken der „Bier- jungen" und Aehnliches wirdfolgen, sobald mit fortschreitender Gesittung dessen viehischer und witzloser Charakter seinen Veranstaltern klar ivird.
Im 16. Jahrhundert war die Trunksucht viel stärker verbreitet unter den deutschen Fürsten als heute unter den deutschen Studenten. Der Leibarzt des Herzogs von Jülich- Clcve-Berg, Dr. Johann Weher, redet Wilhelm III. in der Vorrede zu dem berühmten Buch gegen die Hexenprozesse 1563, seine Herrscher-Tugenden preisend, also an: „Nur kurz will ich erwähnen deine Mäßigkeit im Trinken, worin du nicht nur ganz einzig allen zahlreichen Unterlhanen ein be- wundernswerthes Beispiel bist, sondern worin du den erlauchtesten Genossen deines Standes und den mächtigsten Helden voranlenchtest. Du willst sogar strengstens das alte Gesetz ausgeführt wissen, daß Keiner mit dem Audcru um die Wette trinkt." Dr. Weyer, offenbar daran denkend', daß nichts die Rohheit im Reden mehr fördert, als die 'Rohheit im Trinken, fährt fort: „Das ist der Grund, weshalb in deiner Gegenwart Keiner zu fluchen wagt. Mit Recht trauern alle guten Christen darüber, daß von solcher Gotteslästerung fast alle Höfe schrecklich widerhallen, und man sieht offen die liebel, so daraus erwachsen."
Das leichte, reine deutsche Bier kann sicherlich ein nützliches Ersatzmittel für den Branntwein sein, allein ich beharre bei dem, was ich 1881 zu Wien in der ersten Sitzung des Hygiemischcn Kongresses in meinem gemäß Aufforderung des Vorstandes gehaltenen Vortrag über den Alkoholismns ausgeführt habe: „Der unmäßige Biertrinker ist ein Alkv- holist ebenso gut wie der Gewohnheits-Schnapstrinker, nur ist er es mit viel weniger Entschuldigung, weil ihn nicht die traurige Nolhwendigkeit eines harten Daseins so zu dem Genüsse hindrängt wie Jenen." Wenn dieser Satz irgendwo Geltung hat, so ist es auf den deutschen Universitäten. Eine gute Zahl ihrer Hörer giebt heute dem Proletarier das häßliche Vorbild zur Unmäßigkeit int Trinken, und wohl ist es geboten, schon allein im Hinblick auf die sozialen Bestrebungen unserer Zeit, hierin Wandel zu schaffen. Für Jugendfrische und Lebenslust bleibt auch dann noch Raum genug übrig.
gelegt, nicht nur in dem viel angefochtenen Prinzip dieses Wahlgesetzes, sondern auch in dem unbequemen Wahlmodus und nicht zum iveuigsten in der Ermüdung nach dem heftigen Reichstagswahlkampf. Große Ueberraschnngeu scheint die Wahl nicht gebracht zu haben. Es würde zu weit führen, wollte man eine Uebersicht der bis jetzt vorliegenden Resultate geben, und man wird in Geduld das Endresultat abwarten müssen, das vermuthlich feine großen Verschiebungen gegen den Parteivorstand der letzten Periode aufweisen wird.
— Herr Bebel, der, wie gemeldet, dieser Tage einen Jugendbrief des damals 21 Jahre alten Ministers Dr. Miquel ausgegraben und veröffentlicht hat, möge sich doch an die politische Rolle erinnern, die er selbst in der ersten Hälfte der sechziger Jahre gespielt hat. Er trat damals, und zwar als ein schon recht ausgewachsener Junge von einigen zwanzig Jahren, als politischer Agitator für den Nationalverein auf, der genau dieselben Ziele wie die kurz darauf begründete nationalliberale Partei verfolgte. Später war Herr Bebel ein eifriger Genosse der Fortschrittspartei und begeisterter Anhänger von Schultze-Delitzsch. Kann man sich eine größere Entwickelungsfähigkeit vorstellen? Vielleicht nimmt Herr Bebel einmal Gelegenheit, sich über seine eigenen Wandlungen und Häutungen ausznsprechen. Sein Ent- wickelungsgaug war freilich minder erfreulich als der des Herrn Miquel.
— Auf den 16.November ist, wie gemeldet, der Reichstag ein berufen. Er wird jetzt erst, bei längeren sachlichen Arbeiten, seinen eigentlichen Charakter und seine Brauchbarkeit für praktische Politik zu zeigen haben. Die kurze crfte Session war zu sehr von einem einzigen GegeH- stande, der Militärreform, beherrscht, als datz man zu eitiW allgemeinen Urtheil über die Leistungsfähigkeit und praktische Bewährung der neuen Reichsvertrctung hätte getan* können. ES haben sich in neuerer Zeit in unserem VolM leben zu vielerlei eigenartige, unklare, gähreitde StrömungM entwickelt, als daß sie nicht auch in der parlamentarischen Vertretung ihre Wirkung äußern sollten. Neben die alten Parteien, die auch ihrerseits den Strömungen und Stimmungen der Zeit in mancher Hinsicht nachgegeben haben, sind neue Gruppen getreten, die bei den schwankenden, un- sichern Mehrheitsverhältnissen häufig den Ausschlag geben werden; ihre Verwendbarkeit bei einer positiven Politik wird sich erst noch zu bewähren haben. Wir treten sonach in eine sehr unsichere und zweifelhafte parlamentarische Situation mit schroffen Gegensätzen und gespannten, theil- weise recht verbitterten Verhältnissen unter den Parteien. Und dabei stehen Eiltscheiduugeu für unser politisches und wirthschaftliches Leben bevor, wie sie bedeutungsvoller kaum auftreten können.
— Die Wiener Blätter konstatiren übereinstimmend, daß eine Lösung der Kabinettsfrage nicht vor nächster Woche zu erwarten sei, deshalb habe Kalnoky seine Urlaubsreise auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Zusammentritt des Reichsraths erfolgt Mitte November. Gestern wurden Badeni und Windischgrätz vom Kaiser in Audienz empfangen. Die Polen bemühen sich, Taaffe zur Bildung eines Koalitionsministeriums und zum Verbleiben im Amte zu bewegen. Von Zalewski wünscht man gleichfalls, daß er fein Portefeuille behält.
Deutsches Keich.
* flof- mtl* personal Nachrichten. Sicherem Vernehmen nach wird der Kaiser den Reichstag versönlich eröffnen. — Der Kaiser gedenkt am 7. November als Gast des Königs von Württemberg zur Jagd in Bebenhausen einznlreffen. Nach Stuttgart kommt der Kaiser nicht. Der angebotene Empfang der Stadt Tuttlingen unterbleibt auf Wunsch des Kaisers. — Nach der „Voss. Ztg." gedenkt die Kaiserin mit den Prinzen im Frühjahr einige Zeit auf schlag Urville (Lothringen) znznbrmgen, wo deshalb ban- lcche Veränderungen vorgenommeu werden. — Allgemeine Ueber- raschung hat der Wiedereintritt des Erbprinzen Bernhard von Sachsen-Meiningen in die preußische Armee hervor- gerufen. Er ist, wie schon gemeldet, zum Kommandeur der 22. Divission in Gaffel ernannt und wird demnächst das ehemalige kurfürstliche Palais am Friedrichsplatz zu Kassel beziehen. Wie verlautet, ist diese Ernennung schon vor der Ernennung seines Vorgängers, des Prinzen Friedrich von Hohenzoller», der unter dem 13. Oktober an die Spitze des 3. Armeekorps berufen wurde, vorbereitet gewesen und eine bezügliche Anfrage des Kaisers an den Erbprinzen schon nach Athen ergangen. Es hieß damals, als der Erbprinz aus seinem Kommando bei dem Gardekorps schied, es feien Zwistigkeiten zwischen ihm und seinem kaiserlichen Schwager vorhanden, weil ihm nicht die Führung des Gardekorps übertragen worden fei. Die Gründe, welche damals den Erbprinzen und die Frau Erbprinzessin veranlaßten, Berlin zu veranlassen, liegen jedoch auf einem ganz anderen Gebiete und sind rein persönliche."
* Kerlin, 1. Rov. Der neue Bund der Ritter des E i s e r n e n K r e u z e s in Deutschland zählt bereits 5000 Mitglieder. Der BundesvorUaiid ist augenblicklich mit der unter juristischer Beihülfe erfolgenden Formiilirung der Satzungen beschäftigt, aus Grund deren der Bund Korporation-rechte nachsucheu will. Behufs Erlangung derselben will man dann mit dem Reichskanzler direkt in Verbindung treten. Nach Erlangung der Rechte erhofft man durch Schenkungen und dergleichen bald ein Kapital zusammenbringen
