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$rtte 16. Mresvasener- Tagvlatt (Marge,l-A«sgave). Demag: Kaaggane rr?. «». 495.

Pechfackeln ein militärischer Zug und näherte sich dem Boulevard, um ihn zu durchschneiden und jenseit desselben den Weg weiter fortzusetzen. Es bedurfte kaum der Spannung, Erregung und Leidenschaft des Pöbels riugs um mich her, um mir klar zu machen, daß es meine gefangenen Landsleute seien, die ich dort vor mir sah. Meine Augen vermochten die Dunkelheit nur mangelhaft zu durchdringen, aber ich fühlte fast ihre Nähe! Jeder Nerv meines Körpers war gespannt, mein Herz schlug hörbar. Wie segnete ich in diesem Augenblicke die rasch hereingebrochene Dunkelheit des kurzen Novembertages, welche die Aermsten den neugierigen, höh­nischen und unverschämten Blicken der Pariser Bevölkerung ent­zog. Gelang es mir doch selbst nicht, von meinen Landsleuten mehr zu erkennen, als wenige Dutzend flüchtig dahinschwebender Schatten.

Der Zug war stark von Gendarmerie eskortirt, und ich hörte und schloß aus den Reden des umstehenden Pariser Volkes, daß es preußische Gefangene seien, welche General Ducrot bei seinem Ausfälle auf dem Plateau von Villiers gemacht.

Da, mit einem Mal vermehrte sich unvorhergesehen das Menschengewühl in solcher Weise, daß es selbst die Gefangenen zum Stillstehen zwang. Denn aus dem jenseits des Boulevards liegenden Theile der Straße, dem Gefangenenzug entgegen, be­wegten sich kurz und dicht hintereinander mehrere Lcichenzüge. Die Dunkelheit ließ ihre Anzahl nicht vollständig erkennen, aber es mochten ihrer wohl ein halbes Dutzend sein. Wie jetzt fast immer, so wählte man auch heute die günstige Zeit der Abenddämmerung, um die Entschlafenen, wenn auch nicht ungesehen, doch still und unbeobachtet den Friedhof erreichen zu lassen. Denn schon be­ginnt die Sterblichkeit in Paris unheimlich zu werden. Unddie Todten reiten schnell" augenblicklich, schneller als die Lebenden! Denn die Leichenpferde find in Folge ihrer traurigen Unentbehr­lichkeit vielleicht die wohlgenährtesten Vierfüßler in Paris geblieben und pflegen besser auszuschreiten als die halbverhungerten Fiaker­pferde. Und auch die Menschen haben sich allmählich gewöhnt, dem Grabe seinen Tribut ohne Zaudern zu geben im Leid des Augenblicks erscheint es überhaupt doppelt als Stätte des Friedens.

Dennoch ließ der Menschenstrom jetzt den Lcichenkondukt nur langsam vorwärts schreiten. Nur schrittweise konnte er sich vor­wärts bewegen, nachdem er den begegnenden Gefangcnenzug dicht auf die diesseitige Seite hinübergedrängt. War's ein Traum? Ich befand mich plötzlich und unvorhergesehen in seiner unmittel­barsten Nähe. Da kaum zwei Schritte entfernt, stand ein Theil meiner Landsleute, die ersten, denen ich seit Monden nahe gewesen. Wieder schlug ihnen mein Herz fast hörbar entgegen! Es war mir zu Sinn, als ob ich die beiden Hände ausstrecken und ihnen entgegeneilen sollte. Nur die Dunkelheit betrübte mich jetzt, da sie den langentbehrten Anblick nur halb gestattete. Wie durch einen dichten schwarzen Schleier starrten meine Augen zu meinen Landsleuten hinüber, obgleich deren in fast greifbarer Nähe standen. Immer von Neuem suchten meine Augen die Dämmerung zu durchdringen, und wirklich war's Wahrheit oder Täuschung ich erkannte jetzt plötzlich im glänzenden Streif­licht der einzigen Pechfackel, die sich in unmittelbarer Nähe befand, auf den Schultertheilen eines nach seinen Bewegungen jugend­lichen Gefangenen zwei verschlungene Buchstaben als Regiments­abzeichen. Und als der Fackelschein windgetrieben zum zweiten Mal die Gestalt des armen Bürschchens streifte, da hatte ich auch den Träger des Abzeichens als einen Freund und ehemaligen Spielgenossen meines theuren Bruders erkannt!

Karl Seidenstücker war der Sohn eines wohlhabenden Land« wirths in Thüringen. Sein Vater war der Nachbar des meinigen gewesen, denn das Landgut desselben lag in unmittelbarer Nähe des Städtchens, in dem mein Vater als pensionirter Offizier lebte. Er war ein wenig jünger als Erich und ein guter, lustiger Junge, der bei seinen Besuchen während der Ferienzeit zum Schrecken Mamas in Haus und Hof Alles auf den Kopf zu stellen pflegte. Nebenbei war er ehemals mein heimlicher, aber glühender An- tbeter gewesen und hatte sich als solcher im Minne- und Ritter­dienst von heute nicht ohne Erfolg versucht. Er hatte mich als kühner Rosselenker in seines Papas leichtem Wägelchen oft spazieren gefahren und nur dreimal umgeworfen; hatte Dohlen und Krähen anstatt Feldhühner für mich geschosfen, und als ich einmal Mittags die Forellen mein Lieblingsgericht genannt, hatte er deren zum

Entsetzen unserer beiden Väter aus einer fremden Fischerei aus übertriebener Galanterie für michgemaust". Der unzertrennlichen, zärtlichen Freundschaft wegen, die ihn jahrelang mit meinem, ihm geistig weit vorausgeeilten Bruder verband, pflegten wir ihn den Pylades" unseresOrestes" zu nennen und uns trotz seiner tollen Streiche seines Besuches jederzeit herzlich zu freuen.

Und nun sah ich den guten Jungen hier wieder, und unter welchen Verhältnissen! Es bedurfte einiger Augenblicke, ehe ich an die Wirklichkeit glauben konnte, obgleich ich ihn jetzt abermals im Fackelschein dort deutlich und leibhaftig stehen sah.

Ich mußte mich ihm zu erkennen geben, um jeden Preis! Willenlos, unbewußt zog es mich zu ihm hin. Ich hörte auf zu denken, zu überlegen, denn durch ihn konnte ich Nachricht über Erich erhalten, konnte erfahren, ob er? Meine Gedanken ver­wirrten sich.

Und das Glück bot auch mir diesmal die Hand, wie fast jederzeit dem Muthigen! Die einzige in der Nähe befindliche Pech­fackel erlosch plötzlich in der Hand der französischen Eskorte. Ein neuer, die Straße entlang fegender Windstoß hatte sie verlöschen lassen. Es ward fast finster ringsum, nur die Sterne vom Himmel, die schmalen, zusammengewehten Schneestreifen auf den Dächern und schwach brennende Lampen in den Häusern sandten ein dürftiges Licht.

Ich trat zwei, drei Schritte vorwärts und stand an seiner Seite.

Orest und Pylades," sagte ich, leise aber accentuirt hinter seinem Rücken.

Wie elektrisirt fuhr mit einem Schlage der trotz der pein­lichen Situation so keck emporgerichtete jugendliche Kopf herum. Es war ein Glück, daß die Dunkelheit die auffallende Bewegung verhüllte.

Orest und Pylades," wiederholte ich noch einmal, flüsternd.

Er hatte die Stimme erkannt, es war kein Zweifel, nach vier langen Jahren. Wie segnete ich seine jugendliche Anbetung.

Ich bin es, Clara", sagte ich noch leiser,wenden Sie den Kopf nicht, so immer geradeaus gesehen ich stehe dicht hinter Ihnen. Was macht Erich?"

Erich? Wie ein Fisch im Wasser. Aber Clara, ist's mög­lich, sind Sie's wirklich, oder ist's ein Geist? Wie hat sich Erich um Sie gesorgt!"

Ich bin's leibhaftig; aber Erich? Reden Sie, was ist's mit ihm?"

Er hat glücklich die Epauletten erhalten, wo andere trotz ihrer Unverfrorenheit kaum den Degen erwischen konnten. Er ist ein Glückspilz."

Also ist er nicht bei Le Bourget verwundet?"

Erich? Kein Gedanke daran! 's ging hart Herdort; auch Ihr Vetter Kurt Bornstedt ist daselbst verwundet. Er ist stich- und kugelfest, keine blaue Bohne hat ihn noch getroffen!"

Barmherziger Gott! So war mein Vetter Kurt Bornstedt der Schwerverwundete gewesen, den Mr. Frederic ärztlich ge­pflegt? Ja, er war es und nicht Erich sicher! Ich selbst hatte, wie ich mich genau entsann, anfangs diese Vermulhung, ge­hegt, bis das unglückliche Tuch o, mein Gott, ich danke Dir!"

Trotz meiner Bitte, meines Befehls, hatte jetzt der jugend­liche Gefangene den Kopf seitwärts, ja rückwärts gewandt. Ab« ich sah zu meinem Tröste, daß es ohne Gefahr war, die Dunkel- hest deckte noch immer unser Zusammensein.

Zum Teufel, ich halt's nicht aus, Clara, gnädiges Fräu­lein, wollt' ich sagen, ich muß Sie ein wenig sehen und müßt' ich sterben! Doch ä propos, habt Ihr noch Futter hier in Paris? Pardon, ich wollte sagen: sind die Vorrälhe noch nicht zu Ende?"

Ich glaube nicht!"

Verdammte französische Wirthschaft!"

Ich mußte unwillkürlich lächeln.

Also werde ich vermuthlich hier aushalten müssen bis zu Kapitulation, denn heraus lassen mir sie nicht, die Halunken! Ach, warum habe ich nichts von den guten Dingen hier, du Mama wöchentlich mit der Feldpost zu schicken pflegte? Cervelat­wurst, die so gut, daß sie auch ohne Kommisbrot schmeckte,, Jagd­kümmel und Chokoladenpastillen. Ich glaube, selbst Liebes-CigarreN wären in diesem Jammer willkommen."

(Fortsetzung folgt.)