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Abend-Ausgabe

ViksbMm Tagbliitt

41. Jahrgang.

Mittwoch, den 23. Oktober

1893

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Deutsches Keich.

* fi»f- und Prrsanal-Uachrichten. Feld Marschall Erz­herzog AIbrecht von Oesterreich traf gestern Mittag auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin ein. Der Kaiser war beim Empfange anwesend und begab sich sofort mit dem hohen Gaste nach Potsdam. Der Sonderzug mit dem Erzherzog Albrecht und dem Kaiser traf dort um 1 Uhr 30 Minuten in der Wildpark­station ein. Der Bahnhof war mit österreichischen Farben und Tannengrün geschmückt, dieEhieiicompagnie stellten die Gardejäaer. Nach dem üblichen Frontabschreitcn und Parademarsch fuhr Der Erzherzog mit dem Kaiser im offenen Wagen nach demNeuen Salais". Aus dem Wege bildeten das 1. Garde-Regiment und die chulabtheilung Spalier. Vor demNeuen Palais" war ein aus sämmtlichen Garde-Kavalleric-Regimentcrn kombinirtes Reginient aufgestellt; nach der Auffahrt formirten sich alle Truppen zum Parademarsch, den der Kronprinz und der Prinz Eitel Friedrich in der Front der 1. Garde-RegimcntS mitmachte». Abends 7 Uhr war ein Diner von 30 Gedecken.

Die höheren Serufsaeten der Fronen in Dentschinttd.

Die Frauenfrage ist bei uns in Deutschland bisher von zu großen Gesichtspunkten aus behandelt worden, als daß die Propaganda zu einem praktischen Resultat hätte kommen können. Sie wurde lediglich als eine Frage der politischen und rechtlichen Gleichstellung des Weibes mit dem Manne angesehen, wobei man aber nicht bedachte, daß die sozialen Verhältnisse erst eine durchgreifende Aenderung erfahren müssen, ehe man zum letzten Ziele der Frauenbewegung gelangen kann. Jetzt sieht man den Fehler ein, und die Bestrebungen der Frauenkreise richten sich nunmehr zunächst darauf, für den sogenannten Mittelstand eine Erweiterung des Erwerbsgebiets des weiblichen Geschlechts herbei­zuführen. Hierbei sollte nun auf die Zulassung der Frauen zur akademischen Karriere nicht besonders Gewicht gelegt werden, denn einestheils sind die Kosten für die gymnasiale und akademische Bildung zu groß, mtb anderntheils könnte nur eine verhäktnißmäßig sehr geringe Zahl von akademischen Berufsstellungen in Frage kommen. Inwieweit aber nach Lage der Verhältnisse überhaupt eine Ausdehnung des Er­werbsgebiets des Weibes möglich ist, darüber läßt sich nur ein klares Bild verschaffen, wenn man diejenigen höheren Berufsarten, die schon heute dem weiblichen Geschlecht zu­gänglich sind, auf ihre Existenzbedingungen hin prüft. Hierfür hat I. Silbermann-Berlin imSozialpolitischen Centralblatt" ein reiches statistisches Material zusammen­gestellt, das wir zu den nachfolgenden Angaben benutzen.

Was zunächst die Berufsartcn amtlichen Charakters an- betrifft, so beginnen wir mit den Telegraphistinnen. Man hatte sich vor einer Reihe von Jahren viel von ihrer Einstellung versprochen. Heute giebt es nur noch rund 120 Telegraphistinnen in der deutschen Postverwalmng, und Neueinstellungen sind nicht beabsichtigt. Die Zahl der Fernsprechgehülfinnen, mit deren Annahme vor etwa 8 Jahren begonnen wurde, beträgt dagegen rund 1260, und die Erweiterung des Fernsprechnetzes wird auch eine vermehrte Einstellung von Telephonistinnen zur Folge haben. Der Beruf ist sehr anstrengend, das Tagegeld be­trägt durchschnittlich 3 Mk., und die Anstellung ist nur eine diätarische. Einen sicheren Lebensbcruf stellt diese Thätigkeit also nicht dar. Aehnlich ist es mit den Billet - expedientinnen bei den Eisenbahnverwaltungen, deren Zahl einige Hundert betrügt. Etwas besser steht es mit den Lehrerinnen, die sich in zwei Kategoricen scheiden: Lehrerinnen an Volksschulen und solche an höheren Mädchen­schulen, wozu noch Handarbeitslehrerinnen kommen. An den öffentlichen Volksschulen giebt es in Deutschland unter 120,032 vollbeschäftigten Lehrkräften 13,750 Lehrerinnen. Das Durchschnittseinkommen der Lehrerinnen beträgt für Preußen in Städten 1261 Mk., auf dem Lande 1020 Mk. einschließlich des Werthes der Wohnung und Feuerung. An den öffentlichen Mittel- und höheren Mädchenschulen sind in Preußen 1314 vollbeschäftigte Lehrerinnen und 93 nicht voll- beschäftigte Hülsslehrerinnen angestellt. An Privatschulen Werrlchten: an Mittelschulen: 426 vollbeschäftigte und 50 >n'cht vollbeschäftigte Lehrerinnen, an höheren Mädchen­schulen: 2733 vollbeschäftigte und 499 nicht vollbeschäftigte Lehrerinnen. Man sieht also, daß sich das Verhältniß an den Privatschulen für Lehrerinnen günstiger stellt als an den öffentlichen Schulen. Das Einkommen der Lehrerinnen an höheren und Mittel-Mädchenschulen übersteigt nicht wesent­lich das der preußischen Volksschullehrerinnen. Die Privat­anstalten, deren es ja weit mehr als öffentliche Schulen Siebt, zahlen in der Regel geringere Honorare, die in den Srößeren Städten für vollbeschäftigte Lehrkräfte zwischen 75 Und 150 Mk. schwanken, während an öffentlichen Schulen ein Mindestgehalt von 100Mk. monatlich die Regel zu sein scheint; *in Gehalt von 200Mk. monatlich ist sehr selten, und ein höheres «ehalt dürfte wohl kaum vorkommen. Trotz dieser verhältniß- asäßig ungünstigen Situation ist der Beruf überfüllt, und nur ^ne geringe Anzahl findet Beschäftigung an Schulen. Die Lehrerinnen, die nicht placirt werden können, sind gezwungen,

sich durch Ertheilung von Privatstunden zu ernähren oder ihr Heil als Erzieherinnen zu suchen. Daß die Er­zieherinnen nicht gut gestellt sind, ist bekannt; die vorzüg­lichsten Stellungen sind mit höchstens 50 Mk. monatlich, neben freier Station, dotirt, meistentheils ist aber das Ge­halt geringer und geht bis auf 20 Mk. herab. Da auch das Ausland von Erzieherinnen überschwemmt ist, sind die Aussichten dort gleichfalls nicht glänzend. Bezüglich der Handfertigkeitslehrerinnen sind die statistischen Nach­weise sehr lückenhaft. Es wird meistens von der Hand- arbeits- und Zeichenlehrerin verlangt, daß sie das Lehrerin- examcn bereits bestanden hat. Das Durchschnittseinkommen dürfte wesentlich geringer als das der wissenschaftlichen Lehrerinnen sein. Ueberfüllt ist dieser Beruf aber noch nicht, da man erst in neuester Zeit angefangen hat, diesem Unter­richtszweige besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nicht erfreulicher sind die Verhältnisse derjenigen Mädchen, die sich die Erziehung der vorschulpflichtigen Kinder zus Aufgabe gesetzt haben, der Kindergärtnerinnen. Man unter­scheidet Kindergärtnerinnen ersten und zweiten Grades; jene sind pädagogisch vorgebildet und müssen höhere Schulbildung besitzen, diese sind nur bessere Kindermädchen mir Elementar­schulbildung, denen einige Kenntnisse der Fröbelschcn Er­ziehungsmethode beigebracht werden. Die Bezahlung der in den Kindergärten, Krippen rc. beschäftigtenKindergürtnerinnen ist eine sehr geringe, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß die Beschäftigungszeit in der Regel nur einen halben Tag dauert. In den Bewahranstaltcn Schleswig-Holsteins erhalten die Leiterinnen zwischen 250560 Mk. jährlich bei freier Beköstigung und Wohnung, die Gehülfinncn 120 bis 330 Mk., in Magdeburg geht das Einkommen bis 600 Mk., in einzelnen Kindergärten Thüringens sogar, bis 910 Mk. Das sind aber auch die besten Einkommen. Dagegen fristen die Lesterinnen der Privatkindcrgärten oft ein sehr klägliches Dasein, und sie find gezwungen, den etwaigen freien Nachmittag zu anderweitigem Erwerb zu benutzen. Viele Kindergärtnerinnen nehmen auch wegen Ueberfüllung des Berufs Stellungen in Familien an, wo sie nicht besser als die Dienstboten bezahlt und trotz ihrer höheren Bildung unter das Gesinde gerechnet werden. Am schnellsten und festesten hat sich die Frauen­arbeit in kaufmännischen Geschäften eingebürgert. Die weiblichen Handlungsgchülfen nahmen von 1875 bis 1882 um 46 pCt., die männlichen nm 44 pCt. zu. Für 1892 wird die Zahl der gesummten Handlungsgchülfen auf 420470,000 geschätzt, darunter 62 67,000 weibliche. Bemcrkenswerth ist die Thatsache, daß die kaufmännische Frauenarbeit nicht bloß in alle Geschäftszweige für den Verkauf, sondern auch in die Comptoirs, ja sogar in Bank­geschäfte eingedrungen ist. Den wesentlichsten Grund hat die zunehmende Verwerthung weiblicher Arbeitskräfte in den geringeren Gehaltsansprüchen der Mädchen, welche ihre kauf­männische Erwerbsthätigkeit in überwiegendem Maße als ein Uebergangsstadium bis zur Verheirathung betrachten; viele sehen die Einnahmen auch nur als Zuschuß zu ihren Unterhaltungskosten im elterlichen Hause an. Das durch- schnittlicheMonatsgehalt beträgt: für Buchhalterinnen 57 Mk., für Direktricen und Zuschneiderinnen 7281 Mk., für Verkäuferinnen 5458 Mk., für Expedientinnen 4851 Mk. Vielfach reicht das Gehalt weit unter das Existenzminimum hinab. Je mehr die Heirathsgelegenheit sich mindert, desto drückender werden diese Verhältnisse. Sehr fühlbar macht sich die Konkurrenz der kanstnännischen Frauenarbeit für die männlichen Handlnngsgehülfen, und es ist daher im kaufmännischen Gewerbe ein großer Ueberfluß wie an weib­lichen so auch an männlichen Arbeitskräften. Ein that- sächlicher Mangel an weiblichen Kräften ist nur in einem einzigen Berufe vorhanden, in dem der Kranken­pflegerinnen. Die Bezahlung dieser Thätigkeit ist als eine schleckte nicht zu bezeichnen, aber zu einer tüchtigen Krankenpflegerin gehören eine solche Menge hervorragender körperlicher und seelischer Eigenschaften, daß der Angebots­mangel in diesem Berufe begreiflich erscheint.

Aus dem Mitgetheilten ist ersichtlich, daß es schwierig sein wird, für den Mittelstand das Gebiet der weiblichen Erwerbsthätigkeit in den ihr schon heute zugänglichen Be­rufen zu erweitern, und noch größeren Schwierigkeiten dürfte der Versuch begegnen, ihm neue Berufe zu eröffnen. Wenn man der Frau das Anrecht auf selbständigen Erwerb zu­erkennt und das wird heute kaum noch bestritten werden können, so wird es daher vor Allem darauf ankommen, für sie innerhalb ihrer bisherigen Erwerbsthätigkeit die Be­dingungen zu einer selbständigen Existenz zu schaffen. Zwar liegt die Gefahr nahe, daß die Zustände in den höheren Berufen sich einmal so gestalten wie im Handarbeiterberuf, wo die Konkurrenz der Frau auf das Einkommen des Mannes drückt; aber diese Gefahr ist weit weniger zu be­sorgen, wenn die Frau für gleiche Leistungen dieselbe Be­zahlung wie der Mann erhält.

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Kolttische Tages-Rundschau.

Ein besonderer Zug der gegenwärtigen preußischen Wahlbewegung ist u. A. auch die Gährung in der konservativen Wählerschaft, und zwar gerade in den eigentlichen Kern- und Stammlanden dieser Partei, in Pommern, Brandenburg, Schlesien. Wir meinen nicht die Erfolge der antisemitischen Agitation, auf welche schott öfters hingewiesen worden ist, sondern die mit Kraft sich geltend machenden Ansprüche des mittleren und kleinen konser­vativen Bauernstandes auf eine angemessene Betheiligung an der parlamentarischen Vertretung. Bisher verstand es sich von selbst, daß allein Großgrundbesitzer oder Landrüthe und andere Beamte die Vertretung des konservativen Bauernstandes besaßen. Jetzt regen sich mehr und mehr Zweifel, ob ausschließlich diese Elemente die richtige Ver­tretung der gesammten landwirthschaftlichen Interessen dar- stcllen. In einer ganzen Anzahl von Wahlkreisen sind bereits konservative Bauernkandidaturen aufgestellt, und es bleibt abzuwarten, welchen Erfolg sie haben werden. In dem pommerschen Wahlkreise des Kreuzzeitungsredakteurs v. Hammerstein regt sich ein starker kleinbäuerlicher Wider­stand gegen seine Wiederwahl. Die Ueberspannung der agrarischen Agitation führt allmählich auch hier, ganz wie das Großziehen der antisemitischen Bewegung, zu einer gegen die hochkonservative Partei in ihrem bisherigen Charakter gerichteten Spitze. Aehnliche Strömungen sind im Handwerkerstand vorhanden. Auch hier verlangt der Mittelstand nach eigenen Vertretern.

Der bayrische Finanz-Ausschuß hat am Montag seine Sitzungen begonnen und ist sofort in etne General­debatte über die bayrische Finanzlage eiugetreten bei der Berathung über den Etat des Ministeriums des Aeußern. Die Debatte war wichtig und interessant. Sieht man von den Bemerkungen des Herrn Datier über Annahme der Militärvorlage und russischen Handelsvertrag ab, so bleibt, wie dieMünch. N. N." bemerken, allerdings eine sehr wichtige Frage für Bayern übrig: Was wird geschehen, wenn die jetzt in Aussicht genommenen neuen Reichssteuern im Reichstag keine Mehrheit finden? Es bleibt dann nur übrig, für die Deckung der neuen Miiitürlastcn auf die Matrikularumlagen zurückzugreifen. Und die Möglichkeit eines solchen Aus­ganges ist unzweifelhaft vorhanden; denn wenn auch die oder eine neue Börscnsteuer zweifellos große Aussichten auf Annahme hat die Wein- und Tabakssteuern werden von so vielen Seiten energisch bekämpft, daß ihre Annahme mindestens sehr zweifelhaft ist. Gerade die letztere Steuer soll aber das Hauptkontingent für die Vermehrung der eigenen Einnahmen des Reiches und für die Regelung des Verhältnisses zwischen den Etats der Einzelstaaten und des Reiches liefern. Fällt sie, so ist mit Sicherheit auf eine Heranziehung der Einzelstaaten mit Matrikularbeiträgen zu rechne». Wie werden sich dann die bayrischen Finanzen ge­stalten? Man sieht, die Frage der neuen Reichssteuern greift tief auch in die Finanzgestaltung Bayerns ein, ja sie verursacht selbst für die Berathung des Etats erhebliche Schwierigkeiten. Mit Recht haben deshalb verschiedene Redner, vor Allen Herr v. Stauffcnberg, Aufschluß von der Regierung darüber verlangt, wie sie sich die Regelung des Budgets unter diesen Umständen denkt. Die Antwork der Regierung steht noch aus. Mag sie aber ausfallen, wie sie will, das Eine scheint ziemlich gewiß: die Unsicherheit der Lage wird ein förmliches Wettrennen nach Sparsamkeit zu Tage fördern, und das erwähnte Blatt fürchtet bei der Zusammen­setzung der Kammer, daß dies« Sparsamkeit vielfach am unrechten Platze zu Tage treten wird.

Die Lage in Oesterreich bezüglich der inneren Politik ist aufs Allerhöchste gespannt. Die Entscheidung wird jeden Augenblick erwartet. Allgemein geht die Ansicht dahin, daß die Regierung bezüglich ihrer Anträge die Majorität gegen sich habe und daß noch im Laufe dieser Woche die Auflösung des Reichsrathes erfolge.