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Abend-Ausgabe.

fcbdiiriwr TMiltt.

41. Jahrgang.

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Verlag: Langgafse 27.

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N-. 480.

Freitag» den 13. Oktober

1893.

Kollrswirthschastttche Plaudereien.

ii.

Arbeit, Gütererzeugnng und Kapital.

In der Fülle, Komplicirtheit und Verbreitung der öko­nomischen Erscheinungen liegt die Schwierigkeit ihres Ver­ständnisses. Betreten wir eine grotze Fabrik, wo Hunderte oon fleißigen Händen beschäftigt sind, wo die Maschinen in taktmäßiger, sich bestäudig wiederholender Bewegung arbeiten, wo die mächtigen Triebräder schwirren und breite Treib­riemen den Saal nach allen Richtungen durchkreuzen, wo der rohe Stoff von Stufe zu Stufe zubereitet wird, bis er endlich als nützlicher Gegenstand oder als eleganter Luxus­artikel für beit Gebrauch fertig ist; in diesem Schwirren und Stampfen der Maschinen, in diesem geschäftigen Treiben emsig und systematisch arbeitender Menschen bewundern wir zwar staunend die Errungenschaften des modernen Unter« nehmungs- und Erfindungsgeistes, schrecken aber auch leicht vor der Aufgabe zurück, uns die Ursachen und Gesetze dieses wunderbaren Apparates, sowie dessen Zusammen­hang mit anderen Zweigen der menschlichen Thätigkeit klar zu machen. Je mehr wir inne werden, daß selbst diese großartige Fabrik mit ihren Hunderten und Tausenden von Arbeitern nur ein einziges kleines Glied in der Kette der menschlichen Gesammtthätigkeit bildet, desto schwieriger er­scheint die Aufgabe, die natürlichen Gesetze, nach welchen sich diese Gesammtthätigkeit von ihren ersten einfachen An­fängen an bis zu der heutigen Vollkommenheit entwickelt hat, und denen sie noch heute so. gut wie vor Jahrtausenden unterworfen ist, zu ergründen und verstehen zu lernen.

Wenden wir uns jedoch von den verwickelten ökonomischen Erscheinungen unserer gegenwärtigen Kultur zu den ein­fachen und ursprünglichen Zuständen einer wilden Völker­schaft zurück, so finden wir Jagd und Fischfang, vielleicht auch schon die Anfänge von Ackerbau und Viehzucht, als die hauptsächlichste Beschäftigung der Angehörigen des Stammes, welche ihnen einen meist kargen, jedenfalls immer unsicheren Lebensunterhalt gewährt. Es ist die Arbeit, in ihrer frühesten und rohesten Gestalt, die uns schon im Dämmerlicht des Urwaldlebens entgegentritt, der in Segen verwandelte göttliche Fluch, welcher die ersten Menschen aus dem Paradiese begleitete. —

Der Begriff Arbeit kann erklärt werden als die Ein­wirkung der menschlichen Energie auf Gegenstände der Natur.

Im Zustande der Wildheit, oder in den frühsten An­fängen der Kultur steht die Arbeit des Jägers und Fischers, die lediglich der Befriedigung der eigenen nothwendigsten Lebensbedürfnisse dient, kaum höher als die Thätigkeit des jagenden Löwen oder des im Hinterhalt des Dickichts auf Beute lauernden Tigers. Zwischen dem mit Keule und Steinmesser durch den Urwald streichenden, vor den Un­bilden der Witterung mit rauhem Thiersell nothdürftig ge­schützten Wilden, der das scheue Reh beschleicht und die er­legte Jagdbeute den hungrigen Seinen in die gemeinsame Höhlenwohnung zuträgt, und dem friedlicheren Nomaden, dessen ganzer Reichthum seine Heerde ist, besteht schon ein gewaltiger Unterschied. Aber erst mit dem Seßhaftwerden der einzelnen Stämme und den ersten Anfängen des Acker­baus kann von Arbeit und Gütererzeugung im volkswirih- schaftlichen Sinne die Rede sein, so einfach auch selbst dieser Zustand noch ist und so himmelweit verschieden von unserer heutigen induttrieellen Entwickelung.

Ich habe oben gesagt, der Begriff Arbeit könne desinirt werden als die Einwirkung der menschlichen Energie auf Gegenstände der Natur. Beide Faktoren, die Thätigkeit des Menschen sowohl wie die Beihülfe der Natur, bilden die hauptsächlichsten Erfordernisse aller Produktion. Ohne die Natur vermag der Mensch nichts, aber ohne menschliche Thätigkeit ist auch keine Gütererzeugung denkbar, mit Aus­nahme vielleicht von wilden Früchten, welche die Natur spontan hervorbringt, wiewohl auch diese, um nutzbar ge­macht zu werden, wenigstens die Arbeit des Einsammelns erheischen. Man kann daher sagen, daß zur Gütererzeugung die Arbeit des Menschen und die Arbeit der Natur in gleichem Maße unentbehrlich sei. Man hat darüber ge­stritten, ob der größere Antheil an der Gütererzeugung dem Menschen oder der Natur zufalle; man hat behauptet, bei einigen Dingen gebühre dem Menschen, bei andern der Natur das größere Verdienst.

Der Streit scheint sehr unwesentlich. Wenn zu einem gewissen Resultat zwei Faktoren gleichermaßen unentbehrlich sind, ist es müßig, zu untersuchen, welcher von beiden Fak­toren am meisten zu dem erzielten Resultate beigetragen habe. Man könnte mit dem nämlichen Rechte fragen: Wenn 3 mal 2 gleich 6 ist, welcher von den beiden Faktoren 3 und 2 war nothwendiger als der andere zur Bildung des Resultates 6 s

Es ist interessant, sich die Wechselwirkung zwischen der Thätigkeit des Menschen und den Kräften der Natur, deren Ergebniß die Gütererzengung ist, zu veranschaulichen. Der Holzhacker, welcher den Baum fällt, der Bauer, welcher mit dem Pfluge in seinen Acker Furchen zieht, der Steinmetz, welcher Quadern behaut, der Bauarbeiter, welcher sie zu einem Hause übereinanderschichlet, und so weiter durch die ganze Skala menschlicher Thätigkeit: Aller Arbeit besteht darin, den natürlichen Kräften der Materie eine bestimmte Richtung zu geben, den Rohstoff, welchen die Natur liefert, in eine andere, zu besonderen Zwecken geeignete Gestalt zu bringen. Die menschliche Arbeit erzeugt keine neuen Gegen­stände, sie bildet nur das bereits Vorhandene um und macht es neuen Zwecken dienstbar; sie schafft nicht Dinge, sondern W erthe.

Sobald die Gütererzeugung die Kinderschuhe ausgetreten, d. h. sobald sich mit den höheren Anforderungen einer wachsenden Kultur die allmähliche Differenziruug der mensch- lischen Thätigkeit eingestellt hat, macht sich alsbald die Noth- wendigkeit und zugleich das Uebergewicht eines dritten Faktors geltend, der bei dem heutigen Stand unserer in­dustriellen Entwickelung von der allergrößten Wichtigkeit ge­worden ist. Das Kapital beginnt die ihm nun znfallende Rolle zu spielen und übernimmt alsbald die Führerschaft in der industriellen Entwickelung der Menschheit.

Fortan sind zur Gütererzengung unerläßlich: Rohmaterial, Arbeit und Kapital.

Neber den Begriff Kapital sind die Ansichten vielfach noch ebenso unklar, wie über den Begriff „Wealth". Beide sind nahe Verwandte, aber sie sind nicht dasselbe; beide haben "Vieles gemeinsam, aber nicht Alles.

Was ist Kapital?

Denken wir uns eine in Abgeschiedenheit von der übrigen Welt, etwa im fernen Nordwesten der Ver­einigten Staaten, lebende kleine Gemeinde von Acker­bauern, Viehzüchtern und Handwerkern, welche jahraus, jahrein, wie man zu sagen pflegt, von der Hand in den Mund lebt. Was ihre Felder, ihr Viehstand jedes Jahr produziren, konsiimiren die Mitglieder der kleinen Gemeinde unter sich, und bis jetzt ist es ihnen nicht gelungen, aus dem Ertrag ihres Fleißes irgend etwas für die mageren Jahre aufzusparen, ober in der Verbesserung ihrer Pro- dtiktiousweise, in der Vergrößerung ihres Landbesitzes und Viehstandes auznlegen. Das gesammte Kapital, welches die Gemeinde besitzt, besteht aus ihren Ländereien, Häusern, Ställen und Scheunen, Geräthschafteu und Werkzeugen, ihrem Viehstand, genügenden, vom Ertrag der letzten Ernte erübrigten Lebensmitteln für den langen Winter und end­lich einem hinreichenden, gleichsfallS von der letzten Ernte erübrigten Vorrath an Sämereien, um ihre Felder für das kommende Jahr neu bestellen zu können. Einiges baare Geld kann in der Gemeinde ebenfalls vorhanden sein; wir brauchen dessen Existenz aber nicht zu berücksichtigen oder können, der Einfachheit wegen, annehmen, daß es nur dazu dient, den Verkehr innerhalb der Gemeinde zu vermitteln.

Aus den Zuständen, welche hier geschildert sind, ergiebt sich von selbst, daß das gesammte bewegliche, vorwiegend aus Mundvorrath und Sämereien bestehende Kapital unserer Gemeinde in jedem Jahre konsumirt, aber auch alljährlich wieder neu produzirt wird. Das ans Baulichkeiten, Vieh, Geräthschafteu u. s. w. bestehende festliegende Kapital wird gleichfalls, wenn auch langsamer, verbraucht, aber bei ge­ordneter Wirthschaft eben so schnell wieder erneuert, und die Nationalökonomie zieht aus diesen Vorgängen den Schluß, welchen die Erfahrung bestätigt, daß alles Kapital beständig zerstört und beständig wieder erneuert wird, ja, daß ohne diese Zerstörung überhaupt keine Gütererzengung möglich ist.

Ein besonders glückliches Jahr ist unserer Gemeinde bescheert worden. Der Viehstand hat sich ungewöhnlich ver­mehrt, der Erntesegen ist größer als je zuvor, alle Speicher und Scheunen sind znm Brechen mit Getreide, Obst und anderen Produkten des landivirthschaftlichen Fleißes gefüllt. Jeder Familenvater findet, daß er, nach reichlichem Abzug von Allem, dessen er zu seinem und der Seinen Lebens­bedarf, noch einen erklecklichen Ueberschuß besitzt, und um diesen nutzbar zu machen, beschließen die Gemeindemitglieder, ergiebige, auf ihrem eigenen Grund und Boden gelegene Lehmgruben anszubeuten und daselbst auf gemeinschaftliche Kosten eine Ziegelei zu errichten, für deren Erzeugnisse sich in der nächsten Stadt ein vorlheilhafteS Absatzgebiet vor­findet. Der Ueberschuß in den Scheunen wird zu guten Preise» an Händler verkauft, geschickte Atlfseher und Arbeiter werden verschrieben und bald ist das neue Unternehmen, an welchem jedes Gemeindemitglied nach Maßgabe seines Beitrages betheiligt ist, erfolgreich in Betrieb.

Hier sehen wir also mit einem Male eine neue Industrie entstehen» welche einer Anzahl Menschen lohnende Be­schäftigung bietet. Die Möglichkeit ihres Entstehens aber verdankte diese neue Industrie allein dem Umstande, daß

Kapital, d. h. ei» hinreichender Vorrath freien Besitzes, vorhanden war, um sie in's Leben zu rufen. Und dieses Kapital war nur deshalb zu produktiven Zwecken verwend­bar, weil die Besitzer desselben darauf verzichteten, es für sich selbst in erhöhtem Wohlleben zu konsumiren. Spar­samkeit, Verzicht auf beit unmittelbaren eigenen Genuß ist der Grund, die Quelle des Kapitals und zugleich dessen stärkster sittlicher Rechlstitel für seine gebietende Stellung im gesammten materiellen Leben der Völker.

Wollte man nun einwenden, das in der Ziegelei ange­legte Kapital unserer Gemeinde wäre, wenn in Wohlleben verpraßt, ebenso den Arbeitern, wenn auch anderen Arbeitern als den jetzt in der Ziegelei beschäftigten, zu Gute gekommen, so ist darauf mit dem von Mill am Schärfsten und Klarsten formulirten Satze zu antworten, daß die Nachfrage nach Luxusgegenständen keine Nachfrage nach Arbeit ist. (The demand for luxuriös is no demand kor labor.) Ich glaube nicht, daß irgend ein mit der Theorie der Volkswirthschaft Vertrauter es wagen wird, die Richtigkeit dieses scheinbar so paradoxen Satzes in Abrede zu stellen. Der Beweis dafür ist nicht schwer zu erbringen.

Wenn die Gemeinde, anstatt mit ihrem Ersparten eine Ziegelei in Betrieb zu setzen, welche jahraus, jahrein die gleiche Anzahl Arbeiter beschäftigte, Zinsen ans das angelegte Kapital und einen guten Unternehmergewinn außerdem ab­warf, vorgezoge» hätte, sich dafür schöne, aber überflüssige Feierkleider (ober beliebige andere Luxusgegenstände znm eigenen Verbrauche) anzuschaffen, so wären bie Ziegelbrenner, Aufseher ». s. w. ohne Arbeit — jebenfalls ohne biese Arbeit — geblieben. Dagegen hätten die Schueiber, Tuch­fabriken u. bergt, mehr Arbeit bekommen und, durch den plötzlichen größeren Bedarf veranlaßt, wahrscheinlich auch eine größere Anzahl von Gesellen angestellt, eine um eben­soviel größere Anzahl, wenn man will, als Ziegelbrenner, Aufseher u. s. w. nicht angestellt waren.

Bis hierher haben Diejenigen Recht, welche behaupten, es sei für die Interessen der sogenannten arbeitenden Klassen gleichgültig, ob die Nachfrage auf nützliche ober auf Luxns- gegenftnnbe gehe. Sobald aber bie Luxusgegenstänbe ein­mal verbraucht finb und nicht ein neuer unerwarteter Kapitalzuflnß von Außen es der Gemeinde ermöglicht, die­selben durch einen neuen Vorrath zu ersetzen, tritt Alles wieder in das alte Verhältniß, wie es vor jener günstigen Erute bestanden hatte, zurück: die neugeworbenen Gesellen der Tuchmacher, Schneider re. für bie es keine Feierkleider mehr anznfertigeu giebt, verlieren die Arbeit wieder, für welche nunmehr der Bedarf aufgehört hat; und bie Lehm­gruben liegen nach wie vor unbenützt brach; der Ueberschuß an Kapital, den bie Gemeinbe, Dank einer ungewöhnlich reichen Ernte, besessen hatte, ist ein- für allemal verbraucht, vom Erdboden verschwunden, so spurlos, als wenn er vom Feuer vertilgt worden wäre. Dieser Ueberschuß, produktiv angelegt, hätte eine bestimmte Anzahl Arbeiter bis ans Ende der Tage ernähren können; unproduktiv verbraucht, ernährt er bie gleiche Anzahl Arbeiter nur so lange, als bie Arbeit beS einmaligen Ersatzes bet verbrauchten Luxus­artikel dauert. Aus diesem Grunde unterliegt es nicht dem miitdesten Zweifel, daß Verschwendung und übermäßiger Luxus die Interessen der arbeitenden Klassen immer und überall schädigen, während Sparsamkeit des Einzelnen wie der Gesammtheit sie fördert. Der zu Anlage- d. h. zu Arbeitszwecken verfügbare freie Besitz, das Kapital einer Nation, ist keine unbegrenzte Summe, sondern eine, viel­leicht nicht ziffermäßig auszndrückende, aber doch ganz be­stimmte Größe, und was davon in bloßem Wcchlleben ver­praßt wird, ohne wieder erzeugt zu werden, geht für alle andern Zwecke unwiederbringlich verloren.

Gustav Müller.

Politische Tages-Rundschau.

— AIS Tag der Reichstagseröffnung hört man jetzt den 21. November nennen. Der Reichshanshalt und die Steuergefetzentwürfe werden dem Reichstag alsbald nach der Eröffnung zugehen. Die ersten Lesungen dieser Vor­lagen werden bie Zeit bis Weihnachten zmn großen Theil in Anspruch nehmen, worauf alsbann der Schwerpunkt der Arbeiten in bie Kommissionen fallen wirb.

— Das Wahlreformprojekt bes Gr afenTaafse für ben österreichischen Reichsrath hatbieGemüther bort in gewaltige Erregung gesetzt, umso mehr, ba es ganz unerwartet gekommen ist und bie praktischen Wirkungen einer solchen Wahlorbnnng sich nach manchen Richtungen noch schwer übersetzen lassen. Bisher bestaub eine Verbin­dung von Ceusns- und Klassenwahlen. Es gab vier Wähler- klassen (Curien), die Großgrundbesitzer, die Städte, die Handels- und Gewerbekammern, die Landgemeinden. Die Klasse der Großgrundbesitzer hatte 85, die Städte 117, die Handelskammer 21, die Landgemeinden 130 Vertreter zu