Abend - Ausgabe
Wiesbadener TaMt
41. Jahrgang.
Verlag: Langgafse 27.
Abonnenten.
P». 496.
Montag, den 23. Oktodee
1893
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: 5» Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begrünen werden.
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Elternabende für die Dollrserziehnng.
Volksfrcunde erkennen immer mehr, daß die Erlösung des Menschengeschlechts aus sozialer Angst und Noth ein pädagogisches Problem in sich schließt und daß neben der Linderung materieller Noth die Beseitigung eines geistigen Nolhstandes zu erstreben ist. Die verschiedensten gemeinnützigen Vereine suchen darum in der Erkenntniß, daß mit der wahren Bildung die Befähigung zum Glücke wächst, . durch Volksunterhaltungsabende und ähnliche Veranstaltungen der verschiedensten Art die „Masse der Bildungshungrigen" nach Kräften zufrieden zu stellen, den „Riß zwischen Gebildeten und Ungebildeten" zu überbrücken und Volksveredlung zu erstreben, indem sie das Volk zur Würdigung der Lebensverhältnisse und zur Schätzung der Güler nach ihrem wahren Werthe anleiten. Besonders segensreich in diesem idealen Bestreben vermögen die sogenannten Elternabende zu wirken, welche schon in veschiedenen Orten Deutschlands mit vielem Erfolg eingeführt sind und ihren hauptsächlichsten litterarischen Vertreter in dem Schuldirektor Julius Tischendorf in Dohna bei Dresden („Die Elternabende und ihre Stellung zum Volksschulziel", Dohna 1891, Otto Naumann, Preis 40 Pf.) gefunden haben.
Die Elternabende vereinigen zu geeigneten Zeiten die Eltern der Kinder, die Freunde und Förderer einer ganzen Schule oder nur die Eltern (besonders die Mütter) der Schüler einer Schulklasse zur Pflege Vertrauen erweckender, an den Vortrag eines Lehrers, Arztes oder Geistlichen sich ? anschließender Berathungen, sowie zur gegenseitigen Unterstützung und zum „Hand in Hand Gehen" bei- der schweren Arbeit der Jugenderziehung. Die Elternabende wenden sich also an die Familie, an die Urzelle aller sozialen Gebilde, an die rechte Stelle, von welcher aus alle wahre Reform der Lebenskreise beginnen muß; sie wenden sich vor Allem an die Mütter als an die wahren Stützen der Gesellschaft und wollen, um mit Kant zu reden, am „größten und schwersten Problem, was dem Menschen aufgegeben werden kann", an der Erziehung, mitarbeiten, indem sie besonders die rechte Beziehung, die stützende und nützende Uebereinstimmung zwischen Haus- und Schulerziehung herzustellen suchen.
Das Haus ist bekanntlich die natürlichste und wichtigste Erziehungsstäite, welche durch die Macht der ersten Eindrücke den Grund im Geistesleben des Kindes legt. Die Schule bildet nur Ergänzung zur Familienerziehung. Sobald das Kind die Schule besucht, gehört es zwei Erziehungsstätten und zwei Erziehungsgewalten an. Die Erziehung selbst ist eine getheilte. Einheitlichkeit der Erziehung ist aber unerläßliche Bedingung zur Bildung religiös-sittlicher Charaktere. Am allerwenigsten nützt die Bildungsarbeit der Volksschule, wenn nicht die häusliche Erziehung mit ihr Hand in Hand geht.
Leider klagt aber der Lehrer gerade in unserer Zeit, welche die Heilung fast aller Schäden, ja oft Unmögliches von der Schule verlangt, so vielfach, daß letztere zu wenig oder in verkehrter Weise vom Hause unterstützt wird. Diese Klage ist zugleich eine Anklage. Denn wie wenig wird zur Hebung und zur Förderung eines rechten Erziehungsgeistes m der Familie gethan I Woher soll Verständniß so manches Vaters, so mancher Mutter für das schwere Werk der Jugend- erziehuug kommen, Verständniß für den wichtigsten und ge- I helumißvollsten aller Vorgänge, den Werdeprozeß eines 6 Menschen! — Bildungsfeinde, denen besonders die Volks- schule als Kulturanstalt der großen Masse ein Dorn im Auge ist, suchen dazu den Lebensnerv der Schule, das zwischen Lchule und dem Hause herrschende Vertrauen, ge- fliffentlich dadurch zu stören, daß sie die Volksschule und . Me Arbeit in den Augen des Volkes heruntersetzen. Viele Familien unserer Großstädte, in denen- leider die Mutter beim besten Willen nicht ihren Kindern leben kann, vielmehr >n der Fabrik statt am häuslichen Herde ist, viele Familien, w denen der Geist der Leichtlebigkeit gesundes Familien- n' gute Familiensitten vernichtet hat, besitzen gar keine zdee mehr von ihren angeborenen Elternpflichten, haben die Mrichte Vorstellung, als übernehme die Schule die gesammte Erziehung. „Ts ist dies ein tiefbeklagenswerther Umstand, ?ö er die Familienerziehung gewissermaßen bankrott erklärt, «amit aber zugleich dem Familienleben und der Ehe den bedeutsamen sittlichen Hintergrund raubt!"
I Aber ohne Einsicht keine Aussicht! — Die wohlmeinende «ttmme der Elternzeitungen, wie die der „Cornelia", dringt - «tber nicht in die breite Masse des Volkes. Hausaufgaben «er, die den Eltern Einblicke in das Wirken der Schule 8t‘tatt<n, verursachen oft Klagen wegen Ueberbürdung, «rnn die Eltern den Fleiß der Kinder nicht nach der wittnfität der Arbeit, sondern nach der gebrauchten Zeit TsMessen. Zensuren und Schulprüfungen wiederum geben fach nur Zerrbilder vom Kinde und von der Arbeit der »Ue. Mittel dieser Art verhelfen somit nicht zur rechten rheit und Harmonie.
Am besten dürften neben mündlichen Berichten, neben persönlichen Besuchen, die dort, wo es angeht, der Lehrer dem Elternhanse seiner Zöglinge abstattet, die Elternabende gleichsam als Konferenzen zwischen der Schule und dem Hause zur gewünschten Einsicht verhelfen und die „Wässerlein der Einsicht zu einem Strome zusammenleiten". Die Elternabende könnten dem Hause schonend nahe legen, daß die Schule nimmermehr Erbin des Hauses, sondern nur Freundin, Berathcrin, Mitarbeiterin sein kann; daß somit für Mißerfolge in der Erziehung in weit höherem Maße das Haus als die Schule verantwortlich zu machen ist. Vielleicht bringen so die Elternabende manche Familie auf einen höheren sittlichen Standpunkt und bahnen Gesundung des gefährdeten, kranken Familienlebens an.
Im Mittelpunkte des Interesses der Elternabende steht als höchstes Werthobjckt das Wohlbefinden des Kindes, die „lebendige Zukunft des Staates". Das Kind gelangt unter schärfere Kontrolle, es erfährt mehr Schonung und Nachsicht, wenn der Schule in den Elternabenden bekannt wird, daß es mit einem körperlichen Gebrechen, welches Störungen int geistigen und moralischen Leben zur Folge hat, behaftet ist, an Blutarmuth, hochgradiger Nervosität leidet; daß der Vater ein roher Trinker, die Mutter eine stille Dulderin ist, daß der kindliche Frohsinn unter den Trümmern des Familientempels begraben wurde. — Auf diese Weise werden die Elternabende zu einem trefflichen Mittel im Kampfe gegen die betrübendste Erscheinung unserer Tage, die Schülerselbstmorde. Ein Wort zur rechten Zeit vermag da manches Mißverhältniß zu lösen.
Das Haus wiederum erhält Gelegenheit, Wünsche und Bedenken anzttbringen. Ost ist es falsch über die Anlagen des Kindes unterrichtet, verwechselt z. B. leicht körperliche Unruhe mit geistigem Leben. Mancher Jrrthum kann be- richtigt, mancher Aufschluß über Wahl geeigneten. Umgangs, passender Lektüre und des Berufs erthcilt werden.
Vertrauen erweckende Berathungen bewirken, daß der Lehrer der Stadt den Eltern nicht mehr ein Fremder bleibt, dessen Namen ihnen kaum bekannt ist, dem sie daher keine Rücksichtnahme zu schulden glauben. Mit vielen Bestimmungen der Schulordnung, der Gesundheitspflege wendet sich der Lehrer alsdann erfolgreicher an die Eltern. Bei Verhängung von Strafen kann ferner die elterliche Autorität mit herangezogen werden.
Kenntniß der Eltern ermöglicht sodann Schlüsse der Analogie auf das Kind. Es giebt ja Familiencharaktere, Familientemperamente! — Und gerade unsere Zeit verlangt Ausprägung des Einzelcharakters, will keine unselbständigen Schabloncnmcnschen, fordert darum volle Berücksichtigung der Individualität. Die meisten Klagen der Eltern gipfeln aber darin, daß die Massenerziehung der Schule im Gegensätze zur Einzelerziehung zu viel über einen Kamm schert. Da die Eltern oft tiefe Blicke in das Gemüthsleben des Kindes thun können, ließe sich mancher Gegensatz durch ehrliches Anssprechen der klaren Wahrheit mildern oder beseitigen und mancher Konflikt beilegen, der leicht dadurch entsteht, daß der Schüler noch unreif ist und durch die Unreife der Anschauung seine Berichte über die Schule ungünstig beeinflußt. — Die Volksschule muß das Vertrauen Aller besitzen, braucht Frieden!
Die Stellung des Lehrers in der Gemeinde wird durch die Elternabende eine gesegnetere. Mancher, der die Schule nur von außen kennt, infolge dessen Lehrerarbeit als Drill und Abrichten gering schätzt, müßte eine Ahnung von der Hoheit des Unterrichts erhalten, wenn er sieht, wie ein auf psychologischem Beobachten sich aufbauendcs Jndividualisiren im geistigen Nährprozeß tobten Stoff in lebendige Kraft umbildet, und eine Erkenntniß zu größerer Klarheit erhebt. — Gerade die Gegenwart verlangt vom Lehrer, daß er eine Thäligkeit nicht bloß auf das enge Schulzimmer be- chränkt, sondern als Volkserzieher und echter Jünger Pestalozzis ein Herz für das Volk hat, ernstlich und redlich mit Hand anlegt zur Lösung der Aufgaben seiner Zeit, mitarbeitet in Volksbildungsvereincn. Die Elternabende ind eine treffliche Stätte für diese Mitarbeit. Hier gilt es, auf eignem Gebiete zu bleiben, die Pädagogik nach allen Kräften auszubauen.
Unsere Volksschule endlich wird durch die Elternabende immer mehr zu dem, was sie in unserer, über Verwilderung der Jugend klagenden Zeit sein soll, eine Erziehungsanstalt. Das Interesse, welches die Eltern beim ersten Schulgangc hres Kindes für die Schule bekunden, bald aber erlahmen lassen, bleibt dann wach und wächst. Ein familiärer Ausbau deS Schullebcns findet statt als bestes Gegengewicht gegen starre Schulbüreaukratie, welche in dem Lehrer mehr eine Art „Bildungspolizei" erblickt. Unsere großen Bildungkörper erhalten mehr „pädagogische Seele". — Die deutsche Volksschule aber, die heute neben der Goldtochter „Armee" das bescheidene Aschenbrödel spielt, dürfte bald das „Kleinod" des deutschen Volkes werden, wenn die Eltern
abende mit zu der Erkenntniß geführt haben, daß nur „der" Staat am reichsten ist, dessen Jugend am sorgfältigsten erzogen wird.
Diese kurze Betrachtung zeigt, mit welcher Fülle von Gewinn die Elternabende in unserer ernsten Zeit zu wirken vermögen. Möchten sich doch allerorts zahlreiche selbstlose Volksfreunde finden, die frisch und freudig, mit warmem Herzen an schlichte, einfache Veranstaltungen von Elternabenden gehen! — om.
Politische Tages-Dmrdschau.
— Die in der nächsten Woche in Berlin erneuten Konferenzen der Finanzminister der bedeutendsten Bundesstaaten werden hauptsächlich der Beseitigung der noch schwebenden Meinungsverschiedenheiten in der Weinsteuer- frage gewidmet sein. Gelingt die Verständigung, so ivird alsbald die Zustimmung des Bundesraths eingeholt werden. Man glaubt immer noch, dem Reichstag das ganze Steuer- bündel bei Beginn der Session vorlegen zu können. Auch die Handelsverträge mit Spanien, Rumänien und Serbien sollen unverzüglich im Reichstag eingebracht werden.
— Die im Großherzogthum Baden sich vollziehenden Erneuerungswahlen zur zweiten Kammer, zu welchen am 19. Oktober die Wahlmännerwahlen stattgefunden haben, beanspruchen ein weit über das Bereich dieses einzelnen Landes hinausgehendes Interesse. Baden hat ja von jeher in der nationalen Politik eine besonders hervorragende Stellung eingenommen, und der große, die gesammte innere Lage in Deutschland beherrschende Gegensatz zwischen liberalen und ultramontanen Anschauungen kommt nirgends schärfer und entschiedener zum Ausdruck als in Baden. Die badische zweite Kammer bestand bisher aus 32 Nationalliberalcn, 21 Ultramontanen, 6 Freisinn-Demokraten, 2 Sozialdemokraten und 2 Konservativen. Die Nationalliberalen hatten also unter den 63 Mitgliedern die Mehrheit, aber die denkbar geringste. Das hat sich nun geändert. Die Nationalliberalen verloren definitiv zwei Sitze, wodurch die nationalliberale Mehrheit im badischen Landtag gebrochen und das Ziel erreicht ist, das die gesammte Opposition Badens seit Jahren erstrebt. Es ist zwar nicht gelungen, dem gemäßigten Liberalismus die vernichtende Niederlage zuzufügen, auf welche die gesammte Opposition gerechnet; die nationalliberale Partei bleibt auch jetzt noch die stärkste in der Kammer. Aber die beherrschende Stellung, welche die Partei bisher einnahm, ist dahin. Der Umstand, daß außer den Nationalliberalen die Freisinnigen allein eine Einbuße erlitten haben, der kein Gewinn gegenübersteht, sollte den liberalen Parteien die Lehre geben, hier fest gegen die Reaktion zusammen zu gehen.
Deutsches Keich.
* Hof- und Perfonal-Nnchrichtr». Dem „Hamburger Korresp." zufolge wird Fürst Bismarck nicht in nächster Zeit nach Varzin übersiedeln; er fühlt sich in Friedrichsruh sehr behaglich Die Fürstin ist Samstag Abend 10 Uhr aus Schönhausen zurückgekehrt.— Bircho w hat sich der Feier seines goldenen Doktor- ubiläums durch eine Reise mit der Familie nach Dresden entzogen. Trotzdem laufen in seiner Wohnung zahlreiche Adreffcn, Blumen- ipeuden und Telegramme ein.
* Kerlin, 23. Okt. Nach einem amtlichen Bericht ist bei der MolkercibesitzersfrauDürrkopf aus dem Berliner Vorort Rixdo rf Cholera asiatica fcstgestellt. — Eine am Freitag stattgehabte Volksversammlung, in der die Vegetarier die Gründung einer neuen naturgemäßen sozialen Partei beabsichtigten, ist ergebnislos verlaufen, da die Sozialdemokraten dagegen protestirten. Desgleichen verlies die Versammluim der freien vegetarischen Bereinigung tiirniifd). — Für die Berliner Landtagswahlen ist jetzt das Kompromiß zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen zu Staude gekommen, und die gemeinsamen Kandidaten sind benannt. Es befinden sich keine konservativen Männer von Bedeutung darunter, nur bekannte Antisemiten und Zünftler. — Eine Preßbeleidigungsklage wegen Beleidigung des ehemaligen Gouverneurs von Deutsch-Ostasrika, Freiherrn v. Soden, wurde am Sonnabend vor dem Berliner Landgericht I gegen den Chefredakteur der „Voss. Ztg.', Stephauy, verhandelt. Die Grundlage bildeten abfällige Besprechungen der „Vofl. Ztg." über den bevorstehenden Rücktritt des Gouverneurs. Der Vertheidiger trat für Freisprechung ein, auf welche auch der Gerichtshof erkannte da der Angeklagte In der guten Absicht gehandelt habe, die Interessen der Kolonialverwaltung wahrzunehmen, und über die Schutzgrenzen des § 193 nicht hiuaus- gegangen sei.
* Jubiläum des Königs von Sachfen. Gestern Vormittag fand-anläßlich des 50-jährigen Militär-Jubiläums de« Königs von Dachsen für die Truppen evangelischer und katholischer Konfession getrennt Feldgottesdienst statt. Dem evangelischen wohnten der Großherzog und der Erbgroßherzog von Weimar, die Generalität, zahlreiche fremde Offiziere und 2000 Mitglieder der Militär- Vereine bei, dem katholischen die Prinzen des königlichen HaufeS. Nach Beendigung des Gottesdienstes hielt Prinz Georg eine An- prache an die Truppen, worin er die Verdienste des Königs hervorhob. Prinz Georg erinnerte in seiuerAusprache an die hervorragende Theilnahme des Königs Albert au den Kämpfen bei den Düppeler Schanzen im Jahre 1849, an dem verhängnisvollen Kriege von 1866 und an dem ruhmreichen Kriege gegen Frankreich, besonder» in den Schlachten bei St. Privat, Beaumont und Sedau sowie an den Kämpfen vor und um Paris. Die Armee könne den Tag nicht
